Chapter 17

 

„Shit!“ fluchte Don, als er die Tür auf der Fahrerseite öffnete und auf den leeren Beifahrersitz starrte, „so ein Mist.“ „Was ist denn?“ wollte Charlie wissen, der gerade eben eingestiegen war. „Ich hab mich vorhin mit Tessa getroffen und sie hat mir eine Akte gegeben. Anscheinend hab ich sie vor lauter Aufregung liegen gelassen.“ Charlies Mobile läutete, „ja?“ „Hallo Charles hier ist Larry, ich hab den Code geknackt.“ „Das ist fantastisch“, jubelte Charlie. „Wie man’s nimmt“, sein Freund klang bedrückt, „auf jeden Fall solltest du dich mit Don in Verbindung setzen und so schnell…“ „Ich sitze in Dons Wagen, wir sind schon auf dem Weg.“ Don warf einen verwunderten Seitenblick auf seinen Bruder, „was ist denn los?“ „Das war Larry, er hat den Code endlich geknackt. Aber er klang alles andere als erfreut. Falls es möglich ist, sollen wir sofort zu ihm kommen.“ Don wendete den Wagen, „Tessa kann ich auch nachher noch einen Besuch abstatten.“

 

Larry tigerte in seinem Büro auf und ab, als Don und Charlie eintrafen. „Hey Larry, wie geht’s?“ fragte Don freundlich. „Nicht gut, gar nicht gut.“ „Komm, setz dich erst mal hin. Dann hol tief Luft und dann erzähl uns, was du herausgefunden hast“, schlug Charlie vor. Larry nickte und nahm Platz. Mit einer Tastenkombination rief er das Programm auf, das ihm bei Entschlüsselung der codierten Sequenz geholfen hatte. Eine Reihe von Zahlen und mathematischen Formeln begannen den Bildschirm zu bevölkern. Während Don nur Bahnhof verstand, hatte sich Charlie bereits in die Materie vertieft. Nervös zupfte er an seiner Unterlippe, seine Miene verdüsterte sich zusehends mit jeder Zeile. „Wow, jetzt weiß ich was du meinst“, sagte Charlie, nachdem er die letzte Zeile gelesen hatte.

 

„Entschuldigung, dürfte ich vielleicht auch erfahren, worum es hier geht? Ich kann rein gar nichts erkennen“, meldete sich Don, ein wenig eingeschnappt, zu Wort. „Der Nachrichtensatellit, dient nicht nur zur Übermittlung von Nachrichten“, erklärte Larry. „Das hab ich mir fast gedacht“, murmelte Don und verdrehte die Augen. Charlie ergriff das Wort, „was Larry damit sagen will ist, dass dieser Satellit, so wie es aussieht, einen Störsender mit an Bord hat, der, sobald diese Sequenz einmal gestartet wurde, unter anderem die Lasererfassung von Zielen, ferngesteuerte Raketen und so weiter erheblich beeinflusst. Du kannst dir ausmalen, was geschieht, wenn diese Systeme nicht mehr richtig funktionieren bzw. komplett ausfallen.“ „Die Katastrophe wär vorprogrammiert“, Don schluckte, „und wer bitteschön würde einen Nutzen aus so einer Sache ziehen?“

 

Larry zog seine Augenbrauen kurz hoch, „das hab ich mich auch schon gefragt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich um eine Firma handeln muss, die sich auf die Abwehr solcher „Störfälle“ spezialisiert hat. Insgesamt gibt es drei Firmen. Eine ist jedoch vor kurzer Zeit Pleite gegangen. Sie haben sich finanziell übernommen. Die beiden anderen Firmen stehen hier drauf.“ Er drückte Don einen Zettel in die Hand, „ich überlasse es dem FBI herauszufinden, wer von den beiden der Übeltäter ist.“ Don warf einen kurzen Blick darauf und seufzte, „na toll. In der Sequenz befindet sich nicht zufällig ein Hinweis darauf?“ Charlie schüttelte den Kopf, „die Sequenz wurde noch nicht aktiviert. Das heißt wir haben auch kein Signal, dass wir zurückverfolgen können.“ „Du kannst von Glück sagen, dass das noch nicht geschehen ist Charles“, meinte Larry aufgekratzt, „das wäre der reinste Horror, wenn ich an den Irak oder Afghanistan denke.“

 

Charlie und Don nickten. „Habt ihr denn eine Ahnung, wann der Störsender aktiv werden könnte?“ „Soviel ich weiß, hat sich der Satellit noch nicht richtig positioniert“, sagte Larry, „sobald das geschehen ist, werden erst einmal die Standardroutinen hochgeladen und es laufen ein paar Systemchecks, das kann ein paar Tage dauern. Anschließend werden dann die Verbindungen aufgebaut und wenn dann alles funktioniert …“ „Dann haben wir bestenfalls noch eine Woche?“ fragte Don entsetzt. Larry nickte, „oder aber wir finden eine Möglichkeit einen Virus einzuschleusen und das Ding lahmzulegen.“ Er sah erwartungsvoll zu Charlie. „Was guckst du mich an. Amita ist sicher diejenige, die am besten dafür geeignet wäre.“ „Eben“, Larry klimperte mit seinen Wimpern. „Nein, auf keinen Fall“, wehrte Charlie vehement ab, „wenn du ihre Hilfe benötigst, rufe sie bitte selbst an. Halt mich da raus.“ „Ich dachte nur …“ „Es ist mir egal, was du denkst Larry“, schnappte Charlie. Er wandte sich um und starrte an die Tafel. „So schlimm?“ flüsterte Larry. Don nickte grinsend.

 

Dann wurde er wieder ernst. „Na schön. Kannst du mir die Daten auf CD brennen?“ Larry reichte ihm eine Hülle, „schon geschehen. Ich habe schon meine Kontakte bei der NASA angeleiert. Solange wir jedoch nichts Stichhaltiges haben, können sie nicht eingreifen. Bis jetzt ist alles reine Theorie.“ „Ich verstehe. Jedenfalls vielen Dank“, er drückte Larry kurz die Hand, „komm Charlie wir gehen.“ Der nickte seinem Freund nur kurz zu und folgte seinem älteren Bruder. „Der nächste der antanzt und mich nach Amita fragt, dem reiß ich den Kopf ab“, grummelte Charlie. „Na, na, na. So aggressiv kenn ich dich ja gar nicht“, griente Don. „Ich bin nicht aggressiv, ich bin nur genervt“, lenkte Charlie, ein wenig ruhiger, ein, „mir geht es nur auf den Keks, dass niemand akzeptieren will, dass wir nicht mehr zusammen sind.“ Don zog es vor zu schweigen, er hatte sich heute bereits zu diesem Thema geäußert und musste sich nicht noch einmal in die Nesseln setzen.

 

„Hast du Lust mich zu Tessa zu begleiten? Sie würde sich sicher freuen dich zu seh … Mist, naja, du weißt schon.“ Jetzt musste Charlie grinsen. Don knuffte ihn in die Seite, „hör bloß auf, deine Mundwinkel so dämlich nach oben zu ziehen.“ „Autsch, ich bin immer noch rekonvaleszent!“ machte Charlie ihn aufmerksam. „So krank kannst du ja nicht mehr sein, wenn du und Angela …“ Charlie hob seine Hand. Daraufhin fing Don an zu laufen und Charlie rannte ihm hinterher. Atemlos kamen sie beim Wagen an und stiegen ein. Besorgt warf der Ältere einen Blick auf den Jüngeren, „alles klar? Du siehst ein wenig blass aus?“ „Es geht schon, mir ist nur ein wenig schwindlig. Fahr schon. Vielleicht hat Tessa ja einen Kaffee für mich.“

 

Tessas Haus lag im Dunkeln, obwohl ihr Wagen in der Einfahrt parkte. Don warf einen Blick auf die Uhr, kurz nach acht Uhr abends. „Denkst du, sie ist schon schlafen gegangen?“ fragte Charlie verwundert, während er seinem Bruder zur Eingangstür folgte. „Das glaub ich nicht“, murmelte Don und zog seine Waffe. Erschrocken machte Charlie einen Satz zurück, „um Himmels Willen, was ist denn los?“ zischte er. Don legte seinen Zeigefinger auf den Mund und deutete auf die Tür, sie war lediglich angelehnt, „bleib hinter mir, hörst du?“ „Okay“, flüsterte Charlie. Don trat ein, die Waffe im Anschlag. Er versuchte, den Lichtschalter zu betätigen. Nichts. Irgendwie hatte er ein Déjà-vu. Er dachte sofort an den Typen von SETI. Doch der wäre sicher nicht so dämlich es ein zweites Mal zu versuchen. Als Don stehen blieb, lief Charlie auf ihn auf, „entschuldige.“ Don nickte nur und lauschte.

 

Im Wohnzimmer angekommen, bemerkten beide, ein Stück weiter hinten einen schwachen Lichtschein. Plötzlich hörten sie ein lautes Poltern. „FBI“, brüllte Don so unvermittelt, das Charlie zusammenzuckte, dann stürmte er los. Vor dem Boden des Arbeitszimmers lag eine reglose Gestalt, es war Tessa. „Kümmer dich um sie“, rief Don und jagte dem Eindringling hinter her, der gerade beim Fenster des Büros hinausgesprungen war. Charlie kniete sich neben Tessa. Entsetzt sah er die Wunde an ihrer Schulter, aus der nach und nach Blut sickerte. „Du meine Güte!“ murmelte er, riss sich das Hemd vom Körper, darunter trug er noch ein rotes T-Shirt und drückte es fest auf die Wunde. Schüsse hallten durch die Dunkelheit und ließen ihn erschauern. Mit der freien Hand angelte er nach seinem Mobile und verständigte Notarzt und die Polizei, ebenso wie Colby, da er Megan nicht erreichte. Tessa kam zu sich und wollte sich aufsetzen. „Ich bin’s Charlie, bitte Tessa, du darfst dich nicht bewegen. Du wurdest angeschossen.“ „Ich, ich muss … die Akte … sie haben die Akte … Don, wo ist Don?“ „Er verfolgt den Einbrecher.“ Tessa tastete suchend nach Charlies Arm.

 

Zärtlich strich er ihr übers Gesicht, „ich bin hier Tessa, alles wird gut.“ Zum Zeichen seiner Zuversicht drückte er ihre Hand. „Mir ist kalt Charlie.“ „Es ist gleich jemand hier, der sich um dich kümmert“, versprach er ihr, „halte durch.“ „Wo ist Don?“ „Draußen Tessa, er verfolgt den Kerl, der dir das angetan hat.“ Das Hemd war bereits blutdurchtränkt. Charlie presste fester. Sie stöhnte leise auf. „Tut mir leid Tessa.“ Sein Atem ging stoßweise. Verzweifelt hielt er nach Don Ausschau. Als sich ihm, mit raschen Schritten eine dunkle Gestalt näherte, setzte sein Herzschlag kurz aus, jedenfalls fühlte es sich so an. Erleichtert stellte er fest, dass es Don war. „Bist du okay? Ich hab Schüsse gehört.“ Sein Bruder nickte und kniete sich neben ihn. Er keuchte vor Anstrengung, „der Bastard ist mir entwischt. Wie geht’s ihr?“ „Nicht gut, sie verliert ziemlich viel Blut. Ich hab den Notarzt schon verständigt, wo bleiben die bloß?“ Charlies Nerven lagen blank. Don sprang auf und lief ins Badezimmer, um noch Handtücher zu holen. „Lass mich mal“, bat er seinen Bruder. Charlie machte Platz. Don legte das blutige Hemd zur Seite und drückte ein Handtuch auf die Wunde. Tessa kam erneut zu sich, „Don? Don bist du das?“ „Ja, Tessa. Ich bin hier“, er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und streichelte sie. „Du kommst wieder in Ordnung. Das versprech ich dir.“ Sie hörten die Sirenen. „Charlie geh nach draußen“, sagte Don.

 

Tessa leckte sich die Lippen, „sie … sie haben die Akte.“ „Schon gut Tessa, ich kümmere mich darum. Du darfst jetzt nicht sprechen.“ Sie schüttelte den Kopf, „nein Don, sie … sie haben die Akte, aber nicht die Kopie. Die ist in meinem Arbeitszimmer, oben. In einem dicken Buch …“ Ihre Kräfte schwanden mit besorgniserregender Geschwindigkeit. Endlich kam der Notarzt, gefolgt von Charlie. Besorgt starrten er und Don auf Tessa, während sie vom Rettungsteam versorgt wurde. „Denkst du sie kommt durch?“ fragte Charlie. „Ich hoffe. Sie hat ziemlich viel Blut verloren.“ Die Sanitäter legten einen Zugang zu Tessas Arm, um ihr eine Infusion zu verabreichen, versuchten, so gut es ging die Blutung zu stillen und hievten sie auf eine Bahre. „Wo bringen sie sie hin?“Don zeigte dem Mann seinen Ausweis. Der Arzt nannte ihm den Namen einer Privatklinik. „In Ordnung, danke.“ Kurze Zeit später traf dann auch ein Tross von Polizisten, samt Spurensicherung ein. Colby folgte zehn Minuten darauf. Don übernahm die Leitung am Tatort und brachte Colby auf den neuesten Stand. Charlie stand abseits des Geschehens. Seine Gefühle fuhren Achterbahn und er wusste nicht so recht was er tun sollte. Er hatte sich bereits mehrmals die Hände gewaschen und meinte doch, noch immer Tessas Blut an ihnen zu spüren.