Chapter 20

 

Charlie verging das Lachen bereits während der Therapie. Es sah so aus, als würde seine linke Seite wieder schwächer werden. „Vielleicht ist es nur ein kleiner Rückfall“, meinte Angela und klang dabei nicht wirklich überzeugend. „Was, wenn es überhaupt schlechter wird?“ schnappte Charlie. „Ich bin kein Arzt. Aber es wäre klug einen solchen aufzusuchen“, sagte sie, „eine neurologische Untersuchung kann nicht schaden.“ Sie kramte in einer der vier Schreibtischschubladen herum und brachte eine Visitenkarte zum Vorschein, „Dr. Alfred Burns“, las sie laut vor und drückte sie ihm in die Hand, „er ist ein Genie auf seinem Gebiet. Sag ihm einen schönen Gruß von mir, dann bekommst du sicher bald einen Termin.“ Charlie zog seine Stirn kraus, „hattest du mal was mit ihm?“ „Nichts, was dich interessieren könnte. Denkst du ich hätte keine Vergangenheit was Männer anbelangt?“ sie schien beleidigt. „Sorry, ich wollte nicht unhöflich sein“, meinte er verdrossen. „Warst du aber.“ Der Abschied an diesem Vormittag fiel äußerst kühl aus. Die Flammen der Leidenschaft hatten sich in ein laues Feuerchen im Kamin verwandelt.

 

Charlie verzichtete heute mal auf einen fahrbaren Untersatz und marschierte nach Hause. Irgendwie wollte er es nicht wahrhaben, dass sich sein Zustand anfing zu verschlechtern. Vielleicht war es ja tatsächlich nur ein Rückfall. Ihm tat es schon wieder leid, so biestig zu Angela gewesen zu sein. Irgendwie schien ihm alles über den Kopf zu wachsen. Milly hatte auch vorher bei ihm durchgeklingelt und gemeint, wann er denn gedenke, wieder voll an der Uni zu unterrichten. Am liebsten würde er sich in eine dunkle Ecke verkriechen oder unsichtbar werden. Er hatte seinen schwarzen Rucksack lässig über die Schulter geworfen und die Hände tief in die Taschen vergraben. Vom Pazifik her, wehte eine sanfte Brise und spielte mit seinen dunklen Locken. Er fühlte einen leicht salzigen Geschmack auf seinen Lippen, als er, in Gedanken versunken, darüber leckte. Die Unterlagen, aus Tessas Apartment bereiteten ihm zusätzliche Kopfschmerzen.

 

Er hatte sie kurz überflogen und sich in einige Daten näher vertieft. Wenn tatsächlich jemand daran gedacht hatte, damit etwas zu vertuschen, dann musste der schon ein Vollidiot gewesen sein. Die Geldflüsse waren eindeutig nachzuvollziehen, bis auf ein paar Überweisungen auf ausländische Konten. Ihm war die Sache einfach zu glatt. So als wollte jemand, dass man es entdeckt. Wer würde das schon wollen, wenn es um Geldwäsche und andere kriminelle Aktivitäten ging? Sicher, einer weniger gründlichen Buchprüfung würde die ganze Sache standhalten. Aber wenn jemand die Dinge so sah wie Charlie, also zum Beispiel jemand der sein Herzblut in seinen Job legt, dann würden ihm sie Unregelmäßigkeiten sofort ins Auge fallen. Möglich aber auch, dass Gordon eine Wirtschaftskanzlei bestochen hatte, damit sie bei einer Buchprüfung alle Augen zudrückten. Seriöse Unternehmen würden sich kaum auf so etwas einlassen.

 

Er zuckte die Schultern. Sein Kopf begann zu pochen und er wünschte sich, er hätte eine Ibuprofen dabei. Je höher die Sonne stieg, umso heißer wurde es. Bis zum Nachmittag würde sich Los Angeles in einen dampfenden Kessel verwandelt haben. Aber wofür gab es Klimaanlagen? Charlie überlegte hin und her, ob er Don über seine ersten Erkenntnisse informieren sollte? Er schüttelte den Kopf. Nein, erst wenn er das Ganze noch einmal eingehender geprüft hatte. Er legte noch einen Zahn zu. Es war eine blöde Idee gewesen, zu Fuß zu gehen. Mit dem Taxi wäre er schon zu Hause. Total verschwitzt und ausgepowert kam er, ungefähr fünfzehn Minuten später, daheim an. „Ist jemand zu Hause?“ rief er, nachdem er die Tür aufgeschlossen hatte. Da er keine Antwort bekam, war er wohl alleine. Er ging sofort in die Garage, um sich erneut die finanziellen Transaktionen des Halifax Trusts zu Gemüte zu führen und prallte entsetzt. Ein komplettes Chaos offenbarte sich ihm. Sein Laptop lag zertrümmert auf dem Boden, die Akten waren durchwühlt, die Tafeln waren teilweise mit Farbe verschmiert oder lagen auf dem Boden.

 

Panisch rief Charlie nach seinem Dad und durchsuchte jeden Winkel des Hauses, ohne darüber nachzudenken, ob sich der oder die Täter nicht doch noch irgendwo versteckt haben könnten. Dann angelte er nach dem Mobile in seiner Hosentasche und versuchte seinen Vater telefonisch zu erreichen. Er kam jedoch nur auf dessen Mobilbox. Das war kein gutes Zeichen, schoss es ihm durch den Kopf, womöglich hatte man ihn entführt. Am ganzen Körper zitternd rief er Don an. Eine freundliche Stimme sagte ihm, dass er sich gerade in einem Briefing befand und unabkömmlich sei. Der nächste, der ihm einfiel, war Dt. Gary Walker. Endlich hatte er Erfolg. Walker versprach sich unverzüglich um die Angelegenheit zu kümmern und bat Charlie, das Haus derweil zu verlassen, man konnte ja nie wissen. Immer wieder drückte Charlie die Wiederholungstaste mit der Nummer seines Vaters. Nichts. Er stand kurz davor auszuflippen. Als nächstes rief er Larry an, doch der hielt gerade eine Prüfung ab. Toll, wo waren denn Freunde, wenn man welche brauchte? Angela, war sein nächster Gedanke, während er nach draußen ging.

 

Aber er verwarf die Idee schnell. Zuerst behandelte er sie eiskalt und abwesend und dann rief er bei ihr an, um ihr sein Leid zu klagen? Sie würde ihn für verrückt halten. Fünf Minuten später wimmelte es im ganzen Haus von Polizisten. Seinen Vater hatte er noch immer nicht erreicht. „Also Charlie, wenn du weiter so im Kreis läufst, ist der Rasen bald alle!“ versuchte Walker ihn aufzuheitern. Charlie blieb stehen und warf hilflos die Hände in die Luft, „ich, ich kann meinen Dad nicht erreichen. Ich, ich versteh das nicht, wo ist er bloß?“ Walker nagte nachdenklich an seiner Unterlippe. Charlies Mobile klingelte. Das Display zeigte Don. Charlie sprach so schnell, das Don eigentlich nur: Einbruch, Chaos, Dad verschwunden, mitbekam. Aber es genügte, um ihn aufs höchste zu alarmieren und er versprach so rasch als möglich zu kommen. Nachdem die Verbindung getrennt war, fühlte sich Charlie einsamer als zuvor. Immer wieder warf er einen Blick auf das Display, um sich davon zu überzeugen, keinen Anruf verpasst zu haben. Ein junger Mann, vom Team der Spurensicherung, kam auf ihn und Walker zu.

 

„So wie es aussieht, haben es der oder die Täter nur auf die Garage abgesehen gehabt. Wir haben jede Menge Fingerabdrücke gefunden, müssen sie jedoch erst auswerten. Wenn sie wollen Professor Eppes, können sie jetzt wieder hinein.“ Charlie warf einen verunsicherten Blick zuerst auf Walker und dann wieder auf den jungen Mann, „haben, haben sie vielleicht Blut …“ Der Mann von der Spurensicherung hob die Hand und schüttelte den Kopf, „nein Sir, in der Hinsicht ist uns absolut nichts aufgefallen. Kein Blut.“ „Danke“, sagte Charlie und nickte erleichtert mit dem Kopf. Ein uniformierter Cop trat als nächstes zu Walker und flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Was ist?“ fragte Charlie aufgeregt, „geht es um Dad?“ „Nein“, antwortete der Detective. Seine Miene verhieß trotzdem nichts Gutes, „würdest du mir bitte in die Garage folgen?“ Mit einem Haufen Fragezeichen im Gesicht tat Charlie wie ihm geheißen.

 

Sein erster Eindruck hatte nicht getäuscht. Hier sah es tatsächlich aus, wie nach einem Bombenangriff. Furchtbar. Es würde Tage, wenn nicht sogar Wochen, dauern, die Garage wieder in den Urzustand zurückzuversetzen. Vielleicht sollte er gleich eine Renovierung in Erwägung …. Wie konnte er jetzt bloß an Renovierung denken? Sein Vater war verschwunden! Walker sprach mit dem gleichen Beamten wie zuvor und kehrte mit einem kleinen Plastiksäckchen in der Hand. „Gehört das dir?“ Charlie musterte den Beutel, „was ist das?“ „Ich hab gefragt, ob das dir gehört“, insistierte Walker. „Ähm nein, das seh ich heute zum ersten Mal. Was ist das verdammt?“ schnappte Charlie, der sich plötzlich an sein unschönes Verhör mit Hoberman im Bunker erinnert fühlte. „Es ist Chrystal Meth. Jene Droge, die dich fast das Leben gekostet hätte.“ „Du meine Güte“, murmelte Charlie verstört, „wie kommt das Zeug in meine Garage?“

 

„Sag du’s mir“, forderte ihn Walker auf. „Gibt es ein Problem?“ fragte Don und baute sich hinter Walker auf. „Kann man so sagen“, entgegnete dieser und drehte sich um, „im Zuge der Spurensicherung haben meine Leute das hier gefunden?“ Er winkte mit dem Beutel, vor Dons Nase hin und her. Der schnappte sich das Teil und besah es sich genauer, „Chrystal!“ Entsetzt blickte er zu seinem Bruder, dann drängte er Walker zur Seite, „sag mir sofort woher du das hast?“ fauchte er. Charlie machte eine hilflose Geste, „ich hab es Walker schon gesagt, ich hab keine Ahnung.“ „Dieses Gift wird wohl kaum selbst hier herein marschiert sein“, meinte Don mit einem prüfenden Blick in Charlies Augen. „Vielleicht stammt es von den Einbrechern“, entgegnete der, „ehrlich Don.“ „Charlie, das Zeug ist pures Gift.“ „Ich sag’s noch einmal, ES GEHÖRT NICHT MIR! Interessier dich lieber dafür wo Dad ist. Ich kann ihn nicht erreichen“, fuhr Charlie seinen Bruder an. „Dad geht es gut. Er ist auf dem Heimweg von einer Baustelle, dort gab es offensichtlich ein Funkloch, ich hab vorhin grad mit ihm geredet.“

 

Charlie atmete erleichtert auf, dann sah er Don direkt in die Augen, „denkst du wirklich, dass ich das Zeug nehme.“ „Sieh mal, du hast eine schwere Zeit hinter dir“, Don griff sich nervös in den Nacken, „du wärst fast gestorben und du bist auch jetzt noch nicht wieder auf dem Damm. Vielleicht dachtest du das Zeug könnte dir ein wenig Entspannung verschaffen…“ „Das darf doch alles nicht wahr sein, ich glaub, ich bin im falschen Film“, fassungslos schüttelte Charlie seinen Kopf. Seine Blicke gingen zwischen Walker und seinem Bruder hin und her, „ihr habt ja keine Ahnung. Echt nicht. Denkt ihr, es ist toll nicht mehr zu wissen, wie man heißt oder wer man ist? Keine Kontrolle über seine Körperfunktionen zu haben und ständig von irgendwelchen Wahnvorstellungen heimgesucht zu werden?“ Er ließ die Fragen offen im Raum stehen und ging hinaus in den Garten. Nicht einmal da hatte er seine Ruhe, es wimmelte nur so von Cops. Charlie hockte sich neben den Koiteich und beobachtete die Fische. Der Kloß in seinem Hals hatte sich in einen Fußball verwandelt und so sehr er sich auch bemühte, er wurde ihn nicht mehr los. Er blinzelte, so gut es ging, seine Tränen zurück.

 

Walker sah Don abwartend an, „Gary, wer immer dieses Zeug in die Garage geschleppt hat, es war nicht Charlie“, sagte er heiser. Der Detective nickte, „schön, wenn du es sagst, die Spurensicherung hat ohnehin die Fingerabdrücke von dem Beutel, vielleicht kommen die zu einem Ergebnis und vielleicht solltest du jetzt besser nach Charlie sehen.“ Ohne ein weiteres Wort machte Don auf dem Absatz kehrt. Er hatte sich wie ein verdammter Bullenarsch benommen. Wie hatte er sich nur dazu hinreißen lassen können, seinen kleinen Bruder dermaßen zu bedrängen? Suchend blickte er umher und fand ihn schließlich bei den Kois. Es schnürte ihm die Kehle zu, als er Charlie dort hocken sah, wie ein Häufchen Elend. Wäre es möglich gewesen, hätte er sich selbst einen Arschtritt verpasst. Unschlüssig blieb Don stehen. Was sollte er jetzt machen? Wie wär’s mit einfach hingehen und sich entschuldigen? Natürlich Charlie würde sofort aufspringen und ihm um den Hals fallen, er hat ja sonst nichts Besseres zu tun. Das hatte er wieder großartig hinbekommen. Während er so dastand und Charlie beobachtete, begannen das Team der Spurensicherung und auch die Cops langsam mit dem Zusammenpacken. Beim Hinausgehen streifte Walker Dons Oberarm, „wir sind hier fertig. Ich lass zur Sicherheit noch eine Einheit vor eurem Haus und eine weitere fährt Patrouille. Sobald euch etwas komisch vorkommt, meldet euch, egal was, verstanden?“ „Okay“, Dons Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

 

Kaum hatte der letzte Uniformierte das Grundstück verlassen, fasste sich er ein Herz und ging hinüber zu Charlie. „Es tut mir leid“, sagte er und kam sich dabei vor wie ein Tonband in einer Endlosschleife. Charlie wischte sich mit dem Hemdsärmel die Nase und schniefte, „sind sie endlich fertig damit, das bisschen was noch geblieben ist, auf den Kopf zu stellen?“ „Mhmh. Hör mal Charlie, ich musste das tun. Wäre es dir lieber gewesen, Walker hätte dich befragt und dich vielleicht noch mit aufs Revier gezerrt?“ Charlie stand auf, wandte sich jedoch nicht um, als er weitersprach, „hast du wirklich so wenig Vertrauen in mich? Ich glaub das nicht. Himmel Don, ICH WAR DAS OPFER. Und oft hab ich den Eindruck, ich bin es noch immer. Weißt du, wie schwer das alles für mich ist?“ Er schluckte, „mein Zustand scheint sich wieder zu verschlechtern. Meine Fortschritte stagnieren.“ Don bekam große Augen, er packte Charlie an den Schultern und drehte ihn um, so dass er ihm in die Augen sehen konnte, „sag sowas nicht, um Himmels Willen, sieh dich doch an. Du siehst blendend aus, du bist auf dem besten Weg mir zur Lösung dieses Falls zu verhelfen, ganz so wie früher.“

 

Don bemerkte, wie Charlies Adamsapfel nervös auf und ab hüpfte. Sein kleiner Bruder schüttelte den Kopf, seine dunklen Locken bewegten sich im Takt dazu, „ich hab Angst Don. Ich hab verdammt noch mal Angst. Was wenn alles wieder schlimmer wird?“ „Daran darfst du gar nicht erst denken, hörst du. Das ist absoluter Quatsch! Du wirst dich einfach übernommen haben. Ich meine, der ganze Stress der letzten Zeit. Du warst einfach noch nicht bereit dafür. Konntest du eigentlich schon etwas herausfinden? Sorry, wenn ich kurz dienstlich werde.“ Charlie deutete mit dem Kopf in Richtung Garage, die Hände hatte er tief in seinen Hosentaschen vergraben. „Ich muss mich erst da durchwühlen, sehen was sie übrig gelassen haben, ob mein Laptop überhaupt noch funktioniert und wenn nicht, was mit der Festplatte los ist. Zum Glück hab ich einen Großteil der Informationen in meinem Kopf gespeichert. Der tut zwar höllisch weh, aber es ist alles da. Noch“, seine Stimme versagte. Don versuchte gute Miene zu diesem Drama zu machen, „komm schon Junge, ich helf dir klar Schiff zu machen. Was soll denn Dad denken, wenn er nach Hause kommt.“ „Vielleicht, dass ich ne Drogenparty geschmissen hab?“ meinte Charlie in Anspielung auf vorhin.

 

Don verkniff sich die Antwort darauf. Die Leute der Spurensicherung hatten jede Menge Graphitstaub hinterlassen. „Toll“, seufzte Charlie, „da brauchen wir ne Putzkolonne, wenn wir das wieder hinbekommen wollen und am besten auch gleich einen neuen Anstrich für die Wände.“ Don nickte, „das kannst du laut sagen. Dad kriegt nen Herzinfarkt, wenn er das sieht.“ Während sich Charlie an seinem kaputten Laptop und den herumliegenden Papieren zu schaffen machte, beschäftigte Don sich mit den Tafeln, die kreuz und quer herumlagen. Er nahm zwei größere Stücke in die Hand, „hey Charlie?“ Sein Bruder sah auf, „was ist?“ „Das kannst du höchstens noch als Brennholz verwenden.“ „Ich weiß“, murmelte Charlie, „was ich nicht weiß, ist, woher die Täter wussten, was ich hier mache. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass der Einbruch ein Zufall war. Nicht jetzt, wo wir im Besitz der Akten waren.“ Don nickte, „da stimm ich dir voll und ganz zu. Entweder hat uns gestern jemand beobachtet, was, im Hinblick auf die polizeiliche Präsenz schon an ein Wunder grenzen würde. Oder …“ „Oder es gibt irgendwo eine undichte Stelle bzw. jemanden, der falsch spielt“, führte Charlie den Gedankengang zu Ende. „Exakt“, kam Dons knappe Antwort, ehe er sich weiter ans Aufräumen machte.