Chapter 16

 

In der Lounge des Beverly Wilshire Hotels hielt Don Ausschau nach Tessa. Er sah auf die Uhr über der Bar. Er war pünktlich, sie offensichtlich nicht. Er seufzte und setzte sich an einen der hinteren Tische und orderte ein Glas Soda. Eigentlich war er derjenige, der meistens zu spät kam. Doch er musste nicht lange warten. Als Tessa ungefähr zehn Minuten später eintraf, verrenkten sich einige Männer die Hälse, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug. Eine riesige Sonnenbrille verdeckte beinahe die Hälfte ihres wunderschönen Gesichts, in der linken Hand hielt sie einen Aktenkoffer, in der rechten den Blindenstock. Es dauerte einen Moment, ehe Don aufsprang und zu ihr ging. Zu sehr hatte ihn ihr Anblick in den Bann gezogen. „Hallo Tessa, du siehst bezaubernd aus“, sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Danke“, entgegnete sie und hakte sich bei ihm unter. Er führte sie an seinen Tisch. Sie nahmen Platz und Tessa bestellte ein Glas Rotwein. „Nun Agent Eppes, wie geht’s es ihnen?“ griente sie und nahm die dunkle Brille ab. Er räusperte sich, ihr Anblick raubte ihm buchstäblich den Atem.

 

„Danke Tessa, mir geht’s soweit ganz gut.“ „Hast du mich vermisst?“ fragte sie schelmisch. Er musste grinsen. „Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugeben würde hin und wieder an dich gedacht zu haben.“ Don, der Diplomat. „Das freut mich zu hören“, gab sie fröhlich zurück, „leider habe ich dich nicht ganz zum Vergnügen hergebeten.“ Sie nahm den Aktenkoffer auf ihren Schoß, zog einen hellbraunen Umschlag hervor und legte ihn auf den Tisch. Dann schloss sie den Koffer und stellte ihn wieder zurück auf den Boden. Don runzelte die Stirn. „Das hier kann dir möglicher Weise helfen, die Mörder meines Mannes zu finden“, sagte sie, als hätte sie Dons ratloses Gesicht gesehen. „Leider habe ich länger als erwartet auf die Akte warten müssen, deshalb hab ich mich auch verspätet. Entschuldige. Bitte, sie sie dir ruhig an und behalte sie. Ich habe eine Kopie davon.“ Don öffnete den Umschlag und entnahm seinen Inhalt. „Halifax Treasure“, murmelte Don und überflog das Papier, „dein Mann war Inhaber eines Trusts? Datiert wurde das ganze mit dem 12. Wenige Tage, bevor dein Mann starb.“ „Halifax Treasure diente einzig und allein dazu, die illegalen Gelder, die mein Mann für das Satellitenprojekt bekam, zu waschen“, sagte sie mit gesenkter Stimme, „er dachte, ich würde es nicht mitbekommen. Typisch, für ihn bedeutete blind automatisch blöd. Wie für viele anderen Leute auch.“

 

„Tessa, ich halte dich sicher nicht für blöd“, fühlte sich Don bemüßigt zu sagen. „Danke“, sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, „wende dich in der Angelegenheit an Lincoln Hoyt. Er war der Geschäftspartner meines Mannes.“ „Denkst du, er ist in den Mord verwickelt?“ Sie schüttelte den Kopf, „sicher nicht wissentlich. Hoyt hat bereits die Millionen seines Familienerbes durchgebracht und ohne Gordon sind auch die Tage von Hoyt’s Digital Satellites gezählt. Auch wenn Gordons Name nicht im Firmenlogo steht, so war er doch derjenige, der die Show am Laufen hielt. Mit seinen Beziehungen und natürlich auch finanziell.“ „Wenn die Firma den Bach runter geht, was wird dann aus dir?“ hakte Don ein wenig besorgt nach. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Er nahm sie zärtlich in seine. „Don, darüber brauchst du dir nun wirklich nicht deinen Kopf zu zerbrechen. Wir hatten von jeher getrennte Konten. Anders hätte mein Vater der Heirat mit Gordon nie zugestimmt. Weiter hinten in dem Akt findest du noch eine Disc über sämtliche finanzielle Transaktionen von Halifax Treasure. Meiner Meinung könnte es nicht schaden, Charlie einen Blick darauf werfen zu lassen.“ „Danke, mach ich“, seiner Reaktion nach zu urteilen, schien sie einen wunden Punkt getroffen zu haben, „ist was nicht in Ordnung?“

 

Hastig trank er einen Schluck. „Naja, ich musste gerade an den Vortrag denken, den mein Vater mir gehalten hat, als ich Charlie letztens nach Hause gebracht hab. Er ist der Meinung, ich würde ihm so kurz nach seiner Genesung einfach zu viel zumuten. Aber ich denke, er kann sich nicht ewig in seinem Schneckenhaus verkriechen.“ Sie drückte seine Hand, „es ist schön, wenn man eine Familie hat, die sich um einen sorgt. Doch Charlie weiß sicher am besten, was gut für ihn ist und wenn er dir helfen kann, dann wird er es auch tun.“ Don verzog sein Gesicht, „seit der Sache mit Craven und der Senatorin komm ich mir ihm gegenüber wie ein Arschloch vor, wenn ich ihn um Hilfe bitte. Ich meine, wäre ich nicht gewesen, wäre Charlie doch nie in diese Situation gekommen.“ „Das ist es also“, sie zog ihre Hand zurück und nippte an ihrem Rotwein. „Don, kein Mensch hat jemals die totale Kontrolle über sein Leben und schon gar nicht über das jener Personen, die ihm nahe stehen. Dinge, schreckliche Dinge geschehen nun mal. Wäre das nicht passiert, dann ganz sicher etwas anderes.“ Er schüttelte den Kopf, „wie hoch stehen deiner Meinung nach die Chancen, dass ein Uni-Professor Opfer einer Entführung wird? Es ist wirklich nett von dir, mich von meiner Schuld freisprechen zu wollen. Doch in diesem Fall …“ Er leerte sein Glas in einem Zug.

 

Tränen standen in seinen Augen. Sie hatte es an dem leichten Zittern in seiner Stimme hören können. Sie wollte etwas erwidern, wurde jedoch durch das Klingeln seines Mobiles daran gehindert. „Eppes?“ krächzte Don. Pause. „Ich mach mich sofort auf den Weg, Sir. In Ordnung!“ Er steckte das Mobile weg und nahm erneut Tessas Hand, „es tut mir leid. Das war mein Boss. Auf der UCLA gab es einen Zwischenfall. Eine Explosion. Mein Team war vor Ort, ich …“ „Schon gut Don, geh ruhig. Ich ruf mir ein Taxi und melde dich nachher bei mir. Oder komm vorbei, wenn du weißt was geschehen ist.“ „Danke“, er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, legte ein paar zerknüllte Dollarscheine auf den Tisch und lief zum Eingang. Die Akte hatte er komplett vergessen. Einige Gäste blickten ihm kopfschüttelnd hinter her.

 

In Dons Kopf spielten sich die aller schrecklichsten Szenarien ab. Es war doch sein Fall, weshalb war er nicht vor Ort gewesen? Und was hatten seine Leute dort eigentlich gewollt? Er stellte das Radio an. „Breaking News“, tönte es ihm aus den Lautsprechern entgegen, „aus noch bisher ungeklärter Ursache gab es auf dem Gelände der UCLA eine heftige Detonation. Zum Zeitpunkt der Explosion befanden sich u.a. zwei SWAT-Teams und einige Mitglieder des FBI vor Ort. Gerüchten zufolge ging es darum, den „Schneewittchenmörder“ dingfest zu machen. Zum Glück ereignete sich der Zwischenfall in einem abgesperrten Teil der Uni. Unter den Studenten sind keine Opfer zu beklagen…“ Don stellte das Radio wieder aus, „Schneewittchenmörder, also die haben sie doch nicht mehr alle“, fauchte er und trat das Gaspedal beinahe bis zum Anschlag durch.

 

Die Hölle war los, als er auf dem Campus der UCLA eintraf. Die Menschen liefen kreuz und quer durcheinander, einige von ihnen weinten. Don nahm seinen Ausweis zur Hand und bahnte sich damit einen Weg durch das Chaos. Hin und wieder blieb er stehen und fragte, ob jemand wüsste wo seine Leute abgeblieben waren. Nach ungefähr fünf Minuten Herumirren auf dem riesigen Gelände, stieß er auf eine Gruppe von Mitgliedern des SWAT-Teams, die auch an dem Einsatz beteiligt waren. Sie waren allesamt, bis auf kleinere Blessuren unverletzt. Einer von ihnen führte ihn schließlich zu einem Abschnitt, indem sich mehrere Krankenwagen befanden. Die Feuerwehr war noch immer dabei, den Brandherd rund um das Gebäude einzudämmen. Don nickte dem jungen Mann kurz zu und blickte sich suchend um. Endlich! Da drüben stand Colby. „Hey Colby“, rief Don schon von weitem. Der hob den Kopf und winkte ihm kurz zu. Er hatte eine kleine Schramme an der rechten Schläfe, schien aber sonst in Ordnung zu sein. „Wo sind die anderen? Sind sie verletzt? Wie geht es dir? Was ist hier eigentlich passiert?“ sprudelte es aus Don heraus. Er war völlig außer Atem.

 

„Beruhig dich erst Mal Don“, sagte Colby. „Beruhigen? Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld und ihr ward anscheinend mitten drinnen.“ Colby zuckte die Schultern, „zum Glück gibt es nur einen Toten und das ist unser irrer Killer. Bei den SWAT-Leuten gibt’s ein paar Verletzte. Drei davon mussten ins Krankenhaus gebracht werden, aber sie kommen durch. Ich hab das hier abbekommen“, Colby deutete auf seine Schläfe, „David dürfte ein mordsmäßiges Veilchen bekommen, Theodor hat nicht mal eine Schramme, ebenso wie Megan und George.“ „George?“ Don war verblüfft, „was wollte sie denn hier?“ „Sie hat uns den entscheidenden Hinweis auf den „Schneewittchenmörder“, ein echt bescheuerter Name, wenn du mich fragst, gegeben.“ Don nickte, tiefe Furchen zogen sich über seine Stirn. Seine Miene hellte sich er ein wenig auf, als Megan auf ihn zukam. „Hallo Don“, begrüßte sie ihn. „Mr. Anthony Collins scheint mir ein Faible für theatralische Auftritte zu haben“, sie hielt Don dessen Führerschein unter die Nase.

 

„Das hier war wohl sein größter, wenn auch letzter. Collins hat hier mal vor Jahren studiert. Mit sichtlich wenig Erfolg. Seine Eltern hatten nicht das Geld um ihn das Studium vollständig zu finanzieren. Deshalb half er bei einem Leichenbestatter aus.“ „Wie erfrischend“, warf Don kurz ein. „Collins war der absolute Einzelgänger, er gehörte nirgends dazu, hatte keine Freunde. Immer wieder prügelte er sich mit anderen Kommilitonen und verwüstete fremde Zimmer. Er wurde der Uni verwiesen. Nachdem seine Eltern von seinen schlechten Noten und seinen „Entgleisungen“ erfahren haben, haben sie ihn kurzerhand vor die Tür gesetzt. Daraufhin ist er in den abgesperrten, baufälligen Trakt „eingezogen“ und hat sich unauffällig unter die Leute gemischt. Dabei ist er dann auf Tristan und seine „lustige“ Truppe gestoßen.

 

Noch ist uns nicht ganz klar, weshalb er ausgerechnet sie für seine Mordserie ausgesucht hat.“ „Vielleicht ist er ihnen wegen der Sache mit den Leichen aus die Schliche gekommen?“ meinte Colby. „Oder er war eifersüchtig, weil sie aus einer völlig anderen Gesellschaftsschicht stammten und sehr beliebt waren“, entgegnete Megan. „Touchè!“ griente Colby. Megan fuhr fort, „als wir ihm, dank Georges tatkräftiger Unterstützung, auf die Schliche gekommen sind, ist er durchgeknallt. Er lief hinunter in den Keller des Gebäudes und hat dort sämtliche Gashähne aufgedreht. Den Rest kennst du.“ „Wie verkorkst muss jemand sein, um das alles durchzuziehen?“ „Sehr verkorkst“, sagte eine Stimme hinter ihm, es war George. Don fiel eine ganze Ladung Steine vom Herzen. Er drehte sich um, zog sie in seine Arme und drückte sie ganz fest an sich. „Na, so sehr hat er sich bei uns aber nicht gefreut“, raunte Megan in Colbys Ohr. „Von uns beiden hat auch keiner mit ihm geschlafen“, sagte Colby trocken. Megan bekam beinahe einen Lachkrampf.

 

Don sah George tief in die Augen, „ich bin so froh, dass es dir nichts passiert ist.“ Sie schmiegte sich eng an ihn. Am liebsten hätte sie ihn für den Rest des Tages nicht mehr losgelassen. Plötzlich rief jemand laut Dons Namen. Es war Charlie. Don löste sich von George. „Ich bin hier! Alles in Ordnung Bruder.“ Charlies dunkle Locken hingen wirr in sein Gesicht und er sah ziemlich blass aus. „Ich hab von der Explosion im Radio gehört. Ich war gerade bei Angela, sie hat mich hergefahren.“ Erst jetzt begriff er, dass sie nicht alleine waren. „Hallo allerseits“, verlegen winkte er in die Runde, „ich hoffe euch geht’s auch gut und …“, er musterte George, die noch immer Dons Arm festhielt. „Und ihnen natürlich auch.“ Dann warf er Don einen Blick zu der besagte, „wer ist das?“ „Ähm George, das ist Charlie, das Mathegenie. Charlie, dass ist George, die neue Gerichtsmedizinerin.“ Sie streckte ihm freundlich die Hand entgegen, „beinahe könnte man meinen wir kennen uns bereits. Don hat mir sehr viel von ihnen erzählt.“ Charlie nahm Georges Hand und drückte sie. „Wahrscheinlich hat er maßlos übertrieben“, meinte er. Seine Wangen wurden dabei von einem Hauch von Rot überzogen.

 

„Wo sind eigentlich David und Theodore?“ wollte Don wissen. „David musste mit ins Krankenhaus zum Röntgen, reine Vorsichtsmaßnahme. Theo leistet ihm Gesellschaft“, antwortete Megan. Dann wandte sie sich an George, „kommen sie gleich mit Dr. Hoberman? Wir müssen noch unsere Aussagen machen.“ Die Gerichtsmedizinerin nickte, „bis später Don.“ Ihre Stimme war so süß wie Honig. Sie ging hinüber zu den beiden. Charlie warf Don fragende Blicke zu, „sagte Megan gerade Hoberman oder hab ich mich verhört?“ „Nope“, entgegnete Don grinsend, „ganz und gar nicht. Sie ist die Schwester von Erwin, dem Ekelpaket.“ „Du nimmst mich jetzt aber auf den Arm.“ Don lachte und marschierte los. „Warte, kann ich bei dir mitfahren. Ich hab Angela nach Hause geschickt, weil ich nicht wusste …“ „Also du und Angela“, drehte Don den Spieß geschickt um. „Macht ihr dort weiter, wo ihr vor Jahren aufhören musstet?“ „Das ist nicht fair Don“, beschwerte sich Charlie, „ich hab zuerst gefragt.“

 

Don schüttelte den Kopf, „na schön, du kleiner Quälgeist. So wahr ich hier stehe, George ist die Schwester von Hoberman. Aber sie kann ihn auf den Tod nicht ausstehen, zufrieden?“ „Und, habt ihr beiden was miteinander“, bohrte Charlie amüsiert weiter, „ich meine nur, so wie ihr dagestanden habt und sie dich angesehen und deinen Arm gehalten hat…“ „Es ist nichts ernstes“, wiegelte Don ab, „wir waren einmal miteinander aus.“ „Aber du wärst gern öfter mit ihr zusammen?“ „Charlie, wenn das hier ein Verhör sein soll, dann kannst du zusehen, wie du nach Hause kommst“, warnte Don. Sein kleiner Bruder hob beschwichtigend die Hände, „um Himmels Willen, nein. Ich dachte nur du und Tessa …“ „Schön, jetzt da du meine „Verhältnisse“ kennst, klär mich doch über deine auf“, neckte Don. „Angela und ich. Da ist noch soviel da von früher. Wenn wir zusammen sind, dann verstehen wir uns, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Es ist schön mit ihr zusammen zu sein.“ „Und was ist mit Amita?“ Dons Frage kam für Charlie ziemlich unvorbereitet. „Sie ist noch in Übersee und Milly hat erwähnt, dass sie wahrscheinlich länger als geplant dort bleiben wird. Also … ich meine … von daher …“ „Charlie, hör auf, dich vor mir zu rechtfertigen, ich mach doch nur Spaß“, lenkte Don ein und klopfte Charlie auf die Schulter, „ich bin doch der Master of Desaster wenn es um Herzensangelegenheiten geht, wie könnte ich mir da anmaßen, dir Vorschriften zu machen?“ Charlie erwiderte Dons Worte mit einem schiefen Grinsen und doch, ein bitterer Nachgeschmack blieb.