Chapter 5

 

Sie gehörten zur Elite an der UCLA. Sie waren Töchter und Söhne wohlhabender Leute. Sie konnten sich jeden Luxus leisten, den sie wollten und sie konnten sich alles erlauben. Sie gehörten der Studentenvereinigung „Omega Lambda Phi“ an. Immer wieder begegneten ihnen neidvolle Blicke, doch sie ignorierten sie geflissentlich. Aber in den letzten Monaten hatten sie mit ihrem Projekt „Immortality“ eindeutig über die Stränge geschlagen und sie würden sich dafür verantworten müssen. Sie dachten, sie hätten alles unter Kontrolle und keiner wüsste davon. Welch fatale Selbstüberschätzung. Aber das konnte schon mal passieren, wenn man fern der Realität lebte und mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden war. Tja, es gab tatsächlich jemanden, der ihnen auf die Schliche gekommen war und der dafür sorgen würde, dass ihnen das Herumspielen mit Leichenteilen verging. Zur Polizei zu gehen, nein, das wäre zu einfach gewesen. Sie mussten leiden, ihr Wille musste gebrochen werden, damit sie am Ende nur noch eines wollten: sterben! Für jemanden, der sich ebenfalls auf dem Campus aufhielt, wenn auch nur zeitweise und eigentlich, ob seiner äußeren Erscheinung praktisch unsichtbar für andere war, war es ein leichtes, sich einem nach dem anderen zu holen. Die Zeit war gekommen, um für ein Gleichgewicht der Kräfte zu sorgen.

 

Neun Uhr Abends, ziemlich am Rande des Campusgeländes.

 

„Hallo Cheryl.“ Die ehemalige Junior-Miss Idaho blieb stehen, „kennen wir uns?“ „Natürlich. Du weißt vielleicht nicht, wer ich bin, aber ich kenne dich.“ „Wie schön für dich“, wieder diese herablassende Art, „gibt’s sonst noch was?“ Cheryl klang gelangweilt. „Ich möchte gern den Abend mit dir verbringen, oder vielleicht die ganze Nacht.“ „Vergiss es“, Cheryl spuckte die Worte förmlich aus, „so Losertypen wie du sind echt das letzte.“ „Das war aber jetzt nicht nett von dir.“ Bevor Cheryl reagieren konnte bekam sie einen harten Schlag gegen die Schläfe, sie verlor augenblicklich das Bewusstsein. Es roch nach Formalin, dem Mittel, mit dem Leichen einbalsamiert wurden, als sie wieder zu sich kam. Sie lag auf einem harten Untergrund. Langsam öffnete sie die Augen. Bestürzt stellte sie fest, dass sie nackt war. Sie wollte augenblicklich aufspringen und davonlaufen. Doch sie konnte nicht. Es kam ihr so vor, als wäre sie in ihrem eigenen Körper gefangen. „Schön, du bist wach.“

 

Sie wurde von einem gleißenden Lichtstrahl geblendet, nur um gleich darauf festzustellen, dass dieser von einer Operationslampe kam, die oberhalb ihres Körper zu schweben schien. Jemand, gekleidet wie ein Chirurg, trat in ihr Blickfeld. „Hallo Cheryl, ich hab dir doch gesagt, dass wir die Nacht miteinander verbringen würden.“ Blankes Entsetzten packte sie, sie wollte schreien. Doch sie blieb stumm. Lediglich ihre Augen verrieten dem amüsierten Betrachter, welche Qualen sie gerade durchlitt. Und um das Ganze noch ein wenig zu steigern, griff die Person in ein Behältnis, das hinter ihr stand und förderte Cheryls rechten Arm zutage. Er war fein säuberlich von der Schulter abgetrennt worden. „Was sagst du, ist das nicht eine tolle Arbeit? Ich denke ich werde das Armband dran lassen, was meinst du? Sieht hübsch aus.“ Tränen sickerten unaufhörlich aus ihren Augenwinkeln. Die Person legte den Arm wieder zurück, „du weißt, dass es nur noch eine Möglichkeit für dich gibt, hier herauszukommen“, Pause, „nämlich tot.“ Sie konnte den Hohn in den Augen ihres Peinigers glitzern sehen. Schon griff dieser wieder nach dem Skalpell, „lass mich kurz überlegen, wo wir jetzt weitermachen.“

 

Charlie saß wieder in diesem dunklen, stinkenden Loch. Eine Tür flog auf. Jemand packte ihm am Kragen und zerrte ihn nach draußen. Er schrie und wehrte sich heftig. Doch sein Gegner war übermächtig. Er zwang ihn auf einen Hocker. Ein zweiter Mann kam, fesselte ihm die Hände auf dem Rücken. Der andere holte aus und schlug ihm mit der bloßen Faust ins Gesicht. Augenblicklich rann Blut aus Charlies Nase. Der nächste Schlag traf ihn in die Magengrube. Weit entfernt hörte er jemanden seinen Namen rufen. Die Schläge wurden immer härter. „Charlie, verdammt wach auf!“ rief Alan. Er war durch die Schreie seines Sohnes aufgewacht und sofort zu ihm gelaufen. Charlie war in Schweiß gebadet, Blut rann aus seiner Nase. Endlich öffnete er die Augen, er war völlig verstört. „Dad?“ „Du hast geschrien, ich dachte schon …“, er reichte ihm ein Taschentuch, „hier, du hast Nasenbluten.“ Stöhnend setzte sich Charlie auf, „entschuldige, dass ich dir so einen Schreck eingejagt habe. Aber dieser Albtraum, er war so real, ich…“ „Du solltest dir wirklich überlegen professionelle Hilfe anzunehmen“, riet ihm sein Vater. „Ich brauch keinen Psychologen. Der stopft mich mit irgendwelchen Medikamenten voll, die mich den ganzen Tag apathisch durch die Gegend laufen lassen, danke, kein Bedarf.“ „Aber irgendwas musst du unternehmen.“ „Alles was ich brauche ist Zeit Dad, es ist noch nicht so lange her, bitte.“ Der eindringliche Blick seines Sohnes, hielt Alan davon ab, weiter zu insistieren.

 

Don war, wieder einmal, vor dem Fernseher eingeschlafen. Als sein Mobile klingelte, flimmerte gerade „Nosferatu“ über die Mattscheibe. „Eppes“, er räusperte sich, denn außer einem unverständlichen Krächzen war nichts weiter aus seinem Mund gekommen, „Eppes?“ „Es tut mir leid, dass ich sie zu nachtschlafender Zeit stören muss“, flüsterte eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Wer spricht da?“ „Tessa Montgomery. Es ist mir furchtbar peinlich, aber ich glaube, es ist jemand in meinem Haus.“ Mit einem Schlag war er hellwach. „Haben sie schon die Polizei gerufen?“ „Das ist ja das Problem, anscheinend spielen bei uns in der Gegend die Alarmanlagen verrückt. Nun hat sich das LAPD …“ Sie verstummte. „Mrs. Montgomery?“ Nichts, nur rauschen. „Tessa?!“ langsam wurde ihm mulmig, „sind sie noch dran?“ „Ja, ich hab mich im obersten Stock im Gästezimmer eingeschlossen, ich hab solche Angst, bitte …“ „Bleiben sie, wo sie sind, ich bin gleich bei ihnen.“ Während er sich anzog, wählte er Megans Nummer, „hallo, ich bin’s Don. Ja, ich weiß, wie spät es ist. Tessa Montgomery hat gerade angerufen. Jemand ist in ihr Haus eingedrungen.“

 

Don war als erster vor Ort. Er zog seine Waffe und entsicherte sie. Dann ging er zur Eingangstür. Sie war nur angelehnt. Tessa hatte sich also nicht geirrt. Er versuchte sich am Lichtschalter, aber es blieb dunkel. Toll. Die Maglite lag in seinem Wagen. Er blieb stehen und horchte. Er hörte dumpfe Geräusche aus dem ersten Stock. Die Wand im Rücken und die Waffe über seinen Kopf gerichtet, ging er Stufe für Stufe nach oben. Deutlich konnte er den Lichtschein einer Taschenlampe wahrnehmen, der unruhig hin und her wanderte. Da war also jemand am Stöbern. Als er am oberen Absatz der Treppe angelangt war, knarrte diese. Er stieß einen leisen Fluch aus und hielt inne. Don hatte erwartet, dass jemand aus dem Zimmer stürmen würde, nichts geschah. Erleichtert atmete er durch. Im Schutz der Dunkelheit schlich er auf die gegenüberliegende Seite und postierte sich neben dem Zimmer.

 

Seine Waffe hielt er dabei mit beiden Händen fest umklammert und dicht an seinen Oberkörper gepresst. Er wollte gerade losschlagen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf der Treppe wahrnahm. Es war Megan. Zum Glück besaß er gute Reflexe. Sie hob augenblicklich ihre Hände. Don verdrehte die Augen. Dann legte er den Zeigefinger auf seine Lippen und deutete mit seiner Pistole auf das Zimmer neben ihm. Megan zeigte ihm mit einem Nicken, dass sie verstanden hatte und nahm eine Position ein, in der sie ihm Deckung geben konnte. Don hob die linke Hand und streckte drei Finger in die Höhe, dann zählte er runter auf eins und richtete die Waffe auf den Eindringling. „FBI“, sagte er laut. Der Mann fuhr erschrocken zusammen. „Hände hoch“, der Mann war dermaßen perplex, dass er zuerst gar nicht reagierte. „Ich will ihre Hände sehen, los.“ Die Taschenlampe des Einbrechers fiel auf den Boden, „ist ja gut Mann, ich tu ja, was sie wollen. Aber bitte, schießen sie nicht“, wimmerte der Kerl. Langsam reckte er seine Arme nach oben. Während Megan weiter auf den Mann zielte, legte ihm Don Handschellen an, „sie haben das Recht zu schweigen, alles was sie sagen kann vor Gericht gegen sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt, können sie sich keinen Leisten, wir ihnen einer zu Verfügung gestellt. Haben sie das geschnallt?“ „Ja, Sir.“ „Hier“, Don übergab den Einbrecher an Megan, „der Typ zittert wie Espenlaub. Bring ihn zu uns ins Büro. Ich denke, wir sollten ein wenig mit ihm plaudern.“

 

„Wo ist Mrs. Montogomery?“ wollte Megan wissen. „Sie hat sich in einem der Zimmer eingeschlossen, ich seh gleich nach hier.“ Er nahm ein paar Latexhandschuhe aus seiner Jackentasche und streifte sie sich über. Dann hob er die Taschenlampe auf, „die behalt ich mir inzwischen“, meinte er an den Einbrecher adressiert. Megan schaffte den Typen nach unten in ihren Wagen und Don machte sich auf die Suche nach Tessa. Das Haus war riesig. „Tessa?“ brüllte er. Nichts. Am Ende des Ganges entdeckte Don noch eine Treppe. „Tessa Montgomery? Ich bin’s Don, ähm, Agent Eppes. Wo stecken sie bloß?“ Ihm fiel der Spruch aus einem dieser Gruselfilme ein, „komm raus, komm raus, wo immer du bist! Der war hier äußerst passend. Aber er ließ es bleiben, am Ende würde sie ihn noch für einen Psychopathen halten. Hinter ihm klickte das Schloss einer Tür. Er fuhr herum. „Agent Eppes, ich bin hier. Haben sie den Kerl?“ Er leuchtete mit der Taschenlampe in ihre Richtung. Sie war völlig außer sich. Ihr Haar war wirr und er konnte deutlich sehen, dass sie geweint hatte. Sein Beschützerinstinkt sprang an. Er ging zu ihr hin und nahm sie in die Arme, „alles in Ordnung Tessa, wir haben ihn.“ Er konnte fühlen, wie sich ihr Körper entspannte und sie sich eng an ihn schmiegte. Dann fing sie an hemmungslos zu schluchzen. Super, was jetzt?

 

Unschlüssig hob er seine Hand und legte sie auf ihren Rücken, dann begann er sie sanft zu streicheln. „Schschsch, ist ja alles in Ordnung, ich bin ja hier.“ Don, der Held der Stunde. Sie klammerte sich an ihn, wie an einen Rettungsring, ihre Tränen tränkten sein T-Shirt und begannen seine „harte Schale“ aufzuweichen. „Danke, dass du gekommen bist. Ich hab nicht gewusst, was ich tun soll. Beim LAPD halten sie mich wahrscheinlich schon für eine hysterische Kuh“, schniefte sie. Dann hob sie den Kopf. Beinahe konnte er dem Trugschluss erliegen, sie würde ihn ansehen. Die Taschenlampe lag schon längst am Boden, nur das fahle Mondlicht beleuchtete das Szenario. Ihre Augen glitzerten tränennass, ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie lediglich einen Bademantel und darunter so etwas wie ein Neglige trug. WRUMM! Würde er nicht schleunigst Abstand zwischen ihnen schaffen, würde sie sehr bald fühlen, wie sehr sie ihm unter die Haut ging. „Wo ist denn der Sicherungskasten?“ fragte er heiser und schob sie von sich weg, „ich weiß, du hast keine Probleme, mit der Dunkelheit, aber ich will mich noch ein wenig umsehen.“ Sie schlang ihre Arme um ihren Oberkörper, so als würde sie frösteln, „im Keller“, antwortete sie, ein wenig benommen. Don hob die Taschenlampe auf, dann bot er ihr an, sich bei ihm unterzuhaken. Gemeinsam gingen sie zurück ins Erdgeschoss.