Chapter 4

 

Da Vasquez über die Querelen zwischen Don und Hoberman Bescheid wusste, teilte er Megan und Colby den Fall „Montgomery“ zu und schickte Don, David und Theodor zur Kindertagesstätte. Die kleinen Rotznasen waren ganz aufgeregt, wegen der ganzen Einsatzfahrzeuge und der Polizisten, die auf ihrem Spielplatz herum wuselten. Als Don und die beiden anderen aus dem Wagen stiegen und in Richtung Sandkiste gingen, kam ihnen ein Spross von ungefähr sieben Jahren entgegen. „Sie sind vom FBI Mister, stimmt’s? Sie sind vom FBI! Kann ich mal ihre Marke sehen, bitte? Kann ich?“ Die drei wechselten amüsierte Blicke. Don zog seine Marke heraus und hockte sich vor den Kleinen. „Aber nur gucken“, grinste er und zwinkerte. „Boah, echt geil, das Ding. Das ist vielleicht cool“, blubberte der Junge. Viel hätte nicht gefehlt und er hätte zu sabbern begonnen. „Danke Mister FBI, danke!“ rief er aufgeregt, dann rannte er, so schnell er konnte, zu drei anderen Jungs und erzählte ihnen von seinem Erlebnis. „Waren wir alle so in dem Alter?“ fragte Theodor stirnrunzelnd. „Weißt nicht, sag’s mir Junge“, forderte Don ihn auf, „bei mir ist das schon zu lange her. Außerdem hatte ich ja meinen Bruder, um den ich mich kümmern musste.“ „Hat sie das gestört?“ nahm Theodor ungeniert den Faden auf. Don blieb kurz stehen, „sagen wir mal so, ich hätte mir schönere Dinge vorstellen können.“

 

Der Stachel der Eifersucht steckte noch immer in seinem Fleisch und ganz besonders seit der Sache mit Tessa. Ein uniformierter Beamter des LAPD kam ihnen entgegen und grüßte sie mit einem knappen Kopfnicken, „Gentlemen. Die Herren sind vom FBI, wenn ich recht in der Annahme bin?“ „Das sind sie“, sagte David und zückte, ebenso wie Don und Theodor, den Ausweis. „Die Spurensicherung schon da?“ wollte Don wissen. „Ja, Sir und auch jemand von der Gerichtsmedizin“, antwortete der Beamte. „Und wer?“ „George Hoberman.“ „Ho … sagten sie eben Hoberman?“ Don meinte sich verhört zu haben. „Ja, Sir.“ „Besteht da eine Verbindung zu Erwin Hoberman vom CIA?“ Der Beamte zuckte die Schultern, „keine Ahnung Sir, sorry.“ „Shit“, fluchte Don, packte David unsanft am Oberarm und schon ihn vor sich her. „Wenn der Kerl wirklich was mit Hoberman zu tun hat, dann redest am besten du mit ihm.“ „Ist es echt so schlimm, Don?“ grinste David. „Ich kann auch mit ihm reden“, schlug Theodor vor. „Sie gucken erst mal zu und lernen“, bremste ihn Don. „Okay, Sir.“ Sichtlich geknickt trabte er hinter den beiden erfahrenen Agents hinterher.

 

In der Sandkiste hockte eine junge Frau. Sie trug Jeans, ein weißes Tanktop und darüber eine Jeansjacke. Die langen, schwarzen Korkenzieherlocken hatte sie mit einem Haarband zusammengebunden. „Entschuldigen sie Miss“, sagte David. Sie hob ihren Kopf. Zwei türkisfarbene Augen musterten ihn munter, „bitte?“ „Agent Sinclar vom FBI“, stellte er sich vor, „können sie uns bitte sagen, wo wir Dr. Hoberman finden?“ Sie streifte sich die Latexhandschuhe von den Händen, richtete sich zur vollen Größe von ca. 175 cm auf und reckte ihm freundlich die Hand entgegen, „das haben sie bereits getan.“ Man konnte beinahe hören, wie die Kinnladen der drei Agenten nach unten plumpsten. Sofort drängte sich Don in den Vordergrund und ergriff ihre Hand. „Special Agent Eppes, ich habe hier die Leitung.“ Sie grinste amüsiert, „sieh einer an, der Mann, der Senatorin Schwartz Paroli geboten hat, wenn auch nicht ganz ohne „speziellen“ Beistand.“ Beinahe hätte er seine Hand zurückgezogen. „Sie sind nicht zufällig mit Erwin Hoberman …“ „Er ist mein Bruder“, unterbrach sie ihn, „und ich hasse ihn, nur zu ihrer Information, wir beide verhalten uns ungefähr wie zwei gleichpolige Magneten.“ Entweder wollte sie sich bei ihm einschleimen, oder es war die Wahrheit. „So genau wollte ich das gar nicht wissen“, meinte er. „Dann hab ich wohl ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert.“

 

Diese Frau hatte mit Nähen ungefähr soviel am Hut, wie er mit Stricken. Don räusperte sich und deutete auf die Hand, „schon was darüber herausgefunden?“ „Die Hand hat auf jeden Fall einem Mann gehört, das kann ich schon mal sagen. Aber das könnten auch sie feststellen Special-Agent.“ Sie sagte das ein wenig herausfordernd. Flirtete sie etwa mit ihm? „Und was noch?“ ließ er sich auf das Spiel ein. „Bevor sie kamen, war ich gerade dabei, einen weiteren Körperteil freizulegen.“ Sie trat zur Seite und gab den Blick auf etwas frei, das aussah … Don konnte es nicht verifizieren. „Das hier ist ein Oberschenkel, ich hab keine Ahnung, was sich noch alles hier befindet. Aber wenn sie Zeit haben, können sie mir ja zu Hand gehen.“ Sie warf ihm einen verheißungsvollen Blick zu. „Ich würde ihnen ja liebend gern zur … naja helfen.“ „Aber?“ Mann, diese Frau schien genau zu wissen, was sie wollte und das macht ihn heiß. Ihr Aussehen tat ein Übriges dazu.

 

„Ich bin sicher ich werde alles darüber in ihrem Bericht lesen“, beendete er das Gespräch, ein wenig heiser. „Natürlich Special-Agent Eppes“, aus ihrem Mund klang das äußerst sexy. „Okay, dann …“ „Ich denke man sieht sich“, griente sie und machte sich wieder an die Arbeit. David, der gerade mit Rosie gesprochen hatte, sah fragend zu Don, „was ist denn da gerade zwischen euch gelaufen?“ „Das, wüsste ich auch nur allzu gern“, entgegnete er, „auf jeden Fall hat sie so gar nichts von ihrem Bruder.“ Don warf noch einmal einen Blick über seine Schulter, doch George war bereits wieder in ihr Metier vertieft.

 

Charlie hatte sich zur Physiotherapie umgezogen und wartete im Gymnastikzimmer auf seinen Betreuer. Vorsichtig hatte er die Schiene abgenommen und besah sich seine Hand genauer. Die Narben der Operation waren noch deutlich zu sehen. Die Tür schwang auf. Sein Kopf ruckte hoch. „Professor Eppes?“ sagte die junge Frau, die so zirka in seinem Alter war. Er nickte, irgendwas an ihrem Aussehen machte ihn stutzig. Sie schien es zu bemerken, denn ihr Grinsen wurde immer breiter. „Angela?“ fragte er, „Angela …. Twostep?“ Sie nickte, ging auf ihn zu und schlang, auf höchste erfreut, die Arme um seinen Hals, „ich wusste es, als ich deinen Namen gelesen hab.“ Sagte sie, nachdem sie sich ausgiebig begrüßt hatten. „Du siehst“, sie überlegte, „erwachsen aus.“ „Du hast dich auch gut … entwickelt“, sagte er langsam. „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ hakte sie nach. Seine Antwort kam, wie aus der Pistole geschossen, „vor zwölf Jahren.“ „Wow, das weißt du noch so genau?“ sie war verblüfft. „Du weißt ja, Zahlen“, gluckste er vergnügt und zuckte verlegen die Achseln.

 

Sie sahen sich lange in die Augen. „Einen Dime für deine Gedanken“, lachte sie. Eine leichte Röte überzog sein Gesicht. Angela Twostep war die Tochter eines Cherokee-Häuptlings. Charlie hatte sie auf einer Party, zu der Don ihn mitgeschleift hatte, kennengelernt. Die beiden hatten sich damals Knall auf Fall ineinander verliebt. Sie hatten eine äußerst heftige, aber auch äußerst kurze Beziehung miteinander. Angelas Vater war von Anfang an strikt gegen ihre Verbindung gewesen. Nach drei Monaten trennten sie sich voneinander, unter Tränen. Angelas Vater hatte sie nach Florida geschickt, damit sie dort Medizin studieren sollte. Charlie schluckte, als er sich an die Szene damals erinnerte. Sie schien seine Gedanken zu erraten, „wir haben uns anscheinend, dann doch nicht so oft geschrieben, wie wir es uns geschworen hatten.“ Er atmete tief durch, „es tut mir leid Angela. Ich hab deine Briefe bekommen, aber … aber ich war einfach zu sehr mit mir beschäftigt, mit dem Studium.“ Er fuhr sich mit der rechten Hand übers Gesicht. Sie griff, auf Schulterhöhe, in sein lockiges Haar. „Schon gut Charlie, du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Ich tu’s auch nicht.“ Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. Ungelenk hob er seinen linken Arm, „eigentlich bin ich ja wegen der da gekommen.“ Als sie seine Hand in ihre nahm und zärtlich über die frische Narbe strich, fühlte er ein wohliges Prickeln auf seiner Haut. „War es schlimm? Ich hab davon gelesen“, sagte sie so unvermittelt, dass es ihn wie ein Blitz traf.

 

Mit einem Ruck entzog er sich ihrem Griff, „ich kann dir nichts sagen, weil ich es nicht weiß. Es sind nur noch Bruchstücke vorhanden.“ Sein Kinn begann zu zittern. Sie konnte sehen, wie er um Fassung rang. „Entschuldige Charlie, das war saublöd von mir.“ Er wandte sich von ihr ab und machte ein paar Schritte in Richtung Fenster. Dabei bemerkte sie ein leichtes Hinken. Mit einem Schlag erwachten ihre alten Gefühle wieder und sie empfand unsägliches Mitleid mit dem Jungen, der inzwischen ein Mann geworden war. Am liebsten hätte sie ihn in ihre Arme genommen und ihm all die Schmerzen und den Kummer abgenommen. „Vielleicht sollten wir einfach mit der Therapie beginnen“, krächzte er. „Sicher, klar“, sie nickte, „lass uns nach nebenan gehen, da haben wir die notwendigen Geräte.“ Er folgte ihr wortlos. Charlie arbeitete verbissen an sich. Sie musste ihn sogar mehrmals bremsen, damit er sich nicht überanstrengte. Fast schien es so, als wolle er sich selbst etwas beweisen. „Ich hoffe du kommst ab jetzt regelmäßig ins Reha-Zentrum“, sagte sie lächelnd, als die Therapie nach knapp einer Stunde zu Ende war. Er nickte ein paar Mal hintereinander, „sicher, mach ich.“ Ihre Blicke trafen sich und verhakten sich ineinander. Auch in Charlie kochten die Emotionen hoch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er meinte es würde gleich zerspringen. Die Luft knisterte und hätte jemand die Sonne ausgeknipst, hätte man wohl die Funken gesehen, die zwischen den beiden hin- und hersprangen.

 

„Ich … ich sollte jetzt besser gehen, das heißt ich muss eigentlich meinen Dad anrufen, damit er mich holen kommt. Ich wohne noch immer zu Hause, weißt du. Eigentlich gehört das Haus jetzt mir und mein Vater wohnt …“ er hielt inne, fühlte den übermächtigen Drang sie zu küssen. Ohne Umschweife zog er sie in seine Arme. Als sich ihre Lippen trafen war es ein fremdes und doch gleichzeitig vertrautes Gefühl. Beide wurden von einem Strudel der Leidenschaft erfasst und hätten sich wohl auch darin verloren, wäre nicht plötzlich eine von ihren Kolleginnen hereingeplatzt. Charlie und Angela fuhren erschrocken auseinander. „Ach Gott ist mir das peinlich Angie“, ihre Kollegin hatte einen hochroten Kopf. „Schon gut Bethany, das ist Charlie Eppes“, stellte sie ihn vor. „DER Charlie Eppes?“ Bethany schien mehr über ihn zu wissen, als ihm lieb war. „Yepp.“ „Na dann will ich euch zwei Turteltäubchen mal nicht länger stören. Ich wollte dich nur bitten, ob du mir vielleicht ein Sandwich von Subway’s mitnehmen kannst und einen Kaffee Latte.“ „Aber klar doch“, entgegnete Angela. Dann war Bethany auch schon wieder verschwunden. „Du hast ihr von uns erzählt?“ Charlie war noch immer ein wenig verstört. „Das war bei unserem letzten Weiberabend, da haben wir Wahrheit oder Pflicht gespielt und da …“ sie zuckte die Achseln. „Ich kann dich aber auch nach Hause fahren, wenn du willst. Es liegt zwar nicht direkt auf meinem Weg, aber für einen alten Freund mache ich gern einen Umweg.“

 

Nachdem sie eingestiegen waren, saßen sie eine Weile stumm nebeneinander. Um dem Schweigen ein Ende zu bereiten, sagte Charlie, „wie geht es eigentlich deinem Vater?“ Sie setzte den Blinker und bog nach rechts. „Er ist vor drei Jahren gestorben. Das Herz, weißt du.“ „Tut mir leid“, murmelte er, „meine Mom ist jetzt auch schon ungefähr so lange tot. Krebs.“ Schweigen. „Merkwürdig, nach all der Zeit haben wir beide uns nicht mehr zu sagen?“ sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ich weiß nicht, es ist … ich hab absolut nicht damit gerechnet die jemals wiederzusehen“, gestand er ihr, „obwohl … gewünscht habe ich es mir oft. Warum sind wir uns eigentlich nicht schon eher über den Weg gelaufen?“ „Ich bin erst vor zwei Monaten hierher gezogen, vorher hab ich mal hier und mal da gelebt. Ich war auch eine Zeitlang in Tasmanien und Neuseeland.“ Charlie musste lachen, „was hast du denn dort gemacht?“ Ihr Blick verklärte sich, „ ich hab eine Auszeit genommen, wenn du so willst. Ich hab eine sehr schwere Zeit hinter mir Charlie. Ich war eine Zeitlang mit einem Mann zusammen, der getrunken und mich regelmäßig verprügelt hat. Frag mich nicht, was ich an ihm gefunden habe, ich kann es dir nicht sagen. Jedenfalls bin ich schwanger geworden. Und als ich es ihm erzählt habe, ist er ausgerastet. Er hat dermaßen auf mich eingeprügelt, dass ich mein Kind verloren habe.“ Eine einsame Träne lief über ihr wunderschönes Gesicht. Ehe er noch antworten konnte, hielt sie den Wagen vor seinem Haus, „so, da wären wir.“ Er wusste nicht, ob er aussteigen oder bleiben sollte. „Möchtest du noch ….“, begann er zaghaft. Sie schüttelte den Kopf, „danke, lieb von dir, aber ich hab nur eine Stunde. Ich muss mich beeilen, aber wir können das gern ein andermal nachholen. Du weißt ja jetzt, wo du mich findest.“ „In Ordnung.“ Sie gab ihm seine Sachen von der Rückbank. Er stieg aus, sie fuhr los und er sah ihr noch lange nach…..