Chapter 3

 

Don fuhr Charlie nach Hause, „da wären wir, lass Dad von mir grüßen.“ „Kommst du denn nicht mehr mit rein Don?“ „Ich hab noch was im Büro zu erledigen“, meinte er, ein wenig zu schnell. „Okay, wie du meinst.“ Charlie stieg aus und ging, gesenkten Hauptes, ins Haus. „Hi, Dad!“ Alan saß auf der Couch und las Zeitung, „nanu, schon wieder zurück? Wo ist Donnie." Charlie kickte sich die Schuhe von den Füßen, „ich glaub der ist sauer auf mich“, seufzte er. „Wieso das denn?“ Sein Vater nahm die Brille ab und legte die Zeitung zur Seite. Charlie nagte an der Unterlippe, „ich glaube, es ist wegen Tessa.“ „Tessa, welche Tessa?“ sobald einer seiner Jungs einen unbekannten Frauennamen fallen lies, wurde Alan immer hellhörig. „Tessa Montgomery. Sie ist die Frau des Ermordeten.“ „Ja, eine scheußliche Sache, ich hab es vorhin gerade im den Nachrichten gehört. Was ist denn mit dieser Tessa?“ bohrte Alan weiter. „Sie und ich, wir haben uns total gut verstanden. Sie ist blind Dad, musst du wissen. Aber man sieht es ihr überhaupt nicht an.“ Schweigen. „UND?“ „Don ist, wieder mal, ordentlich ins Fettnäpfchen getreten. Und irgendwie kommt er überhaupt nicht mit ihr zurecht. Jetzt dreht er am Rad, weil ich mich mit ihr prima unterhalten habe.“ Alan stand auf, „das wird schon wieder Charlie, wie wär’s mit ner Tasse Kaffee?“

 

Er winkte ab, „nein danke, ich geh nach oben. Ich bin müde.“ Besorgt sah ihm sein Vater hinterher. In seinem Zimmer angekommen, ließ sich Charlie einfach aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Seine linke Hand tat weh. Er zog den Ärmel der Windjacke hoch und starrte auf die Schiene. Wenigstens musste er keinen Gips mehr tragen. Mühsam versuchte er seine Finger zu bewegen. Eine schmerzhafte Angelegenheit. Montag würde er wieder zur Physiotherapie gehen, er war ein wenig nachlässig damit gewesen. Nun bekam er dafür die Rechnung präsentiert. Müde rieb er sich die Augen. Ihm fiel es nach wie vor schwer, ein- geschweige denn durchzuschlafen. Die Albträume kamen in letzter Zeit immer häufiger. Oft wachte er mitten in der Nacht schweißgebadet auf. Don hatte ihm noch immer nicht alles über die Zeit in dem Bunker erzählt. Er konnte fühlen, dass da noch mehr war. Delinda kam ihm in den Sinn, das Mädchen, das ihm das Leben gerettet hatte. Don hatte ihm ein Foto von ihr gezeigt, er konnte sich vage an sie erinnern. Sie hatte ihre Tat mit dem Leben bezahlt. Und dass ausgerechnet ein Serienkiller dafür gesorgt hatte, dass er und Don wieder ruhig schlafen konnten, trug auch nicht gerade zu einem Stimmungshoch bei.

 

Er rappelte sich auf, zog die Windjacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Unschlüssig stand er mitten im Zimmer, sollte er in die Garage gehen und die Arbeiten durchsehen, die ihm Larry gebracht hatte? Noch unterrichtete er nicht Vollzeit an der Uni. Aber ab und an hielt er Vorlesungen und war Beisitzer bei diversen Prüfungen. Es war schrecklich sich so antriebslos zu fühlen. Naja, vielleicht würde Don ja bald wieder seine Hilfe brauchen. Ob er die Verbrechen, um die es dabei gehen würde, immer noch so sah, wie früher? Oder hatte sich, nachdem er selbst ein Opfer gewesen war, seine Sichtweise verändert? Ihm fehlte eindeutig eine Beschäftigung. P vs. NP war wirklich verlockend, hoffentlich bekam sein Vater nicht gleich ne Krise, wenn er wieder damit anfing. Aber in seinen wirren Träumen hatte er ein paar interessante Algorithmen „gesehen“, die es Wert waren, sich näher damit auseinanderzusetzen. Als er nach unten kam, roch es nach frisch gebrühtem Kaffee und er hörte leises Gemurmel. Milly war da. Charlie gab sich einen Ruck und setzte sein „freundliches“ Gesicht auf, wie er es nannte. So gut, wie er alle glauben machen wollte, ging es ihm nämlich durchaus nicht. Aber bisher hatte seine Charade noch niemand durchschaut, hoffte er wenigstens.

 

Don parkte den Wagen auf dem großen und weil Samstag, ziemlich leeren, Parkplatz vor dem LA-Field-Office des FBI. Er stieg aus und verriegelte die Tür. Merkwürdig, das war jetzt schon der vierte Tag, an dem er meinte verfolgt zu werden. Aber da war niemand. Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf. Wahrscheinlich begann sein Gehirn erst jetzt die leidige Angelegenheit mit der Senatorin zu verarbeiten. Zu allem Überfluss lief er auf seinem Weg ins Büro noch Special Agent Erwin Hoberman, Spitzname Doberman, vom CIA über den Weg. Der Kerl war so ein aalglattes Arschloch, das es jede Mücke, die auf ihm landete, gnadenlos auf die Schnauze hauen würde. „Special Agent Eppes?!“ Er entblößte zwei Reihen makelloser Jacketkronen, die mussten ihm ein Vermögen gekostet haben. Der eine steckte sein Geld in Immobilien, Hoberman anscheinend in seine Kauleisten. „Hi Hoberman“, Don wollte es kurz machen, doch Mr. Colgate himself, ließ ihn nicht so schnell ziehen. „Sie haben da ja echt nen Bock geschossen mit Craven. Welch Glück, dass er entkommen und ihnen so zur Hand gehen konnte.“ Fick dich ins Knie, lag Don auf der Zunge. Herauskam, „was wollen sie damit sagen?“ „Nichts“, Hoberman spielte mit seiner viel zu bunten Krawatte und sah Don abwartend ins Gesicht. „Schönen Tag noch“, entgegnete der, krampfhaft den Zwang unterdrückend dem Mann vom CIA das gönnerhafte Lächeln aus dem Gesicht zu prügeln. „Ich wollte sie nur wissen lassen, dass wir weiterhin ein Auge auf sie haben Special-Agent Eppes.“ „Dann sind es also ihre Leute, die mich seit ein paar Tagen verfolgen?“ „Verfolgen?“, Hoberman winkte ab, „wir verschwenden doch keine Steuergelder.“ Don kochte bereits innerlich vor Wut, noch ein Satz und ihm würde es die Schädeldecke in die Höhe heben und heißer Dampf würde, zischend, aus seinen Ohren entweichen. „Man sieht sich Special-Agent“, meinte er lakonisch. Wahrscheinlich hatte er in Dons Augen gelesen, dass es „gesünder“ sein würde, zu kneifen. Don blieb stumm. Er zeigte Hoberman lediglich den Mittelfinger, als dieser ihm schon den Rücken zugewandt hatte.

 

Tolles Wochenende! Ein CIA-Mensch, der einen Gottkomplex hatte, ein Kongressabgeordneter, der meinte einen bombigen Abgang machen zu müssen, ein Bruder, der nichts Besseres zu tun hatte, als ihn auszubooten und … Tessa. Eine atemberaubend schöne, wohlhabende Frau, seit kurzem glücklich geschieden, ähm verwitwet, mit einer Ausstrahlung, die jeden Eisblock zum schmelzen brachte, aber blind wie ein Maulwurf. Eine Tatsache, an der er nach wie vor zu knabbern hatte. Wie beeindruckte man so eine Frau? Jeder anderen genügte seine Dienstmarke oder ein toller Anzug, ein Dinner bei romantischem Kerzenschein. Aber Tessa? Was nützte Kerzenschein, wenn es um sie herum doch immer Dunkel war? Und die intellektuelle Schiene die sein kleiner Bruder bei ihr gefahren war? Nope, das kam ihm schon gar nicht in die Tüte. Es hatte keinen Sinn einen auf „Charlie“ zu machen, das würde ihm keiner abnehmen. Nicht einmal eine Leiche. Laut seufzend ließ er sich in seinen Stuhl fallen und fuhr seinen Laptop hoch. Die Stille war irgendwie beklemmend. Es waren einige Mails im Posteingang. Gelangweilt stützte er den rechten Ellbogen auf die Tischplatte und legte seinen Kopf auf die Hand. Er klickte eine Nachricht nach der anderen an. „Mist, Mist, Mist, kenn ich schon, weiß ich schon, will ich nicht machen, aber muss“, gab er seinen Kommentar dazu, „Mist, Mi…“ Augenblicklich saß er kerzengerade und starrte auf den Schirm. Vor ihm blinkte in großen neongrünen Buchstaben PAYDAY, Zahltag. Und er hätte am liebsten MAYDAY geschrien! Was bitteschön, war das jetzt wieder? Wenigstens stand diesmal nichts von seiner Familie dabei. Der Absender war natürlich unbekannt. Völlig genervt klickte er die Nachricht an und löschte sie. Nun war das Wochenende endgültig gelaufen.

 

Er überlegte, ob er vielleicht Megan anrufen sollte? „Ach, ne“, meinte er dann halblaut, „die hat schon genug um die Ohren.“ Dann kam ihm ein Gedanke: vielleicht steckte ja Schleimbeutel Hoberman dahinter? Alles klar, der Mann hatte es darauf angelegt, ihn nervös zu machen. Na, der würde sich wundern. Am liebsten wäre er ins nächste Internetcafe gefahren und hätte ihm auch so eine kryptische Botschaft zukommen lassen. Da sein Blutdruck sicher noch eine kleine Steigerung vertragen konnte, ging er in die Küche und machte sich einen Kaffee. Er griff nach der erstbesten Packung Milch, die im Kühlschrank stand. Gottseidank hatte er sich, nach einigen ekelhaften Erlebnissen, angewöhnt, daran zu riechen. „Pfui Deibel“, entfuhr es ihm. Die würde er sicher nicht mehr aus der Packung lassen. Er warf einen Blick auf das Ablaufdatum. Es lag drei Wochen zurück. Betrieb hier jemand heimlich Feldstudien über die verschiedenen Stadien ranziger Milch? Er drehte den Kopf weg, als er den Rest in den Ausguss leerte und lies kurz das kalte Wasser laufen. Nicht das am Ende noch jemand der Schlag traf, wenn er Montagmorgen die Küche betrat. Die Packung landete im Mülleimer. Auf zur nächsten Packung, okay, die war in Ordnung. Daheim hätte er jetzt schon längst seinen Kaffee und auch seinen Kuchen. Egal, er musste sowieso ein paar Pfunde abspecken. Seit er angefangen hatte wieder regelmäßig Nahrung zu sich zu nehmen, sprich seit Charlie aus dem Krankenhaus war, zwickten ihn einige Hosen ganz schön. Wenn er es sich recht überlegte, konnte er ja morgen ins Gym gehen oder joggen. Oder beides? Übertreiben musste man es ja auch nicht. Er ging wieder zurück zu seinem Schreibtisch und ging die von gestern übriggebliebene Post durch. Er tätigte ein paar Unterschriften, las Abschlussberichte, füllte Anforderungen für Büromaterial aus und plötzlich fing es an zu dämmern. Zufrieden mit sich und der Welt betrachtete er den leeren Schreibtisch. Übermorgen würde es hier sowieso wieder aussehen wie auf einem Schlachtfeld. Vielleicht sollte er schnell ein Erinnerungsfoto machen und es sich auf die Pinwand hängen? Nein, er würde jetzt in seine leere, unaufgeräumte Bude fahren, sich heiß duschen, Popcorn in die Mikrowelle tun und sich ein oder zwei Bier vergönnen. Tessa fiel ihm wieder ein. Sollte er sie je in sein Apartment einladen, bräuchte er vorher nicht aufzuräumen. „Arschloch“, betitelte er sich selbst und war dahin.

 

Der Sonntag verlief in normalen Bahnen. Don stand allen ernstes um sieben Uhr früh auf und drehte ein paar Runden im Park. Anschließend fuhr er seinen Wagen in die Waschstraße, räumte sein Apartment auf, man weiß ja nie und fuhr nachher zu Charlie und Alan. Seinen Bruder sah er nur beim Essen fassen, dann zog sich dieser in die Garage zurück, um, na was schon, P vs. NP erneut in Angriff zu nehmen. Da es keinen Sinn hatte, ihm das auszureden, fuhr Don, zusammen mit Alan, ins Stadtmuseum, wo gerade eine Ausstellung über das LA der 40er Jahren stattfand. Ihn interessierte das ungefähr soviel, als würde in China ein Fahrrad umfallen, aber sein Dad hatte riesige Freude und das war immerhin auch was wert. Und gegen Abend musste er dann noch ins Büro, weil Direktor Vasquez wegen Montgomery eine Krisensitzung einberufen hatte, weil bekannt geworden war, dass der Mann schon länger Morddrohungen von einigen Seiten erhalten hatte. Und dann war da auch noch Tessa, die ihm nach wie vor im Kopf herum spukte. Er hatte krampfhaft nach einem Vorwand gesucht, bei ihr aufzutauchen. Aber mit Krampf ging ja bekanntlich gar nichts.

 

Montagvormittag entließ die Kindergärtnerin Rosie Mitchell ihre kleinen Helden, im Alter zwischen drei und fünf in den Garten. Der kleine Joey buddelte wie ein Irrer im Sandkasten. Rosie hatte schon Angst, dass er, wenn er so weiter machen würde, sich demnächst in China wiederfinden würde. Als der Kleine jedoch plötzlich ganz still wurde und sich nicht mehr rührte, sah sie nach ihm. „Joey, alles okay?“ fragte sie besorgt. Das Kind sah sie aus riesengroßen Augen an, „Hand, dada, Hand“, sagte er und deutete auf das Loch, dass er gebuddelt hatte. „Hand? Sei doch nicht albern Joey“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Und was tun Kinder, wenn einem die Erwachsenen nicht glauben? Sie liefern Beweise. Also langte der Kleine beherzt in das Loch und brachte eine Hand zum Vorschein. Jedenfalls den Teil vom Ellbogen, bis zu den Fingern. Lachend sagte er, „Hand!“ Die arme Rosie wäre dabei fast in Ohnmacht gefallen. „Leg das hin Joey“, schrie sie hysterisch, „leg das sofort hin.“ Als er nicht gleich gehorchte, schlug sie ihm auf die Finger. Der Kleine brüllte wie am Spieß. Sie griff nach ihm und obwohl er wild um sich trat, hob sie ihn hoch und setzte ihn auf eine Bank. „Doris, Doris!“ wo war nur ihre Kollegin? „Doris!“ Endlich kam die angelaufen, „ruf sofort die Polizei, Joey hat ne Hand ausgebuddelt.“ Doris fuhr erschrocken zusammen, „eine echte?“ „Jedenfalls sieht sie verdammt echt aus“, entgegnete Rosie, „geh schon, ich muss mich darum kümmern, dass die Kids nicht auf dumme Gedanken kommen.“