Chapter 13

 

Im Gegensatz zu Charlie fand Don kaum Schlaf. Er hatte schon überlegt, die Nacht durchzumachen, doch dann meinte er, drei Stunden Schlaf wären besser als nichts. Allerdings wurden fünf daraus. Geweckt wurde er durch sein Mobile, es war Tessa, „schönen guten Morgen Agent Eppes, hab ich sie etwa geweckt?“ Er drehte sich auf den Rücken und gähnte herzhaft, „das ist schon okay, ich sollte eigentlich schon längst im Büro sein. Außerdem könnte ich mich glatt daran gewöhnen von so einer sexy Stimme aus Morpheus Armen gerissen zu werden“, murmelte er grinsend. „Wow, bist du immer so galant gleich nach dem aufstehen?“ Eine angenehme Erregung durchflutete seinen Körper, „du könntest es ja mal darauf ankommen lassen.“ „Du solltest mich nicht in Versuchung führen, was, wenn ich dein Angebot annehme.“ Jetzt wurde ihm heiß. Er warf die Decke zurück und setzte sich auf, „tatsächlich?“ „Was glaubst du weshalb ich dich anrufe? Denkst du ich hätte vergessen, wie mich deine starken Arme gehalten und deine heißen Lippen berührt haben?“ hauchte sie ins Telefon.

 

„Wenn das hier ne Telefonsexnummer werden soll, muss ich dich vorwarnen. Big Brother hört mit. Ich mein die Jungs von der CIA“, sagte er. Sie konnte heraushören, wie sehr ihm das missfiel. „Treffen wir uns in der Lounge des Beverly Wilshire. Die Jungs mit den Kopfhörern sind auch gerne dazu eingeladen, die Drinks gehen auf mich.“ Er lachte, „und wann?“ Ich würde sagen so gegen fünf Uhr, heute Nachmittag? Ist das in Ordnung für dich?“ „Für dich würd ich glatt bis zum Nordpol fliegen“, feixte er, „ich freu mich schon darauf.“ „Und ich erst“, antwortete sie verheißungsvoll. Don legte das Mobile auf den Nachttisch und beschloss, sich erst einmal eine heiße Dusche zu gönnen. Sein Apartment war, dank einer Putzkolonne, blitzblank. Er vermisste es richtig über schmutzige Wäsche und herumliegende DVDs zu steigen. Was nicht ist konnte ja noch werden, ging es ihm durch den Kopf. Auf jeden Fall konnte er jetzt eine Frau mit nach Hause bringen ohne das sie gleich eine Stauballergie oder schlimmeres davontrug. Und das war doch auch etwas.

 

Nachdem er geduscht, sich angezogen und einen Kaffee getrunken hatte, ging er zurück ins Schlafzimmer, um seine Waffe, seine Dienstmarke und das Mobile zu holen. Es blinkte, jemand hatte ihm eine SMS geschickt, „Mörder! Verbrecher!“ Er löschte die Nachricht. „Willkommen im normalen Wahnsinn“, sagte er kopfschüttelnd. Noch immer wusste er nicht, wer hinter diesen Drohungen steckte. Der nächste Schlag traf ihn, als er zu seinem Wagen ging. Eine Gruppe Jugendlicher stand davor und alberte herum. „Entschuldigung, darf ich mal durch“, sagte er laut. „Ist das ihr Wagen Mister?“ fragte ein Junge, in einem Basketballdress, „Mann da muss jemand ganz schön angepisst sein.“ Die Jungs machten Platz, „Mann mit welcher abgedrehten Tussi verkehren sie denn?“ meinte ein anderer. Kaum hatte er freie Sicht, empfand er beinahe körperliche Schmerzen. Immerhin hatte er den Wagen erst vor ein paar Wochen gekauft. Jemand hatte kreuz und quer Batteriesäure darüber geleert und ihn mit unflätigen Worten in Sprühfarbe „neu dekoriert“. Zwei der vier Reifen waren aufgestochen worden. „Fuck, so eine verdammte Scheiße“, fluchte er laut. Die Jungs begannen zu applaudieren und zu johlen. „Danke, danke“, meinte er stinksauer, zückte seine Dienstmarke und hielt sie hoch. „FBI, hat vielleicht irgendjemand von euch etwas gesehen?“

 

Der Lärm verstummte abrupt, einige Jungs trollten sich ganz schnell, andere blickten verlegen zu Boden. Aus einer der hinteren Reihen drängte sich ein Junge nach vorn. „Typisch Flynn du kannst es wieder mal nicht lassen. Nur weil dein Vater auch mal Bulle gewesen ist ….“ „Halt dein Maul Roy oder ich stopf es dir“, drohte Flynn, dann wandte er sich an Don. „Sir, ich hab gestern Abend einen dunkelblauen Nissan Micra hier herumkurven sehen. Der Wagen hat einige Runden um den Block gedreht und ist ein paar Mal dort drüben stehen geblieben.“ Er deutete zu einem Hydranten auf der anderen Straßenseite. Hat so ausgesehen, als hätte er auf irgendwas oder irgendwen gewartet.“ „Flynn der Hobbydetektiv, na super. Ich geh mal wieder auf den Court. Kommt Jungs, diese Arschkriecherei ist echt ätzend.“ Die kleine Gruppe ließ Don und Flynn alleine zurück. „Weißt du ungefähr die Uhrzeit und konntest du den Fahrer des Wagens erkennen?“ Der Junge überlegte, „die Uhrzeit, dass muss so um kurz vor Mitternacht gewesen sein, weil die alte Fettel von nebenan mit ihrem Hund gerade Gassi ging. Das macht sie jeden Tag, um dieselbe Zeit, da können sie die Uhr danach stellen.“

 

„Und der Fahrer?“ hakte Don nach. „Ne, Mann, da kann ich gar nichts zu sagen. Ich hab nur nen Umriss gesehen, das Licht“, er deutete nach oben auf die Straßenlaterne und schüttelte den Kopf, „das ist so schwach, da könnte die Stadtverwaltung gleich Kerzen aufstellen.“ „Was meinte dieser Roy vorhin, dass dein Vater ein Polizist …“ Flynn winkte ab, „vergessen sie das Mann. Mein Dad hat mal bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet. Er war kein richtiger Bulle, aber für diesen Idioten Roy sind alle Typen in Uniform gleich.“ Don sah dem Jungen an, das er sich noch gerne eine Weile mit ihm unterhalten hätte, „vielen Dank Flynn, du bist ein cleverer Junge! Vielleicht krieg ich demnächst Karten für ein Spiel der Lakers“, sagte er hastig, „leider muss ich mich jetzt um meinen Wagen kümmern und anschließend um ein Taxi. Ich bin ohnehin schon zu spät dran. Und frag deinen Dad, ob er auch mitkommen will.“ „Dad ist tot“, antwortete Flynn emotionslos. Don ließ die Hand mit dem Mobile nach unten sinken. „Oh, entschuldige“, er schluckte, „das tut mir furchtbar leid.“ Flynn machte eine wegwerfende Geste, „schon gut Mister, sie konnten das doch nicht wissen. Ist auch schon eine Weile her. Man sieht sich“, Flynn wandte sie um und lief hinüber zu den anderen Jungs.

 

„And the Oscar for best male idiot goes to Agent Don Eppes“, ging es ihm schlagartig durch den Kopf. Das hatte er wieder prima hinbekommen. Ein wenig bedrückt, wählte er die Nummer der FBI-Garage und orderte einen Abschleppwagen. Vielleicht fanden die Leute von der Spurensicherung Hinweise, obwohl er es bezweifelte. Dann rief er sich ein Taxi. Noch während der Fahrt musste er umdisponieren, Colby klingelte durch und berichtete ihm von einem weiteren Mordfall. Der Tag hatte mit Tessas Anruf wirklich toll begonnen. Alles was danach gekommen war, war einfach nur beschissen gewesen. Er klappte sein Mobile zusammen und gab dem Fahrer das neue Ziel bekannt. Eine Seitenstraße der Melrose Avenue. Colby war mit Theodor bereits vor Ort. Zusammen mit David war Megan zum CIA gefahren, um stellvertretend für Don und Charlie eine Aussage zu machen. Er hoffte das würde genügen. „Wo ist denn dein Wagen?“ fragte Colby verblüfft. „Jemand hat anscheinend die Farbe nicht gefallen“, kam Dons knappe Antwort. „Was …?“ „Du kannst ihn dir nachher in der FBI-Garage ansehen”, unterbrach ihn Don unwirsch, „was liegt an?“ „Das kann ich dir nicht beschreiben, dass musst du dir ansehen.“ Sie gingen ein Stück die Gasse entlang, so ziemlich bis in den dunkelsten Winkel.

 

Alles Mögliche hatte Don erwartet, nur das nicht. Eine wunderschöne junge Frau, mit langen schwarzen Haaren, bekleidet mit einer Art Brautkleid, hübsch zurecht gemacht, dafür tot, lag in einem gläsernen sargähnlichen Kasten, der mit weißen Satinkissen ausgelegt war. Rund um sie herum lagen rote Rosen verstreut. Don renkte sich beinahe den Hals aus, als er sich umsah. Neugierig folgten Colby und Theodor seinen Blicken, „suchst du was bestimmtes?“ wollte Colby wissen. „Ich guck mal, wo sich unser Prinz auf dem weißen Ross befindet. Das hier sieht aus, als würde Disney einen neuen Schneewittchen-Film drehen“, entgegnete er mit Galgenhumor. „Du kannst gerne versuchen, sie wach zu küssen, Agent Eppes“, ließ sich George vernehmen. Sie hatte in einer dunklen Nische gestanden und mit einem Beamten des LAPD gesprochen, „aber nicht mal dein unwiderstehlicher Charme könnte sie ins Leben zurückholen. Sie ist seit ungefähr elf Stunden tot.“ Obwohl ihm George sofort unter die Haut ging und er sich schlagartig den Quickie im Techno-Club ins Gedächtnis rief, versuchte er dennoch sich nichts anmerken zu lassen. „Was hast …“ Er musste sich räuspern. „Etwa einem Frosch im Hals der keine Miete zahlt?“ neckte sie ihn. Colby und Theodor schnitten hinter Dons Rücken Grimassen.

 

„Was hast du noch zu bieten? Ähm ich meine …“ Don, der Mann der sich gern zum Affen machte. „Im Moment nicht viel. Äußerlich ist sie in tadellosem Zustand. Es gib keinen Hinweis auf Gewalteinwirkung. Man könnte fast meinen sie wäre einfach im Schlaf gestorben. Aber eben nur fast. Ich hab eine Vermutung, aber dazu brauche ich sie erst bei mir auf dem Tisch.“ „Dich hätt ich auch gern auf einem Tisch und zwar gleich“, schoss es Don durch den Kopf. Don, scharf wie Nachbars Lumpi. „Wenn ihr beiden Idioten hinter mir fertig seid mit herumalbern, wäre es nett von euch zu versuchen, Zeugen zu finden“, schnappte er in Richtung seiner beiden „liebenswerten Kollegen“, ohne sich dabei umzudrehen. „Sowas legt man schließlich nicht im vorbeigehen ab.“ „Sieh dich doch mal um“, wandte Colby frustriert ein, „hier laufen jede Menge Verrückte herum, dutzende Straßenkünstler und was weiß ich noch alles.“ „Dann wünsch ich euch schon jetzt viel Vergnügen bei der Zeugeneinvernahme“, entgegnete Don trocken und verließ den Tatort. George eilte ihm hinterher, „autsch, sind wir heute mit dem falschen Fuß aufgestanden Agent?“

 

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und machte dabei einen leicht verzweifelten Eindruck, „ich hab kaum geschlafen.“ Sie grinste. „Nicht deswegen. Ich hatte einen echt schlimmen Tag.“ „Ich weiß“, sie klang wenig beeindruckt, „schon vergessen, wer mein Bruder ist?“ „Scheiße, nein, natürlich nicht. Wie geht es ihm?“ Sie verzog das Gesicht, „Unkraut vergeht nicht. Leider. Ein paar Zentimeter tiefer und es hätte sein Herz erwischt. Es sind immer nur die guten die viel zu früh ins Gras beißen.“ Er war erstaunt, diese Worte aus ihrem Mund zu hören, sie schien tatsächlich ein äußerst schlechtes Verhältnis zu ihrem Bruder zu haben. „Und wie geht es dem anderem, diesem … wie hieß er doch gleich?“ „Bommer“, half sie ihm aus, „den hat es schlimmer erwischt. Möglicherweise bleibt er für immer gelähmt. Und wie geht es Charlie?“ Don zuckte die Schultern, „frag mich was leichteres. Ich hab ihn nach Hause gebracht, mir eine Standpauke von meinem Vater angehört und dann bin ich wieder gefahren. Familie ist schon was Großartiges“, seufzte er. „Wem sagst du das?“ „Don, Don!“ Colby kam ihnen entgegengelaufen. „Das Mädchen ist Eden Slade. Sie ging auf die gleiche Uni wie Cheryl und Paul und sie waren eng miteinander befreundet.“

 

„Das nennt man dann wohl tödliche Freundschaft“, kommentierte George. „Langsam denke ich, da steckt noch mehr dahinter“, orakelte Don. „Alles hat mit dieser Leiche im Sandkasten angefangen. Das erste was uns nach dem Ergebnis der Autopsie spontan eingefallen ist, war ein Studentenulk. Was, wenn das wirklich der Auslöser war?“ „Und aus Spaß wurde Ernst“, schlussfolgerte George. „Todernst, wenn du so willst?“ Dons graue Zellen arbeiteten auf Hochtouren, „wir müssen zurück auf die Uni und rausfinden, wie viele Mitglieder sich noch in diesem „Club des Schreckens“ befinden. Nur so können wir weitere Morde vielleicht verhindern.“ „Lust auf ein sinnliches Dinner zu zweit?“ kam es unvermittelt aus Georges Mund, sobald Colby verschwunden war. „Was? Äh, nein. Ich kann nicht, ich hab eine wichtige Verabredung, ähm Termin, mit einer Zeugin. Es geht um Montgomery.“ „Ich dachte das wär Megans Fall?“ stutzte George. „Ist es auch. Aber die Zeugin möchte die Informationen nur mir geben“, Don, der Mann, der sich um Kopf und Kragen redete. „Das wird dann wohl auch seine Gründe haben“, griente George. Die Leiche des Mädchens wurde, verpackt in einen schwarzen Leichensack, gerade auf einer Bahre an ihnen vorbeigeschoben. „Die Arbeit ruft Agent, wir hören uns.“ Er winkte ihr kurz zu und wollte dann automatisch in seinen Wagen steigen, dumm nur, dass er im Moment keinen hatte. Deshalb musste er zurück zu Colby und Theodor und die beiden bitten ihn mitzunehmen. Wie demütigend das doch war.