Kapitel 4

Der nächste Tag brach an und Don & Charlie (welcher sich doch ein wenig gewundert hatte, als er am nächsten Morgen auf dem Sofa aufgewacht war) fuhren gemeinsam ins Büro. Lynn war noch nicht da und so musste Charlie zunächst allein mit der Arbeit beginnen. Kurz darauf war bereits so vertieft in seine Aufgabe, dass er nicht merkte, wie sich die Tür öffnete und seine Assistentin hereinkam. Sie ließ sich in einen Stuhl fallen und seufzte laut. Charlie sah auf, doch sie winkte ab. „Es zerrt an den Nerven - dass wir nichts finden, meine ich. Ich hab’ fast die ganze Nacht nicht schlafen können, weil ich die ganze Zeit an dieses arme Mädchen denken musste, die genau weiß, dass der Mann, der sie in seiner Gewalt hat, der Mörder ihrer Schwester ist!“ Sie seufzte noch einmal. „Und dann habe ich eben Terry getroffen und sie meinte, ihr wäre es ganz ähnlich gegangen.“
Jetzt fielen dem jungen Mathematiker auch die dunklen Schatten unter ihren Augen auf. Blaugrüne Augen, wie er feststellte. Dunkle blaugrüne Augen. Das war selten und für einen Moment faszinierte ihn das mehr als die Zahlen, die vor ihm lagen. Dann räusperte er sich. „Willst du vielleicht ‘ne Tasse Kaffee oder so?“
Das ‘Du’ ging ihnen mittlerweile recht leicht von den Lippen; bei nur drei Jahren Altersunterschied wäre ihnen alles andere auch schon bald komisch vorgekommen.
Lynn schüttelte den Kopf. „Nein, danke, geht schon..“, und sie vertieften sich in die Arbeit.
Acht. Acht. Vier. Fünf. Acht. Zwei.
Stilgerecht in rot auf der linken Brust des Opfers. Lynn dachte darüber nach. Es musste mehr als grauenhaft sein, die noch blutigen Körperteile des eigenen Kindes zugeschickt zu bekommen, einfach in einem Umschlag mit der Post, ohne dass man etwas ahnte, bis man diesen öffnete. Sie bewunderte Mr. Und Mrs. Jones für ihre Tapferkeit; manch andere hätte so etwas schon längst in den Wahnsinn getrieben. ‘Schluss jetzt’, schalt sie sich, ‘es nutzt dir gar nichts, die Eltern zu bedauern, sorg’ lieber dafür, dass sie nicht noch mehr leiden müssen!’
Also gut. Acht. Acht. Vier. Fünf. Acht. Zwei. 884582...884582...verdammt, sie konnte sich einfach nicht konzentrieren! Was war denn nur los? Der Schlafmangel konnte es nicht sein; der ging mit ihrer Arbeit praktisch einher, wenn man sich nachts mal wieder einfach nicht von einer Rechnung lösen konnte ohne sie zu lösen. (Sie ahnte nicht, wie viel sie damit mit ihrem Gegenüber gemeinsam hatte.) Aber was war es dann? Sobald sie anfing, verschiedene Möglichkeiten zu durchdenken, riss ihr ständig der Gedankenfaden. Als ob sich eine Wand davorschieben würde... und das machte sie wahnsinnig. Sie gab einen frustrierten Laut von sich, und Charlie, der sie schon eine ganze Weile amüsiert beobachtet hatte, lachte plötzlich laut auf, als sie ihren Kopf auf die Tischplatte fallen ließ.
Lynn blickte mit gespielt verzweifelter Miene auf. „Was ist denn jetzt bitte so lustig?“
Er konnte also doch lachen, und Lynn hatte das Gefühl, dass sie das auch nicht so schnell vergessen würde; brachte es doch sein ganzes Gesicht zum Strahlen. Hätte sie gestern noch jeden ausgelacht, der ihr unterstellte, mehr als nur kollegiale Freundlichkeit Charlie gegenüber zu empfinden, so war sie sich dessen jetzt selbst nicht mehr sicher, nicht nach diesem Moment, diesem Lachen...
Charlie japste mittlerweile vor Lachen. In diesem Augenblick kam Don herein, blieb stehen und starrte seinen Bruder fasziniert an. So hatte er ihn schon seit Wochen nicht mehr lachen sehen; das letzte Mal war es über einen mathematischen Witz in einer Fachzeitschrift gewesen, den Charlie dann unter Prusten versucht hatte ihm zu erklären - natürlich ohne jeden Erfolg.
„Was ist denn hier los?!“
„Nichts.“ Lynn schaute ihn ernst an - oder versuchte es zumindest. Und Charlie gluckste immer noch vor sich hin. Inzwischen fragte Don sich ernstlich, ob sein Bruder irgendwas im Frühstück gehabt hatte, aber, okay, ihm sollte es recht sein. „Also“, sagte er, „ich wollt’ mich eigentlich nur mal wieder erkundigen, wie weit ihr seid – wie immer.“ „Najaaa..“, meinte Lynn gedehnt, „irgendwie sind wir..hmm...“ „..noch nicht dazu gekommen, anzufangen?“, ergänzte der Agent mit einem verhaltenen Grinsen.
„So ungefähr..sorry..“ Von einem Moment auf den anderen sahen die beiden ehrlich zerknirscht aus. Nun war es Don, der fast losgelacht hätte. „Dann guck’ ich nachher einfach noch mal vorbei..aber, vergesst nicht, wir haben nicht ewig Zeit!“ Er war selber erstaunt, wie gelassen er das sah. Eigentlich nicht seine Art. Anscheinend waren sie heute alle ein bisschen neben der Spur...Im Hinausgehen hörte er noch, wie Lynn meinte, das letzte Mal habe sie so gelacht, als sie diesen einen Witz im ‘Fachjournal’ gelesen habe, ob Charlie den wohl kenne...
Er schüttelte den Kopf. Es gab schon verrückte Leute... Und jeder, dem Don ihn den nächsten fünf Minuten über den Weg lief, fragte sich, was Agent Eppes während eines solch ernsten Falles wohl so ein amüsiertes Grinsen auf’s Gesicht zaubern konnte...

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Im Büro hatten sich die beiden Mathe-Fanatiker inzwischen beruhigt. Nur ab und an entschlüpfte Lynn noch ein leises Kichern. Leider, leider verging ihr auch das nach einigen Minuten, den sie konnte sich immer noch nicht wirklich konzentrieren, mittlerweile hatte sie bohrende Kopfschmerzen. Doch Charlie schien um so besser voranzukommen, denn nach einigen Minuten legte er seinen Stift zur Seite und schob ihr den Zettel zu: „Primzahlen. Schlicht und einfach Primzahlen.“ Sie überflog das Papier. Der Entführer war ähnlich wie bei seiner ersten Verschlüsselung vorgegangen. Erneut hatte das Alphabet eine Rolle gespielt, „..diesmal allerdings rückwärts“, erläuterte Charlie, als er in Don’s Büro an der weißen Tafel stand. Terry musterte das Geschriebene. „Und was bedeutet das darunter? 5+3?“
„Der Täter hat einfach beliebige Primzahlen zusammengerechnet, die zusammen die Zahl eines Buchstaben in dem rückwärts gezählten Alphabets ergeben und..“ „Moment“, meinte da David, „und wie hast du das jetzt herausbekommen?“ „Kopfrechnen, wieso?“ Die Miene des Agents sprach Bände, doch Charlie war schon wieder mit Eifer bei seiner Erklärung. „Natürlich musste ich auch ein bisschen rumprobieren, das kriegt man ja nicht auf Anhieb raus. Aber es gab ohnehin nur eine Möglichkeit, die Sinn gemacht hat. Nur, die macht mir jetzt auch Gedanken..“ Er schwieg. Don sah ihn ungeduldig an. „Ja, was denn?“
Charlie klappte - nicht ohne eine gewisse Dramatik - die Tafel weiter auf. Dort stand in großen Buchstaben ‘San Jose’.
„San Jose?“, echote Terry. „aber, du meinst doch nicht, dass...“ Sie warf Don einen Blick zu. Charlie nickte. „Eben das hat mir ja auch Sorgen gemacht. Warum sollte er uns seinen Aufenthaltsort verraten? Und, warum sollte er es uns vor allem so leicht machen?“ Er warf einen Blick in die Runde.
Nachdenkliche Gesichter sahen ihn an.
„Nun..“, sagte Don langsam, „im Moment ist dies die einzige Spur, die wir haben. Und wir können mittlerweile wohl davon ausgehen, dass wir es mit einem Psychopathen zu tun haben, nach dem, wie er mit Alison verfahren ist. Und Psychopathen..“ „..wollen in erster Linie Aufmerksamkeit“, ergänzte Lynn. Don nickte. „Eben.“
In dem Moment kam ein weiterer Mitarbeiter des FBI hereingestürmt. „Der Entführer hat sich wieder gemeldet! Er setzt ein Zeitlimit - in drei Tagen will er eine Übergabe, um 15 Uhr. Allerdings hat er sich nicht dazu geäußert, ob Ashley ebenfalls ‘übergeben’ wird.“
David klatschte in die Hände. „Dann los, Leute - auf nach San Diego.“

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San Diego, die für sein ozeanographisches Institut bekannte Hafenstadt im Osten von Kalifornien, war etwa 500 km von Los Angeles entfernt. Als sie ankamen, war es bereits späte Nacht geworden. Das gesamte Team - FBI-Agenten, Verstärkung vom LAPD, und natürlich auch Lynn & Charlie - checkten in das ‘Paradise Flower’ ein, ein Hotel im Kern der Stadt.
Als erstes versammelte Don alle in einem der unteren Konferenzräume und hielt eine kurze Ansprache. „Guten Abend, ich bin Special Agent Eppes und leite die Ermittlungen. Mithilfe eines Mathematikers, meinem Bruder Charlie, konnten wir herausfinden, dass der Gesuchte mit hoher Wahrscheinlichkeit hier lebt. Heute Abend werden wir nicht mehr viel erreichen können.“ Er blickte in die aufmerksamen Gesichter. Die meisten kauten auf einem Sandwich oder einem Apfel herum - Abendessen war selbst in diesem Hotel nicht mehr zu bekommen. „In jedem Fall können wir hier mehr herausfinden als in L.A. . Wir können in der Gegend nach Sammlern von Steinen oder historischen Vereinen suchen, ebenso nach jemandem, der sich auf Auktionen zu diesen Themen besonders hervorgehoben hat. Wie gesagt, heute können wir fatalerweise nichts mehr tun, die meisten von ihnen sind wahrscheinlich todmüde. Aber, morgen fängt der Tag früh an, denken sie dran. Gute Nacht.“
Nach und nach leerte sich der Raum, zuletzt waren nur noch Don und Terry übrig. Don seufzte und rieb sich das Gesicht. „Ich hab’ das Gefühl, uns rennt die Zeit davon. In drei Tagen, das scheint genug zu sein, aber - ach, ich weiß nicht...“ Terry sah ihn an. „Wir werden es schaffen, Don.“, sagte sie. „Ganz bestimmt.“ Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du solltest schlafen gehen, wirklich.“ Don nickte zerstreut. „Ja, du hast recht. Das sollte ich. Gute Nacht, Terry.“
„Gute Nacht, Don.“

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Der nächste Tag fing, wie Don prophezeit hatte, für sie alle früh an. Um halb sieben gab es ein kurzes Frühstück, während Don die Aufgaben genauer verteilte, dann gingen sie an die Arbeit. Lynn und Charlie zogen sich in einen anderen Sitzungsraum zurück und begannen, die letzten beiden Zahlen durchzuarbeiten. Es verging Stunde um Stunde, die Tisch waren von Zetteln bedeckt, allesamt mit Zahlen, Gleichungen und Buchstaben vollgeschrieben - und dann durchgestrichen. Schließlich war es Nachmittag geworden, von den anderen hatten sie nur gehört, dass es auch für sie schwieriger wurde als erwartet.
„Uuhm..sehr...künstlerisch“, Lynn hatte einen Blick auf die Fotos geworfen. Tatsächlich hatte der Täter diesmal einen makaberen künstlerischen Sinn bewiesen. Es handelte sich um das Stück aus der Bauchdecke - und die Zahlen waren kreisrund um den Bauchnabel angeordnet. Charlie legte einen Stapel Papiere auf die Bilder. „Besser, man schaut sich das nicht die ganze Zeit an, das lenkt einen nur ab.“ Er sah sie genauer an. „He, geht’s dir gut? Du bist kreidebleich im Gesicht. Ist dir etwa schlecht?“ ‘Süß’, dachte sie, ‘ersieht tatsächlich richtig besorgt aus.’ Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, mir ist nicht schlecht. Es ist nur..ich hab' seit gestern rasende Kopfschmerzen. Aspirin hilft da leider auch nicht, wahrscheinlich ist es eh nur die ganze Hektik, wird schon vorbeigehen. Komm, lass uns weitermachen.“ „Nein, kommt nicht in Frage.“ Charlie sah entschlossen aus. „Von Terry weiß ich, dass du wieder kaum geschlafen hast, und jetzt hast auch noch Kopfschmerzen, da wirst du jetzt nicht arbeiten. Du gehst jetzt und..und entspannst dich irgendwie. Ich will dich mindestens eine Stunde nicht mehr hier sehen.“ Sanft, aber bestimmt schob er sie hinaus. „Mach, was du willst, aber untersteh’ dich, nachzudenken, okay?“ Dann schloß er die Tür und setzte sich selbst wieder an die Arbeit. Puh.

Wo war hier das Muster? Sie waren schon soviel durchgegangen, von der einfachen bis zur höheren Mathematik, mithilfe des Alphabets, Blindenschrift, Morsezeichen...aber nichts. Alle möglichen Codes, Tricks und Entschlüsselungsmuster, nichts hatte gepasst. Er raufte sich die Haare. Und sein Bruder kam auch nicht weiter. Charlie hatte sich sagen lassen, dass sie weitaus mehr Verdächtige gefunden hatten als gedacht und ihnen das unnötig Zeit raubte. Alle waren heilfroh über die Unterstützung des LAPD, aber es hätten noch mehr sein können. ‘So viele Verdächtige an einem Punkt, das ist statistisch unmöglich’, überlegte er, ‘als ob es gar keine Streuung gäbe..’ Aber er hatte schon oft gemerkt, dass das Leben nicht immer den Gesetzen der Mathematik folgte..armer Don..
In diesem Moment klopfte es und eben dieser kam herein. Und sein großer Bruder sah absolut genervt aus.