Chapter 8

 

„Eppes?“ meldete er sich atemlos. „Sie haben mir alles genommen“, sagte eine heiser klingende Stimme. „Wer spricht da?“ fauchte Don. „Sie konnten nicht einmal ihren eigenen Bruder beschützen, als es darauf ankam.“ „Wo ist Charlie, was haben sie mit ihm gemacht?“ schrie er, alle Köpfe ruckten in seine Richtung. „Ihr Bruder? Woher soll ich das wissen?“ die Stimme kicherte, „ich will sie Eppes und ich werde sie auch bekommen. Nur, ich will sie lebend. Ich werde sie nicht töten, ich werde ihnen schlimmeres antun. Ich werde ihr Leben zerstören.“ „Wenn sie Mut hätten, würden sie mir jetzt gegenüberstehen“, schnappte Don. „Wieviel Mut bedarf es, auf jemanden zu schießen Agent Eppes?“ „Sagen sie mir, um was es geht und …“ „NEIN! Sie werden fürs das, was sie mir angetan haben, bezahlen.“ „Hallo?! Hallo?!“ schrie Don ins Telefon. „Wer war das?“ fragte Megan besorgt. Don starrte auf das dunkle Display seines Mobiles. „Ein Verrückter“, gab er tonlos zurück. „Was ist mit Charlie?“ drängte Colby. Als Antwort bekam er ein Kopfschütteln. „Don, was ist mit Charlie, hat der Anrufer was über ihn gesagt?“ hakte Megan einen Tick schärfer nach. Er klappte sein Mobile zu und steckte es weg, „der Anruf hatte nichts mit ihm zu tun.“ Megan trat einen Schritt näher an ihn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter, „bitte, rede mit uns, was ist los?“

 

„Zuerst müssen wir Charlie finden, dann können wir reden“, murmelte Don. „Das ist ja schön und gut, aber wo sollen wir ihn suchen?“ warf David ein. Don hatte seine Hand am Türgriff des SUV, „ich wünschte, ich wüsste es. Am besten, wir teilen uns auf. Ich ruf Walker an und bitte ihn um Unterstützung.“ Er fühlte sich ausgehöhlt und starrte auf den Boden. Die Sache wuchs ihm eindeutig über den Kopf. Theodor räusperte sich, „entschuldigen sie Sir.“ Don reagierte nicht. „Sir, entschuldigen sie, bitte“, versuchte es der junge Mann erneut, „es ist nur so eine Vermutung, aber …“ „Schießen sie los“, forderte Don ihn auf. „Wenn es mir schlecht geht, dann geh ich zum Grab von meinem Dad. Er starb vor zwei Jahren. Ich red dann immer mit ihm. Ist doof ich weiß“, Theodor wurde verlegen, „aber es hilft mir. Ich erzähl ihm einfach alles. Dann geht’s mir wieder besser.“ Don schluckte, „wir gehen nur selten auf den Friedhof, das heißt Charlie und ich. Mein Vater kümmert sich um alles. Aber … ich kann nichts ausschließen. Er öffnete die Tür und stieg ein, „ich fahr mal hin. Seht ihr euch derweil in der Gegend um.“

 

Sein Blick und der von Megan trafen sich, „ soll ich mitkommen?“ Er schüttelte den Kopf, „ich muss das alleine hinkriegen, danke.“ Er startete den Wagen und fuhr los und auch die anderen gingen ihrer Wege. Wenig später durchschritt Don ein großes Tor. Schlagartig kehrten die Erinnerungen wieder. Es war ein sonniger Vormittag gewesen. Charlie, sein Vater und er, waren direkt hinter dem Sarg gegangen. Jeder von ihnen trauerte auf seine Weise. Während Alan hin und wieder stumm eine Träne vergoss, ebenso wie Charlie, war sein Gesichtsausdruck starr und ausdruckslos geblieben. Nach der Beerdigung hatte er gehört, wie manche Leute ihn als herzlos bezeichnet hatten und … er hatte diese Leute in ihrem Glauben gelassen. Der Schrei eines Falken, der über dem Gelände kreiste, brachte ihn wieder zurück in die Gegenwart. Sein Puls beschleunigte, als Margrets Grab in Sichtweite kam. Und wirklich, Charlie saß dort drüben im Gras. Erleichtert lief er zu ihm. „Charlie um Himmels Willen, tu das nie wieder“, keuchte er völlig außer Atem und ließ sich erschöpft neben seinem Bruder nieder. Der reagierte nicht. „Charlie, ich bin ein Idiot und du hättest es nie so erfahren dürfen“, gab Don zu und rang nach Luft. Teils vor Anstrengung, teils aus Verzweiflung. Charlie warf ihm verunsicherte Seitenblicke zu. „Bitte, rede mit mir, ich …“, flehte Don und legte ihm einen Arm um die Schultern.

 

Charlie schüttelte sich, wie ein nasser Hund und sein Bruder zog daraufhin seinen Arm zurück, „schon gut. Ich verstehe, dass du total sauer auf mich bist, du hast auch allen Grund dazu. Trotzdem würde ich gerne mit dir reden.“ „Ich könnte jetzt ebenfalls da unten liegen“, sagte Charlie unvermittelt, „sechs Fuß tief unter der Erde. Bei der Größe eines Lochs von …“ Er kniff kurz die Augen zusammen, „und einem Aushub von …“ „Was soll das bitte?“ „Ich versuche den Druck der Erde auf den Sarg …“ „Charlie, hör sofort auf damit, das ist krank“, blaffte Don. Charlie hatte seine Arme um die Knie geschlungen und schaukelte leicht hin und her. „Ich weiß nicht einmal wie ich hierher gekommen bin“, murmelte er, „auf einmal stand ich vor Moms Grab. Ich war seit einer halben Ewigkeit nicht mehr hier.“ Don hielt es für das Beste, Charlie einfach reden zu lassen. „Ich hab mit ihr gesprochen, ich meine nicht jetzt, ich meine in dem Bunker.“ Er nagte nachdenklich an seiner Unterlippe und neigte seinen Kopf ein wenig nach rechts, „aber das weißt du ja schon, oder?“ Diesmal sah er direkt in Dons Gesicht. „Du hast dir doch die Bänder schon angesehen, oder nicht?“ Sein älterer Bruder nickte, „ich hätte sie danach gleich vernichten sollen. Ich wollte nicht, dass du sie je zu Gesicht bekommst.“

 

„Warum?“ „Ich hatte Angst um dich Charlie“, sagte Don mit erstickter Stimme. „Dachtest du, ich würde mir vielleicht etwas antun?“ er lachte verbittert auf, „nicht zu wissen, was passiert ist, war weitaus schlimmer für mich. Ich hab dir schon einmal gesagt, ich bin stärker als du glaubst, als ihr alle glaubt.“ Sie sahen sich eine Weile stumm in die Augen. „Wieso waren die Bänder bei dir im Apartment, das ist doch Beweismaterial?“ fragte Charlie und zerriss damit die Stille. „Sie hätten dich zwangsläufig aufs Revier geschleift und dich dort mit unangenehmen Fragen gequält. Ihnen wäre es egal gewesen, ob du nun das Opfer warst oder nicht. Ich wollte dir das ersparen, du hast genug durchgemacht“, erklärte Don. Charlie zog seine rechte Augenbraue kurz in die Höhe, „okay, das leuchtet mir sogar ein. Aber ich hoffe, du verlangst nicht von mir, dass ich dir dafür danke?“ Ein Lächeln huschte über Dons Lippen, „du warst schon immer ein kleiner undankbarer Bastard.“

 

„Tatsächlich?“ entgegnete Charlie, dann wandte er seinen Blick wieder gedankenverloren auf Margrets Grabstein, „seltsam, ich habe das Gefühl, als wäre sie die ganze Zeit über bei mir gewesen.“ „Wer?“ „Mom. Ich konnte sie fühlen Don und sie war es auch, die mich zu dir und Dad zurückgeschickt hat. Jetzt erinnere ich mich wieder. Sie sah aus, wie ein Engel.“ Don wollte schon etwas erwidern. Da fühlte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Erschrocken fuhr er herum. Es war Alan, er bedeutet ihm zu schweigen. Und als Don zu Charlie hinüber sah, wusste er auch warum: der gequälte Gesichtsaudruck, den er seit seiner Entlassung aus der Klinik mit sich herumgetragen hatte, war völlig verschwunden, ganz so, als hätte ihn jemand weggewischt.

 

Don konnte dieses Familienidyll nicht sehr lange genießen. Ein Anruf von David veranlasste ihn dazu, sich von Charlie und Alan zu verabschieden. „Wir haben schon wieder Leichenteile gefunden. Diesmal stammen sie jedoch nicht aus dem Leichenschauhaus. Es handelt sich um ein junges Mädchen.“ Er gab ihm noch schnell die Adresse durch, dann beendete er das Gespräch. Während Don sich auf den Weg machte, hatte Cheryls Mörder bereits erneut zugeschlagen und sich das nächste Opfer aus der Omega-Lambda-Phi-Gruppe geholt: Paul Abott. Als dieser zu sich kam, fand er sich in einem Teil der Uni wieder, der eigentlich wegen Einsturzgefahr gesperrt worden war. Er war an Händen und Füssen gefesselt und lag auf einer harten Unterlage. Er wollte schreien, doch kein Ton kam aus seinem Mund. Verzweifelt versuchte er es erneut. Eine, ihm unbekannte, Person trat in sein Blickfeld, „oh, kannst du nicht schreien? So ein Pech, ich hab einen kleinen operativen Eingriff an deinen Stimmbändern vorgenommen.“ Panisch riss Paul die Augen auf, als er sah, dass diese Person ein längeres Stück Schlauch hinter dem Rücken hervorzog. Eigentlich bin ich noch nicht ganz mit deiner „Behandlung“ durch. Ich bin sicher mit dir wird es sicher amüsanter wie mit Cheryl. Gott, ist das Mädchen langweilig gewesen.“

 

Paul ruckte nervös hin und her, versuchte verzweifelt seinem Peiniger zu entkommen. Sein flehender Blick half jedoch absolut nichts. Die Person zog ihn auf die Beine, schleifte in quer durch den Raum und packte ihn auf einen alten Holztisch, der neben einer, eben so alten, Kommode stand. Pauls Peiniger zog die oberste Schublade auf und holte eine Spritze heraus. Sie enthielt das gleiche Mittel, mit dem er auch schon Cheryl paralysiert hatte. „Keine Panik Paul, dich werd ich nicht in Einzelteile zerlegen, sowie deine Freundin. Für dich hab ich eine andere Überraschung vorbereitet.“ Dann machte er einen Schritt zur Seite, neben dem Schlauch stand ein Kanister, der mit Flüssigkeit gefüllt war. Paul versuchte noch, sich vom Tisch herunterzurollen, da spürte er auch schon den Einstich der Nadel in seinem Hals.

 

„Agent Eppes, wie schön sie wieder zu sehen“, grinste Dr. George Hoberman. „Special Agent“, berichtigte er sie augenzwinkernd, „was liegt an?“ „Ein chirurgische Meisterleistung“, meinte George und verzog dabei das Gesicht. Sie ging in die Hocke und hob das Tuch an, damit Don darunter sehen konnte. Er sah ein junges Mädchen vor sich, das fein säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt worden und dann hier abgelegt worden war. Wobei sich der Täter wirklich Mühe gegeben hatte, denn die Teile lagen, fein säuberlich, aufgereiht nebeneinander. So was hatte er selten zuvor gesehen. „Das sieht mir nicht nach unserem Leichenfledderer aus“, sagte er nachdenklich und sah in Georges Gesicht. „Nein, das hier war kein Stümper“, gab sie zurück, „so wie es aussieht, hat sie sogar noch eine Weile gelebt, während er das mit ihr angestellt hat.“ Er schluckte hart, „so eine Bestie. Ich will die Autopsieberichte …“ „Die bekommen sie umgehend, versprochen. Ich werd eine Sonderschicht einlegen.“ Er seufzte, „wieder nichts mit Dinner.“ „Sie können mich ja besuchen kommen“, griente sie, „auch wir haben lauschige Plätzchen.“ Sex im Leichenschauhaus, das wäre eine völlig neue Erfahrung für ihn, aber so abgedreht konnte doch niemand sein, oder …? „Haben sie die Liste ihrem Bruder gegeben?“ riss sie ihn zurück an den Tatort. „Öh, ja, er hat versprochen, sich darum zu kümmern und ruft mich an, sobald er was weiß.“ Sie nickte. Ihre Blicke blieben, einmal mehr, aneinander hängen.

 

Er rief sich innerlich zur Räson und wurde wieder dienstlich, „habt ihr hier auch ne Botschaft gefunden?“ „Nein, noch nicht. Die Leute vom LAPD sehen sich in der Gegend um und zeigen ein Foto des Mädchens herum. Ich bin zuversichtlich, dass sich bald etwas ergeben wird.“ „Ich wär froh, wenn sich zwischen uns was ergeben würde“, nuschelte Don. „Haben sie grad was gesagt Agent?“ Ihr Grinsen ging übers ganze Gesicht. „Gibt’s bei uns nicht irgendeinen Paragraphen über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz?“ feixte er. „Kommt ganz darauf an, wer einen belästigt“, konterte sie und leckte sich über ihre vollen Lippen. In Don stieg eine Hitze auf, als stünde er direkt über einem brodelnden Vulkan.