Chapter 14

 

Charlie und Angela saßen auf der Terrasse ihres Hauses. Es war um einiges kleiner als seines, aber liebevoll eingerichtet, in hellen Farben und lichtdurchflutet wegen der großen Fenster. Sie hatte ihn im Anschluss an seine Therapie spontan zu sich eingeladen. Sie tranken alkoholfreie Pina Colada und Charlie hatte ihr kurz von seinem gestrigen Horrortrip erzählt, ohne jedoch näher auf die schrecklichen Einzelheiten einzugehen. „Und du bist sicher, dass es dir gut geht?“ fragte sie besorgt nach. Er nickte, „ich hab geschlafen wie ein Murmeltier. Keine Albträume, kein Nasenbluten, mein Vater wird es mir danken.“ „Er ist einfach großartig. Ich hab ihn echt in mein Herz geschlossen“, geriet sie ins Schwärmen. „Ich wünschte mein Dad wäre auch so gewesen“, ein dunkler Schatten huschte über ihr Gesicht. Charlie wollte gerade etwas antworten, als sich sein Magen lautstark durch ein Knurren bemerkbar machte. „Ups, das tut mir leid. Aber ich hatte heute Morgen nur Kaffee und sonst nichts.“

 

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihn an alte Zeiten erinnerte, „warum hast du nichts gesagt. Wie wär’s mit ein paar saftigen Steaks mit Gemüse?“ „Oh, da läuft mir ja schon jetzt das Wasser im Mund zusammen“, meinte er. Sie stand auf und er folgte ihr, mit einem leicht verträumten Blick, in die Küche. „Wenn du möchtest, kann ich mich ja um die Steaks kümmern“, schlug er vor. „Gerne.“ Fasziniert sah er zu, wie sie die Sachen aus dem Kühlschrank räumte. „Was?“ fragte sie, als sie sich umdrehte und er ihr entgegen grinste. „Och, nichts. Ich hab mich nur gefragt, ob dein Kühlschrank wohl immer so gefüllt ist. Fast könnte man meinen, du hättest mit Besuch gerechnet.“ Ihr Gesicht wurde von einer leichten Röte überzogen, was ihre makellose Schönheit noch mehr unterstrich, „weißt du, nach unserem Inning in der Garage, dachte ich … ich meine weil uns dein Freund Larry unterbrochen hat…“ Sie sahen sich tief in die Augen, Charlie grinste noch immer von einem Ohr zum anderen. „Du meinst, du hast auf eine Fortsetzung gehofft?“ seine Stimme klang rau.

 

Ihre Augen strahlten, „vielleicht?“ Neckisch knabberte sie an ihrer Unterlippe. Jede Faser ihres Körpers verzehrte sich nach ihm. Ohne ein weiteres Wort, machte er zwei Schritte auf sie zu und zog sie in seine Arme. Als seine Lippen ihre berührten, war die Zeit, die sie voneinander getrennt waren, wie ausgelöscht. Er drückte sie ganz fest an sich, als hätte er vor, sie nie wieder loszulassen. Sie vergrub ihre Finger tief in seinen dunklen, widerspenstigen Locken. Beide gerieten gefährlich ins Wanken. „Ich hab ein wirklich großes Bett“, keuchte sie, als er gerade dabei war ihren Hals zu küssen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, schnappte sie bei der Hand und zog die die Treppe hinauf, „wohin?“ fragte er aufgeregt. „Die zweite Tür links.“ Schon hatte er sie wieder in seine Arme gezogen und presste seinen Mund auf ihren. Sie schmeckte nach Pina Colada. Geschickt öffnete er die Tür. Ohne die Finger voneinander zu lassen, taumelten sie in Richtung Bett. Angela fiel rücklings drauf und Charlie kam halb auf ihr zu liegen.“ „Ich denke, da ist noch viel zu viel Stoff zwischen uns“, murmelte er grinsend.

 

„Ganz meine Rede“, entgegnete sie keck. Zuerst segelte sein Jeanshemd in hohem Bogen durch die Luft, dann folgte ihr T-Shirt und ihr BH und dann der Rest. Plötzlich fing sie lauthals an zu lachen. Charlie hielt, ein wenig irritiert inne und sah ihr in die Augen, „was ist?“ Sie schüttelte den Kopf, „nichts, ich musste nur gerade an Larrys Gesicht denken, als er uns „erwischt“ hat.“ „Zum Glück, wird das in deinem Schlafzimmer ganz sicher nicht passieren“, antwortete er mit einem schelmischen Ausdruck in seinen wunderschönen dunklen Augen und versiegelte ihre Lippen mit einem Kuss, der ein ganzes Feuerwerk von Gefühlen in beiden auslöste. „Bitte Charlie, hör nicht auf“, stieß sie keuchend hervor, während er begann, sie vom Hals abwärts zu küssen. Seine Gefühle fuhren Achterbahn, hinauf in schwindelerregende Höhen. Er hielt es nicht länger aus und ergab sich ihr, als sie ihre Finger in sein dichtes Haar krallte und nach oben zog. Sie wollte alles von ihm und sie wollte es jetzt. Charlie fühlte wie die Achterbahn in seinem inneren die höchste Stelle erreichte. Sachte schob er sich in sie hinein. Er hatte große Mühe nicht gleich in die Tiefe zu stürzen. Angela drückte ihm gierig ihr Becken entgegen und klammerte sich, beinahe schon verzweifelt, an ihn. Der Raum war erfüllt von den Geräuschen zweier Liebender.

 

Beide kannten den Körper des anderen und doch war es eine völlig neue Erfahrung für sie, nach all den Jahren, die sie getrennt voneinander gewesen waren. Sie wurden eins, verschmolzen miteinander wie tausend Grad heißer Stahl. Charlie fühlte, wie es immer schwerer für ihn wurde, nicht einfach los- und sich fallen zu lassen. Immer weiter trieb er Angela mit seinen sanften und gleichzeitig kräftigen Bewegungen. Schließlich schluchzte sie laut auf und ihr Körper erbebte unter seinem mehrere Male. Jetzt war es auch um ihn geschehen. Eine Woge der Leidenschaft riss ihn gnadenlos in die Tiefe. Für den Bruchteil einer Sekunde schienen all seine Sinne zu explodieren. Angela hielt dabei seinen Kopf fest und sie sahen sich tief in die Augen. Kurz darauf vergrub er ihn schwer atmend in ihrer Halsbeuge. Sie hielt ihn fest umschlungen, wie eine Mutter, ihr kleines Kind. Tränen des Glücks sickerten aus ihren Augenwinkeln und sie wünschte sich, dieser Moment würde nie vergehen.

 

Langsam rollte er von ihr herunter und legte sich neben sie. Als er einen kurzen Seitenblick auf sie warf, bemerkte er das Glitzern in ihren Augen. Er drehte sich zur Seite und stützte den Kopf auf seine linke Hand. Mit der rechten strich er zärtlich der Spur ihrer Tränen nach. „Wieso weinst du? Ist alles in Ordnung?“ Sie zog das Laken an sich und biss sich auf die Unterlippe. „Angela, was ist?“ nun war er ernsthaft besorgt, „ich hab dir doch nicht etwa weh getan?“ Sie schüttelte den Kopf, dann sah sie ihn mit tränenblinden Augen an, „im Gegenteil Charlie“, flüsterte sie, „soviel wie jetzt, hier bei dir habe ich noch nie in meinem Leben empfunden. Nicht einmal damals, als wir noch zusammen waren. Ich hab nicht gewusst, dass es so schön sein kann. Danke.“ Unter Tränen drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen. Sie tauschten zärtliche Blicke und kuschelten sich eng aneinander. Geweckt wurden sie jedoch, wenig später, äußerst unsanft, als von der Küche ein lautes Poltern zu hören war. Charlie war mit einem Schlag hellwach, ebenso Angela. In Windeseile zogen sie sich ihre Klamotten an und rannten die Treppe nach unten. Doch bereits am Treppenabsatz gab es Entwarnung. „Munchie!“ rief Angela mit gespieltem Zorn, „du böse, böse Katze.“ Lachend gingen sie weiter in die Küche, in der es aussah, wie auf einem Schlachtfeld. Munchie war Angelas Katze und sie tat sich gerade an den beiden Steaks gütlich, die nun auf dem Boden lagen. „Das war’s dann wohl mit dem Essen“, bedauerte Angela. „Mit dem Essen ja, aber ich hätte jetzt sowieso Appetit auf etwas anderes“, feixte Charlie und deutete mit dem Kopf in Richtung Couch. „Meinst du wir könnten die mal ausprobieren?“

 

Don saß, wie auf Nadeln, im Verhörzimmer des FBI-Field-Office. Er war auf der Uni gewesen und hatte noch einmal eingehender mit Frank Weller gesprochen. Der hatte ihm dann auch die Namen „Tristan LeMont“ und „Julius Harding“ genannt. Daraufhin hatte er die beiden Studenten kurzerhand zu einem Gespräch in das Field-Office gebeten. Natürlich unter dem Beisein der Eltern. Während sich Tristan als Fels in der Brandung erwies und eisern schwieg, sprudelte es aus Julius nur so heraus. Er gestand den Humbug mit den Leichenteilen, die sie quer über L.A. verteilt hatten sowie die Entwendung einer weiteren Leiche aus dem Autopsiesaal der Uni. Wer jedoch hinter dem Mord an seinen drei Freunden steckte, war auch ihm ein völliges Rätsel, ebenso der Grund dafür. Nun saß Don wieder bei Tristan und dessen Eltern. „Das ist alles erstunken und erlogen“, fuhr Tristan ihn an, „Julius hat doch ein Rad ab. Sowas würde ich nie tun. Warum auch?“ „Vielleicht weil du auf Kriegsfuß mit deinem Schwager stehst und es den Bullen mal zeigen wolltest?“ gab Don Julius‘ Worte wieder. „So ein Scheiß“, entgegnete Tristan sauer. Seine Eltern fingen daraufhin an, wie wild auf ihn einzureden. Der Junge hob beschwichtigend beide Hände, „hört auf, sofort! Denkt ihr wirklich, im wäre im Stande so etwas zu tun? Na gut, ich geb zu, ich war daran beteiligt, aber Julius, Julius, der hatte die Idee dafür. Zufrieden?“ Don zweifelte stark an dieser These. War doch der Harding Junge alles andere als eine Führungspersönlichkeit im Gegensatz zu Tristan.

 

Der sah blendend aus, hatte überdurchschnittliche Noten, war der Star des Footballteams und auch sonst durch und durch ein narzisstisches Arschloch, wie es im Buche stand. Soviel hatte sich zwischen den Kids von heute und damals nicht wirklich geändert. Nicht was die Charaktere anbelangte. Julius war ein typischer Loser, obwohl seine Familie nicht weniger besaß, als die von Tristan. Geld alleine macht eben auch nicht automatisch einen Siegertypen aus jemandem. Nervös blickte Don auf die Uhr, im Moment stand Julius gegen Tristans Aussage und wahrscheinlich würde sich daran wohl auch nichts ändern. Die Situation war verfahren. Vielleicht wäre es besser, hier eine Pause zu machen und zu einem anderen Zeitpunkt erneut nachzuhaken. Zu lange konnte er die Jugendlichen auch nicht festhalten, jedenfalls nicht, ohne Anklage. Sollten sich die Familien doch mit ihren Anwälten auseinandersetzen. Möglicherweise konnte sie ja einen Deal aushandeln, der für beide Seiten akzeptabel war. Don hatte jedenfalls genug von diesem Kasperletheater, außerdem wurde die Zeit knapp. Es war immerhin schon nach vier und er wollte sich noch ein wenig „kultivieren“, ehe er sich mit Tessa traf. Also sprach er mit den beiden Familien kurz über seine Idee und alle willigten mehr oder weniger ein. Nochmal Glück gehabt, dachte er beim Hinausgehen. Auf halben Weg zum Aufzug traf er Megan und David. Deren Gesichter verhießen auch nicht gerade Glückseligkeit. „Hallo ihr beiden“, grüßte er knapp, „wie ist es gelaufen?“

 

„Du kannst dir vorstellen, dass man über das, was Hoberman und den anderen zugestoßen ist, nicht gerade mit Luftsprüngen reagiert hat“, sagte Megan, „allerdings ist man über Hobermans Vorgehensweise in dieser Angelegenheit alles andere als, sagen wir mal, glücklich.“ „Und was bedeutet das?“ Don stand knapp davor auszuflippen. „Sie haben ihm den Fall erst einmal entzogen und Downey damit betraut.“ Dons Augen begannen zu leuchten, „Frederick Downey? Meinem alten Kumpel Fred aus Quantico? Das sind ja mal tolle Neuigkeiten. Weswegen guckt ihr dann so belämmert aus der Wäsche?“ „Weil wir dir einfach nur ein auswischen wollten“, feixte David, dessen Miene sich augenblicklich erhellte. Sie fingen an zu lachen. Don sah erneut auf die Uhr, „ich muss jetzt wirklich los, es ist schon verdammt spät.“ „So hektisch kenne ich dich ja gar nicht Don“, nahm ihn Megan augenzwinkernd auf die Schaufel. „Ich treffe mich mit Tessa, Tessa Montgomery.“ „Moment, das ist mein Fall, Don“, begehrte sie auf. „Ich weiß, aber ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich mit ihr treffe. Ich denke, es ist auch nicht so wirklich dienstlich.“ „Netter Versuch, die Wogen zu glätten“, grinste Megan, „und was ist mit George?“

 

„Wenn ihr nichts sagt, ich tu’s bestimmt nicht“, sie hatten ihn schon lange nicht mehr so strahlend gesehen. „Du weißt, dass Doppelgleisigkeit zuweilen der Weg in die totale Isolation sein kann. Spätestens, wenn eine der Damen dir auf die Schliche kommt?“ gab Megan zu bedenken. „Ich hoffe, dass das nicht so schnell der Fall sein wird. Oder, dass sie tolerant sind.“ „Don, du träumst doch nicht etwa von einer Menage a Trois?“ hakte David verblüfft nach.“ Sein Freund zuckte die Schultern und verschwand hinter den Aufzugstüren. „Mann, hat der Mann vielleicht Glück. Aber George könnte ich ihm abnehmen, wenn es ihm zu viel wird“, murmelte David, während Megan sich vor Lachen kaum halten konnte, „du hast wohl ein Faible für die Ladies aus der Gerichtsmedizin.“ Dafür erntete sie nur einen bösen Blick von ihrem Kollegen. Don machte noch einen Sprung in die Garage, wo sein Wagen stand, oder das was noch von ihm übrig war. Durch die Batteriesäure war das Fahrzeug praktisch schrottreif. Da half nicht mal abschleifen und neu lackieren, das funktionierte nicht. Die Spurensicherung hatte jedoch noch nicht einmal damit angefangen seinen Wagen zu untersuchen, dafür war im Moment einfach zu viel los. Er bedankte sich trotzdem und holte sich die Schlüssel für den Dienstwagen. Dabei bemerkte er nicht, dass sich ihm jemand auf die Fersen heftete und es war nicht der CIA.