Kapitel 11

 

Als Don und Megan Charlies Büro betraten, war er bereits damit beschäftigt einige Gleichungen und eine Tabelle auf die Tafel zu schreiben. Allegra stand am Fenster und beobachtete ihn völlig gedankenversunken mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Don sah sie irritiert an und er bemerkte, dass sie leicht errötete, als sie ihn bemerkte und ihren Blick senkte.

„Hallo Charlie. Agent Simmons.“ Er nickte ihr zu.

 

„Don, perfektes Timing. Ich bin gerade fertig geworden.“ Charlie legte die Kreide zur Seite.

„Dann lass mal hören, Kumpel.“

„Also, ich hatte ja schon erklärt, dass wir es hier mit einer Transpositionchiffre zu tun haben. Ihr erinnert Euch,...dabei werden die Zeichen untereinander vertauscht oder durch andere Zeichen ersetzt. Wie ich es mir schon gedacht habe, wurde beides hier kombiniert.

Eine weitere Möglichkeit der Transpostion besteht aber auch darin die Buchstaben eines Satzes spaltenweise in eine Tabelle zu schreiben und die Tabelle dann zeilenweise zu lesen. Und genau das hat unser Täter hier getan, bevor er zur Substitution übergegangen ist.“

Don wurde ungeduldig. „Charlie, das ist sehr interessant. Aber wie lautet nun die Botschaft?“ Charlie wies auf die Tafel. Er hatte den bereits bekannte Zahlencode darauf notiert, sowie vereinfacht den Lösungsweg aufgezeichnet.

 

53435 66064 39607 73659

 

IODTE =9+15+4+20+5 = 53

NEEAR =14+5+5+1+18 = 43

INLMH =9+14+12+13+8 = 56

HHTOI =8+8+20+15+9 = 60

RESNH =18+5+19+14+8 = 64

EIIIG =5+9+9+9+7 = 39

RTECN =18+20+5+3+14 = 60

SWSAO =19+23+19+1+15 = 77

CAAPO =3+1+1+16+15 = 36

HNNIN =8+14+14+9+14 = 59

 

IN IHRER SCHOENHEIT WANDELT SIE

SANTA MONICA PIER HIGH NOON

 

Megan las die entschlüsselte Botschaft laut vor. „In Ihrer Schönheit wandelt sie...“ wiederholte sie schließlich. „Wo wandeln Models in 'ihrer Schönheit'? Auf dem Catwalk.“

„Ja, ... aber was hat der Santa Monica Pier damit zu tun?“ bemerkte Don.

„Hat Mandys Mitbewohnerin nicht davon gesprochen, dass momentan die Fashionweeks hier in L.A. laufen? Soweit ich weiß werden zu solchen Anlässen Modeschauen und auch Fotoshootings überall in der Stadt organisiert. Und 'High Noon', zwölf Uhr Mittags, vielleicht ist das der Zeitpunkt, zu dem die Show am Santa Monica Pier stattfinden soll. Ich werde die Agenturchefin bitten uns eine Übersicht der geplanten Termine zu faxen. Du hast doch hier ein Fax Charlie, oder?“

„Ja klar. Hier ist die Nummer.“

 

Es klopfte kurz an der Tür und David und Colby traten ein.

„Schon zurück?“ fragte Don überrascht.

„Logan ist abgetaucht. Er war nicht zu Hause und in der Firma hat ihn auch schon länger niemand gesehen. Wir haben die Fahdung nach ihm aufgegeben.“ antwortete David.

„Ja, aber wir haben ein interessantes Gespräch mit einem seiner Kollegen geführt.“ ergänzte Colby. „Demnach hat er es wohl auf ein Model der Gracetown Agentur abgesehen. Aber sie hat ihn übel abblitzen lassen, und vor seinen Kollegen ganz schön lächerlich gemacht. Das hat ihm wohl gar nicht gefallen.“

 

„Und das war Mandy Jones.“ schlussfolgerte Don.

„Nicht ganz. Shannon Walsh.“

„Shannon Walsh? Aber wie passt dann Mandy Jones ins Bild?“

 

Megan dämmerte es plötzlich. „Er hat die Falsche erschossen. Mandys Mitbewohnerin hat doch erzählt, dass eigentlich Shannon für das Fotoshooting vorgesehen war. Aber sie wurde kurzerhand durch Mandy ersetzt. Logan konnte das nicht wissen.“

„Genau.“, setzte David fort, „Der Fototermin fand in der Nacht statt. Aus der Entfernung und mit dem ganzen futuristischen Make-up konnte er nicht erkennen, dass er die Falsche Blondine erschossen hatte.“

„Und als er seinen Fehler bemerkte, fasste er einen Plan um ihn zu korrigieren. Was uns zu unserer Botschaft bringt.“

 

„Aber warum sollte er das FBI über seinen Plan informieren. Das ist doch völlig unlogisch.“ bemerkte Charlie, der bislang aufmerksam zugehört hatte.

„Ja, aber Shannon Walsh hat ihn in seiner Ehre stark verletzt. Logan leidet unter einer akuten Selbstüberschätzung, er hält sich für unbesiegbar. Und dann hat er auch noch die Falsche erschossen. Jetzt muss er sich selbst beweisen, dass er's noch drauf hat. Also hat er die Bedingung verschärft um sich noch einen größeren Kick zu geben.“ klärte Don ihn auf.

 

Das Faxgerät piepte. Megan ging hin und nahm das eingehende Fax unter die Lupe.

Sie schüttelte den Kopf. „Kein Fotoshooting und keine Modeshow in den nächsten Tagen, die um die Mittagszeit stattfinden.“

„Aber was kann die Botschaft denn sonst bedeuten?“

„Vielleicht Nichts. Vielleicht spielt er nur mit uns, und amüsiert sich, das wir einer falschen Fährte nachgehen.“ gab Megan resignierend zu bedenken.

Ratloses Schweigen kehrte ein.

 

„'In ihrer Schönheit wandelt sie'...Ich habe diese Worte schon mal gehört.“ bemerkte Allegra plötzlich. Sie hatte sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten und nichts gesagt. Aber jetzt trat sie vor und stellte sich vor die Tafel.

„Aber wo...“ krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern. Lautlos wiederholte sie den Vers.

Ihr stockte der Atem. „Ein Vers... Poesie...“ Sie wandte sich an Charlie, der sie erwartungsvoll ansah.

„Ja, das,... das ist ein Gedicht von George Gordon Byron. Wie ging es doch gleich?“ Sie überlegte kurz. Und dann begann sie zu rezitieren.

 

„In ihrer Schönheit wandelt sie,

wie wolkenlose Sternennacht.

Vermählt auf ihrem Antlitz sieh',

des Dunklen Reiz, des Lichtes Pracht,

der Dämmerung zarte Harmonie,

die hinstirbt wenn der Tag erwacht.“

 

Verständnislose Blicke trafen sie. Allegra blickte wissend in die Runde.

„In ihrer Schönheit wandelt sie, wie wolkenlose Sternennacht. Das,... ist der komplette Hinweis. Er meinte gar nicht die Mittagszeit, sondern Mitternacht. Megan findet noch mal ein nächtliches Fotoshooting statt an dem Shannon Walsh beteiligt ist?“ fragte sie.

 

Megan überflog nochmal das Fax. „Ja, das Shooting für die Vogue wird wiederholt. Und zwar....“ sie hielt inne und schaute auf, „und zwar heute Nacht.“

Don blickte auf seine Uhr. Mittlerweile war es kurz nach 23 Uhr.

„Wir müssen sofort zum Santa Monica Pier. Vielleicht können wir das Schlimmste noch verhindern.“

„Ich komme mit.“ sagte Allegra.

„Okay. Dann nichts wie los.“

 

Von der plötzlich aufgekommenen Euphorie angesteckt wollte Charlie sich anschließen.

„Du bleibst hier.“ befahl Don und sein Ton ließ keine Widerrede zu. Enttäuscht sah er den anderen hinterher.

Allegra blieb kurz stehen und dreht sich zu Charlie um. Sie wollte ihm noch etwas sagen, wurde aber bereits von Don gemahnt, sich zu beeilen. Also sah sie ihn nur kurz wortlos an, doch ihr Blick sprach Bände. Dann verschwand auch sie durch die Tür und Charlie blieb allein in seinem Büro stehen.

Er überlegte einen Moment und rannte dann kurzerhand auch nach draußen.