Chapter 18

 

Endlich kamen Don und Colby zu ihm. „Geht’s dir gut?“ fragte Don besorgt, Charlies Gesichtsfarbe sah nicht sehr vielversprechend aus. Er hob die Hand und nickte, „ich denke es geht so. Mir sitzt der Schreck zwar noch in den Knochen, aber … „ Sehr überzeugend klang das nicht“, dachte Don, aber er wollte seinen Bruder nicht bedrängen. „Hier unten ist soweit alles klar, ich denke wir sollten jetzt nach oben gehen und nach den Akten suchen, die Tessa in ihrem Zimmer versteckt hat.“ Charlie warf ihm einen fragenden Blick zu. „Während du draußen auf die Ambulanz gewartet hast, hat sie mir davon erzählt“, erklärte Don. Die drei gingen nach oben. „Luxus pur“, murmelte Colby, „ihr Mann hatte gleich zwei Arbeitszimmer.“ „Vielleicht eines für legale und eines für illegale Geschäfte“, feixte Don schulterzuckend.

 

Er öffnete die Tür zu Tessas Zimmer. Die drei staunten nicht schlecht. Es war hell und freundlich eingerichtet. „Dafür, dass sie nicht sehen kann, hat sie einen ausgezeichneten Geschmack“, murmelte Colby anerkennend. „Okay Jungs, wir suchen nach einem großen dicken Buch“, sagte Don. Charlies Blick fiel sofort auf das Bücherboard, auf der gegenüberliegenden Seite. Sie reichte vom Boden bis zur Decke und umfasste die ganze Wandbreite. „Wenn ich mir das so ansehe, könnte es unter Umständen ein klitzeklein wenig in Arbeit ausarten.“ Jeder von ihnen nahm sich einen Abschnitt vor. „Außer, dass es ein dickes Buch sein soll, hat sie nichts gesagt?“ fragte Colby, nachdem er ungefähr die Hälfte seines Abschnittes durch hatte. Don schüttelte den Kopf. „Ich bin zwar nicht allzu bewandert in Literatur, aber hier scheinen wahre Schätze verborgen zu sein. Und dann alles noch in Blindenschrift“, meldete sich Charlie zu Wort. „Wenigstens kommst du nicht in Versuchung zu schmökern“, grinste Colby.

 

Don war gerade dabei den ersten Band einer Enzyklopädie aus dem Regal zu ziehen, als ihm dahinter etwas ins Auge stach. Rasch räumte er auch noch die nächsten Bände aus dem Regal. „Ich hab’s gefunden“, rief er. Sofort gingen die drei damit zum Schreibtisch und leerten den Inhalt des Umschlages aus. Don nahm die Disk in die Hand, „hier sind angeblich alle finanziellen Transaktionen des Halifax Trusts gespeichert. Tessa meinte, dass das sicher was für dich wäre.“ Charlies Augen begannen zu leuchten. Er schnappte sich die Disk. „Zu dumm, dass ich mein Notebook nicht dabei habe.“ Don konnte sehen, wie die Sache seinem Bruder unter den Nägeln brannte. „Keine Sorge, wenn du willst, kann dich Colby gerne nach Hause fahren. Ich will noch ins Krankenhaus und nach Tessa sehen.“ Don steckte den restlichen Kram ebenfalls wieder zurück in den Umschlag und drückte ihn Charlie in die Hand. „Am besten, du nimmst dir gleich alles mit.“ Dann räumte Don noch schnell die Bücher zurück ins Regal. Er wollte keine Unordnung hinterlassen. Zu dritt eilten sie die Treppe hinunter.

 

Charlie und Colby verabschiedeten sich, während Don mit den Leuten vom LAPD und der Spurensicherung sprach. Einer der uniformierten Beamten kam auf ihn zu, „Agent Eppes?“ Don nickte. „Sie haben den Kerl erwischt. Wir haben Blutspuren gefunden. Wir sind ihnen gefolgt, doch sie endeten in einer Seitengasse. Wahrscheinlich hatte der Täter dort seinen Wagen geparkt. Meine Kollegen reden gerade mit den Leuten, der umliegenden Nachbarschaft.“ Don nickte anerkennend und las das Namensschild des Mannes, „danke Officer Miller. Halten sie mich bitte weiter auf dem Laufenden.“ Er wollte gerade gehen, als Megan völlig atemlos hereinkam. „Was ist denn passiert? Ich war mit George essen. Der Akku meines Handys war leer und den Pager hatte ich im Wagen.“ Don verfiel ein wenig, als er hörte, mit wem Megan zusammen gewesen war. Er hoffte, die hübsche Gerichtsmedizinerin hatte nicht aus dem Nähkästchen geplaudert.

 

Trotzdem versuchte er locker zu bleiben, „keine Panik Megan, ich hab hier alles im Griff. Aber gut, dass du kommst. Ich war nämlich gerade auf dem Weg in die Klinik, um nach Tessa zu sehen.“ Er berichtete Megan in groben Zügen von den Geschehnissen. „Das hört sich gar nicht gut an“, meinte sie, nachdem er geendet hatte, „ich hoffe, sie kommt durch.“ Don runzelte die Stirn, „das hoffe ich auch.“ „Übrigens Fred Downey hat angerufen, er würde uns gerne so rasch als möglich sehen. Er möchte die Details im Fall Craven lieber von uns hören. Hoberman scheint bei seinen Berichten maßlos übertrieben zu haben.“ „Typisch“, schnappte Don, „er hat noch den gleichen Gottkomplex, wie in Quantico. Er hat es nie verwunden, dass er bei zwei Fällen, die wir gemeinsam bearbeitet hatten, daneben lag.“ Er warf einen Blick auf seine Uhr, „und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss los.“ Schon eilte er nach draußen und ließ Megan mit dem ganzen Tross von Leuten allein zurück.

 

Colby hatte Charlie vor dem Haus abgesetzt. Seine Einladung auf ein Bier hatte er dankend abgelehnt. Er meinte, er würde wieder zurück an den Tatort fahren. „Hi Dad“, rief Charlie, als er zur Tür hereinkam. Alan hatte es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht und guckte Sport. Als er jedoch die Stimme seines jüngsten vernahm, stand er sofort auf. Eigentlich hatten ihm jede Menge Fragen auf der Zunge gelegen, aber bei Charlies Anblick, stellte es ihm die Nackenhaare auf. „Um Himmels Willen, das viele Blut!“ rief er aufgeregt und nahm seinen Sohn sofort näher in Augenschein. „Reg dich ab Dad“, meinte Charlie, „das ist nicht mein Blut. Das ist Tessas. Don hatte etwas bei ihr vergessen und als wir zum Haus kamen, stand die Tür offen. Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen, um den Kerl zu verjagen. Don hat ihn verfolgt und es sind Schüsse gefallen.“ Alan griff sich an sein Herz. „Bitte Dad, halb so wild“, Charlie konnte nicht umhin und musste grinsen, „Don geht es gut. Bloß der Typ ist abgehauen.“

 

„Ihr beide seid mir in letzter Zeit ein bisschen zu viel in Schießereien und andere unschöne Dinge verwickelt“, fauchte Alan. Charlie versuchte ernst zu bleiben. Auch wenn ihm vor seinem geistigen Auge sein Vater in Form von Rumpelstilzchen erschien. „Grins nicht so blöd“, regte Alan sich auf, „ich finde das weder komisch, noch sonst was.“ Er deutete auf seinen Kopf, „siehst du die vielen grauen Haare? Die hab ich alle bloß von den vielen Sorgen, die ich mir andauernd um euch machen muss.“ „Na, jetzt übertreibst du aber“, sagte Charlie augenzwinkernd, „ein paar davon stammen sicher von Milly.“ Er deutete auf den Umschlag, „ich zieh mich jetzt mal um und dann muss ich mir das gleich ansehen. Ich bin nachher in der Garage.“ Sein Magen machte sich mit einem dumpfen Grollen bemerkbar. „Hast du vielleicht was Essbares im Kühlschrank.“ „Haben wir das nicht immer?“ Alans Laune war definitiv auf dem Tiefpunkt angelangt, „bedien dich, du weißt ja wo der Kühlschrank steht.“ Er wandte seinem Sohn demonstrativ den Rücken zu und ging wieder zum Fernseher.

 

„Genau so, stelle ich mir einen herzlichen Empfang daheim vor“, murmelte Charlie und schnitt eine Grimasse. Bevor er jedoch in die Küche ging, lief er nach oben und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal. Blöde Idee. Auf der vorletzten verhaspelte er sich und strauchelte. Ein lautes Poltern drang an Alans Ohr, „Charlie?“ „Alles in Ordnung Dad, ich war nur ein bisschen zu schnell.“ Alan schüttelte den Kopf und versuchte sich wieder auf die Sendung zu konzentrieren. Aber es ging nicht. Schließlich schaltete er den Fernseher ab und ging in die Küche, um Charlie das Abendbrot zu richten. Im Stillen dankte er Gott dafür, dass er seinen Jüngsten nicht zu sich geholt hatte. Alan versuchte sich von seinen düsteren Gedanken abzulenken, indem er Essen vom Kühlschrank auf die Arbeitsplatte packte. Aber immer wieder musste er an seine Besuche an Charlies Krankenbett denken und an die Zeit danach. Es war alles andere als leicht gewesen. Und selbst jetzt da sein Jüngster wieder anfing, Interesse am Leben allgemein zu bekommen, konnte er sehen, dass es an manchen Tagen ein regelrechter Kampf für Charlie war.

 

Don lief im Wartesaal des Krankenhauses nervös auf und ab. Tessa lag immer noch auf dem OP-Tisch. Die Eingangstür schwang auf und ein Mann stürmte herein. Don schätzte ihn auf ungefähr Mitte vierzig. Er trug einen sündteuren, dunkelgrauen Kaschmirmantel, darunter einen Smoking und Lackschuhe. Auch wenn man in Betracht zog, dass es sich hier um eine Privatklinik handelte, wirkte er ziemlich overdressed. Kaum kam die zierliche Krankenschwester um die Ecke, stürzte sich der Mann auf sie, wie ein Falke auf eine Maus. „Mein Name ist Dorian Finch ich bin ein sehr guter Freund von Tessa Montgomery. Wo kann ich sie finden?“ „Entschuldigen sie Sir, ich hab gerade meinen Dienst angetreten, ich kann ihnen nicht weiterhelfen. Meine Kollegin, Schwester Miriam, weiß sicher darüber Bescheid, sie müsste jeden Moment wieder hier sein.“ „Was ist das für ein Saftladen?“ brüllte der Mann, der gut und gern zwei Köpfe größer war, als die Krankenschwester. Ängstlich sah sie zu ihm auf. Don fühlte sich bemüßigt dazwischen zu gehen. „Entschuldigen sie Mr. Finch …“ „Wer zum Teufel sind sie?“ Daraufhin bereitete es Don tierisches Vergnügen, seinen Ausweis zu zücken und ihm diesen unter die Nase zu halten. „Special Agent Don Eppes, FBI.“ Die niedliche Krankenschwester suchte fluchtartig das Weite.

 

„Tessa Montgomery wird im Moment noch operiert. Ihr Zustand ist äußerst kritisch“, sagte Don, „und jetzt sagen sie mir bitte in welchen Verhältnis sie zu Tessa stehen.“ „Das geht sie einen feuchten Kehrricht an“, schnappte Finch. „Das sehe ich anders, Tessa ist Zeugin in einem Mordfall und wurde nun selbst Opfer eines Verbrechens. Wenn also hier jemand hereinstürmt und ihren Namen brüllt, geht mich das sehr wohl etwas an, Sir.“ Don spuckte das Wort „Sir“ förmlich aus. „Wir stehen uns sehr nahe“, sagte Finch mit bebender Stimme. „Ach tatsächlich? Bis dato hat sie sich nämlich noch nicht erwähnt und ich bin seit dem Attentat auf ihren Mann an dem Fall dran“, entgegnete Don, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Finchs Haltung änderte sich, er schien zu resignieren, halblaut sagte er, „Tessa und ich hatten einige Jahre ein Verhältnis. Ich war gerade auf einer Dinner Party, als ich …“ Die Tür ging erneut auf und eine Blondine, die aussah, wie ein abgehalftertes Supermodel, kam herein. „Und wie geht es ihr?“ Don warf Finch einen fragenden Blick zu, „Judith Kern, meine … meine Verlobte“, erklärte er und machte die beiden miteinander bekannt.

 

„Sind sie sowas wie ihr Bodyguard?“ meinte Judith. Sie schien Don regelrecht mit ihren Augen zu verschlingen. „Ganz und gar nicht“, erwiderte dieser und wandte sich wieder an Finch. „Wann haben sie Tessa zum letzten Mal gesehen?“ „Kurz bevor George ermordet wurde. Wir waren alle Gäste einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten von unterprivilegierten Kindern.“ In Zusammenhang mit der Garderobe der beiden klang das fast wie Hohn in Dons Ohren. Jetzt ging die Tür auf der anderen Seite auf und ein Arzt blickte fragend in die Runde. „Agent Eppes?“ Don eilte zu ihm, sie schüttelten sich die Hände. „Wir konnten die Blutung stoppen, es wurden keine lebenswichtigen Organe verletzt und sofern keine Komplikationen aufreten, denke ich, sie wird es schaffen.“ „Danke Doc, wann kann ich zu ihr?“ „Sie wird noch im OP versorgt und kommt dann auf die Intensivstation, kommen sie in ein paar Stunden wieder. Wenn sie Glück haben, ist sie sogar ansprechbar.“ Sie nickten sich kurz zu. Finch trat unruhig von einem Bein aufs andere, als Don zu ihm und Judith zurückkehrte. „Und wie sieht es aus?“ „Der Arzt meinte, sie wird es schaffen“, sagte er knapp. „Gottseidank“, entgegnete Finch. Judith klammerte sich an ihren Freund, als wäre er Treibholz in einer stürmischen See.

 

Don wusste nicht so recht, wie er die beiden einschätzen sollte. „Sie darf jedoch noch keinen Besuch empfangen.“ Finch seufzte übertrieben, „in Ordnung, dann gehen wir wohl besser wieder.“ Die drei verabschiedeten sich voneinander. Don schüttelte kaum merklich den Kopf als Finch und seine Begleiterin in eine Stretchlimousine samt Chauffeur stiegen. Er hasste Leute, die so offensichtlich mit ihrem Reichtum prahlten. Außerdem fühlte er kleine Nadelstiche in seinem Inneren. Er fragte sich was Tessa wohl an einem Kotzbrocken wie Finch gefunden hatte? Der Mann wirkte vom Scheitel bis zur Sohle einfach nur dekadent. Er gähnte herzhaft als er in seinen Wagen stieg und dachte darüber nach, wann er das letzte Mal acht Stunden am Stück durchgeschlafen hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, startete den Motor und hoffte, auf dem Weg ins Büro nicht am Steuer einzuschlafen.