Chapter 19

 

Als Tessa langsam zu Bewusstsein kam, wusste sie die Geräusche um sie herum nicht recht zu deuten. Das regelmäßige Fiepen konnte jedoch nur ihr Herzschlag sein, der Geruch verriet ihr, dass sie sich offensichtlich in einem Krankenhaus befand. Der dumpfe Druck in ihrer rechten Schulter sagte ihr, dass es sich um eine schwerwiegendere Verletzung handelte, sie jedoch dermaßen mit Schmerzmitteln vollgepumpt war, dass sie nicht großartig darunter leiden musste. Langsam setzte ihre Erinnerung wieder ein und das Geräusch des Schusses, dass in ihrem Kopf widerhallte, ließ sie kurz zusammenfahren. Doch da war noch ein Geräusch, das sie irritierte. Es klang wie ein … leises … Schnarchen? Doch tatsächlich und das Geräusch kam von ihrer linken Seite. Langsam tastete sie mit ihrer Hand über die Decke. Schließlich wurde sie fündig. Sie ertastete einen Kopf, mit kurzgeschnittenem, widerspenstigem Haar. Sie konzentrierte sich noch eine Spur mehr und schnüffelte, Aftershave.

 

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Kein Zweifel, Don lag mit seinem Kopf auf ihrem Bett und schien tief und fest zu schlafen. Sie überlegte, ob sie ihn wecken sollte. Wenn sie nur wüsste wie spät es war. Als sie versuchte ihren rechten Arm zu bewegen, bereute sie es sogleich. Es fühlte sich an, als würde ihr jemand einen glühenden Schürhaken in die Wunde bohren. Ein leiser Aufschrei entrang sich ihrer Kehle, gerade laut genug, um Don aus Morpheus Armen zu holen. „Ja, bitte, nein, ich bin nicht eingeschlafen, ich bin …“ Er setzte sich gerade hin, das heißt, er versuchte es. Seine Wirbelsäule war stocksteif. Verschlafen sah er zu Tessa, die im Moment die Augen geschlossen hatte und gähnte herzhaft. „Sag bloß, du hast die ganze Nacht an meinem Bett gesessen?“ grinste sie, immer noch mit geschlossenen Augen. Er warf einen Blick auf die Uhr und rieb sich das Gesicht mit beiden Händen.

 

Sein Mund und seine Kehle waren ausgedörrt, deshalb war seine Stimme nicht mehr als ein Krächzen, „hab ich etwa geschnarcht?“ Tessa konnte ein Lachen nur mit äußerster Anstrengung unterdrücken. Sie fürchtete, dass dann diese schrecklichen Schmerzen wiederkommen würden, „kann man so sagen.“ Sie öffnete ihre Augen und drehte den Kopf in seine Richtung. Wieder meinte er, sie würde ihn ansehen, „wie spät ist es eigentlich Don?“ „Kurz nach halb sechs Uhr morgens, das heißt ich hab doch tatsächlich fast zweieinhalb Stunden geschlafen.“ Er wunderte sich selbst darüber. „Dein einziger Schlaf diese Nacht?“ hakte sie nach. Er nickte, dann fiel ihm ein, dass sie es ja nicht sehen konnten und beeilte sich zu antworten, „ja, der einzige Schlaf in dieser Nacht. Im Moment weiß ich kaum noch wie mein Bett daheim aussieht.“ „Es tut mir leid Don“, sagte Tessa niedergeschlagen, „alles nur wegen der verdammten Akte.“ Don sog hörbar Atem ein, „ich besorg mir mal nen Kaffee und dann reden wir in Ruhe darüber. Soll ich dir auch etwas mitbringen?“ „Vielleicht ein Glas Wasser, das wäre nett.“

 

Nach ungefähr fünf Minuten war Don wieder zurück im Zimmer und nahm seinen alten Platz ein. „Kannst du mir helfen, mich aufzusetzen?“ bat ihn Tessa. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Ich hab dir nen Strohhalm mitgebracht, das sollte auch funktionieren.“ Es dauerte ein Weilchen, bis Tessa endlich einen Schluck machen konnte. Kein Krankenpfleger ist je vom Himmel gefallen, grummelte Don in sich hinein. „Ahhh, herrlich, danke.“ „Gern geschehen. Und jetzt erzähl mir mal was gestern passiert ist“, sagte er ernst. Er griff zu seinem Kaffeebecher und machte einen Schluck. Die Brühe war so heiß, dass er sich erst einmal den Gaumen verbrannte. Der Geschmack warf ihn auch nicht gerade vom Hocker. Er verzog das Gesicht und stellte den Becher zurück auf Tessas Nachttisch. Dann lehnte er sich nach vor, legte seine Arme auf seine Oberschenkel und verschränkte die Finger.

 

Tessa räusperte sich vorsichtig, „wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an fast gar nichts mehr erinnern. Der Kerl muss auf mich gewartet haben oder sich Zutritt verschafft haben, während ich oben geduscht habe. Das einzige, dass ich immer noch höre, ist der Schuss. Er hallt in meinen Ohren, als wäre das ganze erst gerade eben passiert.“ Er seufzte, „ich hab ihn angeschossen. Jedenfalls sagen das die Leute von der Spurensicherung. Bisher wissen wir nur, dass dein Angreifer männlich war und die Blutgruppe Null negativ hat. Ich bin ihm zwar hinterher gelaufen, aber es war ziemlich dunkel und der Typ war sehr schnell. Ich konnte auch keine brauchbare Personenbeschreibung abliefern.“ „Hast du die Kopie in meinem Zimmer gefunden? Sie war hinter der Enzyklopädie …“ „Ich weiß. Ich hab Charlie schon darauf angesetzt.“ Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Ist irgendwas?“ wollte Tessa wissen.

 

Ihre Ahnungen konnten einem schon unheimlich werden, ging es Don durch den Kopf. „Wer ist Dorian Finch? Ich meine, außer, dass er anscheinend ein präpotentes Arschloch ist. Sorry, das war jedenfalls mein erster Eindruck von ihm. Tessas Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. „Woher kennst du ihn?“ Ihre Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte. „Als sie dich gestern operiert haben, stürmte er in den Wartesaal und meinte er müsse den großen Macker raushängen lassen. Er behauptete ihr würdet euch sehr nahe stehen? Wie nahe ist das?“ „Täusche ich mich oder lässt du jetzt den Cop raushängen?“ entgegnete sie ein wenig steif. Schweigen. „Na schön, Dorian und ich hatte eine Affäre, die sich über mehrere Monate hingezogen hat“, sagte sie schließlich.

 

„Ich verstehe“, murmelte Don versonnen. „Nichts verstehst du“, schnappte sie und bereute es gleich wieder. Ihre Schulter begann zu pochen. Ihr Gesicht verzerrte sich. „Soll ich nach der Schwester klingeln?“ fragte Don besorgt. „Nein, danke“, sie schien sich wieder zu beruhigen. „Dorian war einfach für mich da. Wie du inzwischen weißt, bestand meine Ehe nur noch auf dem Papier. Gordon machte mir gegenüber keinen Hehl daraus, dass es ihm blutjunge Dinger angetan hatten. Ich hätte dir sogar sagen können, wann und wo er sich mit den Mädchen zu einem Stelldichein trifft.“ Sie atmete tief durch, „irgendwann hatte ich die Schnauze voll und habe ihm mit der Scheidung gedroht. Finanziell hätte es für ihn den Ruin bedeutet. Also tat er eine Weile so, als wäre wieder alles in Butter. Meinen ausgeprägten Geruchssinn konnte er jedoch nicht überlisten. Er brauchte mir nicht mehr zu sagen, dass er sich mit einer anderen getroffen hatte, ich konnte es riechen. Also bin ich zu einem Anwalt gegangen, um mich über meine Rechte und Pflichten bei einer etwaigen Scheidung zu informieren. Eines Tages traf ich dort Dorian. Seine Eltern waren bei einem Raftingunfall ums Leben gekommen und er interessierte sich dafür, wie er den Veranstalter dieser Tour haftbar machen konnte. Aus einem Lunch wurden mehrere und so weiter. Kann ich bitte noch einen Schluck Wasser haben?“

 

Diesmal klappte es besser, als vorhin. Erschöpft ließ Tessa ihren Kopf zurück ins Kissen sinken und schloss kurz die Augen. „Ich sollte jetzt besser gehen, wir können später …“ Sie nickte stumm, „nur noch eines, Dorian und ich sind seit ungefähr einem Jahr nicht mehr zusammen. Er hat eine neue und ist verlobt, ihr Name ist …“ „Judith“, ergänzte Don, „sie dachte ich wär dein Bodyguard.“ Tessa konnte nicht umhin zu lächeln, „das ist Judith wie sie leibt und lebt. Dorian und ich haben uns das letzte Mal vor drei Monaten bei einem Wohltätigkeitsbasar in Marina Del Ray gesehen. Könntest du jetzt bitte nach der Schwester klingeln, die Schmerzen werden unerträglich.“ „Mach ich.“ Er drückte auf den Knopf, wartete noch bis die Krankenschwester kam und verabschiedete sich dann von Tessa. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es eigentlich Zeit für ein Frühstück im Hause Eppes wäre.

 

Charlie konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte, der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und gebratenem Speck oder Angelas glockenhelles Lachen sowie andere Geräusche einer angeregten Unterhaltung im Untergeschoß. Mühsam trollte er sich aus dem Bett. Er hatte bis kurz vor drei Uhr morgens über den Daten des Halifax Trusts gebrütet und wäre beinahe in der Garage eingeschlafen. Als seine Stirn jedoch äußerst unsanft mit der Tastatur seines Laptops Bekanntschaft gemacht hatte, hatte er es dann doch vorgezogen in sein Zimmer zu gehen. Er tauschte den Pyjama gegen ein rotes T-Shirt und Jeans. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Badezimmer ging er nach unten. „… und dann meinte der alte Zausel noch, ich könnte seine Enkelin sein, aber das würde ihn nicht davon abhalten, mir einen Heiratsantrag zu machen“, hörte er Angela sagen. Gelächter. Er zuckte kurz zusammen, seine Ohren mussten sich erst an den Lärmpegel gewöhnen. „Sieh einer an, wer kommt denn da?“ feixte Don und schenkte seinem Bruder zur Begrüßung ein breites Grinsen, „wenn ich’s nicht besser wüsste, könnte man glauben, du hättest mit deinen Kumpels einen drauf gemacht.“

 

„Haha, der war gut“, grummelte Charlie und rieb sich verschlafen die Augen. „Was machst du eigentlich hier?“ fragte er an Angela gewandt. „Auch dir einen schönen guten Morgen“, entgegnete sie enttäuscht, „du scheinst nicht gerade begeistert zu sein, mich zu sehen.“ Alan und Don blickten erwartungsvoll zu Charlie. „Ich … was guckt ihr so. Ich meine … ich …“ „Charlie, setz dich und entschuldige dich bei Angela“, meinte Alan trocken, „sie wollte gar nicht bleiben, als sie hörte, dass du noch schläfst. Ich hab mir erlaubt sie einzuladen. Sie hatte vor, dich abzuholen, wegen deiner Therapie.“ „Oh ja, natürlich, du hattest es gestern erwähnt“, schuldbewusst sah Charlie zu ihr hinüber, „sorry. Ich hab’s total verschwitzt. Die Sache, die ich für Don bearbeite, ich bin mal wieder total reingekippt.“ „Apropos“, meinte Don, „wie sieht’s aus?“ Dafür gab es unter dem Tisch einen unsanften Tritt von Alan. „Autsch“, jammerte Don. „Lass deinen Bruder erst einmal in Ruhe frühstücken. Darüber könnt ihr später immer noch reden. Außerdem wäre es unhöflich unserem Gast gegenüber.“ Angela betupfte ihren Mund mit einer Serviette, „schon gut Mr. Eppes.“ „Alan, bitte.“ „Alan“, sie strahlte übers ganze Gesicht, „wolltest du mir nicht den Garten zeigen?“ „Jesses, das hab ich ganz vergessen. Charlie, du weißt ja, wo du alles findest, bedien dich.“ Schon war er an Angelas Seite. Don blickte den beiden nach, „sie ist wirklich hinreißend. Wie machst du das bloß?“ Charlie kaute an einem Stück Brot, „was?“ „Mit den Frauen, die eine geht, die andere kommt. Bei mir funktioniert das nicht so gut.“ Charlie stand auf, wollte etwas erwidern und verschluckte sich prompt. Trotzdem ging er, begleitet von einem heftigen Husten, in die Küche und lud sich eine ordentliche Portion Speck und Ei auf den Teller. Mit hochrotem Kopf kehrte er zurück.

 

„Du willst mir doch nicht erklären, du wärst in Liebesnotstand mit George und Tessa an der Seite. Wie geht es Tessa eigentlich?“ „Sie ist bereits auf dem Weg der Besserung. Keine lebenswichtigen Organe verletzt, alles im grünen Bereich. Was meintest du damit?“ Charlie schaufelte sich das Essen in den Mund, als würde gleich jemand kommen und es ihm wegnehmen. „Womit?“ entgegnete er mit vollem Mund. „George UND Tessa?“ betonte Don. „Wissen die beiden eigentlich voneinander?“ Charlie grinste von einem Ohr zum anderen. „Was? Wieso?“ sein Bruder war verwirrt. „Komm schon Don, stell dich nicht dümmer, als du bist.“ „Danke.“ „Nein, ernsthaft. Ich meine du solltest langsam anfangen, dich für eine von den beiden zu entscheiden“, Charlie wackelte mit seinen Augenbrauen. „Bisher hatte ich nur einmal was mit George. Bei Tessa, da kam immer irgendwie etwas dazwischen. Himmel, Herrgott, wieso erzähl ich dir das überhaupt?“ ärgerte sich Don, spießte ein Stück Speck mit der Gabel auf, betrachtete es kritisch und schob es sich dann in den Mund. „Keine Ahnung, vielleicht weil du jemandem deine Sünden beichten willst?“ witzelte Charlie.

 

„Ja, klar und dieser jemand bist ausgerechnet du. Der Weiberheld schlechthin“, gab Don verschmitzt grinsend zurück. „Du hast ja selbst gesagt, dass sie quasi bei mir Schlange stehen. Also muss ich wohl irgendwas an mir haben. Vielleicht sind es meine tollen Locken?“ er fuhr sich mit der Hand durch die selbigen und warf seinen Kopf dabei zurück. „Mach dich nur über deinen alten Bruder lustig“, brummte Don, „du kommst auch noch in mein Alter, reden wir dann weiter.“ „Sag bloß, du kommst in die Midlife-Krise.“ „Kann schon sein, nur die Fragestellung war falsch, frag mich lieber in die wievielte.“ Charlie schüttelte den Kopf, „also hör mal, welche Frau kann einem Mann mit ner Kevlarweste auf seinem wohlgeformten Körper und einer Waffe in der Hand widerstehen?“ Don zuckte die Schultern, „keine Ahnung, aber wenn sie dir schon in Scharen hinterherlaufen, wenn du dein Stückchen Kreide zückst … Sag mal, denkst du, es gibt eine Möglichkeit, das irgendwie zu berechnen …?“ Die beiden brachen in schallendes Gelächter aus....