Chapter 2

 

Als Don und Charlie am Tatort ankamen, waren sämtliche Einsatzkräfte vor Ort. Der Brand war bereits gelöscht, es lagen jedoch jede Menge rauchende Trümmer herum. Charlie stieg aus dem Wagen und wurde augenblicklich von Colby, David und Theodor umringt, die sich ehrlich freuten ihn zu sehen. Don ging hinüber zu Megan, die mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr gesprochen hatte. Sie warf einen skeptischen Blick über Dons Schulter, „hi! Was macht denn Charlie hier?“ „Er wollte mitkommen, hätte ich es ihm verbieten sollen?“ schnappte Don, „was liegt an?“ Megan nahm ihren Notizblock zur Hand, „aller Wahrscheinlichkeit nach eine Autobombe. Das Opfer ist Gordon Montgomery, ein Kongressabgeordneter.“ „Irgendwelche Augenzeugen?“ Megan schüttelte den Kopf, „Fehlanzeige.“ „Weitere Opfer?“ „Seine Frau wurde durch Glassplitter leicht verletzt, sie wird gerade von den Sanitätern versorgt. Durch die Druckwelle gingen einige Fensterscheiben zu Bruch, ansonsten keine nennenswerten Schäden.“ Er nickte, „okay, dann sprech ich als nächstes mit der Frau. Wo ist sie?“ Er sah hinüber zum Ambulanzwagen, dort war niemand. „Sie ist drinnen“, entgegnete Megan, „sie wollte nicht ins Krankenhaus.“ Don wandte sich um. Charlie feixte noch immer mit den Jungs, sie schienen sich gegenseitig aufzuziehen. „Ist ja nett, dass ihr euch so gut versteht. Aber könntet ihr gefälligst wieder an die Arbeit gehen?“

 

„Mann, dein Bruder hat echt gute Laune“, murmelte Colby. Er ging zusammen mit David und Theodor auf die andere Straßenseite, Charlie schlenderte hinüber zu Don und Megan. „Hallo Megan!“ grinste er. „Hallo Professor Eppes“, scherzte sie und umarmte ihn freundschaftlich, „schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“ „Besser“, antwortete er knapp. Sie musterte ihn eindringlich, „du siehst gut aus. Die längeren Haare stehen dir prima.“ Verlegen senkte er seinen Blick, „danke.“ „Möchtest du hier warten, oder mit reinkommen? Ich muss der Frau des Opfers ein paar Fragen stellen“, unterbrach Don die beiden, ein wenig gereizt. Charlie zögerte, unsicher sah er sich um. Sein linkes Bein begann zu zittern, „ich komm mit.“ Don war bereits auf dem Weg. Megan und Charlie eilten hinterher. „Ich muss dir noch was wegen Tessa Montgomery sagen“, raunte Megan in Dons Ohr. „Jetzt nicht, ich mach mir selbst ein Bild von ihr.“ „Aber …“ Er war mit Charlie bereits im Haus verschwunden. Ein uniformierter Beamter des LAPD stand in der prächtigen Vorhalle. „Tolle Hütte“, bemerkte Don und zeigte seinen Ausweis vor, „Agent Eppes, FBI, wo finde ich Tessa Montgomery?“ Der Officer deutete mit dem Kopf auf eine geschlossene Tür, „da drinnen, der Arzt ist gerade bei ihr.“ „Danke sehr“, Don klopfte leise an, „herein“, sagte eine Frauenstimme. Er drückte die Klinke nach unten, dicht gefolgt von Charlie. „Agent Eppes, FBI“, sagte er und hielt dabei seinen Ausweis hoch. „Ich bin’s gleich“, meinte der Sanitäter, der gerade Tessas linke Hand verband. Außer einem Schwall schokoladenbrauner Haare, die bis über ihre Schultern fielen und ihr Gesicht verdeckten, hatte Don noch nicht viel von Tessa Montgomery gesehen. „So fertig Mrs. Montgomery“, der Sanitäter stand auf und packte seine Sachen zusammen. „Danke sehr junger Mann“, ihre Stimme klang süß wie Honig in Dons Ohren. Charlie sah sich derweil im Zimmer um.

 

Seine ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten nahmen sofort einen bestimmten Gegenstand wahr, der sich in Tessas Reichweite befand. Er wollte seinen Bruder gerade darauf aufmerksam machen. Aber Don stand bereits vor Tessa, „sie haben ein schönes Haus Madam“, bemerkte er ganz Charmebolzen. Sie hob ihren Kopf und er blickte in ein paar wunderschöne, smaraggrüne Augen. Ein wohliger Schauer kroch seinen Rücken entlang. „Danke Agent Eppes, nehmen sie doch bitte Platz“, bat sie ihn. Charlie stand noch immer neben der Tür, hatte die Hände vor der Brust verschränkt und wartete gespannt was jetzt kommen würde. „Mrs. Montgomery, zuerst möchte ich ihnen mein tiefstes Mitgefühl bekunden“, begann Don. „Danke, das ist nett von ihnen.“ Sie lächelte scheu. Oh, oh! Charlie stellte amüsiert fest, dass sein Bruder doch tatsächlich aussah, wie das berühmte Karnickel vor der Schlange. „Leider komme ich nicht umhin, ihnen einige Fragen zu stellen“, fuhr Don fort, „ist ihnen in den letzten Tagen irgendetwas ungewöhnliches an ihrem Mann aufgefallen. Wirkte er anders als sonst, angespannter, verängstigt? Haben sie eventuell merkwürdige Anrufe oder gar Drohbriefe erhalten?“ Sie schüttelte den Kopf, „nichts dergleichen Agent Eppes. Mein Mann und ich, nun ja, wie soll ich sagen, wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen, er war auch kaum noch zu Hause. Um ehrlich zu sein, ich vermute, er hatte eine Affäre.“

 

„Oh“, Don, der Redselige. Eine kurze Pause entstand. „Das, ähm, tut mir leid“, stammelte er verlegen. Charlies Grinsen wurde breiter. „Bevor ihr Mann … starb … Haben sie da vielleicht etwas gesehen?“ „Don, ich denke nicht, das Mrs. Montgomery etwas gesehen hat“, warf Charlie ein. „Woher willst du das wissen? Du warst nicht hier“, schnappte der ältere. „Entschuldigen sie Mrs. Montgomery, das ist mein Bruder Charlie, er berät uns hin und wieder bei kniffligen Dingen. Lassen sie sich nicht …“ „Aber er hat recht, ich hab nichts gesehen“, unterbrach sie ihn. Don sah ein wenig irritiert zwischen den beiden hin und her. „Du schnallst es nicht, oder?“ Charlie deutete auf jenen Gegenstand, der ihm gleich, nachdem er das Zimmer betreten hatte, aufgefallen war: ein Blindenstock. Tessa Montgomery war blind. „Super Don, das war mal wieder ne Meisterleistung“, schalt er sich selbst. Don, der Mann, der den Fettnäpfchensprung immer mehr perfektionierte. „Oh“, langsam gingen ihm die Worte aus. „Das braucht ihnen doch nicht peinlich zu sein, Agent. Ihr Bruder scheint eine gute Beobachtungsgabe zu besitzen“, sie drehte den Kopf in Charlies Richtung, so als könne sie ihn sehen und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Sagen wir mal, gewisse Dinge sind bei mir ausgeprägter als bei anderen Menschen“, grinste Charlie. Ein eindeutiger Seitenhieb auf Don, jedenfalls empfand es sein Bruder so. Warum hatte er ihn auch mitgenommen? Selber Schuld. Sein Handy klingelte, „Eppes?“ „Hi Don, kannst du mal einen Sprung nach draußen kommen, wir haben was gefunden“, sagte Colby. „Bin gleich da.“ Er unterbrach die Verbindung, „ich muss kurz raus, bleib du einstweilen hier Charlie. Entschuldigen sie mich Mrs. Montgomery.“ Er wirkte beinahe erleichtert, als er den Raum verließ. Tessa bat Charlie sich zu setzen.

 

„Er mag es nicht, wenn sie klüger sind als er“, sagte Tessa, ein Lächeln umspielte dabei ihre vollen Lippen. „Leider geht das schon so, seit wir Kinder sind.“ „Sie sind also eine dieser sogenannten Intelligenzbestien?“ „Mrs. Montgomery …“ „Tessa, bitte.“ „Gut, ich bin Charlie“, zärtlich nahm er ihre Hand und drückte sie kurz. „Einverstanden.“ Sie begannen eine Unterhaltung. Don marschierte mit grimmigem Blick die Straße hinunter, zu jener Stelle, die Colby ihn genannt hatte. Er war gerade dabei etwas einzutüten. „Sieh dir das an!“ sein Kollege drückte ihm den Beweismittelbeutel in die Hand. „Eine Fernzündung“, stellte Don trocken fest, „da wollte jemand auf Nummer sicher gehen.“ „Unbedingt“, stimmte Colby ihm zu, „von hier aus hat man freie Sicht auf die Stelle an der Montgomerys Wagen gestanden hatte. Hat die Frau was gesehen?“ Don lachte verbittert auf, „vergiss es, sie ist blind.“ „Du verarscht mich, stimmt’s?“ Colby wollte es nicht glauben. „Nein“, Don wandte ihm den Rücken zu und ging.

 

„Tessa sie sind eine fantastische Frau. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie sie mit damit umgehen“, sagte Charlie gerade in dem Moment, als Don zur Tür hereinkam. „Danke Charlie, das ist süß.“ Tessa?! Charlie?! Süß?! Don sträubten sich sämtliche Nackenhaare, was war denn hier los?! „Ich denke wir sind hier fertig Charlie“, fuhr er zornig dazwischen, „falls Mrs. Montgomery noch etwas einfallen sollte“, er kramte eine Visitkarte hervor. Plötzlich wusste er nicht, was er damit tun sollte. Charlie nahm sie ihm kopfschütteln ab und drückte sie Tessa in die Hand, „hier Dons Visitkarte.“ „Danke Charlie“, sie schenkte ihm erneut ein strahlendes Lächeln. „Und wo bleib ich?“ schoss es durch Dons Kopf. „Auf Wiedersehen“, sagte er und hätte sich am liebsten gleich wieder auf die Zunge gebissen. „Shit“, fluchte er leise, als sie beim Wagen angekommen waren. „Hast du ein Problem damit, dass sie blind ist?“ hakte Charlie nach. „Du anscheinend nicht“, fauchte Don. „Nein, wieso. Ich hatte schon ein paar blinde Studenten in meinen Vorlesungen. In den meisten Fällen schneiden sie sogar besser ab, als Sehende.“ „Drück es mir nur rein Charlie, führ mir vor Augen, wie unfähig ich in solchen Dingen bin“, wütend knallte er die Tür zu, nachdem er eingestiegen war. „Das hab ich nicht gesagt“, ging Charlie in die Defensive. „Das brauchst du auch nicht, das seh ich dir an. Außerdem redet ihr ja euch schon mit Vornamen an.“

 

„Das hat sich so ergeben“, Charlie wurde langsam sauer. Don startete den Wagen und fuhr los. „Tessa sie sind eine fantastische Frau“, äffte er seinen kleinen Bruder unvermittelt nach, „so ein Schwachsinn. Kaum ist Amita weg, baggerst du sogar schon blinde Frauen an.“ „Bist du etwa eifersüchtig? Sag bloß. Don der Herzensbrecher ist auf so was wie mich eifersüchtig? Vergiss es“, er lachte. „Das ist nicht komisch Charlie.“ Der kringelte sich mittlerweile vor Lachen, „doch für mich schon.“ Er schlug sich auf den Schenkel, „sie hat gerade erst ihren Mann verloren. Zugegeben ihre Beziehung bestand eigentlich nur noch auf dem Papier.“ Don bremste scharf vor einer roten Ampel, „ach das hat sie die also auch erzählt.“ „Und das sie deine Stimme und dein Eau de Toilette wahnsinnig sexy findet.“ „Charlie?!“ Dons Stimme überschlug sich beinahe, „es reicht, krieg dich wieder ein.“ Die Ampel schaltete auf grün. Charlie holte ein paar Mal tief Luft, „das hat sie wirklich gesagt.“ „Kein Scheiß?“ „Kein Scheiß.“ „Na dann“, ein Lächeln huschte über Dons Lippen, „ist ja alles bestens.“ Charlie knuffte ihn in die Seite, „dann gefällt sie dir also auch?“ „Also hässlich ist sie nicht gerade, wenn du verstehst, was ich meine.“ „Dann lad sie doch einfach zum Essen ein“, schlug Charlie vor. Don schüttelte daraufhin nur den Kopf.

 

Es war kurz nach Mitternacht, als zwei dunkle Gestalten mit großer Mühe etwas über den Zaun der Kindertagesstätte für Diplomatenkids wuchteten. Der Gegenstand, der aussah wie ein großer, zusammengerollter Teppich, prallte dumpf auf der anderen Seite auf, sie kletterten hinterher. Dann schleiften sie das Ding zur großen Sandkiste. „Na die werden am Montag vielleicht Augen machen“, kicherte die eine Person. „Ich hoffe, sie haben ne Weile dran zu knabbern“, flüsterte der andere. „Keine Panik, wir halten uns genau Montis Vorgaben. Dann kann gar nichts schiefgehen.“ Sie packten die Klappschaufeln aus und machten sich daran, ihren abartigen Plan in die Tat umzusetzen. Nach knapp einer halben Stunde hatten sie ein Loch ausgehoben, das groß genug sein musste. Dann platzierten sie alles, wie sie es einstudiert hatten. „Das wird ein Spaß“, lachte der eine. „Und dabei ist das erst der Anfang“, entgegnete der andere, „gib mir fünf!“ „Später, sehen wir lieber zu, dass wir hier wegkommen.“