Kapitel 6

Wie verabredet, trafen sie sich alle um eins im Konferenzraum. Naja, das hieß, alle außer Don, den der war bis jetzt noch nicht aufgetaucht und der Platz neben Charlie blieb leer. Während sie warteten, sah dieser sich im Zimmer um. Ja, dort drüben saß Lynn, neben Terry und war mit der jungen Agentin ins Gespräch vertieft. Fast gleichzeitig bemerkte er, wie rot ihre Augen waren und seine Magen krampfte sich vor schlechtem Gewissen zusammen.
In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen und Don kam ziemlich atemlos herein.
„Los Leute, Beeilung! Einer unserer Verdächtigen hat sich als heiße Spur herausgestellt, und wir überwachen bereits sein Haus. Terry, David, ihr kommt mit mir; ihr“, er deutete auf ein paar Agents am Tisch, „..und ihr dort, kommt auch mit. Der Rest von euch informiert bitte die anderen und dann kommt auch so schnell ihr könnt - 320, Parker Street.“

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„Don?“
„Hm, ja?“
Sie saßen zu dritt in Don’s Wagen und besprachen die Lage. „Mit wem haben wir es hier zu tun?“
„Der Verdächtige heißt Paul Dougal, und bis heute vormittag war er noch einer von insgesamt fünf Leuten, die wir überprüfen wollten, doch dann hat sich herausgestellt, dass eine Nachbarin der Familie Jones ihn vor einer Woche in der Nähe des Hauses gesehen hat - und das, obwohl er hier lebt.“ Er bog nach links und hielt dann. Angespannt sahen sie die Straße entlang. Verschiedene Autos parkten am Bürgersteig (die meisten davon kannte Don, es waren Zivilwagen des FBI) , und es waren kaum Leute unterwegs. ‘Gut’, schoß es Don durch den Kopf. Je weniger Menschen hier herumliefen, desto geringer war das Risiko, das jemand Unschuldiges verletzt würde.
Sie stiegen aus. „Paul Dougal“, fuhr David fort, die Akte noch in der Hand, „saß 1987 wegen mehrfacher Entführung und Körperverletzung im Gefängnis. Danach hat man länger nichts von ihm gehört, er schien sich gefangen zu haben - hat einen kleinen Zeitungskiosk hier in der Nähe, einen Hund, geht ab und zu auf eine Feier in der Nachbarschaft - ganz normal eigentlich.“ Terry nickte. „Die mit dem völlig unscheinbaren Leben nach dem Knast - mit denen haben wir meistens zu tun.“ Sie seufzte. „Komm, lass es uns hinter uns bringen und hoffen, dass wir noch rechtzeitig kommen.“ Sie wollte gerade zu dem als Bus eines Telefonanbieters getarnten Einsatzwagen gehen, als Don sie rüde am Ärmel packte. „Sag mal!“, schimpfte sie, „Was ist denn los?“ Dann folgte ihr Blick dem seinen und sie japste nach Luft. „Ist das...?“ „Ja“, sagte Don leise und hakte sich bei ihr ein, „das ist Ashley. Und jetzt komm, lass uns so tun, als ob wir spazieren gehen würden.“ Langsam schlenderte die drei die Straße entlang, ein fast vollkommenes Bild, hätte man nicht die Besorgnis in ihren Zügen gesehen. Als an Nummer 320 vorbeikamen, drehte David den Kopf, ganz so, als würde er mit Terry sprechen. So gesehen tat er das auch; er gab seine Beobachtungen an sie weiter - und per Funk an ungefähr noch 25 andere.
„Das Mädchen sitzt auf der Terrasse, blonde, schulterlange Haare, roter Pullover. Hinter ihr ist ein Fenster, vermutlich zur Küche. Es niemand anderes zu sehen, aber irgendwo muss er sein, sonst würde sie dort nicht sitzenbleiben. Wir machen erst einmal nichts, verstanden? An alle Einheiten, vorerst kein Eingreifen! Wir haben einen Plan.“ Dann schaltete er den Funk ab.
„Haben wir?“, fragte Terry. „Haben wir.“, nickte David.

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Eine halbe Stunde später sah Ashley, wie eine junge Frau in Uniform auf sie zutrat. ‘Ziemlich unpassend, sie sollte wirklich kein Gelb tragen’, dachte sie und hätte beinahe hysterisch aufgelacht. Wie konnte sie jetzt noch über Stil nachdenken?!
„Entschuldigen Sie“, sprach die Frau sie da an. „Können sie mir vielleicht helfen?“ Sie hatte eine wirklich nette Stimme; und sie konnte ja nichts für die Uniform, die sie tragen musste, oder? „Ja, was denn?“ Ashley schluckte.
„Wissen Sie, ich bin von TeleFine“, eine Wink zu dem Wagen hinter ihr, „und ich wollte nur den Anschluss überprüfen, wegen der Garantie und so. Bin ich hier richtig?“ Sie hielt Ashley ein Klemmbrett entgegen. „Mein Kollege hat eine furchtbare Handschrift, und jetzt weiß ich nicht, ob ich bei der richtigen Adresse bin.“ Ashley stand auf und trat neben die junge Frau. Er würde nichts dagegen haben, wenn sie ihr half. Hoffte sie zumindest. Dann warf sie einen Blick auf das Papier und ihr war, als würde ihr Herz stehenbleiben.
Terry atmete tief durch. Jetzt kam es nur auf Ashley an. Es wäre nur zu gut zu verstehen, wenn das Mädchen vor lauter Panik einfach zusammenbrechen würde. „Das Risiko müssen wir eingehen“, hatte Don gesagt, als sie den Text verfasst hatten, der Ashley von ihrem Vorhaben informieren sollte, „und vielleicht stellt sie sich jetzt ja als gefasster heraus, als wir jetzt denken.“

Das Mädchen und die Agentin sahen sich für einen Moment in die Augen. Dann straffte Ashley die Schultern und sagte: „Nein, tut mir leid, da sind sie hier falsch. Die Nummer, die sie suchen, muss auf der anderen Straßenseite sein.“ Ihre Stimme klang deutlich und völlig normal. Dann trat sie einen Schritt vor, wie es der plan vorgeschrieben hatte, und wurde nun von Terry verdeckt. In dem Moment wirbelte diese herum und schoß auf das Schloß der Haustür. „Keine Bewegung, FBI!“, schrie sie und von allen Seiten schienen Beamte heranzuströmen, die in das Haus stürmten. „Gut gemacht“, meinte Don im Vorbeilaufen. Terry ließ die Waffe sinken und wandte sich zu Ashley um. „Das hast du gut gemacht, wirklich. Nicht jeder hätte hier diese Ruhe behalten.“ Ashley nickte, sie war kreidebleich im Gesicht.
Kurz darauf führten David und ein anderer Agent Paul Dougal aus dem Haus. „Er hatte sich auf dem Dachboden versteckt, als er merkte, dass er hinten nicht mehr rauskam“, sagte Don. Dann warf er einen Blick auf das völlig verängstigte Mädchen neben seiner Kollegin. „Ihr könnt dann auch gehen“, sagte er, „Ich glaube, Ashley, deine Eltern erwarten dich schon sehnlichst.“

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„Und jetzt ist alles geklärt?“
Don und Charlie saßen im Großraumbüro des FBI und Don berichtete gerade von den Ausgängen des Falles. „Ja, Paul Dougal hat bereits ein volles Geständnis abgelegt, aber er wird so oder so lebenslänglich kriegen. Und, Charlie - ich hab’ ihn gefragt, was denn in seinen letzten zwei Botschaften drinstand.“
„Und?!“
„Nun - nichts. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er mir erklärte, dass wir ihn ohne Glück nie gekriegt hätten - weil seine letzten Nachrichten gar keine waren, nur wirre Zahlenkombinationen. Er ist psychisch völlig fertig, er lebt in einer eigenen, total verworrenen Welt.“ Charlie nickte langsam. „Dann..gab es gar nichts, was ich lösen konnte, hm?“ „Genau“, Don lächelte, „und deswegen möchte ich mich noch mal entschuldigen, wegen neulich.“ Charlie grinste schwach. „Und ich sage dir noch mal, dass es schon okay ist.“ Dann zögerte er. „Weiß Lynn schon davon?“ „Wovon?“ „Na, das die Botschaften nichts bedeuten.“ „Ja, das weiß sie schon. Ich hab’s ihr vorhin gesagt, als sie sich verabschiedet hat.“
Charlie fuhr herum. „Verabschiedet?!“
Er sah seinen großen Bruder entgeistert an. „Was soll denn das heißen?“
„Hat sie es dir etwa nicht gesagt?“ Im nächsten Moment bereute Don seine Worte, als er Charlies niedergeschmetterte Miene sah. „Sie wollte noch ihre Sachen zusammenpacken und dann zum Flughafen fahren. Sie fliegt heute noch nach New York.“ Charlie sprang auf. „Wann war das?“
„Vor ungefähr einer halben Stunde, sie müsste eigentlich gerade weg sein, aber..he, Charlie!“
Don sah seinem kleinen Bruder hinterher. Hoffentlich würde er es noch schaffen. Zwar wusste Don nicht, was da zwischen Lynn und Charlie war, doch so konnte es nicht aufhören, das war ihm klar. Nicht nach den verzweifelten Blicken, die er sowohl bei seinem Bruder wie auch bei Lynn bemerkt hatte. Nein, das konnte es wirklich nicht.
‘Los’, dachte Don, ‘lauf, Charlie.’

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„Danke.“
Lynn gab dem Gepäckträger sein Trinkgeld und zog ihren Rollkoffer hinter sich her. Dann blieb sie stehen und sah sich auf dem Gate um. Heute war hier erstaunlich wenig los, gerade für einen Flug wie von Los Angeles nach New York. Sie seufzte. Hoffentlich nahm Charlie es ihr nicht übel, dass sie sich nicht verabschiedet hatte. Sie hatte es einfach nicht gekonnt, auch wenn sie es jetzt fast bereute...
„Lynn! Lynn, warte!!!“ Sie wirbelte herum. „Was...?“
Charlie kam auf sie zugelaufen und blieb dann atemlos vor ihr stehen. „Ich...ich..“ Er holte tief Luft. „Ich wollte nur...“ ‘Nein’, dachte er plötzlich. ‘Nicht mehr davonlaufen, Charlie.’
„Lynn...“, sie sahen sich an, „warum hast du dich nicht von mir verabschiedet?“ Lynn schluckte. Gottverdammt, sie hatte sich eben noch geschworen, dass sie nicht schon wieder heulen wollte - aber es war fragwürdig, ob sie das schaffen würde. „Charlie“, sagte sie, und dann wieder: „Charlie.“ Dann lächelte sie plötzlich. „Sorry, ich hab..ich hab’s einfach nicht über mich gebracht. Tut mir leid.“ Charlie nickte, er wirkte irgendwie durcheinander. „Aber“, fragte er, „warum fliegst du überhaupt? Was ist los?“

„Weißt du, ich habe gestern Abend einen Anruf bekommen, ob ich nicht Interesse daran hätte, doch eher in New York zu arbeiten, wieder als Professorin an der Uni; und...wir waren hier ja fertig, also..“ Sie brach ab, als sie sein Gesicht sah und seufzte. „Charlie - wir fühlen doch eh nicht dasselbe füreinander, ist es nicht so?“ Der junge Mann senkte den Kopf, dann nickte er, langsam und zögerlich. In diesem Augenblick klang eine blecherne Stimme aus den Lautsprechern: „Der letzte Aufruf für den Flug 2237, Los Angeles nach New York, ich wiederhole: Der letzte Aufruf für den Flug von Los Angeles nach New York.“
Lynn fuhr sich durch die Haare. „Ich muss los, sonst verpasse ich noch den Flug - ciao, Charlie.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Für dich gibt es nur eine, das weißt du. Und ich bin es nicht.“ Sie drehte sich um und ging zu ihrem Flieger. Die Stewardess sah sie zwar ein wenig besorgt an, doch das kümmerte sie nicht, genauso wenig, wie die Mascaraspuren, die die Tränen durch ihr Gesicht zogen.
Charlie sah zu, wie der Flieger abhob und wandte sich zum Gehen.
‘Für dich gibt es nur eine, und das weißt du auch.’

In diesem Moment klingelte sein Handy.
„Eppes?“
„Ja, hi Charlie, ich bin’s!“
„Amita?“