Kapitel 5

 

Derweil befand sich Charlie auf dem Weg von der letzten Vorlesung in sein Büro. Die Tür stand offen und er lugte hinein. Agent Simmons hatte sich bereits eingefunden. Das spießige Kostüm vom Vortag hatte sie gegen eine braune Baumwollhose und ein türkises Oberteil eingetauscht. Ihr schulterlanges dunkles Haar trug sie heute offen und es unterstrich ihren porzelanfarbenen Teint. Sie stand mit geschlossenen Augen am Fenster und hatte das Gesicht der Sonne zugewandt, die den Raum durchflutete. Ihre Gesichtszüge wirkten völlig entspannt. Charlie beobachtete sie eine Weile, bis ihm unangenehm bewusst wurde, dass er sie förmlich anstarrte. Er räusperte sich. Allegra setzte ihre Brille auf, die sie in der Hand gehalten hatte und schaute in Charlies Richtung. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und ließ ihr ganzes Gesicht erstrahlen.

 

„Professor Eppes. Ich hoffe, es stört sie nicht, dass ich einfach in Ihr Büro rein gegangen bin. Ich war schon etwas früher hier.“

„Nein, kein Problem.“ Charlie trat ein und legte die Unterlagen, die er unter seinem Arm trug auf seinem Schreibtisch ab. Er wusste nicht genau, wie er sich verhalten sollte. Irgendwie schaffte es diese Frau ihn völlig durcheinander zu bringen.

 

„Ist die Entschlüsselung schon abgeschlossen?“ wollte sie wissen.

„Noch nicht. Es ist etwas komplexer als man annimmt. Ich muss den Algorithmus vielleicht nochmal anpassen. Aber ich denke, heute Abend wissen wir mehr.“

 

Sie nickte geistesabwesend und fuhr mit den Fingern über einen Bücherstapel.

„Haben Sie schon etwas zu Mittag gegessen?“ fragte sie plötzlich.

„Wie bitte?“

„Ob Sie schon zu Mittag gegessen haben? Also ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann mit leerem Magen nicht besonders gut denken. Hm,... was halten Sie von der Idee?“ sie lächelte und wieder erstrahlte ihr Gesicht.

 

Charlie konnte sich nicht entscheiden, ob er sich nun in ihrer Gegenwart wohl fühlte, oder nicht. Einerseits sah er in ihr den Agent der seine Arbeit überprüfen sollte, anderseits war da etwas, dass er nicht näher definieren konnte. Das ihn irgendwie irritierte, aber auch seltsamerweise berührte.

 

„Mögen Sie indisches Essen?“ riss sie ihn aus seinen Gedanken. „Charlie...hallo. Ich habe das Gefühl, Sie hören mir nicht zu.“

„Ähm... doch, doch. Ich weiß nicht, ich glaube ich war noch nie indisch essen.“

 

„Das ist sehr schade. Dieses Defizit sollten wir ausmerzen. Ich kenne einen wirklich sehr guten Inder hier ganz in der Nähe.“

„Ich dachte Sie sind nicht von hier?“ Charlie zog seine Stirn kraus.

„Nun,...ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und meine Eltern leben immer noch in L.A. So, komme ich auch immer wieder hierhin zurück. Also, wollen wir?“

Charlie stimmte mit gemischten Gefühlen zu.

 

Nach einer kurzen Autofahrt in südlicher Richtung erreichten sie ein kleines indisches Restaurant, das in einer ruhigen Seitenstrasse lag. Sie fanden auf Anhieb einen Parkplatz vor dem Lokal.

 

„Namaste, Yash-Uncle. Ap kaisse hai?“ grüßte Allegra den Mann, der hinter der Theke stand und in ein großes schwarzes Buch vertieft zu sein schien. Er war ein kleiner, etwas untersetzter Inder, dessen Miene sich allerdings sofort zu einem breiten Grinsen verzog, als er ihre Stimme hörte.

„Ally..., namaste.“ Er trat hinter der Theke hervor und ging mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Mai thik hu. Aur tum?“

Sie umarmten sich herzlich. „Danke, mir geht es auch gut.“erwiderte sie. „Was macht die Familie?“

„Gut, gut. Alle gesund. Das am Wichtigsten.“ antwortete er, wobei man deutlich seinen indischen Akzent ausmachen konnte. Neugierig blickte er auf Charlie, der etwas im Hintergrund geblieben war.

„Oh, wo bleiben meine Manieren. Charles Eppes, ein... Kollege von mir. Und das hier ist Yashvardan Kapoor, ein alter Freund der Familie. Yash-Uncle, wir bräuchten einen ruhigen Platz damit wir noch etwas weiterarbeiten können. Wäre das möglich?“

 

„Kein Problem, kein Problem, Ihr im Garten könnt sitzen. Wetter gut.“ er wedelte mit den Armen und deutete ihnen ihm zu folgen.

Nachdem sie an einem kleinen Tisch der direkt unter einem Baum stand Platz genommen hatten, gab Allegra die Bestellung auf. Charlie hatte es ihr überlassen auch für ihn etwas auszusuchen, da er sowieso nichts über die indische Küche wusste.

 

Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, bis es Allegra war, die das Wort ergriff: “Wir hatten gestern nicht wirklich einen guten Start, nicht wahr? Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht besonders wohl damit gefühlt haben, dass ich Sie bei Ihrer Arbeit beobachtet habe.“

Sie blickte Charlie prüfend an, und als er leicht errötete, wusste sie, dass sie mit Ihrer Vermutung richtig lag.

 

„Das tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht das Gefühl geben, dass ich Ihre Arbeit in Frage stelle oder nicht ernst nehme. Aber ich muss meinen Vorgesetzten schließlich einen objektiven und ausführlichen Bericht abliefern. Und wie ich bereits gestern sagte, bin ich in punkto Mathematik nicht so ein Genie wie Sie. Also habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert. Das lässt mich häufig etwas abweisend wirken. Und als sie mir ihren Arbeitsplatz in der Uni gezeigt haben, war ich schon ziemlich beeindruckt. Und vielleicht auch etwas eingeschüchtert.“

 

„Eingeschüchtert?“ Charlie sah sie fragend an.

Sie legte ihren Kopf in den Nacken und lachte herzlich auf. Fasziniert beobachtete er, wie jegliche Strenge endgültig aus ihrem Gesicht verschwand. Amüsiert steckte sie sich ein störrische Haarsträhne hinter ihr rechtes Ohr.

„Naja, für jemanden, der gerade mal seinen Collegeabschluss hat, ist es schon was Besonderes plötzlich von hochbegabten Menschen umgeben zu sein. Da kommt man sich fast 'dumm' vor.“ Sie zwinkerte ihm zu.

 

Er wollte ihr gerade etwas erwidern als das Essen serviert wurde. Also hielt er inne und begutachtete skeptisch die Schälchen, die aufgetischt wurden.

„Hmmm... duftet herrlich, nicht wahr. Nur Mut, greifen sie zu.“ ermunterte sie ihn, während sie ihren Teller füllte.

 

Nachdem sie zu Ende gegessen hatten, lehnte Charlie sich zurück. Zufrieden strich er sich über seinen Bauch. „Puh, da passt nichts mehr hinein. Das Essen war wirklich sehr gut.“

„Na, dann bin ich ja beruhigt. Sie kommen nicht so oft heraus, oder?“ es war mehr eine Feststellung von ihr als eine Frage.

 

„Ich lebe für meine Arbeit. Sie ist mir sehr wichtig. Da bleibt nicht viel Zeit um sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Aber das macht nichts. Meine Arbeit füllt mich aus.“

„Wirklich? Ich meine, es gibt so viel Anderes, so viel Faszinierendes das man entdecken kann. Ferne Länder, fremde Kulturen. Warum sich selbst nur auf seine einzige Sache beschränken?“

 

Charlie suchte nach einer passenden Antwort, aber es wollte ihm keine einfallen. Ihn hatten nie andere Dinge interessiert außer der Mathematik. Damit kannte er sich aus, damit fühlte er sich wohl. Außenstehende würden nie verstehen, dass das seine Zuflucht war, vor einer Welt, die er oft nicht verstand, die ständig aus den Fugen geriet. Mathematik gab ihm die Stabilität, die er sonst häufig vergebens suchte. Aber wie konnte man so etwas jemand anderem erklären. Also schwieg er.

 

Allegra bemerkte, dass ihm dieses Thema unangenehm war. „Tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe kommen. Kommen wir nochmal auf Ihr Arbeit zurück. Wenn Sie für das FBI arbeiten, wie können Sie mit Sicherheit sagen, das Ihre Ergebnisse richtig sind. Ich meine, man muss unglaublich viele Faktoren berücksichtigen. Und gerade menschliche Interaktionen sind meist alles andere als vorhersehbar.“

 

„Das ist richtig,“ pflichtete er ihr bei, „aber ich liefere meistens auch keine eindeutigen Lösungen. Ich berechne die Wahrscheinlichkeiten.“

„Die Wahrscheinlichkeiten?“ Wie meinen Sie das?“

 

Charlie griff sich eine Serviette und holte aus seiner Jackentasche einen Stift hervor. Er malte einen Kreis und setzte einen Punkt darauf.

„Stellen Sie sich eine Dartscheibe vor. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer als punktförmig angenommenen Dartspitze einen ganz bestimmten Punkt auf dieser Scheibe zu treffen, ist gleich null. Eine sinnvolle mathematische Theorie kann man nur auf der Wahrscheinlichkeit aufbauen, bestimmte Gebiete zu treffen.“

Er malte einen kleineren Kreis um den Punkt. „Und genau das tue ich mit meinen Berechnungen. Ich grenze die bestehenden Möglichkeiten so gut wie möglich ein, um dem FBI die Arbeit zu erleichtern. Und manchmal, so wie bei Chiffrierung an der ich gerade arbeite, gibt es tatsächlich nur eine infrage kommende Lösung.“

 

Allegra nickte zustimmend. „Okay, das kann ich nachvollziehen. Und das..., kann ich auch meinen Vorgesetzten erklären.“

Sie setze ihre Brille ab und strich sich mit der Hand über die geschlossenen Lider. Als sie die Augen wieder aufschlug trafen sich ihre Blicke.

 

Erst jetzt bemerkte Charlie das sie wunderschöne braune Augen hatte, die ihn jetzt geradewegs anblickten. Einen Moment verharrten sie beide so, bis Allegra schließlich verlegen den Blick senkte und ihre Brille wieder aufsetzte. „Wir sollten gehen. Es ist schon spät.“