Kapitel 5

Die ganze Welt war schimmernd blau.
Lynn zog Bahn um Bahn in dem riesigen Schwimmbad des Hotels, erst ganz langsam, dann mal schneller. Manchmal drehte sie sich auch auf den Rücken und ließ sich treiben, während die letzten drei Tage vor ihrem inneren Auge vorbeizogen. Tatsächlich ging es ihr jetzt um einiges besser, der dröhnende Schmerz in ihrem Kopf war verschwunden...Viel war geschehen, sie war so vielen Menschen begegnet...einem speziellen Menschen...
Mit einem lauten Platschen drehte sie sich um und kraulte an den Rand des Beckens, zog sich heraus und ging zu den Duschen. Jetzt bitte nicht darüber nachdenken.
Als sie fertig angezogen war und sich die noch feuchten Haare zu einem Knoten hochgesteckt hatte, beschloß sie, sich auf die Suche nach Charlie zu machen. Immer dem Schrecken ins Gesicht blicken - wenn das auch eine etwas merkwürdige Bezeichnung für den jüngeren und schüchterneren der Eppes-Geschwister war... Es gab noch einiges zu tun und garantiert würde er immer noch im Konferenzraum über den Zahlen sitzen.
Deshalb war Lynn’s Überraschung groß, als sie ihn durch die verglaste Tür in der Hotelbar sitzen sah, und noch größer, als sie die zwei leeren Bierflaschen vor ihm bemerkte, plus der dritten, die ihm gerade rübergeschoben wurde. Das sah ihm doch gar nicht ähnlich! Nach allem, was Lynn über ihn gehört hatte, rührte Charlie für gewöhnlich keinen Tropfen Alkohol an, und wenn, dann doch nicht gleich in solcher Menge! Sie stieß die Tür auf und betrat den Barraum. Er schien sie noch nicht bemerkt zu haben, denn er sah nicht auf, als sie auf ihn zuging. Er starrte eigentlich nur die Flasche in seiner Hand an und überhaupt sah er aus, als ob ihn sämtliches Unglück der Welt getroffen hätte. Sie schwang sich auf den Barhocker neben Charlie. „Hey!“

Keine Antwort.
„Hey!!!“
Erschrocken riss Charlie den Kopf hoch, dann entspannten sich seine Züge ein wenig. „Ach, du bist es..ich dachte schon..“
„Was denn?“
Sie wusste, dass sie sich furchtbar neugierig und aufdringlich benahm, aber sie wusste auch, dass sie anders nichts aus ihm herausbekäme.
„Nichts, schon gut.“ Erneutes Starren auf die Flasche.
Oder machte sie so alles nur noch schlimmer?
„Charlie, bitte, ich merk’ doch, das was los ist!“ Sie sah ihn an. „Und überhaupt..“ Mit einem Ruck entzog sie ihm die Bierflasche und winkte dem Barkeeper, alles wegzuräumen, „..seit wann trinkst du Bier? Don hat mir gesagt, du kannst das Zeug nicht mal leiden!“ Fast befürchtete sie, wieder das Falsche gesagt zu haben, doch Charlie nickte. „Stimmt ja auch“, Gott sei Dank, er war noch halbwegs nüchtern, „..und das hat dir dann also Don..umpf..“, er vergrub die Hände im Haar und starrte niedergeschlagen auf das blankpolierte Holz des Tresens. Lynn schwante Böses. „Habt ihr euch etwa gestritten?“
„Ja..das heißt, nein..ich weiß es nicht.“ Charlie sah sie hilflos an. „Er ist vorhin reingekommen, kurz nach dem du wegwarst, und wollte wissen, wie weit wir wären. Ich meinte also, wir wären noch nicht allzu weit, weil es komplizierter wäre als gedacht.“ Er tastete nach der nicht vorhandenen Flasche und resignierte. „Da ist er dann plötzlich laut geworden. Er wollte wissen, wo du wärst, und das es schließlich kein Wunder wäre, dass es nicht weitergeht, wenn wir nicht richtig arbeiten würden, und ob mir den nicht klar wäre, dass es hier um eine verzweifelte Familie und um ein Menschenleben ginge....ob ich nicht selber gut genug wüsste, was ich damit anrichten könnte...“ Während er sprach, war Charlies Stimme immer leiser geworden. Lynn schluckte. Sie hatte Don vorhin kurz von weitem gesehen und er hatte ziemlich gestresst ausgesehen. Sämtliche Verantwortung in diesem Fall lag bei ihm, sofern war es schon ein wenig verständlich, dass er ausgerastet war, doch das war ziemlich hart gewesen. Wusste er denn nicht, was er seinem kleinen Bruder mit solchen Vorwürfen antat? Hatte Don Eppes in all den Jahren nicht bemerkt, was anderen in der Nähe der Geschwister nach zwei Tagen klarwurde? Wusste er wirklich nicht, dass er, der große Bruder, für Charlie alles war?

„Versteht er es nicht?“, brach es da aus diesem heraus. „Zahlen wollen nicht immer so, wie ich es gerade will..Don scheint zu glauben, dass ich alles kann, solange es um Mathematik geht..und jetzt ist er enttäuscht, aber ich schaff’s einfach nicht..“
Bedrückt sah Lynn Charlie an und strich im zögerlich über den bebenden Rücken. Dann fing sie an zu erzählen. Sie erzählte, wie sie in England ihren Studienabschlus mit den Schwerpunkten angewandter und psychologischer Mathematik gemacht hatte, und schließlich nach Finnland zurückgekehrt war, um dort an der Universität ihrer Heimatstadt zu unterrichten. Wie sie bald einen recht vollen Kurs hatte und die lustigsten Exkursionen veranstaltete. Wie sie Janne, einen Sportmediziner, kennenlernte; wie sie sich verliebten und schließlich verlobten. Wie sie am Anfang so glücklich gewesen war wie noch nie - bis sich Janne’s Eifersucht zeigte. Plötzlich freute er sich nicht mehr mit ihr, sondern tat es als völlig gleichgültig ab, wenn sie ihm strahlend erzählte, dass sie die Gleichung, die sie seit Tagen beschäftigte, endlich gelöst hatte. Oder einmal waren eines Morgens ihre sämtlichen Unterlagen für eine Vorlesung verschwunden - ausgerechnet für die Vorlesung, zu der sich die Inspektoren des Bildungsministeriums angekündigt hatten und auf die sie sich wochenlang vorbereitet hatte. Später hatte Lynn die Reste dann im Papierhäcksler ihres Verlobten entdeckt. Doch, trotz allem hatte sie ihn immer noch geliebt. Und schließlich war es Janne gewesen, der sich nach drei Jahren von ihr trennte, und sich mit der Begründung, dass es für sie keine andere Welt als die der Mathematik mehr geben würde und er ihr ja sowieso immer egal gewesen wäre, mit einer dümmlich lächelnden Blondine und einem großen Teil ihrer gemeinsamen Ersparnisse davonmachte. Sie war am Boden zerstört gewesen. Als sie vor acht Monaten dann das Angebot vom FBI bekam, gab es nichts mehr, was sie noch hielt und sie war, immer noch mit gebrochenem Herzen, nach Los Angeles gekommen. „So haben mich die Zahlen also gleich auf zwei Wegen hierhergetrieben“, schloß sie mit leiser Stimme.
Charlie war ganz ruhig geworden. Mit aufmerksamem Blick sah er sie an. Sie versuchte zu lächeln, doch vor ihren Augen verschwamm alles und als sie blinzelte, liefen ihr dir Tränen das Gesicht hinab. Charlie streckte eine Hand aus, um sie abzufangen, doch Lynn schüttelte den Kopf und wischte sich mit einer fast trotzigen Geste über die Augen. „Ist schon gut“, behauptete sie, „Vergangenheit ist Vergangenheit.“ Sie räusperte sich. „Trotzdem, danke. Charlie, was ich damit eigentlich sagen wollte, ist..ich kann dich verstehen. Ich habe selbst erlebt, wie sehr einen die Mathematik manchmal von anderen entfremden kann. Und ich bin mir sicher, dass zwischen dir und Don bald wieder alles in Ordnung kommt.“ Sie nickte. „Ganz bestimmt.“
Sie sahen sich lange an. Charlie lächelte sie an, sie lächelte leicht verlegen zurück - und dann lagen seine Lippen auf einmal auf ihren, sie küssten sich. Lange. Und so kam es, wie es wohl kommen musste...

: ~ :

Als Lynn am nächsten Morgen aufwachte, die Augen noch geschlossen, hatte sie als allererstes ein ganz furchtbares Gefühl. Und leider verschwand dieses Gefühl nicht, als sie die Augen aufschlug, es wurde eher noch schlimmer. Neben ihr lag Charlie, nichtsahnend den Arm um sein Kissen geschlungen und schlief tief und fest.
‘Nein, nein!’, schrie es in ihrem Kopf. ‘Das hast du jetzt nicht getan! Bitte, sag’ mir, dass ich das nicht gemacht habe!’ Am liebsten wäre sie schnurstracks aus dem Zimmer gestürmt, doch sie zwang sich, leise aufzustehen und sich in aller Ruhe anzuziehen. Ihre Kleidungsstücke legten eine schon fast beschämend deutliche Spur von der Tür zum Bett... Schließlich war sie draußen, zog die Tür vorsichtig ins Schloß und atmete tief durch. Dann hastete sie in ihr Zimmer und knallte dort die Tür so laut zu, dass ihre Zimmernachbarn wahrscheinlich aus dem Bett fielen, doch das kümmerte sie nicht. Lynn war völlig durcheinander, riss die Tür wieder auf und blickte den leeren Hotelflur entlang. Was sollte sie tun?
Sie entschied, einen Spaziergang zu machen und drückte auf den Knopf, der den Fahrstuhl rufen sollte. Als es ihr zu lange dauerte, wandte sie sich entnervt ab und lief die Treppe hinunter und durch die Lobby ins Freie, dem kleinen Park entgegen. Eigentlich war es kein Park sondern eher ein großer See mit einem Stück Wiese und ein paar Bäumen drumherum, aber Lynn gefiel es. Tief sog sie die frische Morgenluft ein. Zum Glück rauchte sie nicht, ansonsten hätte sie sich allein heute Morgen sicher schon den größten Teil ihrer Lunge pechschwarz gequalmt.
Wie hatte sie nur so blöd sein können? Schon als Charlie sie geküsst hatte, hätte ihr klar sein sollen, dass das nur ins Unglück führte. Sie hatte doch genau gewusst, dass sie nachher die Scherben in ihrem Inneren würde aufkehren dürfen, wenn ihr wieder einmal bewusst wurde, dass sie nichts Ernsthaftes erwarten durfte. Sie verliebte sich einfach zu schnell. Und zu heftig. Und immer in den Falschen. Charlie war geradezu ein Paradebeispiel dafür - sie waren beide Mathematiker, was ja von vornherein einem Todesstoß gleichkam - total bindungsunfähig, wie man wusste. Außerdem war er angetrunken und deprimiert gewesen; da war sie ihm wohl gerade recht gekommen. Am schlimmsten war ja, dass sie gar nicht auf ihn sauer war, es gar nicht sein konnte. Nein, sie war ja so dumm gewesen und hatte nicht nachgedacht. Frustriert nahm sie einen Stein und warf ihn über das Wasser. Der Stein sprang einmal - pitsch! - und versank dann in den Tiefen des Sees. „Passt ja“, dachte sie zynisch. Dann fing sie an zu laufen, immer und immer wieder um den riesigen Teich herum.

: ~ :

„Charlie! He, Charlie!“
Charlie drehte sich um und sah seinen Bruder auf sich zukommen. „Morgen, Don.“
„Morgen! Sag’ mal, hast du Lynn schon gesehen?“
Charlie zuckte innerlich zusammen. Wenn sein Bruder wüsste! Er suchte schon den ganzen Morgen nach Lynn, ohne Erfolg. Als er heute früh aufgewacht war, war ihm die Erinnerung an die letzte Nacht wie ein Schlag ins Gesicht gefahren. Da hatte er wahrscheinlich wieder was angerichtet..kein Zweifel, er mochte Lynn, ihre Zusammenarbeit war großartig und er fand sie ausgesprochen attraktiv, aber dennoch... Er merkte, dass Don ihn noch immer fragend ansah. „Nein. Hat sie denn bis jetzt keiner gesehen?“ Er biss sich auf die Unterlippe. Sein Bruder schüttelte den Kopf.
„Nein. Naja, das heißt, Terry ist heute früh aufgewacht, weil im Zimmer neben ihr - Lynn’s Zimmer - die Tür geknallt hat, und dann hat sie sie draußen beim Laufen beobachtet, aber seitdem hat sie keiner mehr gesehen.“ Er musterte Charlies Gesicht. „Sag’ mal, ist da zwischen euch irgendwas vorgefallen?“ Sein kleiner Bruder wurde rot, sagte aber nichts.
„Na gut.“ Don zuckte mit den Schultern. „Dann nicht. Ich such mal weiter nach ihr, heute Mittag um eins ist eine Sonderkonferenz, in Raum 24. Du solltest auch kommen.“ Er schickte sich an zu gehen, drehte sich dann aber noch einmal um.
„Charlie?“
„Hm?“
„Ich..tut mir leid wegen gestern, okay? Ich weiß ja, dass du dein Bestes tust.“
„Ist schon gut.“
„Nein, Charlie wirklich - ich hätte dich nicht so anfahren sollen. Tut mir leid.“
Davongehend, sah Don nicht mehr, wie sich ein kleines erleichtertes und glückliches Lächeln auf dem Gesicht seines Bruders ausbreitete. Alles war wieder gut.
Nun, fast alles...