Chapter 11

 

Don saß im Büro von Direktor Vasquez. „Und sie sagen, sie haben keine Ahnung, wer ihr Apartment verwüstet haben könnte, nicht die leiseste?“ Don schüttelte den Kopf. „Haben sie sonst noch irgendwelche Drohungen erhalten? Per Telefon oder per E-Mail vielleicht?“ Don überlegte kurz, „nein.“ Das war eine glatte Lüge, die Serie der Wörter, die ihm jemand mit der elektronischen Post zukommen ließ hatte nicht aufgehört. Da er jedoch nach wie vor der Überzeugung war, dass es sich um eine Zermürbungstaktik Hobermans handelte, hatte er nicht vor, weiter darauf einzugehen geschweige denn, es publik zu machen. Vasquez schloss die Akte, schob sie beiseite und blickte nachdenklich hinüber zu einem seiner besten Männer.

 

„Hören Sie mein Junge, wie soll ich ihnen unter die Arme greifen, wenn sie von vornherein auf stur schalten?“ Don tat unwissend, „Sir, bei allem Respekt. Das Durcheinander in meinem Apartment kann doch auch ein Einbruch gewesen sein. Oder ein Akt von Vandalen. In dem Komplex wurden bereits mehrere …“ „Ein Einbruch, bei dem absolut nichts gestohlen wird? Ich weiß nicht Special Agent. Ein Akt von Vandalismus gepaart mit einem äußerst dubiosen Anruf?“ Seufzend legte Vasquez ein Diktiergerät auf den Tisch und drückte PLAY: „Sie haben mir alles genommen!“ „Wer spricht da?“ „Sie konnten nicht einmal ihren eigenen Bruder beschützen, als es darauf ankam.“ „Wo ist Charlie, was haben sie mit ihm gemacht?“ „Ihr Bruder? Woher soll ich das wissen?“ (ein Kichern) „Ich will sie Eppes und ich werde sie auch bekommen. Nur, ich will sie lebend. Ich werde sie nicht töten, ich werde ihnen schlimmeres antun. Ich werde ihr Leben zerstören.“ Vasquez schaltete ab, „das nennen sie nichts, Eppes? Entweder haben sie verdammt großen Schneid oder sie sind verdammt blöd.“

 

Don sah ihn verblüfft an, „schneiden sie etwa jedes meiner Gespräche mit?“ Der Direktor verneinte, „das brauchen wir nicht, das tun unsere „Freunde“ vom CIA. Hoberman hält sie immer noch für einen hinterhältigen Mistkerl, aber dass wissen sie ja und ich denke, die Sache beruht auf Gegenseitigkeit.“ Don lachte verbittert auf, „dieser Arsch glaubt doch nicht im ernst, Craven würde bei mir durchklingeln und „hallo“ sagen.“ Vasquez zuckte die Schultern, „keine Ahnung was in seinem Gehirn, geschweige denn in seiner Organisation so vor sich geht. Seit dem Mord an der Senatorin haben die bekanntlich das Ruder an sich gerissen, weil sie der Meinung sind, sie würden es besser können als wir. Das ist ein alter Hut. Sie haben Craven einfach gehen lassen.“ Wütend schlug Don mit der flachen Hand auf den Tisch, „ich habe ihn NICHT EINFACH GEHEN LASSEN! Was hätte ich ihrer Meinung nach tun sollen? Ihn mir vielleicht ans Bein binden?“ „Bitte beruhigen sie sich Eppes“, der Direktor hob beschwichtigend die Hände, „ich bin nach wie vor von ihrer Unschuld überzeugt, so wie andere auch. Hätte auch nur der leiseste Zweifel darüber bestanden, hätte man sie bestimmt nicht rehabilitiert. Aber der CIA und der Secret Service sehen das anders. Immerhin mussten eine Senatorin, ihr Sohn, ein Staatsanwalt und ein hochrangiger Beamter ihr Leben lassen. Unter uns gesagt: auch wenn sie es verdient haben, war es immer noch Mord. Und dann noch Cravens „Abschiedsbrief“, direkt an sie adressiert, mit den besten Empfehlungen eines Serienkillers. Was würden sie an deren Stelle wohl denken?“

 

Dons Kiefer mahlten. Er wusste, dass sein Boss recht hatte. Klar war er vollständig rehabilitiert worden. Seine Akte enthielt keine Vermerke und doch, ein bitterer Beigeschmack war geblieben. Der genügte Hoberman und Konsorten, um ihn weiterhin im Auge zu behalten, ihn zu observieren und seine Telefonate mitzuschneiden. Neo würde jetzt sicher sagen, „willkommen in der Matrix.“ Er seufzte, „und was soll ich ihrer Meinung nach tun, Sir?“ „Versuchen, herauszufinden, wer ihnen an den Kragen will und weshalb.“ „Denken sie nicht, dass es Hoberman ist, der es darauf anlegt, mich aus der Reserve zu locken?“ fragte Don, jetzt war es eh schon egal. Vasquez schüttelte den Kopf, „Hoberman ist eine Zecke am Hintern. Ein karrieregeiler Bastard, aber er hätte andere Mittel, wenn er vor hätte sie fertigzumachen.“ Die Tür zum Büro des Direktors wurde aufgerissen. Theodor, sein Neffe, stürmte herein, „Onkel, Agent Eppes“, keuchte er, „Larry Fleinhardt hat angerufen. Er sagte Hoberman hätte sich ihren Bruder geschnappt.“

 

Don fuhr hoch, als säße er auf einem elektrischen Stuhl, durch den in Kürze Strom geleitet würde. „Er hat was?“ brauste er auf, „wann?“ „Vor zirka einer Stunde. Fleinhardt war total geschockt. Ich hab bis jetzt versucht, herauszufinden, wo er Prof. Eppes hingebracht hat. Leider hat mich der CIA abgewimmelt.“ Don kochte innerlich vor Wut, er sah hinüber zu Vasquez, „sagten sie nicht gerade eben, Hoberman stünden andere Mittel zur Verfügung, um mich fertigzumachen? Wie wär’s denn mit meinem Bruder?“ „Bitte, Don“, er trat ihm in den Weg, „überstürzen sie nichts. Ich krieg schon raus wo ihr Bruder steckt. Ich mach ein paar Anrufe. Bitte, gedulden sie sich noch ein paar Minuten, auch wenn es ihnen schwer fällt.“ „Ich schwör bei Gott, wenn er Charlie auch nur ein Haar krümmt, garantiere ich für nichts mehr“, fauchte Don. Er murmelte ein Dankeschön in Theodors Richtung. Dann sahen sie erwartungsvoll zu Direktor Vasquez, der bereits eine Kurzwahltaste auf seinem Telefon gedrückt hatte, die eine direkte Verbindung zu seinem Pendant bei der CIA ermöglichte.

 

Ängstlich blickte sich Charlie um, sie befanden sich bereits außerhalb von L.A. „Wo fahren wir hin?“ fragte er mit fester Stimme. „In unser kleines Büro am Rande der Stadt“, antwortete Hoberman mit einem breiten Grinsen. „Hören Sie Agent, ich weiß nicht, wer die Männer waren, die mich entführt haben. Ich kann mich weder an ihre Gesichter, noch an sonst etwas erinnern.“ Das stimmte, selbst auf den Videos war nichts zu erkennen gewesen, trugen sie doch ständig diese Sturmmasken. Das sagte er auch Hoberman. „Die werden sie nicht immer getragen haben Professor. Immerhin befanden sie sich mehrere Tage in deren Gewalt und nicht bloß fünf Minuten.“ Wieder ein teuflisches Grinsen. „Sir, lassen sie mich bitte raus. Ich kann gern den Bus zurück nach L.A. nehmen“, versuchte es Charlie erneut. „Erst sagen sie mir, ob sie den Mann kennen, dann sehen wir weiter.“ „Was wenn nicht? Wollen sie mir dann die Fingernägel einzeln rausreißen oder meinen Kopf so lange unter Wasser halten, bis ich keine Luft mehr bekomme?“ schnappte Charlie. „Sie sehen zu viele Spionagethriller Professor. Wir tun das nicht, das ist nicht unser Stil.“

 

Hoberman setzte den Blinker, bog ab und hielt kurz darauf den Wagen, „da wären wir Professor.“ Er deutete auf das weitläufige Gelände, das von einem gelben Absperrband mit der Aufschrift „Policeline do not cross“, umgeben war. „Aber, aber hier ist weit und breit nichts“, entgegnete Charlie, nachdem er ausgestiegen war. Ein lauer Sommerwind fuhr durch seine dunklen Locken. „Auf den ersten Blick nicht, würden sie mir bitte folgen“, forderte ihn Hoberman, höflich, jedoch bestimmt, auf. Charlie schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen und atmete tief durch. Sie befanden sich hier so ziemlich am Arsch der Welt. Weit und breit keine Menschenseele. Hoberman war ein Mitarbeiter des CIA. Ob ihn das zu einer vertrauenswürdigen Person machte, stand auf einem anderen Blatt. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als sich Hoberman zu fügen. Es bedurfte hier keines Mathegenies, um sich etwaige Fluchtmöglichkeiten auszurechnen, es gab nämlich keine.

 

Charlies Magen rebellierte erst recht, als der CIA-Mann die schwere Eisentür zu einem unterirdischen Gemäuer öffnete. „Ich dachte, es könnte von Vorteil sein, wenn ich sie dort hinbringe, wo alles begann, hier in diesem Bunker.“ Das Arschloch hatte ja keine Ahnung, welche Überwindung es dem armen Charlie kostete, einen Fuß nach dem anderen auf die Eisentreppe zu setzen. Bruchstückhafte Bilder flackerten in seinem Kopf auf. Wohl nur deshalb, weil er den Raum von den Videos her erkannte. „Klingelt irgendwas?“ griente Hoberman. Charlie schüttelte den Kopf. Links uns rechts neben der Treppe waren zwei Männer in schwarzen Anzügen postiert. Hätte man nicht gewusst, welchem Verein sie angehören, hätte man sie auch für Bestattungsunternehmer halten können. Ein weiterer Mann lehnte, eine Zigarette rauchend, an einer weiteren Metalltür. „Hey Boomer, was geht?“ sagte Hoberman und nickte ihm lächelnd zu. Der Kerl war mindestens zwei Meter groß, hatte Schultern wie ein Profifootballer. Er trug als einziger kein Jackett. Die Hemdsärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und ein paar unschöne rote Flecken zierten die Front.

 

Charlie drehte sich endgültig der Magen um, das war zweifelsohne Blut. „Es sieht nicht gut aus“, sagte Boomer, zog noch ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie auf den Boden warf und austrat. Er inhalierte den Rauch tief in seine Lungen, ehe er weitersprach, „so was wie den da drinnen hab ich noch nie erlebt. Ich glaube, er würde für Craven sogar über die Klinge springen.“ Er stieß sich von der Tür ab und ging hinüber zu dem Tisch, der sich ungefähr in der Mitte des Raumes befand und öffnete den darauf befindlichen Aktenkoffer. Als er ein kleines Fläschchen samt Spritze zum Vorschein brachte, klammerte sich Charlies Hand krampfhaft um das rostige Geländer, sein Mund wurde zur Wüste Gobi und er hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. „Keine Panik Professor, das ist nicht für sie“, deutete Hoberman Charlies Verwandlung zur Salzsäule, „übrigens, kommen sie näher. Ich wollte sie doch mit einem ihrer Entführer bekannt machen.“ Am liebsten wäre Charlie nach oben gelaufen. Ein Blick in die Gesichter der beiden „Men in Black“ überzeugte ihn jedoch vom Gegenteil. Beunruhigt beobachtete er, wie Boomer die Spritze aufzog. „Was ist das?“ fragte er. „Natriumamytal, besser bekannt als Wahrheitsserum“, erklärte der CIA-Mann.

 

Dann ging er ungerührt zu der eisernen Tür hinüber und öffnete sie. Charlie bot sich ein Bild des Schreckens. Man hatte den armen Mann nackt an einen Stuhl gefesselt. Sein Gesicht war eine einzige geschwollene Masse, der Rest des Körpers, jedenfalls den, den Charlie erkennen konnte, da ihm Boomer zum Teil die Sicht versperrte, was auch kein Fehler war, sah auch nicht besser aus. „Und?“ wollte Hoberman wissen. Er lehnte dicht hinter Charlie am Türrahmen. Er machte, unangenehm berührt einen Schritt nach links und wandte sich ihm zu. „Ich hab ihnen schon gesagt, dass ich nichts weiß.“ Er drehte den Kopf noch weiter zur Seite, er wollte nicht sehen, wie man dem Man die Spritze in die Vene jagte. „Kann ich jetzt wieder gehen?“ Unvermittelt schoss Hobermans Hand nach vorne. Äußerst unsanft packte er Charlies Kinn, „wenn sie ihn nicht ansehen, können sie ihn auch nicht erkennen“, zischte er.

 

Boomer stand hinter dem Mann, er hatte seine Finger in dessen Haar vergraben und ihm den Kopf brutal nach hinten gerissen. Sein Brustkorb hob und senkte sich rasend schnell. In seinen Augen stand nichts als blanker Horror. „Hören sie auf damit, sofort“, schrie Charlie und nahm Hobermans Hand aus seinem Gesicht, „ich weiß nicht, ob er dazugehört hat oder nicht.“ Lächelnd sah Boomer hinunter auf den Gefangenen, „du wirst reden nicht wahr? Du wirst uns alles erzählen und zwar freiwillig. Sieh ihn dir nur genau an den Professor.“ Der Blick des Mannes verschleierte sich, Charlie nahm an, wegen der Droge. Hoberman vertrat ihm noch immer den Weg, somit war er gezwungen zuzusehen. Als nächstes stelle Boomer dem Mann eine Reihe von Fragen. Anstatt einer Antwort begann der Kerl jedoch zu beten: „Vater unser, der du bist im Himmel…“ Boomers Faust traf ihn erneut mitten im Gesicht. Der Kopf des Gefangenen wurde durch die Wucht zurückgerissen. „Es ist doch offensichtlich, dass der Mann nichts weiß“, schrie Charlie, „genauso wie ich. Bitte hören sie auf damit.“ „Sagen sie uns, was wir wissen wollen und es hat ein Ende“, grinste Hoberman.

 

Charlie fixierte ihn und betone jede Silbe einzeln, „DAS … KANN … ICH … NICHT! Das müssen sie mir glauben.“ „War er einer von Cravens Leuten?“ brüllte Hoberman. Charlie zog es vor zu schweigen und gab Hoberman unvermittelt einen Stoß. Der stand auf dem falschen Fuß und taumelte zurück. Charlie lief zur Treppe. Die beiden Agents bauten sich vor ihm auf, wie eine Mauer. Ein unmenschlicher Schrei zerriss die Stille, er stammte von dem Gefangenen. Charlie schüttelte langsam seinen Kopf und drehte sich um, „und wenn sie ihn umbringen, ich kann ihnen nicht sagen, was sie wissen wollen“, flüsterte er. Wütend trat Hoberman gegen die Tür. Er fuhr sich in den Hemdkragen, um seine Krawatte zu lockern. „Packen wir zusammen, das bringt nichts“, sagte er entnervt, „los Boomer gib ihm seine Klamotten wieder.“ Erleichtert lehnte sich Charlie gegen die kalte Betonwand und schloss die Augen. „Denken sie nicht, dass wir miteinander fertig sind Professor“, Hoberman spuckte die Worte förmlich aus, „wir graben weiter. Wir werden Craven zur Strecke bringen und dann werden wir ihnen und ihrem Bruder Beihilfe zum Mord an der Senatorin und den anderen nachweisen.“ Charlie hätte am liebsten erwidert, „tun sie, was sie nicht lassen können“, aber er wollte nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, zog es vor zu schweigen und wartete bis sie fertig waren.

 

Schließlich war er der letzte, der den Bunker verließ. Er befand sich mitten auf der Treppe, als draußen die Hölle losbrach. Schüsse aus Schnellfeuergewehren peitschten durch die Luft. Leute schrien. Einige Querschläger verirrten sich sogar in den Bunker, dessen Tür sperrangelweit offenstand. Charlie konnte sich gerade noch mit einem Sprung übers Geländer retten. Panisch kroch er in die hinterste Ecke. Die Kakophonie von Schreien und Schüssen verebbte schließlich. Charlie zitterte wie Espenlaub. Immer wieder lauschte er in die gespenstische Stille, wartete darauf Schritte auf der Treppe zu hören. Plötzlich ein Quietschen und das Schaben von Metall auf Metall. Jemand schloss offensichtlich die Tür des Bunkers. Charlie kam es vor, als würde er in der Falle sitzen. Es schnürte ihm die Kehle zu. Er hatte seine Arme ganz fest um seine Knie geschlungen und presste seinen Rücken gegen die Wand. WRUMM! Stille … und zu allem Überfluss erlosch das Licht.