Kapitel 4

 

Frischer Kaffeeduft stieg Don in die Nase, sobald er am nächsten Morgen die Küche seines Elternhauses betrat.

„Morgen Dad.“ er klopfte seinem Vater, der bereits mit der Zeitung am Esstisch saß, kurz auf die Schulter.

„Donnie,... Du bist heute aber früh dran. Willst Du Kaffee? Ich habe gerade frischen aufgesetzt.“

„Bleib sitzen Dad, ich bedien mich schon.“ erwiederte Don und goß sich einen großen Becher der dampfenden, braunen Flüssigkeit ein.

 

„Ist Charlie schon auf?“

„Ja, ich habe ihn vor einer Weile duschen gehört. Er muß wohl gleich runter kommen. Hoffentlich hat er heute bessere Laune als gestern.“ Alan blickte seinen ältesten Sohn fragend an. „Ist etwas vorgefallen, wovon ich wissen sollte. Charlie war gestern nicht besonders gesprächig.“

 

Don seufzte kurz. „Quantico hat einen Special Agent abgestellt, der Charlies Arbeitsweise näher untersuchen soll. Man spielt mit dem Gedanken, die angewandte Mathematik in mehreren Bereichen einzusetzen. Aber Du kennst ja Charlie,... er hasst es wenn ihm jemand bei der Arbeit über die Schulter schaut.“

„Wem sagst Du das.“ stimmte Alan zu.

 

In diesem Augenblick stürmte Charlie recht geräuschvoll die Treppe herunter und betrat ebenfalls die Küche.

„Hallo.“ sagte er knapp und goß sich auch eine Tasse Kaffee ein.

Don und sein Vater blickten einander an. Anscheinend hatte sich seine Laune nicht gebessert.

„Hey Charlie..., alles klar?“ wollte Don wissen. „Ist wohl nicht so gut gelaufen mit Agent Simmons?“

 

Charlie blickte seinen Bruder vorwurfsvoll an.

 

„Hey Kumpel, so schlimm kann sie doch gar nicht gewesen sein. Ich hatte gestern schließlich auch ein Gespräch mit ihr. Und auf mich machte sie einen recht kompetenten Eindruck. Außerdem fand ich sie ganz sympathisch.“ Don versuchte die Wogen zu glätten.

Charlie schüttelte den Kopf. „Ich kann sie einfach nicht einschätzen. Sie redet kaum mit mir. Stellt höchstens mal eine Frage, wenn sie etwas nicht verstanden hat. Dann macht sich stänig irgendwelche Notizen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie sich etwas zu meiner Arbeit notiert. Sie analysiert mich. Das,...das macht mich ganz wahnsinnig.“ er begann nervös in der Küche auf und ab zu laufen.

 

„Das gehört zu ihrer Arbeit Charlie. Lass Dich davon nicht irritieren. Ich habe Dir gestern schon gesagt, mach einfach alles wie bisher.“

„Du hast leicht reden.“ Charlie setze den Kaffebecher ab, lehnte sich gegen die Spüle und verschränkte die Arme vor der Brust.

 

„Was macht die Entschlüsselung der Chiffrierung?“ wollte Don wissen, um ihn etwas abzulenken.

 

„Läuft ganz gut. Ich konnte den Algorithmus anpassen. Vielleicht kann ich Dir heute schon den Klartext zur Verfügung stellen.“

„Das klingt doch toll. Ruf mich an, sobald Du was hast. Ich muß jetzt los. Megan und ich haben gestern mit der Agenturchefin gesprochen. Sie hat uns den Namen von Mandy Jones Mitbewohnerin gegeben. Wir werden uns mal in ihrem Apartement etwas umsehen und mit ihr und den Nachbarn sprechen. Vielleicht bringt uns das weiter.“

Er nahm seinen letzten Schluck Kaffee. „Trifffst Du Dich heute nochmal mit Agent Simmons?“ wollte er im Hinausgehen noch wissen.

 

„Ja, sie kommt nach meinen Vorlesungen noch in die Uni. Schließlich will sie aus erster Hand meine Ergebnisse begutachten und kritisieren.“ fügtet Charlie sarkastisch hinzu.

Don wollte etwas erwidern, besann sich aber eines Besseren. Es hatte keinen Sinn jetzt mit ihm zu diskutieren. Außerdem wartete Megan wahrscheinlich schon auf ihn.

 

Tatsächlich war Megan bereits da, als Don endlich das Apartement-Haus, im hippen Stadtteil Venice gelegen, erreichte. Der Verkehr um diese Zeit war in Los Angeles die Hölle und so hatte er sich deutlich verspätet.

„Tut mir leid, aber die Strassen waren heute morgen mal wieder der reine Horror.“ entschuldigte er sich bei Ihr.

„Ja, ich hab auch im Stau gestanden. Und dabei bin ich schon fast ausschließlich über Nebenstrasen gefahren.“

„Tolle Wohngegend.“ Don blickte sich beeindruckt um. „Können sich alle Models so was leisten?“

Megan grinste ihn an. „Tja, anscheinend hast Du Dir tatsächlich den falschen Job ausgesucht. Denn die Modelagentur zahlt für das Apartement. Schließlich sollen die aufstrebenden Talente standesgemäß wohnen.“

 

„Nicht schlecht. Wie heißt die Mitbewohnerin von unserem Opfer nochmal?“

Megan blickte ihre Notizen durch.

„Susan Taylor. Sie ist 18. Allerdings haben Mandy und sie auch erst seit zwei Wochen zusammen gewohnt. Beide haben zur gleichen Zeit bei der Gracetown Modelagentur angefangen. Ich schätze, viel werden wir hier auch nicht erfahren.“

"Wir müssen nach jedem Strohhalm greifen, der sich uns bietet. So, hier müsste es sein. Apartement 246.“

 

Don klopfte. Nichts rührte sich im Innern, also versuchte er es nochmal, diesmal etwas energischer. Es verging eine Weile, bis es von Innen leise klickte, das Schloss entriegelt wurde und die Tür sich einen spaltbreit öffnete.

Ein völlig zerzauster Blondschopf wurde sichtbar und ein dünnes Stimmchen fragte: „Wissen sie eigentlich wie spät es ist? Sie können mich doch nicht mitten in der Nacht wecken. Wer sind sie überhaupt?“

 

„FBI, M'am. Special Agent Eppes. Das hier ist Agent Reeves. Wir haben ein paar Fragen an sie.“ stellte Don sie beide vor.

Die Tür ging etwas weiter auf. „Sie kommen wegen Mandy, richtig? Ich habe mich schon gefragt, wann sie hier auftauchen. Kommen Sie rein. Sorry, ist etwas unordentlich hier. Ich hatte gestern ein anstrengendes Shooting bis spät in die Nacht.“ Sie folgten ihr.

 

Tatsächlich sah das Wohnzimer aus, als ob ein Tornado durchgefegt wäre. Überall lagen T-shirt's, Röcke, Bikinis und Schuhe verteilt. Susan raffte ein paar Sachen von der Couch und warf sie achtlos auf den Boden.

„Wenn Sie wollen, können Sie Platz nehmen.“

Sie selbst machte es sich in dem gegenüberliegenden Sessel bequem. Man konnte ihr die Strapazen des letzten Tages ansehen. Ihr Teint war ganz blass, die Augen gerötet. Sie wirkte so jung und zerbrechlich, dass Megan daran zweifelte ob sie wirklich schon 18 war. Aber das stand jetzt nicht zur Debatte.

 

„Mandy Jones war Ihre Mitbewohnerin. Ist es richtig, dass Sie sich erst seit knapp zwei Wochen kannten?“

Sie gähnte. „Tschuldigung. Ja, ähm... die Agentur hat uns beide engagiert und uns dieses Apartement zugeteilt. Ich kann Ihnen nicht viel über Mandy erzählen. Im Moment laufen die Fashion Weeks hier in L.A., da ist echt viel los. Wir haben uns nicht oft gesehen.“

 

„Haben Sie vielleicht bemerkt, dass sie Probleme hatte. Möglicherweise hat sie mal beiläufig etwas erwähnt?“ fragte Megan.

Susan strich sich durchs Haar und schüttelte leicht mit dem Kopf.

„Haben Sie mitbekommen, ob sie Streit mit jemanden hatte?“

 

Die junge Frau hielt in der Bewegung inne und blickte auf, als ob sie etwas sagen wollte, überlegte es sich aber anscheinend anders. „Nicht das ich wüßte.“

Don warf Megan einen vielsagenden Blick zu bevor er das Wort ergriff: „Susan, wenn Sie etwas wissen, dann sollten Sie es uns sagen.“

„Hören Sie, ich will niemanden in die Pfanne hauen. Wahrscheinlich ist es auch nichts von Bedeutung.“ sie stand auf und ging zum Fenster.

 

„Mandy wurde kaltblütig bei einem Foto-Shooting erschossen. Der Täter läuft noch frei herum. Und wir haben allen Grund zu der Annahme, das sie möglicherweise nicht sein einziges Opfer bleibt. Wenn Sie also etwas wissen, dann ist es äußerst wichtig, dass Sie uns alles erzählen.“ Don versuchte an ihre Vernunft zu appelieren.

Susan zögerte einen Augenblick.

„Na schön. Ich weiß, dass Mandy Stress mit einem anderen Model wegen dem besagten Shooting-Termin hatte.“

„Und mit wem hatte sie Stress?“ wollte Megan wissen.

„Shannon Walsh. Sie ist auch bei Gracetown unter Vertrag. Eigentlich war sie für das Foto-Shooting vorgesehen. Aber in letzter Minute hatte man sich für Mandy entschieden. Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Mandy mit dem Fotografen rumgemacht hat, und deshalb bevorzugt wurde. Immerhin war sie ein Frischling in der Branche und es war ein echt toller Job für die Vogue. Aber hey, das haben Sie nicht von mir, okay.“

Don nickte. „Schon klar. Danke für diese Information. Dann soll es das erstmal gewesen sein.“ Megan und er erhoben sich und verließen das Apartement.

 

„Na, dann wollen wir mal dem nächsten 'Supermodel' einen Besuch abstatten. Eigentlich hätte die Agenturchefin doch von diesen Gerüchten auch etwas wissen müssen.“ sagte Don an Megan gewandt.

„Ich denke, ihr waren diese Gerüchte egal. Hauptsache eines ihrer Mädchen hat diesen Job bekommen. Die Vogue ist schließlich schon ne Größe in der Modebranche.“ versucht diese zu erklären.

„Ja, wahrscheinlich hast Du recht. Also, auf zu Gracetown. Und mit diesem Fotografen sollten wir auch mal reden. “