Kapitel 1

Don schloß die Haustür hinter sich und atmete tief durch.
Endlich.
Nach einem furchtbaren Arbeitstag und einer stressigen Heimfahrt (die seine ständig kreisenden Gedanken nicht gerade leichter gemacht hatten) war endlich Ruhe. Er drehte sich um und durchschritt den Flur zum Esszimmer. Zwar mochte er seine Wohnung, aber dort würde er jetzt ohnehin nur unruhig umherlaufen - und hier, in seinem Elternhaus, würde er abgelenkt werden; zumindest solange, bis er das Thema sowieso zur Sprache bringen musste.

Und die Ablenkung ließ auch nicht lange auf sich warten, denn kaum war er mit einem allgemeinen „Hallo!“ in den Raum getreten, als ihm schon Charlies nachdenkliche Miene auffiel. Nicht, dass es viele Momente gab, in denen sein kleiner Bruder mal nicht nachdenklich aussah, aber heute war es irgendwie anders als sonst. Dies war nicht sein „Zahlen-Probleme“-Gesicht, sondern eher sein „Ich verstehe die Welt nicht mehr“-Gesicht.
„He, bedrückt dich irgendwas?“
„Ja, Charlie, was ist los?“, rief da auch sein Vater aus der Küche. „du bist schon den ganzen Abend so merkwürdig.“
Charlie zögerte, seufzte dann und fuhr sich durch die Haare. „Wisst ihr, man hat mir heute gesagt, dass ich...naja, dass ich eine Assistentin bekomme. Für meine Arbeit...bei euch .“
Wäre Don nicht so überrascht gewesen, er hätte laut aufgelacht, sah sein Bruder doch nun völlig verwirrt aus.
„Eine Assistentin?“, fragte Alan, kam aus der Küche und reichte Don ein Bier. „Naja, solange sie keine langweilige alte Schachtel ist...bisschen Vergnügen muss ja auch sein, selbst beim FBI...“
Don verkniff sich ein Schmunzeln. ‘Typisch Dad!’, dachte er, als er fragte: „Und was ist mit Amita?“ Alan nickte. „Bis jetzt hat sie dir doch immer geholfen, oder? Und das ganz gut, soweit ich weiß. Außerdem ist sie ein sehr nettes Mädchen.“
Charlie seufzte noch einmal. „Schon, Dad, aber sie war ja keine mir offiziell zugeteilte Assistentin, keiner außer euch wusste überhaupt, dass sie mir hilft - schließlich durfte ich ihr ja eigentlich noch nicht mal von diesen Fällen erzählen. Und deshalb bekomme ich jetzt wohl sowas wie eine geprüfte Assistentin.“
„Nun“, meinte Don, „wir werden sie bestimmt brauchen können. Wir haben einen neuen Fall, und ich glaube, wir brauchen deine Hilfe.“ Sein Bruder blickte auf, und nun war es an Don zu seufzen. Jetzt musste er darüber sprechen.
„Also, pass auf“, begann er. „Vor ungefähr einem Monat wurde Alyson Jones entführt, die 17jährige Tochter einer recht gut gestellten Familie hier aus der Gegend. Wir wissen inzwischen schon, dass sie tot ist - der Täter hat nämlich...“, Don schluckte, „...er hat Teile ihres Körpers an ihre Familie zurückgeschickt.“ Er sah, wie sich die Augen seines Vaters und seines Bruders vor Entsetzen weiteten, doch er war leider noch nicht fertig. „Es sind fünf Teile, einzeln, im Abstand von zwei Tagen verschickt; natürlich sind nirgends Fingerabdrücke drauf. Das Abartige ist, dass jedem dieser Körperteile etwas eingebrannt wurde, immer Zahlenkombinationen, und nie die gleichen. Und hier kommst du ins Spiel. Egal, was für ein Code das ist, du bist in jedem Fall schneller als unsere Leute. Und wer weiß schon, wie wichtig Schnelligkeit hier noch sein wird.“ Er sah Charlie an. „Hilfst du uns?“
Sein kleiner Bruder tippte sich mit dem Daumennagel ans Kinn - eine Geste, die Don schon oft an ihm beobachtet hatte, und zeigte, dass er überlegte. „Ja“, sagte er, „ich werde euch helfen. Ich kann nichts versprechen, Don, das weißt du, aber ich werde versuchen euch zu helfen.
Don nickte. „Danke, Charlie.“ Dann ließ er sich auf das Sofa fallen und nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier. Zwar war noch nichts geschafft, dennoch fühlte er sich jetzt ein ganzes Stück besser.

: ~ :

Am nächsten Morgen nahm Don - welcher über Nacht bei seiner Familie geblieben war - Charlie gleich mit, damit er so früh wie möglich mit seiner Arbeit anfangen konnte. Doch kaum waren sie im Büro und hatten damit begonnen, das Material zu sichten, als es klopfte. Schnell schaltete Don den Projektor aus; diese Fotos waren wirklich nichts, was man jedem zutrauen wollte und konnte.
Herein kam Terry, gefolgt von einem weiteren Beamten des FBI und einer jungen Frau mit langen dunklen Haaren. ‘Hübsch’, dachte Don, ‘auf eine interessante Art hübsch.’ Das traf es wohl auch ganz gut, denn mit ihrer blassen Haut und den großen blaugrünen Augen war sie wirklich nicht der Typ Frau, der einem hier oft begegnete. Der Beamte, der sich als Jeremy Thompson vorstellte, wandte sich nun an Charlie.
„Professor Eppes, darf ich ihnen ihre neue Assistentin vorstellen? Das ist..hrm....das ist..Linnéa Creeley..?“ Er hatte sichtbar Mühe, den Namen auszusprechen und sah die junge Frau fragend an. Sie schien ein Grinsen zu unterdrücken. „Eigentlich habe ich meinen Namen schon vor Jahren in Lynn ändern lassen, es gab einfach zu viele Probleme. Aber beim FBI nimmt man’s natürlich genau. Allerdings, ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht, ob ich überhaupt noch auf Linnéa höre.“
„Gut, dann bleiben wir auch bei Lynn - wenn wir dürfen“, sagte Don und lächelte, als sie nickte. „Ich bin Don Eppes, die ist meine Kollegin Terry Lake...“, die beiden Frauen reichten sich freundlich die Hand, „..und das hier ist mein Bruder Charlie, besagter Professor Eppes.“ Don nickte in Richtung der Tür, durch die Jeremy Thompson eben entschwunden war.
Lynn sah Charlie an. „Ich habe schon viel von ihnen gehört, Professor“, sagte sie und es klang beinahe so etwas wie Ehrfurcht aus ihren Worten heraus. „Ich war bei einem ihrer Vorträge über die neuesten Erkenntnisse zu holomorphen Funktionen - es war absolut faszinierend..“
„Ich, ähm, ja..danke, aber..“
Don sah seinen sichtlich verlegenen Bruder an. Na, da hatten sich anscheinend zwei Zahlenfanatiker gesucht und gefunden. Holomorphe Funktionen - wenn er das schon hörte, packte ihn das Grauen..
„Weißt du, Lynn, ich glaube, was mein Bruder dir gerade sagen will, ist das du ihn ruhig duzen kannst, weil er das nämlich auch tun wird. Nicht wahr?“ Charlie warf ihm einen halbherzig bösen Blick zu, den Don geflissentlich ignorierte. „Gut, dann mal zu deinem, vielmehr jetzt eurem Fall.“ Er schlug die Hände zusammen. „Ich nehme an, man hat dich mit der Grundlage vertraut gemacht. Und das hier ist also eure Aufgabe..“ Er schaltete den Projektor wieder an und Lynn zog hörbar die Luft ein. Es war wirklich ein schrecklicher Anblick: fünf Köperteile, mit ausgefransten Hauträndern, an denen noch das Blut klebte, fast als hätte man sie einfach herausgerissen. Arme, ein Bein, selbst vor einer Brust und einem Stück der Bauchdecke hatte der skrupellose Mörder nicht halt gemacht.
„Ja, ich weiß“, sagte Don, „aber wir wollten es euch so zeigen, falls es außer den Zahlen selbst noch etwas gibt, was euch auffällt.“ Es gab ein kurzes Schweigen, dann sagte Charlie: „Das glaube ich nicht, Don. Soweit ich das sehe, sind wirklich nur die Zahlen entscheidend; keine davon wird irgendwie besonders betont oder markiert. Warte, ich schreib’ sie mir nur mal kurz auf, dann kann ich..können wir uns gleich an die Arbeit machen.“