Chapter 24

 

Don hatte gerade einen Schluck von dem Kaffee gemacht, als sein Mobile läutete. „Eppes?“ Es war Megan, „hi Don. Ich denke, du solltest sofort ins Büro kommen. Die gute Judith hat plötzlich ihre Meinung geändert.“ Don runzelte die Stirn, „was, wie die Meinung geändert?“ „Sie war NICHT mit Finch zusammen. Komm ins Büro, dann siehst du, weshalb sie jetzt etwas anderes sagt.“ Na toll, er hasste solch kryptische Andeutungen, verhießen die meistens nichts Gutes und stand auf. Beim Hinausgehen bat er Turners Sekretärin den beiden auszurichten, dass er wegen eines Notfalles wieder zurück ins Büro gefahren war.

 

Als er, kurze Zeit später, Judith zusammen mit Megan im Verhörzimmer sitzen sah, bedurfte es keiner Erklärung mehr, weshalb sie sich entschieden hatte, Finch in den Rücken zu fallen. Ihr hübsches Gesicht war durch einen grässlichen blauen Fleck, der sich von ihrem rechten Auge bis über das Jochbein zog, entstellt. „Guten Tag Mrs. Kern“, sagte er trocken und schloss die Tür hinter sich. Sie zuckte leicht zusammen, als sie den Kopf hob, die Schmerzen mussten ziemlich heftig sein. Auch Don verzog sein Gesicht ein wenig. „Guten Tag Agent Eppes. Sehen sie, was dieses Schwein mir angetan hat? Und alles wegen SEINER Tessa. Ich bin hier, weil ich meine Aussage widerrufen will. Kurz nachdem sie weg waren rief Tessa-Baby an. Das Gespräch dauerte nur kurz. Aber es genügte, um Finch total aus der Fassung zu bringen. Er war ja ohnehin durch ihren Besuch ein wenig von der Rolle und Tessas Anruf gab ihm dann den Rest. Er sagte mir, Tessa bräuchte ihn und es könnte sein, dass er für längere Zeit unterwegs wäre. Als ich mir erlaubte nachzuhaken, worum es denn eigentlich gehen würde, bekam ich das als Antwort.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand auf ihre Verletzung.

 

Don und Megan tauschten alarmierte Blicke. Judith leckte sich nervös die Lippen, „ich denke, sie haben in ein Wespennest gestochen. Finch war nicht die ganze Zeit über auf der Tagung. Im Gegenteil, er war vielleicht ein paar Stunden dort ….“ „Entschuldigen sie Mrs. Kern“, unterbrach Megan sie, „aber ebenso gut könnte es sich jetzt um einen Racheakt ihrerseits handeln. Mr. Finch hat ihnen ein hübsches Veilchen verpasst, warum auch immer. Sie haben daraufhin nichts Besseres zu tun, als ihn anzuschwärzen, weil sie wissen, dass wir im Mordfall Montgomery ein Auge auf ihn geworfen haben.“ „Das ist ungeheuerlich“, echauffierte sich Judith, „ich bin hierher gekommen, um ihnen zu sagen, dass seine Angaben bezüglich der Tagung an den Haaren herbeigezogen sind. Ich liefere ihnen Finch sozusagen frei Haus.“ Don seufzte und stützte sich mit den Händen am Tisch ab, „als wir bei ihnen waren haben sie uns aber was ganz anderes erzählt. Welchem Umstand sie auch immer dieses Farbenspiel in ihrem Gesicht zu verdanken haben, sie können jetzt nicht einfach sagen, dass alles andere somit an Bedeutung verliert. Sie machen sich somit der falschen Zeugenaussage schuldig, ist ihnen das bewusst?“

 

„Es geht mir am Arsch vorbei was SIE davon halten Agent Eppes! Fakt ist, Finch hat gelogen und ich kann es bezeugen.“ Megan schüttelte den Kopf, „tut mir leid Judith, ihre Einsicht kommt ein wenig spät. Sie wären nicht die erste die ihrem Freund etwas unterjubeln will, weil er sie geschlagen hat. Nagt es an ihrem Ego, dass er wieder häufiger Kontakt zu Tessa Montgomery hat? Eifersucht wäre auch ein gutes Motiv.“ Judith Kerns Gesicht hatte die Farbe einer überreifen Tomate und wie diese, stand auch sie kurz davor zu platzen. „Das darf doch nicht wahr sein? Ich bin zu ihnen gekommen, um ihnen zu sagen, dass Finch und Tessa offensichtlich hinter dem Mord an ihrem Mann stecken und sie denken, ich hätte mir das ausgedacht, weil ich ihm eins auswischen will? Ja spinn ich denn?“ „Versetzen sie sich doch einmal in unsere Lage. Gestern erzählen sie uns, dass alles eitel Sonnenschein ist und heute tauchen sie hier mit nem Veilchen auf und erzählen uns genau das Gegenteil.“ Sie schluckte, die Argumentationen der beiden Agents machten durchaus Sinn. Finchs Anwalt würde sie vor Gericht höchstwahrscheinlich auseinandernehmen. Tränen traten in ihre Augen, „und was soll ich ihrer Meinung nach tun?“ flüsterte sie. „Wissen sie, wo Finch sich jetzt im Moment aufhält?“ fragte Megan.

 

Judith zuckte die Schultern, „ich hab gestern Abend noch meine Sachen gepackt und bin in ein Hotel gezogen. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ Don zog sein Mobile heraus und wählte die Nummer des Krankenhauses in dem Tessa lag. Oder besser gelegen hatte. Die Schwester teilte ihm mit, dass sie vor kurzem von einem Mann abgeholt worden war, dessen Beschreibung, oh Wunder, auf Finch passte. Dieser Mann hat äußerst glaubwürdig versichert, im Wissen des FBI zu handeln. „So ein Mist“, schnappte Don, „Finch hat Tessa vor ungefähr zwanzig Minuten aus dem Krankenhaus abgeholt.“ „Und die haben die beiden so einfach gehen lassen?“ hakte Megan ungläubig nach. „Glauben sie mir“, warf Tessa ein, „Finch kann sehr überzeugend sein, wenn es darum geht seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.“ Dons Mobile klingelte alle zuckten zusammen. „Eppes?“ „Hey Don, hab gehört, du musstest dringend weg. Zu Schade. Dr. Turner und ich haben den Mann gefunden, der die Sequenz nachträglich programmiert und ins System eingespeist hat. Er war so dumm ….“ „Danke Charlie“, unterbrach Don seinen jüngeren Bruder schroff, „aber ich muss mich um wichtigere Dinge kümmern. Finch hat Tessa aus dem Krankenhaus geholt. Die beiden sind wahrscheinlich gerade dabei, sich aus dem Staub zu machen.“

 

„Dann check doch mal den Bob Hope Airport in Burbank. Dort müsste eine Gulfstream G5 stehen, die Tessas Mann gehört hat. Damit kann man problemlos auch längere Distanzen überwinden. Ich denke …“ „Charlie, du bist der Größte“, jubelte Don. „Och, so übertreiben brauchst du auch nicht“, murmelte sein Bruder verlegen. „Danke, ich melde mich bei dir.“ Er klappte das Handy zusammen und sah hinüber zu Megan, „Bob Hope Airport Burbank, wir sollten uns umgehend auf den Weg machen. Sie bleiben hier Judith, verstanden?“ Sie nickte eingeschüchtert. Beinahe konnte sie einem Leid tun, sie sah aus wie ein Häufchen Elend. Don bellte ein paar Befehle, beim Verlassen des Büros. David, Colby und Theodor hatten Mühe mit Megan und ihm Schritt zu halten.

 

„Wie ist Charlie bloß darauf gekommen?“ wollte Megan wissen. Don zuckte die Schultern, „keine Ahnung, wahrscheinlich bei der Durchsicht der Unterlagen über den Trust bzw. Montgomerys Firmenunterlagen. Es hat schon was für sich so einen Schlauberger zu kennen.“ Er grinste unwillkürlich. Obwohl ihm zum Gegenteil zumute war, würde er doch in Kürze jener Frau Handschellen anlegen, die sich äußerst geschickt in sein Herz geschlichen hatte.

 

Als sie auf dem verhältnismäßig kleinen Flughafen ankamen, wartete dort bereits eine SWAT-Einheit auf sie. Der Leiter der Truppe hatte die Nummer des Hangars ausfindig gemacht, indem die Gulfstream stand. Der Tower war angewiesen worden, die Maschine unter keinen Umständen starten zu lassen. Don und sein Team zogen sich die Kevlar Westen über. Keiner rechnete damit, dass Finch und Tessa sich kampflos ergeben würden bzw. Finch alles in seiner Macht stehende tun würde, um Tessa zu beschützen. Die Einheit teilte sich in zwei Gruppen auf. Sie platzierten sich links und rechts vom riesigen Hangartores und standen über Funk miteinander in Verbindung. Sie brauchten nicht lange zu warten. Das automatische Tor glitt langsam auf. Don gab den Befehl den Hangar zu stürmen. Tatsächlich hatte Finch im Inneren des Hangars seine Lakaien postiert und eine wilde Schießerei entbrannte, während die Turbinen der Gulfstream anfingen zu laufen, der Lärm in der Halle wurde immer unerträglicher. Finchs Gefolgsleute leisteten erbitterten Widerstand. Trotzdem gelang es einem Teil des SWAT-Teams, die Gangway an die Gulfstream heranzuführen. Noch bewegte sich das Flugzeug nicht.

 

Jeder im Team hatte während der harten Ausbildung gelernt, wie man ein Flugzeug entern konnte. Nun war es an der Zeit das Wissen in die Tat umzusetzen. David, Megan und Theodor hatten hinter einem Stapel Kisten Deckung gesucht. Die Kugeln pfiffen ihnen um die Ohren. Don feuerte, unterstützt von ein paar Leuten des SWAT-Teams unablässig auf Finchs Männer, die zweifelsohne bezahlte Söldner waren. „Vorsicht Handgranate“, schrie plötzlich einer aus der Gruppe. Alle rannten um ihr Leben während das Ding hinter ihren Rücken hochging. Durch die Wucht der Detonation wurden sie zu Boden geschleudert. Rappelten sich jedoch ziemlich schnell wieder auf, bis auf einen von Ihnen, den es am Bein erwischt hatte. Don schnappte ihn am Kragen der Schutzweste und zog ihn aus der Schusslinie. Colby und dem anderen Teil der Truppe war es unterdessen gelungen, sich gewaltsam Zutritt zum Flugzeug zu verschaffen. Die beiden Leibwächter in der Kabine, leisteten erst gar keinen Widerstand, ebenso wenig wie Tessa, als sie sich der Übermacht, mit der sie es zu tun hatten, bewusst wurden. Finch selbst, hatte vorgehabt, sich im Cockpit zu verschanzen. Ein klägliches Unterfangen. Colby streckte ihn mit einem Schuss ins Knie nieder.

 

Don konnte nicht sagen, was er empfand als man Tessa vor seinen Augen abführte, seine Gefühlswelt befand sich in Aufruhr. Er schalt sich selbst einen Narren. Beinahe wäre er dieser Frau auf den Leim gegangen. Sie hatte sich ihm gegenüber als die Schutzbedürftige präsentiert und steckte selbst hinter allem, wie sich später herausstellen sollte. Sie hatte die Ermordung ihres Mannes in Auftrag gegeben. Ebenso wie die Sabotierung des Projektes mit dem Nachrichtensatelliten und sogar der Typ, der auf sie geschossen hatte, war von ihr angeheuert worden. Sie hatte alles nur Erdenkliche getan, um ihre Rolle als Opfer zu untermauern. Gordons öffentliche Demütigungen, seine Frauengeschichten und nicht zuletzt sein Erfolg als Unternehmer, hatten sie veranlasst seinem Leben ein Ende zu setzen. War er zu Beginn ihrer Ehe noch von ihr abhängig und ihr bedingungslos ergeben gewesen, so hatte sich das im Laufe der Zeit geändert. Das konnte Tessa nicht ertragen. Ihr braves kleines Schoßhündchen hatte sich in einen Pitbull verwandelt, der nun ebenso rücksichtslos mit ihr umging, wie sie mit ihm, damals als sie sich kennengelernt hatten. Sich einfach scheiden zu lassen, hatte ihr nicht genügt. Die Scheidung wäre zweifelsohne zu einer Schlammschlacht verkommen und Gordon hätte sicherlich nicht gezögert, Tessas Ansehen und ihren Ruf zu zerstören. Mittel und Wege hätte er genug gehabt. Deshalb zog sie es vor, ihm einen gewaltsamen Tod zu bescheren, sich als mehr oder weniger trauernde Witwe zu geben und ihm im Nachhinein noch einige Abscheulichkeiten anzuhängen. Er konnte sich ja schließlich nicht mehr wehren. Don lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als er den Abschlussbericht las. Diese Frau war manipulativ, abgebrüht und ohne jedes Gewissen. Während der unzähligen Verhöre zeigte sie kein einziges Mal eine Spur von Reue.

 

Fünf Tage später

 

„Irgendwie kann ich das alles noch immer nicht glauben“, meinte Don und wischte sich den Mund mit einer Serviette. Er saß zusammen mit Charlie und seinem Vater beim Essen in deren Haus. „Ich muss zugeben, sie hat ihre Rolle äußerst überzeugend gespielt“, sagte Charlie, „ich hab mich zwar nicht in sie verknallt, so wie du …“ „Ich hab mich nicht in sie verknallt“, log Don, „ich hab sie nur irgendwie ….“ „Schon gut“, winkte Charlie ab, „wie auch immer. Fakt ist, diese Frau macht dem Eisberg Konkurrenz, der die Titanic zum sinken gebracht hat. Dumm nur, dass sie uns mit den Unterlagen über den Trust sozusagen in die Hände gespielt hat.“ „Tja, nicht jeder hat ein Mathegenie zum Bruder. Ich bin mir fast sicher, dass die ganze Sache einer weniger eingehenden Prüfung standgehalten hatte.“ Don hob sein Glas, „einen Toast auf Professor Charlie Eppes und seinen messerscharfen Verstand.“ Sie prosteten sich zu. Nachdem Don einen Schluck vom Rotwein gemacht hatte, stellte er das Glas vor sich auf den Tisch. Nachdenklich drehte er den Stiel zwischen seinen Fingern. „Ich wollte fragen, ob ich am Wochenende George mitbringen kann. Ich meine, weil wir doch ein Barbecue veranstalten und Charlie wird sicher Angela …“ er verstummte, als er den betrübten Gesichtsausdruck seines Bruders sah. „Was ist?“ fragte Alan, „du siehst aus, als hätte man dich zum nachsitzen verdonnert.“ „Ich denke, das Crystal, dass man in der Garage gefunden habt, gehört Angela.“ „Was?“ brauste Don auf. Er konnte sehen, wie sein kleiner Bruder nach Worten und Fassung rang.

 

„Sie wurde gefeuert, weil sie kaum noch zur Arbeit erschien. Als man ihren Spind ausräumte, haben sie dort auch das Zeug gefunden. Angela ist abhängig. Ich hab versucht mit ihr zu reden. Aber sie blockt ab. Das einzige, was sie mir am Telefon erzählt hat, war dass ich mich aus ihrem verdammten Leben raushalten soll und dass sie von hier wegziehen wird. Sie meinte eine neue Stadt, ein neues Glück. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ Don atmete kurz durch, „das tut mir leid Charlie. Ehrlich. Dann bleiben wir drei eben mal wieder unter uns.“ Er warf einen Blick zu seinem Vater, „guck mich nicht so an Junge“, schnappte Alan, „zwischen mir und Millie läuft alles prima. Wir treten im Moment nur kürzer, weil wir beide sehr viel um die Ohren haben. Sie an der Uni und ich mit einem neuen Bauprojekt.“ „Dad, ich hab keine Rechtfertigung von dir verlangt“, meinte Don kopfschüttelnd und leerte sein Glas, „ich denk, ich werd dann mal fahren. Hab morgen um 7:30 Uhr ein Meeting mit dem Big Boss und ein paar Leuten vom CIA. Craven hängt nach wie vor wie ein Damokles Schwert über uns. Es scheint, als würden sie Charlies und meine Dienste doch wieder benötigen.“ Charlies Kopf ruckte hoch, „was denn? Sag bloß sie kommen angekrochen und betteln um Hilfe?“

 

Don zuckte die Schultern, „ganz so wird es wohl nicht ablaufen und es ist auch bloß ne Vermutung. Aber soviel ich in Erfahrung bringen konnte, sind bisher alle Spuren im Sand verlaufen und die Aktionen unseres Freundes Hoberman dienten auch nicht gerade dazu, die Truppe in Hochstimmung zu versetzen. Er hat eine offizielle Verwarnung kassiert, wurde bis zur Abklärung aller Umstände vom Dienst suspendiert und bekommt angeblich irgendwo nen Schreibtischjob, weit ab vom Schuss, wo er keinen Schaden anrichten kann. An seiner Stelle hätte ich mir gewünscht, Cravens Leute hätten mich erschossen anstatt so eine Demütigung hinnehmen zu müssen. Im schlimmsten Fall kündigen sie ihn und er kann sich einen Job in einer Sicherheitsfirma suchen. Wie so manch andere Ex-Agenten.“ „So scheint am Ende doch jeder zu bekommen, was er verdient“, sinnierte Charlie. Don und Alan nickten stumm. Dann stand Don endgültig auf, verabschiedete sich und fuhr nach Hause.

 

Seine Gedanken kreisten um so vieles an diesem Abend, aber ganz sicher nicht um seinen mysteriösen Stalker. Den hatte er total aus seinem Gedächtnis verbannt. In Gedanken versunken öffnete er die Tür zu seinem Apartment. Er knipste das Licht im Vorzimmer an, zog sich seine Jacke aus und ging dann weiter ins Wohnzimmer. „Ich dachte, sie würden überhaupt nicht mehr nach Hause kommen“, sagte eine Stimme hinter ihm. Don fuhr herum. „Nehmen sie ihre Hände in die Höhe, so dass ich sie sehen kann“, sagte der Unbekannte forsch. Er befand sich in jenem Teil des Zimmers, das nicht vom Licht des Vorzimmers erhellt wurde. „Wer sind sie und was wollen sie?“ fragte Don. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. „Ich bin derjenige, den sie bis zum heutigen Tag schön brav ignoriert haben Special Agent Eppes.“ Aus dem Mund des Unbekannten klangen sein Dienstrang und sein Name wie eine Beleidigung. Don schluckte, „ich verstehe nicht?“ „Ach nein. Ich sag nur E-Mails, ihr Wagen, ihre Wohnung.“ „Sie sind …“ „Ihr schlechtes Gewissen“, ergänzte der Unbekannte. Trotzdem wurde Don den Eindruck nicht los, die Stimme irgendwie zu kennen. „Sie schnallen es nicht Eppes oder?“ Der Unbekannte machte einige Schritte nach vor. Nach und nach schälte sich sein Umriss aus der Dunkelheit. Vor ihm stand plötzlich Flynn, der Junge, der ihm damals den Hinweis auf den blauen Wagen gegeben hatte. „Sie sind so ein armseliges Würstchen Eppes, sehen sie sich doch an?“ Er fuchtelte nervös mit der Waffe herum. „Hör zu Flynn, wir können das alles in Ruhe besprechen. Leg die Waffe weg. Was immer es ist, was dich …“

 

„Schnauze“, fauchte Flynn, „sie können gar nichts mehr für mich tun. Oder könnt ihr Typen vom FBI jetzt schon Tote zum Leben erwecken? Das wäre nämlich das einzige, das sie für mich tun könnten. Mir meinen Dad wieder bringen. Aber das können sie nicht, nicht wahr?“ Die Stimme des Jungen zitterte ebenso wie die Waffe in seiner Hand. „Ich wünschte, ich könnte mich erinnern Flynn, aber ich weiß nicht …“ „Sie wissen nicht mehr, wie mein Vater gestorben ist, nicht wahr? Sie können sich nicht mehr an die Schießerei vor der Bank erinnern? Es sind ja nur ein paar Jahre dazwischen vergangen. Jahre, in denen meine Schwester und ich ohne Vater auskommen mussten und meine Mutter sich halb zu Tode geschuftet hat, damit wir eine anständige Ausbildung bekommen. Aber was kümmert sie das? Es schert sie einen Dreck nicht wahr? Sie wurden als Helden gefeiert, weil sie die Bankräuber einkassiert haben. Was macht da schon ein toter Sicherheitsbeamter mehr oder weniger? Sie arrogantes fieses Dreckschwein. Zuerst dachte ich, ich könnte sie aus der Reserve locken, aber sie sind einfach zu abgebrüht. Sie können nachts in Ruhe schlafen. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn es einmal zu Kollateralschäden kommt, nicht wahr? So nennen sie das doch? Als ginge es dabei nicht um ein Menschenleben sondern um irgendein Ding, das kaputt gegangen ist.“

 

„Flynn bitte, leg die Waffe weg. Wir können über alles in Ruhe sprechen“, sagte Don und versuchte dabei ruhig zu bleiben, „komm schon, du willst doch nicht …“ „Halten sie ihren gottverdammten Mund Eppes. Ich kann ihr Gelaber nicht mehr hören!“ Flynn hob die Waffe noch ein wenig höher, sie zielte jetzt direkt auf Dons Gesicht. „Bitte, Flynn. Mach keinen Unsinn.“ Die Augen des Jungen füllten sich mit Tränen, Don meinte, er stünde kurz davor, ihm die Waffe zu geben. Ein Irrtum. Eiskalt zog Flynn den Abzug durch. Ein lauter Knall begleitete das Aufblitzen des Mündungsfeuers. Don hob abwehrend beide Hände und warf sich zur Seite, doch er war nicht schnell genug. Die Kugel durchschlug seine rechte Hand und traf ihn anschließend am Kopf. Es wurde dunkel um ihn, alles was er noch hören konnte war das Blut, das in seinen Ohren rauschte. Kurz darauf, krachte ein zweiter Schuss. Es war jener, mit dem sich Flynn das Leben genommen hatte.

 

THE END