Chapter 7

 

Enttäuscht verließ Charlie die Rehaklinik, nachdem er seine Therapiesitzung beendet hatte. Angela hatte sich überraschend frei genommen. War das seinetwegen gewesen? Hätte er eine Telefonnummer von ihr gehabt, hätte er sie angerufen, aber so blieb nur die nagende Ungewissheit. Der heutige Tag war irgendwie nicht seiner, angefangen hatte das schon mit diesen schrecklichen Albträumen. Er kickte eine leere Dose vor sich her. Da klingelte sein Mobile. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass es Don war. „Hey Don“, er versuchte „normal“ zu klingen. „ Hey Charlie, wo steckst du?“ „Ich bin gerade mit meiner Therapie fertig geworden. Wieso?“ „Ich hab hier einen Fall am Hals, bei dem ich deine Unterstützung brauchen könnte.“ Pause. „Charlie?“ „Ja, Don, ich bin noch dran, ich, ich weiß nicht, ob ich soweit bin, ich…“ „Du musst dir auch keine grausigen Bilder oder sowas ansehen, nur eine Tabelle mit Zahlen und Symbolen“, versuchte sein Bruder ihm die Sache schmackhaft zu machen. Er hörte Charlie atmen. „Und? Interessiert.“ „Okay Don, aber ich, ich will nicht zu dir ins Büro kommen. Ich hab noch immer das Gefühl, dass mich dort alle anstarren, ich…“ „Schon gut Kleiner, ich würde sagen, wir treffen uns in meinem Apartment. Sagen wir in einer Stunde? Dann musst du dich auch nicht so beeilen“, meinte der Ältere. „Okay, in einer Stunde bei dir.“ „Wenn du willst können wir uns ne Pizza bestellen“, schlug Don vor. „Mal sehen. Bis dann“, Charlie beendete das Gespräch.

 

Ein Teil von ihm freute sich darauf seinem Bruder wieder helfen zu können, der andere hätte sich am liebsten ins nächste Loch verkrochen. „Es sind nur Zahlen, Charlie und die magst du doch“, redete er sich selbst Mut zu, „kein Blut, keine Fotos von leblosen Körpern, ganz einfach nur Mathe.“ Er atmete tief durch und rief sich ein Taxi. „Nanu, schon so früh zurück?“ meinte Alan überrascht, als sein jüngster zur Tür hereinkam. „Angela war nicht da, sie hat sich überraschend frei genommen.“ Er trug die Tasche hinaus in die Waschküche. Alan folgte ihm. Charlie tat seine verschwitztes T-Shirt, die Socken, die Hose und das Handtuch in die Schmutzwäsche. „Alles in Ordnung?“ Charlie fuhr herum, „Dad, würdest du es bitte unterlassen, hinter mir herzuschleichen.“ „Entschuldige, ich …“ „Schon gut“, lenkte er ein, „ich bin ein bisschen durch den Wind. Don hat mich angerufen und mich gebeten, ihm bei einem Fall zu helfen. Wir treffen uns in einer dreiviertel Stunde bei ihm.“ Sein Vater runzelte die Stirn. „Und du meinst du schaffst das?“ Charlie ging weiter in die Garage.

 

„Don sagt, es geht um irgendeine Liste mit Zahlen und Symbolen. Ich muss mir keine grausigen Bilder ansehen, falls du das meinst“, erklärte Charlie, während er seinen Laptop und einige andere Dinge in einem schwarzen Rucksack verstaute. „Dann ist es ja gut“, meinte Alan trocken, „aber sag‘s ihm, wenn es dir zu viel wird.“ „Ich bin kein kleines Kind mehr Dad, ich mach das schon.“ Das hörte sich beinahe so an, als müsse er sich selbst davon überzeugen, „ich freu mich sogar darauf.“ „Ja, so siehst du auch aus mein Junge, du strahlst richtig.“ Charlie hielt inne und sah seinem Dad in die Augen, „irgendwann muss ich wieder dort anknüpfen, wo ich aufgehört hab. Was soll ich deiner Meinung nach tun? Den Kopf in den Sand stecken?“ Er hängte sich den Rucksack um die Schulter, „entschuldige, ich muss da durch.“ Alan merkte, dass es keinen Sinn hatte, weiter auf Charlie einzuwirken, „ich kann dich fahren, wenn du willst?“ rief er seinem Sohn nach. Der hob jedoch nur die Hand, ohne sich umzudrehen, „danke Dad, ich nehm mein Fahrrad.“

 

Anfangs fuhr er noch ein wenig unsicher, doch von Minute zu Minute bekam er wieder das Gefühl für seinen Drahtesel. Auch wenn ihm die Schwäche der linken Körperhälfte die Sache nicht gerade leicht machte. Immerhin musste er auf seinem Weg zu Don keine Geschwindigkeitsrekorde brechen, er war ohnehin viel zu früh dran. Wie er seinen Bruder kannte, würde der sich ohnehin verspäten. Naja, wenn es ihm zu langweilig wurde, konnte er ja noch ein wenig durch die Gegend schlendern. Er stellte das Rad neben dem Eingang ab und sicherte es mit einem Fahrradschloss an einem Laternenpfahl. Dons Wagen war nirgendwo zu sehen. Kunststück, immerhin war Charlie um eine halbe Stunde zu früh dran. Irgendwas veranlasste ihn hineinzugehen. Den Fahrstuhl ließ er bewusst außer acht. Er ging die Treppe hoch zu Dons Apartment. Dabei begegnete er keiner Menschenseele. Die Leute waren wahrscheinlich alle zur Arbeit. Er war nur noch ein paar Schritte von Dons Apartment entfernt, da fiel ihm auf, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Die Tür zu Dons Apartment stand einen Spaltbreit offen. Er blieb stehen und horchte. Nicht das leiseste Geräusch war zu vernehmen. Wer immer das gewesen war, musste bereits das Weite gesucht haben. Oder er versteckte sich und wartete nur darauf, demjenigen eins überzubraten, der als erster seinen Fuß in das Apartment setzte. Charlie meinte, sein Herz würde gleich zerspringen, so schnell schlug es.

 

Das klügste wäre es gewesen, hier stehenzubleiben und Don anzurufen. Doch Charlie entschied sich anders. Beherzt ging er auf die Tür zu und gab ihr einen Tritt, sodass sie aufschwang. In Dons Apartment sah es aus als wäre ein Hurrikan hindurch gefegt. Die Einbrecher hatten alles, was nicht niet- und nagelfest gewesen war, auf den Boden geworfen. Charlie schloss die Tür hinter sich. Am Ende kämen noch ein paar neugierige Nachbarn. Entsetzt stieg er über Wäschebündel, zerbrochenes Geschirr und andere Dinge. Im Wohnzimmer sah es auch nicht viel besser aus. Merkwürdig, sowohl der Fernseher, wie auch alle anderen Geräte befanden sich noch an ihrem Platz. Was immer der oder die Täter hier gesucht hatten, sie waren nicht auf Wertgegenstände aus gewesen. Charlie nahm den Rucksack von seinen Schultern und stellte ihn ab. Er wollte gerade sein Mobile zur Hand nehmen, als ihm ein Karton mit Videokassetten ins Auge stach. Diese Dinger benutzte heute kaum noch jemand und schon gar nicht Don. Obwohl er noch einen Videorekorder besaß. Außerdem stand auf der Schachtel sein Name. Er schluckte. Diese Kassetten waren mit dem Datum seiner Entführung bzw. den Tagen danach datiert.

 

Er schnappte nach Luft, meinte ersticken zu müssen. Augenblicklich vergaß er das Chaos um sich herum und dass er eigentlich Don anrufen wollte. Er stellte den Fernseher und den Videorekorder an und schob die erste Kassette hinein. Das Bild zeigte einen leeren Raum. Erschreckender Weise sah er dem aus seinen Albträumen verblüffend ähnlich. Dann sah er sich selbst, die beiden Männer schleppten ihn durch den Raum. Dann begannen sie grundlos auf ihn einzuprügeln. Er fühlte die Schläge beinahe körperlich. Er drückte auf den schnellen Vorlauf. Irgendwann stoppte er das Band. Er sah sich selbst in einer dunklen Zelle hocken, ohne Schuhe, nur mit Jeans und T-Shirt. Er drückte auf Stopp und machte das gleiche mit den anderen Kassetten. Insgesamt waren es fünf. Nachdem er mit der letzten durch war, ließ er die Fernbedienung einfach auf den Boden fallen. Sein Kopf war leer, seine Gliedmaßen taub. Er hätte doch etwas fühlen müssen, doch da war nichts, absolut nichts. Ihm wurde es zu eng in dem Apartment, er musste weg von hier. Langsam stand er auf. Er ließ alles stehen und liegen und ging. Er funktionierte nur noch. Er ließ sogar sein Fahrrad am Eingang stehen.

 

Sie hatten ihn geprügelt, gedemütigt und unter Drogen gesetzt. Er hatte geschrien wie ein Tier, er hatte sich gebärdet wie ein Wahnsinniger. Woher hatte Don diese Aufnahmen? Warum waren sie in seinem Apartment? Warum hatte er nicht schon früher mit ihm darüber gesprochen? Sein Gehirn blockierte nach wie vor seine Erinnerungen. Einiges davon, was er gerade gesehen hatte, war ihm auf erschreckende Weise vertraut vorgekommen, doch der Rest… Ebenso gut hätte er sich einen Film im Fernsehen ansehen können. Die Drogen hatten seine Wahrnehmung verändert. Er hatte fantasiert, ja sogar mit seiner toten Mutter gesprochen. Charlie ging ohne auf die Fahrzeuge zu achten, über die Straße. Der Lenker eines roten Honda Civic trat voll auf die Bremse und hupte wie ein Irrer. Charlie bemerkte es zu spät. Zum Glück kam der Wagen kurz vor ihm zum stehen. Der Fahrer schrie und gestikulierte wild mit seinen Händen, es ließ ihn einfach kalt. Er konnte nicht einmal sagen, wohin er ging. Er stolperte einfach durch die Gegend.

 

Don war wieder mal viel zu spät dran und nachdem Charlies Fahrrad am Eingang stand, hatte er angenommen, sein Bruder würde bereits oben auf ihn warten. Doch weit und breit war niemand zu sehen. Es wurde ihm ein wenig mulmig, als die Tür zu seinem Apartment sich auf leichten Druck hin öffnete. Noch mulmiger wurde ihm, als er das Chaos sah. „Charlie?“ rief er. Keine Antwort. Don durchsuchte jeden Winkel. Im Wohnzimmer fiel ihm sofort Charlies Rucksack auf und dann die Kassetten, die, neben der Fernbedienung auf dem Boden lagen. Eine lugte sogar noch aus dem Schubfach des Videorekorders. Was war hier passiert? Hatte Charlie sich die Videos angesehen und durchgedreht? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Hatte man Charlie erneut entführt? Ihm wurde heiß und kalt. Er nahm sein Mobile in die Hand und wählte die Nummer seines Bruders. Aus dem Rucksack ertönte eine Melodie, „shit!“ fluchte er laut. Dann wählte er die Nummer des LAPD und trommelte anschließend sein Team zusammen. Dabei gingen ihm die Emails der letzten Tage durch den Kopf, PAYDAY, BETRAYER und jetzt hatte auch noch jemand seine Wohnung verwüstet und Charlie war verschwunden.

 

„Oh Gott, bitte mach dass Charlie nichts passiert ist“, meinte er mit erstickter Stimme. Das LAPD war zuerst vor Ort, kurz darauf kam Colby, dann die Spurensicherung und am Schluss kamen Megan und David, gefolgt von Theodor. „Du meine Güte Don, was ist denn hier passiert?“ betroffen blickte sich Megan und der Rest des Teams um. „Ich weiß es nicht, ich … ich“, seine Stimme versagte. Händeringend suchte er nach Worten. „Ich denke Charlie hat die Kassetten gefunden.“ „Welche Kassetten?“ hakte Colby nach und auch die anderen warfen ihm fragende Blicke zu. Don war es plötzlich egal, ob der Neffe des Direktors davon erfuhr, oder nicht, sollte er doch hingehen und seinem Onkel erzählen, dass er Beweismaterial unterschlagen hatte, „die Kassetten aus dem Bunker“, sagte er halblaut. „Ach du Schande“, kam es aus Davids Richtung, „was willst du jetzt machen?“ Don zuckte hilflos die Achseln, „oberste Priorität gilt Charlie, wir müssen ihn unbedingt finden.“ „Und das Zeug hier?“ meinte Colby, „die Spurensicherung lässt die Sachen sicher liegen, die Suchen nur nach Fingerabdrücken.“ „Wollen wir’s hoffen“, murmelte Megan.

 

Don sprach noch kurz mit den Beamten, derweil machten sich die anderen bereits daran mit der Suche zu beginnen. Ein kleiner Junge, auf einem blauen Fahrrad, erzählte Theodor aufgeregt von einem Mann, der vorhin beinahe in ein Auto gelaufen wäre und lieferte damit den ersten Hinweis, in welche Richtung Charlie gegangen war. Er verständigte daraufhin die anderen. Don rief daheim bei seinem Vater an. „Charlie? Nein der ist nicht hier. Aber der wollte doch zu dir Donnie.“ „Ich weiß Dad“, entgegnete er genervt, „er war auch hier, nur … ach es ist einfach zu kompliziert.“ „Sag mir gefälligst was los ist“, schnappte sein Vater, „auf der Stelle.“ Don bemühte sich in knappen Sätzen die Ereignisse der letzten zwei Stunden zu schildern. Alan war einem Herzinfarkt nahe, als er davon erfuhr. Versprach jedoch sich augenblicklich an der Suche zu beteiligen. Megan ihrerseits kontaktierte Larry und bat ihn ebenfalls um Hilfe. „Verdammt, dein Bruder kann sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben“, ärgerte sich Colby, „wenn er nur sein Handy bei sich hätte…“ „Dann wäre die Sache ein Kinderspiel“, beendete David den Satz und lehnte sich an den Wagen. Bis jetzt war ihre Suche erfolglos verlaufen. Auch von Alan und Larry kamen keine positiven Rückmeldungen. „Shit“, Don schlug mit der Faust wütend auf die Motorhaube. Dann kam ihm noch ein Gedanke: Tessa! Sein Anruf wurde jedoch unverzüglich auf die Mailbox weitergeleitet. Er war mit seinem Latein am Ende. Am liebsten wäre er heulend zusammengebrochen. Doch allein der Gedanke daran war schon absurd. Jedenfalls für ihn. Immerhin war alles seine Schuld. Wenn Charlie etwas zustoßen würde, könnte er sich das im Leben nie verzeihen. Er vergrub sein Gesicht in den Händen. Da klingelte sein Mobile, er zog es aus der Jackentasche und warf einen Blick auf das Display: die Rufnummer war unterdrückt.