Kapitel 3

 

Pünktlich um 14.00 Uhr betrat Charlie den Konferenzraum des FBI Headquarters. Don war bereits in ein Gespräch mit einer jungen Frau vertieft, die Charlie vorher noch nie hier gesehen hatte. Als er eintrat verstummten die beiden allerdings.

„Hallo, ähm..., ich hoffe, ich bin nicht zu früh dran?“ fragte er unsicher.

„Nein, Du kommst genau richtig.“ Don erhob sich von seinem Platz. „Charlie, darf ich Dir vorstellen, Special Agent Allegra Simmons, von der Information Resources Division. Und das ist mein Bruder, Professor Eppes.“

Charlie ging um den großen Tisch herum und gab ihr die Hand. Sie ergriff diese mit festem Händedruck und sah ihm direkt in die Augen.

„Hallo.“ Das war alles was sie sagte.

 

„Tja, ich muss Euch kurz alleine lassen.“ unterbrach Don die unangenehme Stille, die eingekehrt war, „Ich werde mal sehen, ob die anderen schon eingetroffen sind.“ damit verließ er den Raum. 'Na toll.' dachte Charlie. 'Geh nur, und lass mich allein in der Höhle des Löwen.' Er hing seinen Gedanken nach, als Allegra das Wort ergriff. Sie hatte sich in ihrem Stuhl zurück gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt.

 

„ So, so. Sie sind also Professor Charles Edward Eppes. Die Eppes-Konvergenz, richtig? Brilliant. Das muss ich zugeben.“

„Sie..., sie haben meine Arbeit gelesen?“ Charlie sah sie skeptisch an.

„Tja, was soll ich sagen,... ich weiß gern mit wem ich es zu tun habe. Aber ich will auch ehrlich zu Ihnen sein. Mathematik ist nicht gerade mein Steckenpferd. Zu viele Regeln, zu viele Formeln. Damit kann ich nicht wirklich etwas anfangen. Dennoch finde ich die angewandte Mathematik nicht uninteressant. Ich meine, es ist schon beeindruckend, dass mathematische Formeln zur Klärung eines Verbrechens beitragen können. Deshalb...“ sie überlegte kurz, „ freue ich mich, Sie bei Ihrer Arbeit beobachten zu können. Denn dazu bin ich ja schließlich hier, nicht wahr. Also, lassen Sie uns beginnen.“

Damit waren die Fronten geklärt.

 

„Ja..., ja...“ Nervös strich Charlie sich durchs Haar und wandte sich seinen Unterlagen zu, die er mitgebracht hatte. Er verteilte sie auf dem großen Konferenztisch, bemüht etwas Ordnung hinein zu bringen. Auch Allegra setzte sich und packte ihr Notebook aus.

Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie war ganz klassisch gesehen, keine Schönheit. Das braune Haar war zu einem strengen Knoten zusammengebunden. Eine schwarze Hornbrille saß auf ihrer gerade geschnittenen Nase. Sie machte einen etwas erschöpften Eindruck, was auch die Schatten unter ihren Augen zu bestätigen schienen. Dennoch strahlte sie eine enorme Präsenz aus und Charlie konnte seinen Blick kaum abwenden. Doch schließlich besann er sich eines besseren.

Er räusperte sich: „Ähm, ... also, das ist die Zahlenreihe, die am letzten Tatort gefunden wurde.“ Sie blickte auf, als er den Beamer einschaltete.

 

'53 43 56 60 64 39 60 77 36 59'

 

 

Lautlos begann sie Nummernfolge aufzusagen und schüttelte resignierend den Kopf.

„Haben Sie schon ein Idee, was das für Zahlen sind, oder was sie bedeuten sollen?“

 

„Nun, wir haben es hier mit einer Verschlüsselung zu tun, einer sogenannten Chiffrierung. Ein klar lesbarer Text, oder auch Informationen anderer Art, wie Ton-oder Bildaufzeichnungen, werden mit Hilfe eines Verschlüsselungsverfahrens in eine „unleserliche“, das heißt nicht einfach interpretierbare Zeichenfolge umgewandelt. Es gibt verschiedene bekannte Arten der Verschlüsselung. Den umgekehrten Vorgang, also die Verwandlung des Geheimtextes zurück in den Klartext, nennt man Entschlüsselung. Die Algorithmen zur Verschlüsselung und Entschlüsselung müssen nicht identisch sein. Ebensowenig müssen identische Schlüssel für die Verschlüsselung und die Entschlüsselung zum Einsatz kommen. Bei den symmetrischen, insbesondere bei den klassischen Verschlüsselungsmethoden, werden jedoch stets identische geheime Schlüssel zur Verschlüsselung und Entschlüsselung benutzt.“

 

„Und..., haben wir es hier mit einer symmetrischen Verschlüsselung zu tun?“ wollte Allegra wissen.

„Nun, dass kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen.“ Charlie hielt inne.

In diesem Augenblick betraten Don und die anderen den Raum.

„Hallo Charlie. Alles klar?“ wollte Megan wissen. Sie lachte ihn kurz an und wandte sich an Allegra. „Sie müssen Special Agent Simmons sein. Megan Reeves.“

Sie schüttelten einander die Hand. Und auch Colby und David stellten sich vor.

Nachdem man kurz etwas höflichen Smalltalk betrieben hatte wandte Don sich wieder an Charlie: „Hast Du schon was für uns?“

 

„Nun, ich hatte Agent Simmons schon kurz erklärt, dass wir es hier mit einer Chiffrierung zu tun haben. Allerdings kann ich noch nichts genaueres sagen. Es gibt unterschiedliche Verschlüsselungsmethoden. Man unterscheidet zwei grundlegende Verschlüsselungsoperationen, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können, um Nachrichten zu verschlüsseln. Da haben wir zum einen die Transpostion. Dabei werden die Zeichen untereinander vertauscht. Zum Beispiel wird der Text rückwärts geschrieben, oder man vertauscht jeden 2. mit jedem 5. Buchstaben. Bei der Substitution werden die Zeichen durch andere ersetzt. Zum Beispiel werden alle Buchstaben durch Zahlen ersetzt. Und damit haben wir es hier meiner Meinung nach hier auch zu tun.“

 

„Und, kannst Du es entschlüsseln?“ wollte Colby wissen, der sich durch die technischen Daten mal wieder leicht überfordert fühlte.

„Ich denke schon. Allerdings wird es ne Weile dauern.“ Charlie blätterte kurz in seinen Unterlagen. „ Zum sogenannten „Knacken“ der Verschlüsselung werde ich auf die Brute-Force-Methode zurückgreifen. Es ist eine Lösungsmethode für Probleme aus den Bereichen Informatik und Kryptologie, die auf dem erschöpfenden Ausprobieren aller, oder zumindest vieler, möglicher Fälle besteht. Sie ist recht einfach zu implementieren und ist dazu bestimmt, die korrekte Lösung zu finden. Allerdings steigt der Aufwand an Rechenoperationen proportional zur Anzahl der probierenden möglichen Lösungen, wobei die Anzahl dieser möglichen Lösungen mit steigendem Umfang der Probleme häufig exponentiell ansteigt. Aber ich werde versuchen den Algorithmus zu verfeinern, um die Suche nach der richtigen Lösung etwas zu beschleunigen.“

 

„Gut. Tu das. David, was wissen wir über das Opfer?“ fragte Don.

David ergriff das Wort: „Nun, sie hieß Mandy Jones und war 21 Jahre alt. Sie lebte seit ca. 4 Monaten in Los Angeles. Ursprünglich stammte sie aus Flagstaff, Arizona. Sie zog nach L.A. weil sie sich hier bessere Chancen in der Modebranche versprach. Und tatsächlich hat die Gracetown Modelagentur sie vor zwei Wochen unter Vertrag genommen. Diese Nacht fand ihr erstes Shooting statt.“

„Leider hat ihre aufstrebende Karriere ein jähes Ende gefunden.“ warf Megan ein.

„Ja, leider. Über ihre Hintergründe ist nicht viel bekannt. Hier in L.A. gibt es keine Freundinnen, keinen Freund. Und auch die Agenturchefin kann nicht all zuviel über sie aussagen. Auch sonst ist sie nicht auffällig geworden. Keine Strafanzeigen nicht mal ein unbezahlter Strafzettel wegen Falschparkens. Sie war ein unbeschriebenes Blatt.“

 

„Also liegt das Motiv für die Tat immer noch im Dunkeln.“ fasste Don zusammen. Er wandte sich an Megan. „Kannst Du uns schon ein Profil erstellen?“

Sie blätterte die vor ihr liegende Akte durch und blickte in die Runde.

„Unser Täter ist vermutlich weiß, männlich, zwischen 20 und 40 Jahren alt. Er hat anscheinend eine ziemlich hohe Meinung von sich, ist selbstsicher und lässt das auch nach Außen hin spüren. Er hält sich wohl für unbesiegbar. Das beweist die Tatsache, dass er dem FBI eine verschlüsselte Botschaft zu kommen ließ. Die Art der Botschaft lässt darauf schließen, das er einen hervorragenden Bildungs-Background haben muß. Chiffrierungen dieser Art sind schließlich nicht jedermanns Sache. Auch was die Tat selbst anbelangt, haben wir es wohl mit einem Profi zu tun. Er hat das Opfer aus mehreren 100 Metern Entfernung mit einem einzigen Schuss getötet. Ein militärischer Hintergrund wäre durchaus denkbar. Tja,...“sie überlegte kurz, „das ist alles, was ich im Moment sagen kann.“

 

„Gut. Charlie, Du machst dich an die Arbeit was die Entschlüsselung betrifft. Agent Simmons, Sie können Charlie dabei zu Hand gehen. David, Colby, Ihr setzt Euch mit den Behörden und der Familie des Opfers in Arizona in Verbindung. Möglicherweise findet ihr noch etwas Brauchbares, dass uns weiterhilft. Megan und ich werden die Agenturchefin nochmal aufsuchen und mit Ihr reden und auch die anderen Angestellten unter die Lupe nehmen .“

 

Damit erhoben sich alle. Don warf seinem Bruder noch einen aufmunternden Blick zu, ehe er mit Megan verschwand.

 

„Tja, da wären wir beiden Hübschen nun. Also, wie geht es jetzt weiter?“ Allegra sah Charlie herausfordernd an.

„Nun, bevor ich hier hergekommen bin, habe ich das Suchprogramm mit der Brute-Force-Methode bereits gestartet. Die Lösungssuche ist also bereits in vollem Gange. Um den Algorithmus bearbeiten zu können, muss ich allerdings auf die ersten Auswertungen warten, damit ich weiß, wo ich ansetzen muss. Das kann noch ein paar Stunden dauern. In der Uni wartet aber auch noch andere Arbeit auf mich. Also wollte ich schon mal dorthin zurückkehren.“

 

Allegra nickte.

„Sie können mich natürlich gerne begleiten. Dann kann ich Ihnen zeigen wo und wie ich arbeite“ fügte Charlie langsam hinterher obwohl ihm der Gedanke nicht wirklich gut gefiel. „Ausgezeichnete Idee.“

Beide klappten Ihre Unterlagen zusammen und verließen ebenfalls den Konferenzraum.

 

Der restliche Tag verlief recht ereignislos. Charlie führte Agent Simmons auf dem Campus herum und stellte sie Larry und Amita vor. Larry schien recht angetan von Ihr, besonders als er von Ihrer Vorliebe für das Wandern erfuhr, während Amita sich eher zurückhielt und schließlich unter einem Vorwand absetzte. Sobald Charlie aber erste Ergebnisse für die Entschlüsselung der Chiffrierung vorlagen, vertieften sich beide in die Arbeit.