Kapitel 2

Nach etwa 3½ Stunden traten Lynn und Charlie wieder an Dons Schreibtisch . Erstaunt blickte dieser auf. „Ihr seid schon fertig?“
„Mit einer Botschaft, ja.“, entgegnete sein Bruder, und Lynn legte ihm zwei Blätter vor.
Sie hatten mit der ersten Zahlenkombination angefangen. Das Bein, wie sich Don angewidert erinnerte. 31 1172 2276 158. Vor seinem inneren Auge sah er es, kleine, dafür um so deutlicher in die Haut gebrannte Zahlen. Er schüttelte den Kopf, um das Bild zu verscheuchen.
„Eigentlich war es sogar ziemlich trickreich“, sagte Charlie. „Wir haben es anscheinend mit jemandem zu tun, der sich zumindest ein bisschen mit Mathematik auskennt.“
„Wieso?“
„Nun, unser Täter hat zunächst erst einmal mit Fibonacci-Zahlen gearbeitet“, erklärte Charlie. „Der italienische Mathematiker Leonardo von Pisa - der sich auch Fibonacci nannte - erkannte eine durch eine Formel, genauer gesagt Rekursionsformel, definierte Folge, in der in einer Zahlenreihe das 3. Glied immer die Summe der beiden vorangehenden Zahlen bildet. 0,1,1,2,3,5,8,13.. und so weiter. So, unser Schuldiger hier hat sich anscheinend die ersten 26 Fibonacci-Zahlen herausgeschrieben - 26 Buchstaben hat ja auch das Alphabet. Allerdings war sogar ihm die Menge der Zahlen, die sich allein bei einem Wort bilden kann, zuviel. So hat er erst die Summe der Zahlen für ein Wort errechnet und das Ganze dann durch die Anzahl der Buchstaben geteilt.“ Don wirkte noch immer nicht ganz überzeugt.

Das schien auch Lynn aufzufallen, die plötzlich an eine der Tafeln trat und anfing zu schreiben, nebenher erklärend.
„Hier zum Beispiel, nehmen wir mal das erste Wort, das ist recht einfach - ‘ich’. Wenn man also hier das Alphabet den Fibanocci-Zahlen nach hat..“, sie zog einen Zettel aus ihrer linken Hosentasche, „..dann sind Zahlen für dieses Wort 55, 3 und 34. Zusammengerechnet ergibt das 92, geteilt durch 3 - 3 Buchstaben nämlich, ist 30,6. Aufgerundet 31.“ Sie umkringelte die letzte Zahl, und strich sie dann entsprechend in der Kombination an. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir darauf gekommen sind. Computer sind da natürlich eine große Hilfe..“ Sie lächelte und zuckte mit den Schultern.
„Also, okay, jetzt ist mir das auch klar..“, sagte Don langsam und angelte sich einen der Zettel, die Lynn ihm auf den Tisch gelegt hatte. „Aber was soll das heißen? ‘Ich will sie alle’?“
In diesem Moment stürmte Terry herein und schritt direkt auf die drei zu. „Don, wir haben eben gerade einen Anruf von der Familie Jones bekommen - Ashley, Alisons Zwillingsschwester ist auch entführt worden. Und diesmal gibt es eine Nachricht vom Entführer!“
„Was?!“ Alle drei fuhren hoch. „Wir müssen sofort los“, rief Don im Hinauseilen, „und ihr beide kommt am besten auch mit!“

: ~ :

Mrs. Jones sah so unvorstellbar hoffnungslos und aufgelöst aus, dass Lynn sich fragte, wie die Frau es schaffte, sich überhaupt noch aufrecht zu halten. Als sie am Haus der Familie angekommen waren, war ihnen bereits ein Beamter entgegengekommen, das Schreiben des Entführers in der Hand. Ernst hatten die beiden Agents den Brief gelesen und ihn dann an sie und Charlie weitergereicht. Der Mörder drohte nun damit, auch die zweite Schwester zu verstümmeln - diesmal allerdings bei lebendigem Leibe. Lynn wollte sich nicht ausmalen, dass jemand so etwas tun konnte, auch wenn sie wusste, dass es möglich war. Die einzige Bedingung des Entführers, die dies vielleicht noch abwenden könnte, wäre die Übergabe einer Halskette mit einem ‘Gazellen-Stein’ - worunter sich keiner von ihnen etwas hatte vorstellen können.
Doch es war Abend geworden, jetzt saßen sie alle im Wohnzimmer der Jones’ und starrten auf den in einer Kette eingefassten roten Stein, der vor ihnen auf dem Tisch lag. Mr. Jones hatte ihnen erzählt, dass diese Kette ein uraltes Familienerbstück war; und auch, was es Besonderes damit auf sich hatte. Im Inneren des Steines, der in etwa die Größe eines Teelichts hatte, war, winzig klein, der Embryo einer Gazelle eingeschlossen. Weiterhin erklärte er, dass es noch vier andere Steine gab, die diesem in Art und Weise sehr ähnlich waren: geschliffene Steine mit eingefassten Tierembryonen - und zwar von Tieren, die einem frühen ganz bestimmten indianischen Volk heilig gewesen waren.

„Wissen Sie“, sagte Mr. Jones leise, „ich habe mich ein bisschen darüber informiert, und ich weiß auch, dass diese Steine viel wert sind - allein dieser hier kann in Sammlerkreisen leicht 250.000 Dollar einbringen. Ich hatte nie vor, ihn jemals zu verkaufen, weil diese Kette wirklich schon seit etlichen Generationen in meiner Familie ist und für mich auch den entsprechenden, nicht materiellen, Wert hat. Aber wenn er das Leben meiner..meiner nun einzigen Tochter..“, Mrs. Jones schluchzte gequält auf, „..wenn er ihr Leben retten kann, würde ich ihn sofort hergeben.“
Terry nickte und sprach sanft auf die verzweifelte Mutter ein. Don schloß sein Notizbuch und stand auf. „Wir werden alles tun, damit sie beides behalten können - ihre Tochter und das Erbstück, glauben sie mir. Der Entführer hat ihnen eine Frist gestellt, und bis diese Frist abgelaufen ist, werden wir alles tun, um ihre Tochter zu finden.“ Er hätte gerne gesagt, dass sie sie bis dahin bestimmt gefunden hätten - doch sein Beruf hatte ihn gelehrt, besser keine Versprechen zu geben, die er nicht halten konnte, keine Hoffnungen zu wecken, die er am Ende enttäuschen müsste.
Als sie alle wieder im Auto saßen, war es für eine ganze Weile sehr still. Lynn beobachtete Charlie, der mit ihr auf der Rückbank saß und aus dem Fenster starrte. Woran dachte er? Wusch-wusch-wusch zogen die Laternen vorbei, jedes Mal einen Streifen Licht in das Fahrzeug und auf Charlies Augen werfend.
Diese Augen...Lynn war von Anfang an wie gefangen von diesem Blick gewesen, den sie einfach nicht einordnen konnte. Es lag etwas Melancholisches in diesen dunkelbraunen Augen, die nichts verstecken konnten. Wie hieß es doch? Die Augen als Spiegel der Seele... Stimmte das? Und wenn ja, warum war dieser junge Mann dann so traurig, so schrecklich traurig? Lynn wusste es nicht.
Unvermittelt sah Charlie sie an. Erschrocken bemerkte sie, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte und wurde rot. Zum Glück konnte er in der Dunkelheit ihr Gesicht nicht erkennen. Hastig durchbrach sie das Schweigen. „Don, was wissen wir jetzt eigentlich genau?“
„Nun“, Don straffte unmerklich die Schultern, „wir wissen, dass wir nach jemandem suchen, der weiß, dass man mit diesen Steinen viel Geld machen kann und ein bisschen Zahlenkenntnis hat. Oder, natürlich jemand, der sich selber für Indianer oder diese Steine interessiert.“
„Na, dann wissen wir ja schon, wo wir suchen können.“ Das war Terry. „Es gibt doch Vereine, meistens historische, die sich auch mit Indianern beschäftigen. Vielleicht hat sich da jemand erkundigt..und wir sollten uns schauen, was mit den anderen Steinen ist, wer die hat und woher.“
„Gut, Terry“, sagte Don und bog auf den Parkplatz ein. „Dann wissen, wir ja schon, was wir beide machen.“ Er warf einen Blick in den Rückspiegel. “Und ihr beide versucht am besten, die zweite Botschaft zu entziffern.“

: ~ :

Charlie starrte auf das Blatt vor ihm. Darauf standen fünf Ziffern. 36942.

Schon seit Stunden saßen er und Lynn jetzt vor diesen Zahlen und sie waren noch kein Stück weiter. Sie hatten alle möglichen Codes ausprobiert, überlegt, Zahlen geteilt und multipliziert, Formeln aufgestellt - ohne Erfolg. Entmutigt ließ er den Kopf sinken...es war spät..er war so müde...
Plötzlich sprang Lynn neben ihm auf. „Charlie! Charlie, ich glaub’, ich hab’s!“
Er schrak hoch. Was war los? War er eingenickt? Dann dämmerte ihm, was seine neue Assistentin da gerade gesagt hatte.
„Wie bitte?“
„Ich hab’s! Ich weiß, was er uns sagen will!“
Schnell erläuterte Lynn ihm, was sie meinte, deutete auf Zahlen und erklärte. Danach starrten sie sich fassungslos an.
Konnte es so einfach sein?