Kapitel 3

In diesem Moment schwang die Tür auf und eine hübsche junge Frau schob sich rückwärts in den Raum, auf dem Arm ein fast leere Palette mit zwei ‘Starbucks’-Bechern. Zusätzlich hatte sie sich noch eine großen Stapel Unterlagen unter den linken Arm geklemmt. Charlie kam dunkel der Gedanke, dass ihm das, was jetzt nahte, nicht gefallen würde.
In dem Moment drehte sich die Frau um, stieß einen erschrockenen Laut aus - und ließ die Papiere fallen. Für einem Moment war sie von einem weißen Wirbel umgeben, dann lag das ganze Chaos auf dem Boden. Es herrschte eine belastende Stille. „Oh“, machte Amita, stellte den Rest ihrer Sachen auf den Schreibtisch, und begann, die verstreuten Blätter einzusammeln. „Unten hatte man mir gesagt, du wärst allei.. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass du heute deine neue Assistentin bekommst“, ihre Miene strafte ihre Worte Lügen, „..tut mir leid, dass ich hier einfach so reingeplatzt bin.“ Endlich blickte sie hoch; mühsam lächelnd, als Lynn sie ansah. „Ich bin eine Studentin von Charlie, und ich habe bis jetzt..“ Sie stockte, doch Lynns Gesicht hellte sich auf. „Ach, sie müssen Amita sein, nicht wahr?“ Sie hockte sich nun ebnfallshin und half, die Papiere zu sortieren. „Ich bin Lynn. Sie müssen.. du musst wissen, Terry hat mir viel von dir erzählt..“
‘Ach, hat sie das’, dachte Charlie und fuhr sich nervös durch die dunklen Locken. „Weißt du, Amita, ich wollte..“ Er brach ab und Amita winkte im Aufstehen ab. „Schon gut Charlie, ich hätte ja auch noch mal nachfragen können.“ Sie warf einen Blick auf den Schreibtisch. „Und das da..ich lass es einfach hier..Ich hoffe, sie mögen Cappuccino“, sagte sie an Lynn gerichtet, raffte ihre Papiere zusammen und stolperte hinaus, ohne den jungen Eppes noch einmal anzuschauen.
„Amita...“ Wieder brach Charlie ab. Was wollte er denn eigentlich sagen? Irgendwie fühlte Charlie sich mit der ganzen Situation überfordert. Zahlen, Formeln, Gleichungen, ja, das war seine Welt. Zahlen waren einfach da, logisch und berechenbar. Zahlen hatten keine Gefühle, und das machte sie für ihn, der sich so oft völlig mit seinen eigenen Gefühlen angefüllt vorkam, zu der idealen Gesellschaft. Eigentlich schon traurig. Plötzlich fasste er den Entschluss, es beim nächsten Mal anders zu machen. Er würde nicht wieder vor Gefühlen davonlaufen, das hatte er zu oft getan. Und zu viele Menschen damit verletzt...
„Charlie?“
Das war Lynn. Sie nickte zur Tür, und er sah Don dort stehen.
„Gibt’s was Neues?“
„Nein“, Don schüttelte den Kopf, „ich wollte eigentlich sehen, was sich hier inzwischen getan hat..“
„Ach ja!“ Lynn sprang auf. „Wir sind mit der zweiten Nachricht fertig. Es hat ewig lange gedauert, weil wir nicht an so eine einfache Lösung gedacht haben..es ist nur ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren von Formeln...binomische Formeln, Pythagoras, alles Zeug, was man eigentlich in der Mittelstufe lernt..“ Sie ein wenig zerknirscht aus. „Allerdings bringt uns die zweite Nachricht noch weniger als die erste. ‘Sucht mich doch.’ Mehr nicht.“

Don hatte jetzt keine Lust, sich erklären zu lassen, wie die beiden aus fünf Zahlen einen Satz mit drei Wörtern gemacht hatten, deswegen fragte er erst gar nicht. Dann sah er auf die Uhr. „Wir sollten langsam alle nach Hause gehen. Vielleicht findet ihr ja morgen was.“ Er wandte sich zum Gehen, als Charlie ihn noch einmal ansprach.
„Don, wonach sollen wir eigentlich suchen?“
„Ich weiß es nicht, Charlie - ich weiß es nicht.“

: ~ :

Die LED-Anzeige in Don’s Wagen leuchtete 03:14 Uhr, als der Agent wieder Gas gab. Eben hatten sie Lynn vor ihrem Hotel abgesetzt und machten sich nun auf eigenen Heimweg. Don warf seinem Bruder einen Blick zu. Charlie schien nachzudenken, oder es zumindest zu versuchen, denn er sah aus, als ob ihm jeden Moment die Augen zufallen würden.
Schließlich hielten sie vor ihrem Elternhaus. Leise betraten sie das Haus. „Willst du noch kurz was essen?“, fragte Don, bereits auf dem Weg in die Küche. Charlie nickte und setzte sich, unterdrückt gähnend, aufs Sofa. Der Ältere betrat indes die Küche, schob zwei kleine Schnell-Pizzen in die Mikrowelle und nahm zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Er wusste zwar, dass sein Bruder das Zeug nicht mochte, doch das hinderte Don nicht daran, es ihm immer wieder schmackhaft machen zu wollen. Er nahm die zwei Teller (das Bier würde noch kurz warten müssen - er hatte schließlich nur zwei Hände), wandte sich in Richtung Esszimmer - und blieb lächelnd stehen. Sein Bruder war auf dem Sofa eingeschlafen, ausgestreckt auf dem Bauch liegend und die arme um ein Kissen geschlungen. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, stellte Don das Essen auf den Tisch, nahm eine Decke von dem Lieblingssessel seines Vaters und deckte Charlie zu. Dieser murmelte etwas im Schlaf, dass - falls er sich das nicht einbildete - irgendwie wie „Primzahl“ klang..Dann blieb Don unschlüssig stehen, sich mal in die eine, dann in die andere Richtung drehend. Wie friedlich sein kleiner Bruder aussehen konnte...Schließlich beugte er sich vor und strich ihm sanft über die dunkelbraunen Locken. Das hatte er nicht mehr getan, seit Charlie ein ganzes Stück jünger gewesen war..nun, wäre sein Bruder wach gewesen, hätte er das auch nicht getan, das wäre doch albern gewesen.. Immer noch lächelnd wandte Don sich nun endgültig um und ging. Er wollte auch schlafen.