Chapter 10

 

Auf der Fahrt zum Tower von Virginrecords, wechselten Don und Megan kaum ein Wort. Obwohl sie nur allzu gern erfahren hätte, weshalb er dieses doofe Grinsen einfach nicht los wurde. Ihm fiel es tatsächlich schwer, sich aufs Fahren zu konzentrieren. War er doch gestern Spätabends noch bei George im Leichenschauhaus gewesen. Sie war gerade mit der Obduktion der Leiche des Mädchens fertig gewesen und er hatte sie kurzerhand auf einen Drink eingeladen. Sie hatte natürlich sofort zugesagt. Gelandet waren sie in einem Club wo zu heißen Technobeats die Post abgegangen war. Don hatte sich so high gefühlt, als hätte er Drogen genommen. George hatte sich in ekstatischen Bewegungen an ihm gerieben und ihn mit ihren gierigen Blicken verschlungen. Es hatte nicht lang gedauert, da waren bei ihm sämtliche Sicherungen durchgeknallt. Seit Ivy hatte er keine Frau mehr gehabt.

 

Wie genau es dann dazu kam, wusste er im Nachhinein nicht zu erklären. Im Taumel der Lust waren sie in einer dunklen Ecke des Clubs gelandet. Georges flinke Finger hatten seine Hose im Nu aufgeknöpft. Ihr Höschen ergab sich seinen kräftigen Händen, mit einem Ruck hatte er es ihr heruntergerissen. „Ich kauf dir ein Neues“, keuchte er in ihr Ohr, während er sie, problemlos, hochhob und gegen die Wand drückte. Mit einem Ruck war er in ihr drinnen. Sie schrie kurz auf. Der Laut wurde von den Technobeats, die gnadenlos hämmerten, verschluckt. Beinahe im Takt der Musik trieb er sich in sie hinein. Beide waren wild und heiß. Sie krallte ihre Fingernägel in seinen Nacken und umschloss gierig seinen Mund mit ihrem. Das Stroboskoplicht und der peitschende, monotone Beat brachten ihre Hormone zum überkochen. Das Blut schien in Dons Adern zu verdampfen. George zuckte in seinen Armen. Er konnte spüren, wie sie knapp davorstand, die Kontrolle zu verlieren.

 

Also steigerte er erneut das Tempo. Der Schweiß lief in Strömen über seinen Körper. George schien das unheimlich anzutörnen. Ihre Schreie wurden immer spitzer. Niemand schien die beiden zu bemerken. Die Leute auf der Tanzfläche hatten sich ihrem wilden Rhythmus angepasst. Die Musik wurde immer lauter. Jedenfalls kam es Don so vor. Noch ein, zwei harte Stöße, dann war es um ihn geschehen. Er spürte eine Explosion in der Mitte seines Körpers, die ihn eigentliche hätte auseinanderreißen müssen. George wurde von seiner heißen Flut mitgerissen und ging hoffnungslos mit ihm unter. Keuchend verharrten sie noch minutenlang in der Stellung. Ihre Augen glitzerten, „das war wirklich phänomenal“, sagte sie. Don rang nach Atem. Er hatte Mühe sich aufrecht auf zwei Beinen zu halten. Langsam ließ er George herunter. „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben“, meinte er grinsend. Sie hatte noch eine Weile in der Ecke gestanden und geknutscht. Dann hatte sie gemeint, dass es wohl an der Zeit wäre nach Hause zu fahren, weil sie früh raus müsse. Bei ihr angekommen, wäre er problemlos für eine Fortsetzung zu haben gewesen, doch sie meinte, drei Stunden Schlaf wären ohnehin nicht viel, aber die wollte sie wenigstens haben. Also hatten sie sich erneut verabredet und er war nach Hause gefahren.

 

„Wir sind da“, sagte Megan. Don parkte den SUV so nahe wie möglich an der Absperrung. Sie zeigten ihre Ausweise vor. Der uniformierte Beamte des LAPD hob das gelbe Band in die Höhe, damit sie darunter durchgehen konnten. Don entdeckte Dt. Walker einige Meter von ihnen entfernt. „Hi Gary!“ „Hi Don, danke, dass sie so schnell gekommen sind.“ “Keine Ursache, wie kommen sie eigentlich darauf, dass dieser Fall etwas mit dem des Mädchens zu tun hat?“ „Das müssen sie Dr. Hoberman fragen“, meinte Walker und eilte voraus. Dons Puls hatte sich augenblicklich beschleunigt, das Grinsen war zurückgehkehrt. Megan warf einen amüsierten Seitenblick auf ihren Boss. Sie war sich hundertprozentig sicher, dass zwischen der Gerichtsmedizinerin und ihm was lief.

 

George stand gerade über die Leiche gebeugt. „Guten Morgen“, grüßte Don laut. Sie drehte sich um. Dabei hielt sie ein Thermometer in der Hand, mit dem man die Temperatur der Leber maß. Das gab dann ziemlich genau Aufschluss über den Todeszeitpunkt. „Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen Agents. Der arme Kerl hinter mir hat allerdings nicht mehr viel davon mitbekommen. Ich würde sagen, er ist seit ungefähr vier Stunden Tod.“ „Todesursache?“ fragte Megan. „Darauf kommen sie nie“, Georges und Dons Blicke trafen und verhakten sich für den Bruchteil einer Sekunde ineinander. Don hatte ein paar Latexhandschuhe aus seiner Jackentasche herausgezogen und ging an George vorbei. Er bückte sich über die Leiche. Auf den ersten Blick konnte er keine äußeren Verletzungen feststellen. Das einzige was ihm auffiel war eine leichte Blaufärbung des Gesichts des Toten, die bis hinunter zu seinen Schultern reichte und der Rest von Schaum um seinen Mund herum. Fragend sah er hoch zu George.

 

„Er ist ertrunken, Don“, sagte sie. Er besah sich den Leichnam nochmals genauer, „nichts deutet daraufhin, dass sein Kopf gewaltsam unter Wasser gedrückt wurde.“ Sie nickte. „Seine Kleidung sieht auch nicht aus, als wäre sie mit Wasser in Berührung gekommen. In seinen Taschen steckten ein paar Dollarnoten, frisch aus dem Automaten. Außerdem trug er eine Kette bei sich, die Cheryl Miller abgerissen wurde.“ Sie zeigte ihm das Beweisstück, das bereits in einer Tüte steckte. Don konnte deutlich den Schriftzug Cheryl erkennen. „Ich bin sicher, wenn ich die hier mit den Abdrücken an ihrem Hals vergleiche, gibt es eine Übereinstimmung.“ „Dann haben sich die beiden also gekannt“, stellte Don fest, „Cheryl wurde in ihre Einzelteile zerlegt und der Junge ist ertrunken, wurde ertränkt, wie auch immer.“ Don sah zu Walker hinüber, der mit jemandem telefonierte. Er nickte kurz, dann klappte er sein Mobile zusammen und kehrte zu Don und den anderen zurück. „Mit ziemlicher Sicherheit ist das Paul Riddle. Er ging auf die gleiche Uni wie Cheryl, die UCLA. Die beiden studierten dort, ratet mal was? Biotechnologie.“

 

Don sah zu Megan, „dann sollten wir den Lehrern mal einen Besuch abstatten.“ Sie nickte. „Danke Gary“, sagte er und wandte sich anschließend an George. Sie lächelte, „wir müssen auch dringend miteinander reden.“ Don nickte grinsend. Dann ging er gemeinsam mit Megan zurück zum Wagen. „Ich hab den Eindruck zwischen dir und Dr. Hoberman scheint es zu brodeln“, wagte sie einen Vorstoß. „Tja Megan, was soll ich dir sagen?“ meinte Don, schob sich einen Kaugummi in den Mund und setzte sich seine Sonnenbrille auf, „an der Frau kann man sich ganz schön die Finger verbrennen.“ Megan lachte kurz auf, „nicht nur die Finger Don, nicht nur die Finger.“ Um diese Zeit war der Campus noch nicht überbevölkert. Träge schleppten sich die Studenten zu ihren ersten Unterrichtsstunden. Die beiden FBI-Agents erkundigten sich im Rektorat nach den Klassenvorständen von Cheryl und Paul. Es war ein und dieselbe Person: Prof. Frank Weller.

 

Der musste sich erst einmal setzen, als er über den Tod der beiden Studenten erfuhr. „Das ist ja schrecklich und dann noch innerhalb einer so kurzen Zeit. Sind sie sicher, dass der Junge Paul ist?“ „Das LAPD hat mit Cheryls Eltern gesprochen und ihnen eine Beschreibung des Opfers gegeben. Ihre Mutter ist sich ziemlich sicher. Seine Eltern sind gerade auf dem Weg ins Leichenschauhaus.“ Prof. Wellers Gesichtsfarbe glich exakt der gekalkten Wand hinter ihm. „Das ist eine schreckliche Tragödie, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ In diesem Moment kam Julius am Lehrerzimmer vorbei. Die Anwesenheit von zwei FBI-Agenten hatte sich wie ein Lauffeuer über das Unigelände verbreitet. „Guten Morgen Prof. Weller, ich wollte fragen, ob wir heute Nachmittag wieder die Schlüssel für Hörsaal B haben können, sie wissen, unsere Theateraufführung.“ Weller hob seinen Kopf wie in Trance.

 

„Julius, das sind die Agents Reeves und Eppes vom FBI. Es ist etwas Unfassbares geschehen.“ Julius Mund wurde trocken, seine Knie drohten nachzugeben. Sie hatten unter Garantie herausgefunden, dass der Leichnam in der Sandkiste aus ihrem Kurs stammte. Doch das was ihm der Professor dann sagte, ließ ihn beinahe hysterisch aufschreien. „Cheryl und Paul sind ermordet worden“, Weller drehte seinen Kopf in Dons Richtung, „Julius ist ein enger Freund der beiden. Sie studierten gemeinsam und haben auch die Theatergruppe miteinander gegründet.“ Julius kämpfte verzweifelt gegen die ansteigende Übelkeit an, die ihn zu übermannen drohte. Wenn nicht gleich ein Wunder geschah, würde er hier alles vollkotzen. Er konnte deutlich fühlen, wie sein Mageninhalt nach oben drängte, „entschuldigen sie mich einen Moment“, würgte er noch hervor, dann sprintete er zur Toilette. Don, der nicht wusste, was der Junge im Schilde führte, raste ihm hinterher. Megan blieb bei Prof. Weller.

 

Als Don sah, dass Julius in der Toilette Zuflucht suchte, verlangsamte er sein Tempo. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Student wieder heraus kam. Julius war noch blasser als vorhin Weller, wenn das überhaupt möglich war. „Na, geht’s schon wieder?“ fragte er besorgt. Der Junge nickte benommen, „was ist ihnen zugestoßen?“ wollte Julius wissen. „Ein paar unschöne Dinge“, antwortete Don ernst, „wenn du nichts dagegen hast, würde ich mich gern ein wenig mit dir unterhalten.“ Julius folgte ihm wie ein Schoßhündchen. Tristan beobachtete das Szenario vom anderen Ende des Ganges und es gefiel ihm gar nicht, was er da sah. Julius war schwach, sie würden nicht lange brauchen und dann würde er wie eine Quelle sprudeln. Er würde seine Pläne zunichte machen. Also blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Tristan hatte keine Ahnung vom Tod seiner beiden Freunde und er ahnte auch nicht, wie dicht ihm der Killer auf den Fersen war.

 

Der Mörder von Cheryl und Paul war über die Anwesenheit des FBI nicht sonderlich besorgt. Sie waren noch Lichtjahre davon entfernt, ihm auf die Spur zu kommen. Er ging hinüber zu Eden Troy. Sie war ein bildhübsches Mädchen, mit langen dunklen Haaren und großen braunen Augen. Im Moment waren sie jedoch geschlossen. Sie schlief, tief und fest. Und das würde auch noch eine Weile so bleiben. Ihr Anblick erfreute ihn und er würde sich mit ihr viel Zeit lassen. Noch war er unschlüssig darüber, was er mit ihr anstellen sollte. Bei Cheryl und Paul war es so einfach gewesen, aber bei Eden … Sie hatte ihm sogar ab und zu zugelächelt. Auch wenn das Lächeln nicht ehrlich gewesen war, hatte er sich doch darüber gefreut. Plötzlich kam ihm eine Idee!

 

Charlie und Larry brüteten nach wie vor über die codierte Sequenz. „Professor Eppes“, dröhnte es plötzlich durch die Garage. Er und Larry zuckten erschrocken zusammen. Schon wieder stand jemand in der Tür. „Habt ihr heut Tag der offenen Tür?“ wunderte sich Larry. „Professor Eppes?“ wiederholte der Mann im dunklen Anzug ein wenig ungeduldig. „Ja, bitte“, sagte Charlie. „Mein Name ist Erwin Hoberman“, der Mann trat unaufgefordert ein und wedelte mit seiner Dienstmarke herum, „sie müssen bitte mitkommen.“ Charlie schluckte, „worum geht es?“ Hoberman sah zu Larry, „das sag ich ihnen nachher, unter vier Augen. Es ist streng vertraulich.“ Charlie war absolut nicht wohl bei dem Gedanken mit diesem unsympathischen Kerl mitzugehen. Doch dessen Haltung duldete keine Ablehnung. „Mach dann mal ohne mich weiter“, bat er Larry, „hier ist noch was.“ In Windeseile kritzelte er etwas auf den Notizblock: „Ruf bitte Don an!“ las sein Freund und bemerkte den panischen Ausdruck in Charlies Augen. „Kommen sie Professor“, schnappte Hoberman. Charlie hätte sich am liebsten an Larry gekettet. Beim Hinausgehen war auch Alan nirgendwo zu sehen. Hoberman hatte sich demnach selbst hereingelassen. Als sie im Wagen saßen, verriegelte Hoberman die Türen. Charlie zuckte bei dem Geräusch merklich zusammen. „Keine Angst Professor“, sagte Hoberman lakonisch, „wir haben einen von Cravens Leuten aufgespürt, der maßgeblich an ihrer Entführung beteiligt war, alles was sie tun müssen, ist ihn zu identifizieren.“ „Das, das kann ich nicht Agent Hoberman“, unternahm Charlie einen letzten kläglichen Versuch. „Oh doch, das können sie. Wenn nicht, haben wir Mittel und Wege ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen“, das Gesicht des CIA-Mannes schien sich zu einer teuflischen Fratze zu verzerren.