Chapter 21

 

„Also Don“, begann Megan, „ich hab Finchs Daten durch unseren Computer gejagt und rate mal?“ Sie wartete vergeblich auf eine Antwort. Er starrte weiter auf seinen Bildschirm. „Don?“ fragte sie ein wenig harscher. Erschrocken fuhr er zusammen, „sorry Megan, ich war grad in Gedanken“, entschuldigte er sich. „Aller klar?“ fragte sie mit besorgter Miene. Don drückte auf die Escape-Taste, seine Kollegin brauchte das E-Mail nicht zu sehen, das er gerade bekommen hatte. Wieder eine der üblichen „netten“ Grußbotschaften, seines nach wie vor, unbekannten Stalkers. „Was gibt’s?“ hakte er nach. „Bist du sicher, dass es dir gut geht?“ „Ja, klar. Alles palletti. Schieß los, ich bin ganz Ohr.“ „Wenn du meinst“, sie zog kurz ihre linke Augenbraue in die Höhe.

 

„Finch ist ein Ex-Marine. Was ja weiter nicht schlimm wäre, wäre da nicht die Spezialausbildung, die er beim Sprengkommando absolviert hat. Der Kerl könnte problemlos ne Autobombe basteln.“ Sie legte die Akte auf Dons Schreibtisch. Sofort setzte er sich auf und fing an, interessiert darin zu blättern. „So, so“, murmelte er, „vielleicht war es ein Mord aus Leidenschaft?“ „Ist es nicht ein wenig krass, seinen Nebenbuhler in die Luft zu sprengen?“ meinte sie. „Aber zweifelsohne gründlich. Ne Kugel hätte er vielleicht überlebt.“ „Wenn du mich fragst, wird die Sache immer merkwürdiger“, sagte Megan. Don seufzte, lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er hatte Charlie noch bis in die frühen Morgenstunden hinein beim Aufräumen der Garage geholfen und kaum ein Auge zugemacht.

 

David stieß zu ihnen, „hallo Leute? Was ist Euch denn über die Leber gelaufen?“ Sein Auge war immer noch böse geschwollen. „Solltest du nicht zu Hause sein?“ gemahnte Don. David zuckte die Schultern. „Theo hat mich von zu Hause abgeholt. Für Telefondienst usw. bin ich fit genug.“ „Okay, du musst es ja wissen“, entgegnete Don. „Ich hab das von dem Einbruch gehört. Schlimme Sache. Wurde jemand verletzt?“ David schien ehrlich besorgt. „Die Garage hätte sowieso schon längst renoviert werden müssen. Weder Charlie, noch mein Dad waren zu Hause, als es passierte. Gott sei Dank.“ „In letzter Zeit scheinen wir ja mächtig Glück zu haben“, meinte er in Anspielung auf die Explosion. Don nickte, geistesabwesend. „Übrigens wegen dem blauen Nissan, den der Junge an dem Abend gesehen haben will, als dein Wagen ruiniert wurde. Da könnten wir ebenso gut ne Stecknadel in nem Heuhaufen suchen. Er war anscheinend der einzige, der den Wagen gesehen hat, sorry“, David verzog das Gesicht ein wenig, da sich seine Verletzung bemerkbar machte.

 

„Danke, ich hatte auch nicht erwartet, dass es etwas bringen wird“, seufzte Don, „Megan, wie sieht’s aus? Lust auf ein Gespräch mit Mr. Finch? Mich würde brennend interessieren, was er uns über Gordon Montgomerys Tod erzählen kann.“ David blickte verwirrt zwischen seinen beiden Kollegen hin und her. Während Don bereits auf dem Weg zum Wagen war, brachte Megan ihn auf den neuesten Stand und bat ihn gleichzeitig um weitere Hintergrundrecherchen über Finchs Vergangenheit. Einige Einträge waren unter Verschluss. „Lass die nicht abwimmeln David, immerhin wurde ein Kongressabgeordneter ermordet“, rief sie ihm aufmunternd zu, bevor sich die Glastür hinter ihr schloss.

 

Auch Charlie war heute irgendwie nicht so ganz auf der Höhe. Zum Glück hat sich sein Vater über den Schaden in der Garage weniger aufgeregt, als er gedacht hatte. Alan schien es nur wichtig zu sein, dass weder ihm noch Don was zugestoßen war. Er zupfte nachdenklich an seiner Unterlippe und staunte nicht schlecht, als er Larry Mutterseelen allein und doch wie einen Wasserfall brabbelnd, in seinem Büro vorfand. Des Rätsels Lösung, er hatte gerade eine Videokonferenz mit Amita geschaltet. Charlie zuckte unmerklich zusammen, als er ihr Gesicht auf dem Bildschirm entdeckte. „Hallo Charlie“, grüßte sie ihn, ganz freundlich. Augenblicklich schoss ihm eine Verlegenheitsröte ins Gesicht und er vermied es, direkt in die Kamera zu sehen. „Hallo Amita“, sagte er halblaut.

 

„Larry hat mir von dem Einbruch erzählt. Schlimme Sache. Geht’s dir gut?“ Er nickte, „jaja, geht so. Wir hatten sowieso vor zu renovieren.“ Er tat, als wäre er wahnsinnig mit irgendwelchen Unterlagen, die auf Larrys Schreibtisch herumlagen, beschäftigt. „Schön Larry“, sagte sie deshalb, „ich hab dir das fertig programmierte Virus geschickt. Bei unseren Testläufen hier, hat alles funktioniert. Aber du weißt ja“, dabei zwinkerte sie ihm zu, „es geht nichts über ne „Fleinhartsche“ Inaugenscheinnahme.“ „Ich fühle mich geschmeichelt“, grinste Larry verlegen, seine Ohren begannen zu glühen. Charlie stand neben ihm und drehte irgendwie am Rad. Eigentlich hatte er es nicht vorgehabt, aber dann sprudelte es einfach so aus seinem Mund, „und wie gefällt es dir in Lyon? Hast du nette Kollegen? Schönes Wetter? Eine gute Unterkunft?“

 

Amita runzelte die Stirn, „freundlicher geht’s wohl nicht mehr? Du hörst dich an wie dein Bruder beim Verhör eines Hauptverdächtigem in einem Mordfall.“ Charlie klappte das Buch zu, das er eigentlich nur so auf einer x-beliebigen Seite aufgeschlagen hatte und sah in die Kamera. „Entschuldige, das sollte es nicht. Ich wollte einfach nur wissen wie’s dir geht.“ An seiner Stimme konnte sie hören, dass es ihm aufrichtig leid tat und das rief in ihr eine gewisse Befriedigung hervor. Ihm war anscheinend doch nicht alles so egal. „Es ist schön hier. Ich teile mir die Wohnung mit einer anderen Professorin in meinem Alter.“ „Nicht vielleicht mit einem jungen Professor?“ ging es ihm durch den Kopf, der Stachel der Eifersucht bohrte sich in Charlies Fleisch. „Alle sind hier wahnsinnig nett und deshalb werd ich noch bis Anfang nächsten Monat bleiben.“ Jetzt klappte ihm die Kinnlade herunter, „du, du hast noch einmal verlängert?“ fragte er baff.

 

„Sie arbeiten hier an einem total coolen astrophysikalischen Projekt. Da wollte ich mir die Chance einfach nicht entgehen lassen, “ sie grinste von einem Ohr zum anderen und sah dabei verdammt … glücklich aus. „Da steckt nicht zufällig ein Professor dahinter“, schnappte Charlie. „Oh, doch Monsieur Blanc. Er ist ein wirklich ausgesprochen netter Mann“, Amita geriet ins Schwärmen und Charlie in die Krise. Es machte ihr tierisch Spaß, ihn, selbst auf diese Distanz hin, in den Wahnsinn zu treiben. „Und seht ihr euch oft, Monsieur Blanc und du?“ fauchte er. „Beinahe täglich. Immerhin konnte er in seinen siebenundsechzig Jahren schon einiges Wissen ansammeln.“ „Siebenund …“, Charlie schluckte, „siebenundsechzig Jahre? Sollte er nicht schon längst in Pension sein?“

 

„Er kommt immer wieder gern hierher, um Vorlesungen zu halten. Er sieht ein bisschen aus, wie Sean Connery.“ Und Charlie sah jetzt ein bisschen aus, wie Rumpelstilzchen. Amita kringelte sich innerlich vor Lachen. Larry kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Alles klar?“ fragte Amita mit gerunzelter Stirn. „Ja, bestens. Prima!“ „Na, sehr begeistert scheinst du ja nicht zu sein?“ meinte sie. “Oh, doch. Ehrlich, ich frag mich nur, warum ich nicht selbst draufgekommen bin. Du bist ein Genie, Amita.“ Sie lächelte geschmeichelt. Charlie wühlte noch immer in den Unterlagen auf Larrys Tisch. „Wenn du so weiter machst, bist du bald am Fundament angekommen“, meinte Larry. Charlies Getue machte ihn sichtlich nervös. „Okay Jungs, ich muss mich jetzt ausklinken. Immerhin ist es hier schon nach Mitternacht“, sagte Amita, „ich bin so um sechzehn Uhr eurer Zeit noch mal on Larry, nur für den Fall, dass du noch was brauchst.“ „Danke dir. Es war, wie immer ein Vergnügen mit dir zu arbeiten.“ „Ganz meinerseits. Bye Charlie.“ „Bye!“ sagte er und hob nicht mal richtig den Kopf dabei. Sie zuckte die Schultern und trennte die Verbindung. Ihr Bild verschwand vom Monitor und der Desktop Hintergrund wurde sichtbar.

 

Larry sah hinüber zu Charlie, der endlich aufgehört hatte, Akten hin und her zu schieben. „Wie ein Gentleman hast du dich nicht gerade verhalten, Charles“, rügte Larry ihn. „Ich hab momentan soviel um die Ohren, außerdem bin ich noch irgendwie durch den Wind, wegen der Sache von gestern. Ich weiß auch nicht.“ „Könnte es eventuell an der Tatsache liegen, dass du und Angela, ich meine, naja…“, Larry machte eine wage Handbewegung. „Ich glaube nicht, dass dich das was angeht“, schnappte Charlie. Larry stieß einen lauten Seufzer aus und konzentrierte sich wieder auf das Virusprogramm. Charlie kam sich irgendwie überflüssig vor. „Brauchst du mich, oder kann ich wieder gehen?“ fragte er. Larry deutete mit dem Kopf auf einen kleinen Stapel auf dem anderen Tisch. „Die Arbeiten gehören korrigiert. Es wäre mir eine große Hilfe, wenn du das für mich erledigen könntest.“ „Ja, klar. Kein Problem. Ich nehm sie mit in mein Büro“, entgegnete Charlie, schnappte sich die Unterlagen und ließ Larry allein zurück.