Chapter 15

 

„Hi Megan“, sagte George und blickte suchend umher, „ist Don da?“ „Nein, den hast du grad verpasst.“ „Mist“, sie zog einen Flunsch. „Worum geht’s, vielleicht kann ich dir weiterhelfen?“ „Ich denke, ich hab eine Spur in den Studentenmorden.“ „Ich bin ganz Ohr“, Megan legte den Stift zur Seite und bat George ihr ins Besprechungszimmer zu folgen. Die Gerichtsmedizinerin zog ein paar Blätter aus dem mitgebrachten Aktenordner. „Erstens hat sich mein Verdacht bestätigt. In Edens Körper befand sich jede Menge Formaldehyd. So als hätte sie jemand einbalsamieren wollen. Leider hat sie zu diesem Zeitpunkt noch gelebt.“ „Wie furchtbar“, meinte Megan und schüttelte den Kopf, „der Kerl ich ein echter Soziopath. Cheryls Mord war an Brutalität kaum zu übertreffen. Pauls Tod war äußerst ungewöhnlich, wenn man so sagen darf und Edens Tod kam einer Inszenierung gleich. Ich frage mich, was uns als nächstes erwartet. Wir müssen ihn unbedingt dingfest machen. Leider sind alle Spuren bisher …“

 

„Hier, ich hab’s gelb markiert“, wurde sie von George unterbrochen, „sowohl bei der Leiche von Paul als auch bei der von Eden hab ich Asbeststaub gefunden. Und der stammt nicht von den Tatorten sondern, halten sie sich fest, vom Uni-Campus.“ „Asbest ist doch schon lange verboten“, entgegnete Megan ein wenig irritiert. „Eben, ein Großteil der Uni wurde bereits generalsaniert. Bei einem Gebäudeteil jedoch überlegen sie, ob sie ihn nicht doch besser abreißen sollen, er ist sehr desolat und deshalb auch gesperrt. Der Asbest in diesem Bereich wurde noch nicht entsorgt.“ Megan nickte anerkennend, „das war tolle Arbeit George, danke. Am besten wir sehen uns dort mal um.“ „Ich kann mitkommen“, schlug die Gerichtsmedizinerin vor, „dann kann ich gleich vor Ort Proben nehmen und sie anschließend in meinem Labor mit denen hier vergleichen.“ „Ausgezeichnet! Ich sag gleich den anderen Bescheid.“ „Denken sie nicht Don hat was dagegen …“ Megan winkte lachend ab, „sagen wir mal so, er tut mir gerade einen Gefallen was meinen Fall anbelangt und dank Ihnen kann ich das gleiche nun für ihn tun.“

 

„Hier sieht’s aus wie in einem Horrorfilm“, meinte George, als sie den verlassenen Trakt betraten. Sie hatten sich den Schlüssel vom Rektor besorgt. „Du sagst es“, gab ihr Colby recht. Spinnwegen wohin man sah, der Boden war von einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt. Stühle, Garderobenkästen und sonstiges Interieur lagen oder standen kreuz und quer herum. „Fast könnte man meinen, ein kopfloses Gespenst käme jeden Moment um die Ecke“, ließ sich George vernehmen, die das Schlusslicht der Gruppe bildete. „Bitte, das ist ja ekelhaft“, stöhnte David, „besonders in diesem Fall. Als wäre der nicht schon unheimlich genug.“ Sie beschlossen sich in zwei Gruppen aufzuteilen. Megan und David sowie Colby, Theodor und George. Gang für Gang, Raum für Raum wurde durchkämmt. Stellenweise war der Putz von den Wänden gebröckelt, Kabel und Leitungen lagen blank. Ab und an blieb George stehen, um Proben zu entnehmen. „Zum Glück hab ich euch Jungs dabei“, sagte sie halblaut, „schon ein wenig unheimlich hier.“ Colby grinste, „also das versteh einer, sie stecken ihre Finger in Leichen und das Gebäude hier ist ihnen unheimlich?“ „Bei einem Toten weiß ich, was mich erwartet, aber hier …“ Kaum hatte sie ausgesprochen, knisterte es im Gebälk. Colby reagierte blitzschnell und riss Theodor zurück.

 

Ein Teil der Decke stürzte nach unten. „Da sehen sie was ich meine“, sagte George, dann wandte sie sich besorgt an Theodor, „alles in Ordnung?“ „Außer das ich nachher frische Unterwäsche brauche. Mann, danke Colby. Das hätte ins Auge gehen können.“ Colbys Walky-Talky knackte. Es war David, er wollte wissen was los war, sie hatten den Krach gehört. „Großes Vodoo“, feixte Colby, „nachdem unsere Frau Doktor sich über den Laden hier beschwert hat, kam prompt die Decke herunter und hätten den armen Theo beinahe unter sich begraben.“ „Braucht ihr Hilfe?“ fragte David. „Nein, alles bestens. Wie sieht’s bei Euch aus?“ „Nichts, bis jetzt. Over und out.“ Vorsichtig kletterten Colby, Theodor und George über die Trümmer, die ihnen den Weg versperrten. Plötzlich drang ein Duft in ihre Nasen. „Nag Champa“, stellte Theodor fest. „Wie bitte?“ Colby warf ihr fragende Blicke zu.

 

„Räucherstäbchen, Nag Champa, eindeutig. Sagen sie bloß sie haben noch nie von DEM Duft schlechthin gehört“, das war jetzt George. „Tut mir leid Lady, ich hab’s nicht so mit dem Kram. Ich verwende Raumspray.“ „Umweltbanause“, entgegnete sie und tat entrüstet. Sie folgten dem Geruch. Plötzlich kamen sie in einen Abschnitt, der so gar nicht mehr verlassen und unordentlich aussah. Colby bedeutete Theodor seine Waffe zu ziehen, „reine Vorsichtsmaßnahme, Kleiner. Madam, bleiben sie bitte hinter uns.“ Dann nahm er das Funkgerät zur Hand, „David, Megan, ich glaub wir haben was gefunden. Wir befinden uns“, er versuchte sich zu orientieren, „im östlichen Teil des Trakts. Folgt einfach dem Geruch.“ „Wie, habt ihr ne Leiche dort drüben?“ fragte David. „Nein, lt. Frau Doktor riecht es nach Nag Champa, was auch immer das ist.“ „Ah, alles klar“, griente David. „wir sind gleich bei euch.“

 

„Wo kriegt man denn das Zeug?“ fragend sah Colby zu George. „Ich hab noch eine angebrochene Packung in meinem Büro, die kann ich ihnen mitnehmen“, bot sie ihm an. Sie waren jetzt beinahe am Ende des Ganges, es gab nur noch eine Tür. Leise Musik drang durch sie hindurch. „Wagner“, murmelte George. „Gibt’s eigentlich was, das sie nicht wissen?“ entgegnete Colby kopfschüttelnd. George beantwortete seine Frage mit einem breiten Grinsen. „Na, schön, dann auf drei“, flüsterte Colby, „eins, zwei, drei.“ Er trat gegen die Tür, die mit Karacho aufflog. „Niemand zu Hause“, stellte Theodor trocken fest, nachdem sie den Raum durchsucht hatten. Es lag jede Menge Zeug herum. Angefangen bei alten Zeitungen, die sich in einer Ecke schon bis fast unter die Decke stapelten, einer durchgelegenen Matratze, einer alten Stehlampe, einem Tisch, einem Sessel und einer Kommode.

 

„Wasserkanister“, sagte George und besah sich das Ganze näher, „und ein Schlauch. Ich denk wir haben den Mörder von Paul gefunden.“ „Rote Rosen“, meinte Colby, während er einen Kasten inspizierte, „weißer Satinstoff.“ „Jetzt brauchen wir nur noch den Besitzer dieses Etablissements ausfindig zu machen“, meinte Colby. „Der war bis vor kurzem noch hier, da bin ich mir sicher“, George hob den Kopf, „Bingo, der Lüftungsschacht. Wer von Euch …“ „Theodor“, bestimmte Colby. Flink wie ein Wiesel kletterte sein junger Kollege auf den Tisch, entfernte die Abdeckung und zog sich hoch in den Schacht. „Pfui deibel hier oben ist es ja noch ekeliger, als da unten“, hörte man seine Stimme dumpf. Hier drinnen konnte man sich nur auf allen vieren fortbewegen. Immer wieder schlug sich Theodor den Kopf. Leise fluchte er vor sich hin.

 

Der Schacht verzweigte sich nach ungefähr hundert Metern. Theodor hielt inne, und versuchte etwas zu hören, doch außer seinem eigenen Atemgeräusch war es still. Der Kerl hatte wahrscheinlich längst das Weite gesucht. „Shit“, rief er und trat mit dem linken Fuß gegen die Verkleidung. Es schepperte. „Hey Kleiner, wo steckst du?“ brüllte Colby, der sich angesichts des Lärms Sorgen machte. Einige Augenblicke später tauchten die Füße des jungen Mannes auf und er glitt langsam nach unten. „Wer immer es auch war, er ist weg. Oder hält sich irgendwo im Gebäude versteckt.“ Colby seuftze laut. Er sah zu Megan und David, die gerade bei ihnen eingetroffen waren, „das schreit nach Verstärkung.“ Sie nickten. Colby setzte einen entsprechenden Funkspruch ab.

 

Wütend und mit Tränen in den Augen saß er in einer Ecke eines Zimmers. Wie waren sie nur auf ihn gekommen? Hätte der Einsturz der Decke nicht so einen Krach verursacht ebenso wie das Geschrei der Leute, die irgendwie hier reingekommen waren, dann wäre er ihnen womöglich noch in die Hände gelaufen. Immer wieder schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, „nein, nein, nein, das darf nicht sein! Ich hab doch noch so viel zu erledigen.“ Langsam stand er auf. Ob es ihm gefiel oder nicht, er musste erst mal von hier weg. Sie hatten seinen Unterschlupf entdeckt. Dumm nur, dass sein ganzes Hab und Gut sich in diesem Zimmer befand. Nervös durchwühlte er seine Taschen. Shit! Er hatte nicht einmal Geld bei sich. Egal, irgendwie würde er sich Essen aus der Mensa beschaffen. Das Geheul von Sirenen versetzte ihn in Panik. Zwei SWAT-Teams waren im Anmarsch und würden das Gebäude in Kürze komplett abriegeln. Er fluchte, in dem Raum, indem er sich im Moment befand, gab es keine Fenster. Obwohl er sich ein paar Mal mit viel Kraft gegen die Tür warf, ließ diese sich nicht öffnen. Gut möglich, dass sie durch irgendwelche Trümmer blockiert war.

 

Also musste er wieder zurück in den Schacht. So schnell er konnte kroch er zur nächsten Abzweigung. Mist, hier kam er mitten auf einem Gang raus. Der Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht. Erneut eine Möglichkeit zum Ausstieg. Schon besser, ein leergeräumtes Klassenzimmer. In dem Moment, als seine Beine den Boden berührten, bezogen Leute des SWAT-Teams Stellung vor den Fenstern. Er konnte von Glück reden, dass ihn niemand gesehen hatte. In Windeseile drückte er sich an der Wand entlang zu Tür. Da hörte er schon die hektischen Rufe der Leute. Scheiße, er saß in der Falle. Sicher konnte er eine halbe Ewigkeit in den Luftschächten verstecken spielen, aber letzten Endes, würden sie ihn finden. Das passte überhaupt nicht in sein Konzept. Er überlegte kurz, dann kam ihm eine zündende Idee, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn es schon hier und heute enden sollte, dann wollte er wenigstens bestimmen wann und er würde nicht alleine sterben, nein er würde sie alle oder zumindest einige von ihnen mit in den Tod reißen. Vorsichtig schlich er an den postierten Wachen vorbei, hinunter in den Keller.