Kapitel 1

 

Die Kugel traf sie völlig unvorbereitet. Durch die Wucht des Einschlages wurde sie einmal herumgeschleudert, ehe sie wie in Zeitlupe auf die Knie sank und ihre Waffe fallen ließ.

Fassungslos sah sie an sich hinab und starrte auf ihre blutverschmierten Hände, bevor ein dunkler Schleier sich über ihre Gedanken legte und sie das Bewusstsein verlor.

 

„Neiiiiiin...“ gellte ein Schrei durch den Kugelhagel, den sich die Bundesbeamten nun mit dem Schützen lieferten. Ohne darauf zu achten wollte Charlie einfach los rennen, mitten in die Schießerei.

 

„Bist Du verrückt?“

Don Eppes bekam seinen jüngeren Bruder gerade noch zu fassen und hielt ihn davon zurück in das Geschehen hinein zu geraten. Er hätte ohnehin nicht hier sein dürfen.

Doch so leicht ließ Charlie sich nicht aufhalten, nicht diesmal. Das Blut rauschte durch seinen Kopf, sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, aber das Adrenalin ließ ihn seine Angst nicht spüren. Er wehrte sich, er musste zu ihr. Jetzt.

In einem Augenblick der Unachtsamkeit seitens seines Bruders, holte er aus und versetzte Don mit aller Kraft einen Kinnhaken. Dieser taumelte mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen zurück und lockerte seinen Griff. Das reichte, Charlie riss sich los und rannte geduckt über den Parkplatz.

 

„Charlie, um Himmels Willen...“ geistesgegenwärtig griff Don nach der Waffe des Agents, der direkt neben ihm stand und rannte seinem jüngeren Bruder ohne zu zögern hinterher. Nun beidhändig bewaffnet zielte er in die Richtung des Schützen in der Hoffnung Charlie genügend Feuerschutz zu geben.

 

Sobald Charlie sie erreicht hatte, griff er von hinten unter ihre Arme und zerrte sie aus dem Schussfeld, hinter einen Wagen, der ihnen etwas Deckung bot. Don hatte mittlerweile beide Magazine leer geschossen und flüchtete zu ihnen. Er blickte Charlie an. So leichtsinnig hatte er seinen kleinen Bruder noch nie erlebt. Ohne Rücksicht auf Verluste, hatte er sein Leben riskiert, um sie zu retten. Und nun hielt er sie fest in seinen Armen und strich ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.

 

Sie schlug die Augen wieder auf, sah sich irritiert um und starrte ihn fragend an.

Erst als sie ihn erkannte hellte sich ihre Miene etwas auf.

„Charlie...“, ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern, „ich...es...“

Sie keuchte und begann mit schmerzverzerrtem Gesicht zu husten. Ein dünnes, rotes Rinnsal ran seitlich aus ihrem Mundwinkel.

„Sssscht, nicht reden. Der Krankenwagen ist gleich da.“ Charlie presste sie noch enger an sich. Das durfte nicht geschehen, er würde sie nicht gehen lassen.

 

Den ohrenbetäubenden Lärm des Kugelhagels schien sie kaum noch wahr zu nehmen. Sie lächelte, und ihre Augen wirkten so sanft.

„Es..., es tut mir so leid.“ brachte sie hervor und ihre Worte zerrissen schier sein Herz.

„Nein, nein, es wird alles gut, hörst Du? Alles wird gut. Der Krankenwagen ist schon auf dem Weg.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen und er sah verzweifelt auf.

'Wo blieb nur dieser verdammte Krankenwagen?' Sein Blick traf Don, der hilflos, mit geballten Fäusten neben ihnen hockte.

 

Mit letzter Kraft hob sie ihren Arm und berührte mit ihren zitternden Fingern seine Wange. Er ergriff ihre Hand und begann sie mit seinen Lippen zu liebkosen.

Ihre braunen Augen sahen ihn an, doch sie schien weit weg zu sein.

„Ally?“ Sein Herz stockte kurz.

Sie begann zu blinzeln und erleichtert stellte er fest, dass sie ihren Blick wieder auf ihn konzentrierte.

„Professor Eppes...“ sie hielt inne, ein scharfer Schmerz durchzog ihren Körper und ließ sie kurz aufstöhnen.

„Sssscht, nicht reden.“ Charlie schüttelte leicht den Kopf. Die Schüsse hatten aufgehört, von weitem konnte er die Sirenen der Ambulanz hören, die sich stetig näherte.

Hoffnung keimte in ihm auf.

„Professor Eppes..., „ begann sie erneut, „,ich glaube, ..., ich habe mich in Dich... verliebt.“ Sie sah ihm tief in die Augen.

 

„Ja..., ich liebe Dich auch.“

Charlie war von seinen eigenen Worten überrascht. Er, der sich meist über seine Gefühle nicht wirklich im Klaren war. Der sich ständig mit Bindungsängsten herum schlug, der immer die Mathematik als seine größte Geliebte angesehen hatte, hatte ihr gerade tatsächlich seine Liebe gestanden. Und das, obwohl er sie nur knapp drei Tage kannte. Aber es fühlte sich so gut, so richtig an. Das erste mal hatte er keine Zweifel.