Chapter 23

 

Das was Charlie Don zu sagen hatte, erfreute ihn nur wenig. Der Halifax Trust schien mit Unsummen von Geld zu arbeiten, es gab jede Menge Bewegungen auf dem Konto auch ins Ausland. Manche Spuren konnte man einfach nicht mehr verfolgen andere sehr wohl. Geldwäsche in großem Stil, war es allerdings auch nicht. So wie von Tessa behauptet. Gordon Montgomery hatte anscheinend ein Händchen dafür, anderen Leuten Unmengen von Geld zu entlocken bzw. es in seinen Trust zu investieren. Der Trust war kein Fass ohne Boden. So wie Charlie es Don eben klargemacht hatte, besaß Gordon kurz vor seinem Tod mehr Geld, denn je. „Von wegen, er war pleite, dass ich nicht lache“, meinte Charlie und schüttelte den Kopf, „er war dabei Immobilien an den teuersten Plätzen zu erwerben, unter anderem auch in europäischen Großstädten und hatte auch den richtigen Riecher, wenn es um den Erwerb und den Abstoß von Aktien ging. Sieh dir an, wie sich sein Vermögen in den letzten Monaten vermehrt hat. Man könnte meinen, er hätte es in seinem Keller gedruckt.“

 

„Deinen Enthusiasmus in Ehren, aber denkst du wirklich er hat das alles auf legalem Weg geschafft?“ warf Don zweifelnd ein. „Es gibt nicht viele Menschen, die zu so etwas fähig sind. Du brauchst auch Anleger, die an dich glauben, Leute, die bereit sind, dir ohne wenn und aber zu vertrauen. Aber ich denke, es ist kein Verbrechen, wenn man eine solche Überzeugungskraft besitzt.“ Charlie blickte erwartungsvoll in Dons Richtung. „Und wie sieht’s mit der Geldwäsche aus?“ hakte dieser nach. „Dafür hab ich nicht wirklich stichhaltige Beweise gefunden. Tut mir leid. Tiefer als ich’s getan hab, kann man nicht mehr graben. Montgomery war dabei sich in die oberste Liga zu spielen. Hätte er länger gelebt, hätte er irgendwann mal auch unter die „hundert reichsten Leute“ oder so kommen können.“

 

„Oder auch alles mit einem Schlag verspielen, nicht wahr?“ Don wollte einfach nicht aufgeben. „Er hat sein Geld geschickt verteilt, er hat quasi nicht nur auf ein Pferd gesetzt. Daher wäre es sehr unwahrscheinlich wenn er auf einmal ohne Geld dagestanden hätte. Derjenige, der Gordon Montgomery umgebracht hat Don, hat es sicher nicht wegen dem Geld getan. Niemand schlachtet seine goldene Gans. Somit sollte sich dein Täterkreis doch beträchtlich reduzieren, oder etwa nicht?“ wieder dieser Blick. „Charlie gaff mich nicht dauernd an, als wüsste ich auf all deine Fragen eine Antwort.“ Don kniff sich mit dem Zeigefinger und dem Daumen der rechten Hand in die Nasenwurzel. Ob er wollte, oder nicht Charlie hatte recht. „Na schön. Und wo bitte setz ich jetzt an?“ schnappte er. Sein kleiner Bruder zuckte die Schultern, „ich bin nicht der FBI-Agent in der Familie. Ich bin das Mathe-Genie, schon vergessen?“ er schenkte Don ein zufriedenes Grinsen. Dieser trat wütend gegen den Pfeiler in der Mitte des Büros. Charlie zuckte unwillkürlich zusammen, „du scheinst dich nicht sehr über meine Entdeckung zu freuen?“

 

„Doch Charlie, das tu ich wirklich“, sagte er in einem Ton, der das Gegenteil verhieß, „Es ist nur … es ist nur“, er wollte es einfach nicht aussprechen. „Es ist nur“, fuhr Charlie ungerührt fort, „wenn es kein Racheakt eines wütenden Anlegers war und es auch nicht ums Business im Allgemeinen ging, kann es nur noch privater Natur sein. Du wirst wohl mit Tessa reden müssen.“ „Scheiße verdammt noch mal ja“, fluchte Don, „bereits nach dem Gespräch mit Finch kam Megan der Gedanke. Ich bin anscheinend der Einzige, der es nicht wahrhaben will.“ „Weshalb? Weil sie eine arme blinde Frau ist, die im Begriff war, sich in den Herz zu schleichen?“ bohrte Charlie in der offenen Wunde. „Blind heißt nicht automatisch blöd“, murmelte Don. „Wie bitte?“ „Nichts Charlie, vergiss es. Wenn es wirklich Tessa ist, die hinter der ganzen Sache steckt, dann hast du mich wenigstens früh genug davor bewahrt, den größten Fehler meines Lebens zu begehen. Und dass ich dazu neige, mich manchmal zum Affen zu mache, ist nichts Neues.“ Seine Augen hatten sich gefährlich verdunkelt. Sein Innerstes war aufgewühlt wie die See an einem stürmischen Tag. Seine Gefühle fuhren Achterbahn und sein Magen krampfte sich dermaßen zusammen, dass ihm schon übel wurde.

 

„Wenn du willst, kann ich dich begleiten“, sagte Charlie mit dem Anflug von Besorgnis in der Stimme, „du musst da nicht alleine durch.“ Merkwürdig, er sagte seinem Bruder jetzt dieselben Worte, die er kurz nach seiner Entführung von ihm gehört hatte. Im Moment waren die Rollen vertauscht. Er war der Starke und Don dümpelte am Rande der Verzweiflung. Kunststück, hatte er sich offenbar in Tessa verliebt und Zuneigung für sie entwickelt. Irgendwie verständlich. Sie war äußerst attraktiv, ihre Blindheit hatte Dons Beschützerinstinkt geweckt. Die arme Witwe, deren Mann auf so schreckliche Weise sein Leben lassen musste. So ganz hatte ihr Charlie die Story nie abgekauft. Für ihn war sie stets ein wenig zu beherrscht gewesen. Viel hätte nicht gefehlt und sie hätte am Tag des Anschlages auch noch ne Abschiedsparty für ihn geschmissen. Aber im Nachhinein konnte man immer klug reden und so behielt Charlie seine Gedanken für sich, ohne einen einzigen davon laut auszusprechen. „Ich warte lieber auf Megan, ob sie vielleicht noch was findet, dass unsere Vermutungen untermauert“, meinte Don mürrisch, „Tessa gehört sicher nicht zu jenen Frauen, die unter Tränen zusammenbrechen und dann gleich ein Geständnis ablegen. Da friert wohl eher die Hölle zu.“

 

Charlie seufzte, „da muss ich dir recht geben Don. Die Tatsache, dass ihr Mann nicht pleite war, so wie sie es uns einreden wollte, ist wohl kein schlüssiger Beweis für ihre Schuld. Gibt es sonst noch was, das ich für dich tun kann?“ Don schüttelte den Kopf, „nein, im Moment nicht Charlie, danke.“ „Dann pack ich hier mal alles zusammen. Ich fahr dann nach Hause, Essen, weißt du, wenn du Lust hast …“ Don nickte stumm und verließ das Zimmer. Konnte er sich tatsächlich dermaßen getäuscht haben? Tessa mutierte vor seinem geistigen Auge zu einer Spinne, die ihre Opfer in ihr Netz lockte und sie dann eiskalt tötete. „Scheiße Don, wo hast du dich da wieder reingeritten“, murmelte er und drückte auf seiner Tastatur herum. Wieder gab es neue „Liebesbotschaften“ von dem Irren, der ihm noch zusätzlich das Leben zur Hölle machte. Er schüttelte darüber bloß den Kopf und löschte die drei Nachrichten auf einmal.

 

Am nächsten Morgen saß Larry in seinem Büro und guckte gespannt auf seinen Bildschirm. Seine Freunde bei der NASA hatten noch in der Nacht Amitas Virus in den Speicher des Nachrichtensatelliten hochgeladen und warteten auf Ergebnisse. Sollte nicht alles planmäßig von statten gehen, hatten sie beschlossen, den Satelliten einfach vom Himmel zu holen. Doch noch wollte man das teure und äußerst nützliche Ding nicht einfach aufgeben. Plötzlich machte sich Hektik im Rechencenter der NASA breit. Die Ingenieure wuselten aufgeregt hin und her. „Was ist Claus?“ sagte Larry aufgeregt. „Unser kleiner Freund ist hochgefahren Lawrence“, antwortete der Mann mit der dicken Hornbrille am anderen Ende der Webcam. Larrys Finger ballten sich zu Fäusten, sein Herz hämmerte dermaßen in seiner Brust, dass er meinte, es müsse zerspringen. Er kniff die Augen zusammen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Sein ganzer Körper schien unter Strom zu stehen. „Nanu? Ist dir nicht gut Larry?“ drang Charlies Stimme plötzlich an sein Ohr. Es war so unvermittelt, dass ihm ein lautes „HAAH“ entfuhr. „Charles schleich dich doch nicht immer so an. Wir sind hier auf dem CalSci und nicht auf dem Kriegspfad.“ „Tschuldige, für dein dünnes Nervenkostüm kann ich nichts“, meinte Charlie grinsend, „und jetzt sagt mir, was du da machst. Man könnte meinen, du legst gerade ein Ei.“

 

„Die NASA hat mir vorhin bestätigt, dass die Computereinheit, in die Amitas Virus eingespeist wurde, hochgefahren ist. Gleich werden wir wissen, ob es auch funktioniert.“ „Larry, sag mir das doch gleich“, rief Charlie und eilte zu seinem Freund. Nun sahen sie zu zweit gebannt auf den Schirm. „Wieso sind alle so hektisch?“ nuschelte Charlie und knabberte an einem Fingernagel. Larry zuckte die Schultern, „ich bin nicht allwissend.“ Da tauchte wieder Claus’ Gesicht auf dem Schirm auf. Er strahlte, wie ein Atomkraftwerk, „es funktioniert Lawrence, es funktioniert. Unser Baby tut alles was es tun sollte und ist in keinster Weise unanständig.“ „Redet der immer so beknackt?“ wollte Charlie wissen. „Er neigt zu einer blumigen Sprache, ja“, bestätigte Larry, der noch immer fassen konnte, was da vor sich ging. Plötzlich allgemeiner Jubelausbruch in der NASA Leitzentrale. Die Gefahr war gebannt. Amitas Virus hatte ganze Arbeit geleistet. „So und jetzt schreiben wir das ganze Programm noch mal neu“, meinte die Hornbrille, „dann laden wir es hoch und fertig. Danke Larry, vielen Dank. Und lass die Kleine, die das Ding programmiert hat schön grüßen. Vielleicht hat sie ja mal Lust auf ein …“ Charlie drückte auf eine Taste und kappte damit die Verbindung, „was bildet sich der hässliche Kerl eigentlich ein? Denkt er wirklich, Amita könnte etwas an ihm finden?“

 

„Verzeihung Charles, aber das ist MEIN Computer, MEINE Standleitung und MEINE Webcam. ICH entscheide, wann ich ein Gespräch beenden will“, fauchte Larry, „du und Amita, ihr seid nicht mehr zusammen. Schon vergessen? Sie kann sich treffen mit wem sie will und wenn es das Footballteam der CalSci ist. Du bist selbst an deiner Misere schuld. Also hör auf damit anderen Leuten den Tag zu versauen. Ihr Programm …“ In dem Moment hatte Charlie erneut eine Idee. „Hör mal Larry, jemand muss doch dieses Programm geschrieben haben. Kann es sein, dass es nicht von Anfang an Bestandteil des ursprünglichen Parts war?“ In Larrys Gesicht standen nur noch Fragezeichen. „Ich meine, kann es sein, dass jemand erst nachträglich diese Sequenz mit dem Störsender eingebaut hat? So wie wir jetzt das Virus nachträglich eingespeist haben.“ „Am einfachsten wäre es, denjenigen zu kontaktieren, der es entwickelt hat. Ich meine wenn er frei von Schuld ist, dann wird er sicher nichts dagegen haben, wenn sich jemand das Programm ansieht.“ „Du sagst es. Ich fahr gleich zu Don, leihst du mir deinen Wagen?“ „Nur, wenn du mir versprichst, ihn in einem Stück zurückzubringen Charles?“ meine Larry, dabei zogen sich seine Augen zu gefährlichen Schlitzen zusammen. „Ich verspreche es. Großes Pfadfinderehrenwort.“

 

Zwei Stunden später saßen Don und Charlie gemeinsam im Büro von Dr. Turner. Don hatte den technischen Part der Unterhaltung gerne seinem jüngeren Bruder überlassen. Als es darum ging, sich Zutritt zu den Daten zu verschaffen, ergriff er jedoch das Wort. „Hören sie Dr. Turner. Entweder sie gewähren uns freiwillig Einblick in das Programm oder ich bin in Kürze wieder mit einem Durchsuchungsbefehl hier. Wenn sie keinen Dreck am Stecken haben, sehe ich nicht ein, was dagegen spricht.“ „Special Agent Eppes, denken sie nicht, sie brauchen hier nur einmal mit ihrem Ausweis zu wedeln und schon gehen alle in die Knie, so spielen wir das sicher nicht. Es handelt sich um hochsensible und auch geheime Daten, die man nicht einfach herzeigen kann. Sie unterliegen der strengsten Geheimhaltung.“ Don setzte sich auf und lehnte sich nach vor. „Wenn’s das ist. Mein Bruder hat die höchste Sicherheitsklassifizierung, die sie sich vorstellen können“, er deutete mit dem Daumen auf Charlie, „er hat die NSA im Rücken. ICH muss diese Daten gar nicht sehen, sondern er. Mir können sie leicht ein X für ein U vormachen, ihm jedoch nicht. Also zeigen sie Professor Eppes jetzt die Daten freiwillig oder muss ich erst …“ „Schön, schön“, lenkte Turner unvermittelt ein, „kommen sie bitte Professor.“ Als Don sich erheben wollte, meinte er jedoch, „sie bleiben schön hier sitzen Special Agent. Meine Assistentin bringt ihnen gerne einen Kaffee.“ Doch den sollte Don nicht wirklich genießen können, denn die Ereignisse begannen sich zu überschlagen.