Chapter 1

 

Es war Samstag, kurz vor Mittag, als Don die Tür zu Charlies Haus aufschloss. Es duftete bereits herrlich nach Schmorbraten. Geschirrgeklapper drang von Richtung Küche an sein Ohr. „Charlie? Dad?“ rief er gut gelaunt. Ein mürrisches Brummen kam als Antwort, es gehörte eindeutig zu Alan. Don schob die Ärmel seines schwarzen Sweatshirts nach oben und ging in die Küche. „Hi Dad! Das riecht großartig. Mann, hab ich vielleicht einen Kohldampf.“ Alan legte das Salatbesteck zur Seite, warf sich das Geschirrtuch lässig über die Schulter und drehte sich um. „Wenn du und Charlie denkt, dass ich mich weiterhin jedes Wochenende an den Herd stelle und für euch den Affen mache, muss ich dich leider bitter enttäuschen. Dies ist das letzte Mal, für eine ganze Weile. Du kannst dich ab sofort hierher stellen und für unser leibliches Wohl sorgen“, schnappte er. „Wow, was für ein freundlicher Empfang. Also ehrlich Dad, du weißt, dass das eine blöde Idee wäre, ausgerechnet MIR den Kochlöffel in die Hand zu drücken. Ich kann besser mit der Waffe umgehen. Deswegen bin ich auch FBI-Agent geworden und nicht Koch“, Don grinste schelmisch. „Dann sieh zu, dass du schleunigst ein Gericht findest, dass du mit deiner Kanone zubereiten kannst. Ansonsten seh ich nämlich schwarz“, konterte sein Vater. „Was dagegen, wenn ich mir ein Bier nehme?“ Don hatte keine Lust auf eine Kabbelei, dazu war seine Laune viel zu gut. „Bitte bedien dich“, brummte Alan.

 

Als Don die Flasche mit dem Kronkorken an den Tischrand legte, um sie dort zu öffnen, zog ihm sein Vater eine mit dem Geschirrtuch über. „Autsch“, schrie Don auf. „Lass das Donnie, wir sind ein zivilisierter Haushalt“, er drückte seinem Sohn einen Flaschenöffner in die Hand. „Dad, ich hab das schon ein dutzend Mal gemacht.“ „Ja, vielleicht bei dir zu Hause, deswegen sieht der Rand DEINER Tischplatte ja auch aus, als hättest vor lauter Verzweiflung daran geknabbert.“ Das war Dons Stichwort, „apropos Verzweiflung, wo ist denn unser Sonnenschein?“ „Bitte wer?“ fragte Alan mit gerunzelter Stirn, diese Grimasse ließ ihn aussehen wie einen Dackel, fand Don und musste schon wieder grinsen. „Unser kleiner Strahlemann. Du weißt schon, Charlie.“ „Das einzige was Charlie zum Strahlen bringen würde, wäre eine gehörige Portion Radioaktivität“, Alan widmete sich wieder dem Salat, „du findest ihn irgendwo draußen oder in der Garage.“ Don wusste, dass es sein Vater alles andere als leicht mit Charlie hatte. Trotzdem machte er nach wie vor gute Miene zum bösen Spiel. Don schnappte sich noch eine zweite Flasche Bier, öffnete sie, diesmal ganz brav, mit dem Flaschenöffner und ging hinaus in den Garten. Charlie hockte vor dem Fischteich und fütterte die Kois. Don blieb eine Weile abseits stehen und beobachtete ihn.

 

„Was starrst du mich so an?“ kam es prompt aus Charlies Richtung. „Ich starre nicht“, meinte Don lächelnd und ging zu ihm, „ich beobachte.“ „Wäre ich eine attraktive junge Frau, könnte ich es noch verstehen, aber was ist an deinem kleinen Bruder so besonderes?“ entgegnete Charlie und rang sich dabei mühsam ein Lächeln ab, das seine Augen jedoch nicht erreichte. „Hier, ich hab dir ein Bier mitgebracht“, Don drückte ihm die Flasche in die Hand. „Sag schon, was ist so besonderes an mir, dass du dich hinter den Holunderstrauch stellst und mich bespitzelst? Machst du dir etwa Sorgen, ich könnte mich kopfüber in den Koiteich stürzen, um mich zu ersäufen?“ seine Stimme troff vor Sarkasmus, „du und Dad, ihr geht mir beide gehörig auf den Keks. Ich kann nicht mal mehr länger auf der Toilette bleiben, ohne das er nach mir ruft und du …“ Wütend nahm er einen Schluck aus der Flasche, „ach ja und noch etwas, sag Dad, er soll aufhören Larry und Milly für seine „Geheimdienstoperationen“ einzuspannen.“ Don grinste, „komm schon Charlie, das grenzt jetzt schon an Paranoia. Er, wir, ich meine, hach draufgeschissen“, fluchte Don. Er stellte die Flasche auf einen kleinen Steintisch neben dem Koiteich und nahm Charlie den kleinen Eimer mit Futter weg. „Was machst du da?“ fuhr ihn Charlie an. „Ich füttere die Fische, hab gehört es wirkt beruhigend auf die Nerven.“ „Die haben schon genug“, ereiferte sich sein jüngerer Bruder und legte Hand an den Eimer, „gib ihn mir sofort zurück.“ „Den kriegst du nicht, den kriegst du nicht. Hol ihn dir doch, wenn du kannst“, spöttelte Don, riss sich los und lief kreuz und quer durch den Garten. Charlie jagte ihm hinter her, als ginge es dabei um die Kronjuwelen der englischen Königin. „Ich will den Eimer wieder haben sofort. Das Futter kostet mich ein Vermögen, wehe, du verschüttest etwas davon.“ Don amüsierte sich prächtig und er schaltete einen Gang zurück.

 

Charlie litt immer noch unter einer leichten Schwäche der linken Körperhälfte und war daher ein wenig eingeschränkt. Bei den Orangenbäumen ließ er sich schließlich einholen und sie rangelten miteinander, fast so wie in Kindertagen. „ich muss schon sagen, wenn du was haben willst, dann kannst du ganz schön hartnäckig sein, wie ne Zecke und wenn es nur blödes Fischfutter ist“, Don „schwächelte“ absichtlich und als Charlie den Eimer zurückerobert hatte, erfüllte tatsächlich ein breites Grinsen sein Gesicht. Triumphierend stellte er sich über Don, der keuchend auf dem Rasen lag und schwenkte den Eimer vor dessen Nase hin und her, „wer hat in diesem Fall jetzt das nachsehen?“ Blitzschnell langte Don nach Charlies Arm und riss ihn zu Boden. Unglücklicherweise krachten beide mit ihren Köpfen aneinander. Sie schrien laut auf und fielen lachend ins Gras. „Na toll, das gibt ne riesen Beule“, jammerte Don und rieb sich die Stirn. Alan stand mit Tränen in den Augen in der Verandatür. Zuerst hatte er gedacht, die beiden würden ernsthaft miteinander raufen. Doch schnell war ihm klar geworden, dass der große Bruder alles tat, damit es dem kleinen Bruder wieder besser ging. Scheinbar war es ihm diesmal gelungen. Don war als erster wieder auf den Beinen und zog Charlie hoch, dann drückte er ihm den Eimer in die Hand, „hier hast du dein dämliches Fischfutter.“ Vorsichtig betastete er die Beule an seiner Stirn, die mittlerweile die Größe eines Hühnereis haben musste, „Kleiner ich wusste, dass du was in der Birne hast, aber ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass es sich dabei um eine Eisenplatte handelt.“ Er verschwand im Badezimmer.

 

Charlie hatte die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben, kehrte grinsend, wie ein Honigkuchenpferd, an den Esstisch zurück und nahm gleich Platz. Alan war gerade dabei den Schmorbraten zu servieren. Er tat unschuldig, „wo ist denn dein Bruder abgeblieben?“ „Im Bad. Stell dir vor“, gluckste Charlie, „ich hab gerade herausgefunden, dass mein Schädel härter ist als seiner.“ Aufgeregt deutete er auf seine Stirn, „was siehst du da?“ Alan kniff die Augen zusammen und besah sich die Stelle genau, „nicht viel, nur eine kleine Rötung.“ „Genau, aber Don, warte, bis du Don siehst Dad.“ Nachdem Don ebenfalls Platz genommen hatte, starrte Alan unentwegt auf dessen Stirn. „Was ist, hab ich nen Pickel auf der Nase?“ fragte Don kopfschüttelnd. „Du solltest dir Eis drauf tun. Das ist ja ne gigantische Beule.“ „Ach nein? Die hab ich dem Kindskopf da drüben zu verdanken“, Don deutete mit der Gabel auf Charlie, „wie kann jemand so einen harten Schädel haben? Du bräuchtest dafür eigentlich nen Waffenschein, weißt du das?“ Glücklich sah Alan zwischen seinen Söhnen hin und her. Charlie aß, seit langer Zeit, ordentlich mit Appetit. Und schnitt auch ein paar Grimassen in Richtung Don. Als sie beim Nachtisch angelangt waren, Mousse au Chocolate, meinte Charlie, „weißt du Don, dass deine Beule von mathematischem Interesse ist. Ich könnte sie als Beispiel für die Beschleunigung von Massen in Verbindung mit ….“ „Wenn du vorhast, dir ne Digicam zu schnappen und vielleicht auch noch ein Foto von diesem Ding“, dabei deutete er auf die Schwellung an seiner Stirn, „zu schießen, schieß ich zuerst, aber scharf.“ Charlie seufzte, „naja einen Versuch war es wenigstens wert.“

 

Ungefähr zur gleichen Zeit verabschiedete sich Kongressabgeordneter Gordon Montgomery von seiner Frau Tessa. Er würde den angebrochenen Nachmittag am Golfplatz verbringen, während sie es sich daheim am Pool bequem machte. Zum Abschied drückte er ihr einen lieblosen Kuss auf die Stirn. Er hätte ebenso gut „Leck mich am Arsch“ zu ihr sagen können. Die Leidenschaft war schon längst verglüht, wie eine Motte im Licht. Was geblieben war, war der schale Nachgeschmack einer Beziehung, die lediglich auf gegenseitigen Vorteilen basierte. Er hatte die Connections und ihre Familie das notwendige Cash, um ihn zu einem kometenhaften Aufstieg zu verhelfen. „Wann kommst du zurück?“ eigentlich wollte sie es gar nicht wissen. Die Frage war mehr eine Gewohnheit. Wie immer gab er nonchalant zurück, „wenn ich da bin, bin ich da.“ „In Ordnung“, antwortete sie. Das war keine Ehe, das war eine Farce! Er zog die Tür hinter sich zu und sie ging hinüber in die Küche und öffnete das Gefrierfach, dort wartete bereits ein mittelgroßer Becher Häagen Dazs Eiskrem, der Sorte Walnuss-Eierlikör, auf sie. Montgomery stieg in seinen Wagen, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn um. Nichts. Er versuchte es ein zweites und zugleich ein letztes Mal. Der Wagen explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall. Tessa war gerade dabei gewesen, sich genüsslich den ersten Löffel Eiskrem in den Mund zu schieben, als sie das Geräusch vernahm und sich, fast gleichzeitig, dutzende Glassplitter, die von den geborstenen Küchenfenstern stammten, schmerzhaft in ihre Haut bohrten. Sie fiel erschrocken auf den Boden und schlug dabei so unglücklich auf dem Fliesenboden auf, dass sie das Bewusstsein verlor.

 

Don, Charlie und Alan wollten sich gerade daran machen, eine Runde Poker zu spielen. Als Dons Handy klingelte. „Eppes?“ Es war Megan, sie erzählte ihm von einer Explosion in dem Nobelbezirk, unweit von Gouverneur Schwarzeneggers Villa. „Ich bin sofort da“, sagte er hastig. „Leute, entschuldigt, aber die Pflicht ruft. Es gab ne schlimme Explosion in nem Nobelviertel.“ „Soll ich mitkommen, vielleicht kann ich dir ja irgendwie helfen“, schlug Charlie vor. Es war das erste Mal seit seinem Krankenhausaufenthalt, dass er echtes Interesse an einem von Dons Fällen bekundete. Don zögerte kurz, stimmte aber schließlich zu. Während Charlie sich eine Windjacke von oben holte, nahm Alan Don zur Seite, „denkst du, dass es eine gute Idee ist?“ „Ja, Dad. Ich denke schon. Langsam fängt er an, wieder am Leben teilzuhaben.“ „Na schön“, seufzte Alan, „aber dann pass gut auf ihn auf. Versprich es mir.“ Don nickte knapp, denn Charlie war bereits im Anmarsch.