Chapter 22

 

Don rief Finchs Büro an, dort sagte man ihm, er hätte sich heute freigenommen. „Protziger geht’s wohl nicht mehr“, grummelte Don, als sie durch ein riesengroßes, schmiedeeisernes Tor die weißgekieste Auffahrt hinauffuhren. „Wer hat, der hat“, stellte Megan trocken fest. Sie stiegen aus, gingen zur Eingangstür und Don drückte auf den goldenen Klingelknopf. Dabei warf er Megan einen Blick über die Schulter zu und schnitt eine Grimasse. Eine ältere Dame öffnete ihnen. „Ja, bitte?“ ihre misstrauischen Blicke musterten Don und Megan eindringlich. Sie zückten ihre Ausweise und stellten sich vor. „Wir würden gerne mit Mr. Finch sprechen“, sagte Don. „Mein Mann ist vor zehn Jahren gestorben“, sagte die ältere Frau von oben herab. „Wenn sie meinen Enkel meinen, den finden sie hinten auf dem Tennisplatz.“ Damit knallte sie ihnen die Tür vor der Nase zu. „Nette Omi“, meinte Don. Der hintere Teil von Finchs Anwesen hätte kitschiger nicht sein können: riesengroßer, nierenförmiger Swimmingpool und schräg gegenüber ein Tennisplatz. Der war allerdings leer.

 

Trotzdem gingen sie weiter. Da entdeckten sie Finch und seine Verlobte, die es sich mittlerweile am Pool gemütlich gemacht hatten. Er war gerade dabei, ihr den Rücke einzucremen. „Hallo Mr. Finch, Mrs. Kern“, Don nickte den beiden kurz zu, „das ist Agent Megan Reeves. Wir würden gern mit Ihnen reden Mr. Finch und zwar über den Tod von Gordon Montgomery.“ Finch stellte die Sonnencreme auf den Boden und sah zu ihnen hoch, „ich wüsste nicht, wie ich ihnen da weiterhelfen könnte.“ „Wir dachten uns, da sie, als Ex-Marine mit entsprechender Ausbildung …“ setzte Megan an. Finch warf einen genervten Blick auf Judith, „Liebling entschuldige uns doch bitte. Geh hinein und mach dir nen Eistee oder sonst was.“ Sie drehte sich auf den Rücken und präsentierte allen ungeniert ihre Silikonbrüste, „aber Schatz, ich find’s hier draußen echt super. Du kannst mir auch gern …“ „Zisch ab!“ fauchte er. Daraufhin sprang sie auf, wie von der Tarantel gestochen und verschwand im Haus.

 

„Judith weiß nicht viel über meine Vergangenheit und das ist auch gut so. Zuviel Wissen macht bloß Kopfweh“, erklärte er mit einem schiefen Grinsen. „Vor allem im Hinblick darauf, dass sie beide ja bald heiraten werden. Man kann eben nicht genug Geheimnisse vor seiner zukünftigen Frau haben“, bemerkte Megan. „Wer sagt, dass ich sie heirate?“ er lachte kurz auf. „Sagten sie nicht, dass sie beide verlobt wären?“ hakte Don, ein wenig irritiert, nach. „Ich kann mich doch auch wieder entloben, oder nicht?“ Der Kerl war so widerlich, dass Megan beinahe übel wurde. „Zurück zu Montgomery“, sagte Don, dem Megans Blick nicht entgangen war. „wo waren sie an jenem Tag?“ Finch kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf, „na so aus dem Stehgreif kann ich das jetzt auch nicht sagen. Ich meine, ich bin ein vielbeschäftigter Mann, ich müsste in meinem Terminkalender nachsehen“, sagte er, machte jedoch keine Anstalten aufzustehen. Don sagte deshalb mit Nachdruck, „hätten sie vielleicht die Güte, das gleich zu erledigen?“ „Wie sie wollen“, antwortete Finch gedehnt.

 

„Arrogantes, selbstverliebtes Arschloch“, schnaubte Megan, „vielleicht sollte mal jemand dieser Judith die Augen öffnen.“ „Ja, da geb ich dir recht. Aber das werden bestimmt nicht wir beide sein“, sagte Don und ließ seinen Blick über den Swimmingpool schweifen. „Ich hätte große Lust, da jetzt rein zu springen.“ „Weshalb tun sie es nicht Agent Eppes? Wir haben jede Menge Badezeugs für Gäste im Schuppen.“ Judith stand in der Tür und balancierte ein Tablett mit einem Krug Zitronenlimonade und Gläsern, wenigstens trug sie jetzt ein T-Shirt. „Dorian ist ein lausiger Gastgeber“, entschuldigte sie sich und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Ohne zu fragen, füllte sie zwei Gläser, „bitteschön. Die Hitze ist wirklich unerträglich.“ Don hatte das Gefühl sie war ihn Gedanken schon dabei, ihn auszuziehen. Hoffentlich fing sie nicht noch an zu sabbern. „Wie geht es eigentlich Tessa? Dorian hat sie zwar kurz besucht, aber er hüllt sich in Schweigen.“ Sie zog eine Schnute und spielte mit einer Haarsträhne. „Sie ist auf dem Weg der Besserung“, sagte Don knapp. Als sich Finchs Schritte näherten, machte sich Judith aus dem Staub. Man hätte glauben können, sie fürchte sich vor ihm.

 

„Tja, so wie es aussieht, hab ich ein Alibi“, er strahlte übers ganze Gesicht und wedelte mit einer Eintrittskarte. „Hier“, er ließ sie auf den Tisch fallen. „Wie sie sehen können, war ich am Tag des Anschlages und die Tage davor auf einer Tagung in St. Monica.“ „Und das war ihnen entfallen?“ Megan zog ihre Stirn kraus. „Nein, Agent Reeves, war es nicht. Ich konnte mich nur nicht mehr an das genaue Datum erinnern.“ „Dann wird es also jede Menge Leute geben, die das bezeugen können?“ hakte sie nach, „und nachts?“ „Da lag er neben mir, nicht wahr Schatz?“ Judith war zurückgekehrt und schlang jetzt von hinten die Arme um ihren Geliebten, „beziehungsweise auf mir.“ Breit grinsend sah er zwischen Don und Megan hin und her und zuckte die Schultern, „ich denke, damit wäre die Angelegenheit erledigt.“ Ein offensichtlicher Wink mit dem Zaunpfahl. „In Ordnung Mr. Finch. Aber halten sie sich bitte zu unserer Verfügung“, sagte Megan schroff. Dann erhoben sich die beiden Agents und gingen zurück zum Wagen.

 

„Die lügen doch wie gedruckt“, echauffierte sich Megan, nachdem sie den Sicherheitsgurt angelegt und Don den Wagen gestartet hatte. „Mit dem Auto ist es doch ein Katzensprung von St. Monica nach L.A. Ich versteh nur nicht, weshalb ihn Judith deckt. Er behandelt sie doch wie seinen Fußabtreter.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber er hat sehr viel Geld, ein großes Haus und …“ Don trat unvermittelt auf die Bremse. „Was ist?“ „Vielleicht gehört ihm das Anwesen ja gar nicht. Vielleicht gehört es seiner Großmutter?“ „Es würde jedenfalls zu ihm passen, sich mit fremden Federn zu schmücken“, sagte Megan, „ehrlich gesagt, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass er und Tessa jemals was miteinander hatten. Die passen doch absolut nicht zusammen, nachdem was du mir von ihr erzählt hast.“ Don seufzte laut, „da muss ich dir recht geben. Aber immerhin war sie auch jahrelang mit Gordon verheiratet und der war, laut ihrer eigenen Aussage, auch nicht besser als Finch, im Gegenteil.“ An einer roten Ampel warf Don einen Blick auf Megan, ihr Gehirn schien auf Hochtouren zu laufen, „was ist? Worüber denkst du nach?“

 

„Über alles. Ist es nicht merkwürdig, dass Finch gleich angerannt kommt, nachdem Tessa angeschossen wurde und das obwohl sie sich schon länger nicht gesehen haben und er inzwischen sogar schon wieder verlobt ist?“ Ihre Blicke verhakten sich ineinander. Das Hupen der anderen Fahrzeuge brachte Don wieder in die Realität zurück und veranlasste ihn, weiterzufahren. „Naja, ich meine, keine Ahnung, wie nah sie sich noch stehen“, entgegnete er, „wie viel er noch für sie empfindet, aber …“ „Komm schon Don, ich denke eher, dass die beiden noch was am Laufen haben. Und wenn dem so ist, könnte Finch ja auf Geheiß von Tessa gehandelt haben“, gab sie zu bedenken. „Nein, also das nehm ich dir jetzt nicht ab Megan“, protestierte Don entschieden, „sie hätte ihren Mann doch einfach verlassen können. Das Geld gehört ihrer Familie.“ „Ist das tatsächlich so? Ich denke nicht, dass wir in diese Richtung ermittelt haben, jedenfalls nicht so richtig.“ Don gefiel dieser Gedanke absolut nicht, aber ganz außer acht lassen, wollte er ihn auch nicht. „Wir werden nochmal ausführlich in der Richtung nachforschen, einverstanden?“ Sie nickte und grinste zufrieden, „sehr gut. Mal sehen, ob Mrs.Montgomery nicht doch Leichen im Keller versteckt hat.“

 

Wieder war Angela nicht zur Arbeit erschienen, wieder hatte sie Migräne als Grund dafür angegeben. Im Reha-Zentrum wurde man langsam sauer auf sie. Charlie war eher besorgt und hielt auf dem Heimweg vor ihrer Haustür. Noch war er mit dem Fahrrad unterwegs, doch schon übermorgen würde er seinen neuen Wagen bekommen. Er ging zur Tür und läutete. Nichts. Er versuchte es noch mehrmals. Vergeblich. Dann ging er ums Haus herum und klopfte an die Hintertür. Außer dem kläglichen Miauen von Munchie rührte sich nichts. Er versuchte es per Telefon. Nach endlos langem Klingeln nahm Angela schließlich ab, „hallo?“ kam es verschlafen aus dem Hörer. „Angela, hier ist Charlie. Himmel, ich hab mir Sorgen um dich gemacht. Ich steh hier vor deinem Haus.“ „Tut mir leid“, murmelte sie, kaum verständlich. „Ich hab mich mit Medis zugedröhnt, damit ich wenigstens schlafen kann. Diese Kopfschmerzen bringen mich noch um.“ „Lass mich rein, dann kann ich mich um dich kümmern“, meinte er mit sanfter Stimme, „ich könnte dir kalte Wickel machen, dir was zum Essen kochen …“ „Das ist total süß von dir Charlie, aber bitte sei mir nicht böse. Erstens bin ich kein schöner Anblick und zweitens bin ich froh, wenn ich einfach nur schlafen kann. Ich melde mich morgen bei dir, versprochen.“ Noch bevor er antworten konnte, hatte sie die Verbindung unterbrochen.

 

Na toll, jetzt blieb ihm nicht anderes übrig, als sich auf seinen Drahtesel zu setzen, nach Hause zu radeln und sich in Arbeit zu stürzen. Würde er sich eben zum zigsten Mal die Unterlagen des Halifax Truts zu Gemüte führen. Es gab ja nichts Schöneres im Leben. Seit seiner Entführung hatte sich auch irgendwie die Einstellung zur Arbeit verändert. War er früher ein totaler Workaholic gewesen, so hatte er jetzt kapiert, dass es im Leben noch mehr gab als die Mathematik. Traurig, dass ihm diese Erkenntnis beinahe das Leben gekostet hätte.

 

Als er zu Hause ankam, war er alleine. Alan hatte eine Nachricht auf dem Tisch hinterlassen, dass er und Milly zu einem Konzert gegangen waren und dass sich das Essen im Kühlschrank befand. So richtig Appetit hatte er jedoch nicht. Also marschierte er schnurstracks in die Garage, die im Moment eher einer Baustelle glich. Sein altes Notebook war zwar nur noch Schrott gewesen, aber er hatte trotzdem eine Menge Daten retten und sichern können. Dank sei dem neuen Recovery-Programm, dass er zusammen mit ein paar Studenten an der CalSci entwickelt hatte und an dem auch bereits die NSA Interesse zeigte. Er fluchte leise vor sich hin, während er die gesammelten Daten durchging. Er hatte sich den Nachmittag eigentlich ganz anders vorgestellt. Plötzlich fiel ihm etwas auf, das er bisher übersehen haben musste. Wie hatte ihm das nur passieren können? Es war doch zu offensichtlich oder war es vielleicht gerade deshalb geschehen? Sofort griff er zum Hörer und rief seinen Bruder an, „hey Don, hier ist Charlie. Bist du im Büro? Dann komm ich gleich bei dir vorbei.“ Er legte auf und rief ein Taxi.