Titel: Urlaub mit Hindernissen

Autor: Wuffi

Haupt-Charaktere: Don und das unbekannte ICH *g*

Handlungsplott: Was einem im Urlaub in L.A. passieren kann. Wie eigentlich in jedem Urlaub.

Spoilerstand: Spoiler? Ich denke, keine...

Status: beendet

Rating: G-6

Kommentar: Rechtschreib- und Grammatikfehler bitte ich, mir nachzusehen. *g* Die Idee zu dieser Story ist durch DG's Story "Tage wie dieser..." entstanden. Allerdings muss ich dazu sagen, dass das Ende sehr offen ist. Wen das nicht stört... *kein großer Kommentarschreiber is*

 

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

 

Ich saß mit geschlossenen Augen auf dieser Bank, die im Park von L.A. stand, und lauschte den Klängen meines iPods. Es waren viele solcher Bänke hier und die Stille inmitten dieser Großstadt verwunderte mich jedes Mal. Hier konnte ich in Ruhe meinen iPod aufdrehen. Ohne störende Geräusche von vorbei rauschenden Fahrzeugen. Ohne das laute Jaulen der Sirenen eines Krankenwagens. Ohne das metallische Scheppern von ineinander rasenden Autos. Das war der Alltag auf den Straßen von Los Angeles und ich war froh, dass ich nur zum Urlaub machen hierher gekommen war. Trotz der untergehenden Sonne, waren ihre Strahlen noch schön warm. Es war wieder einmal eine Wohltat hier zu sitzen. Wie die fünf Abende vorher. Ich war zufällig auf den Park gestoßen und bereute es keine Minute, die ich auf jener Bank verbrachte. Ein lautes Piepen des iPods ließ mich meine Augen öffnen und nach dem Drehrad des MP3-Players suchen. Das Geräusch war nervtötend, wenn es einem direkt über die Kopfhörer in die Ohren kreischte. Schnell hatte ich den Alarm ausgeschaltet und konzentrierte mich auf meine Umgebung. Mein iPod schwieg nun und ich konnte die Stimmen der Menschen um mich herum wahrnehmen. Suchend sah ich mich um, ermahnte mich aber sofort, dass es nicht zu auffällig sein durfte. Nach kurzer Zeit hatte ich ihn endlich entdeckt: den jungen Mann, der jeden Abend zur ungefähr gleichen Zeit durch den Park joggte. War er nicht der wirkliche Grund, warum es mich jeden Abend hierher zog? Mit einem leichten Seufzen musste ich mir das eingestehen. Nicht die Ruhe oder die Sonne oder sonst was zog mich in den Park, es war einfach nur er. Verträumt folgten meine Blicke dem Jogger. Er war mittelgroß und hatte dunkle kurze Haare. Mehr hatte ich nie sehen können, weil ich mich einfach nicht traute, einen Platz einzunehmen, der näher an seinem Laufweg lag. Vermutlich würde er mich dann entdecken und wer weiß, wie er dann reagierte? Seufzend startete ich die Wiedergabe des iPods und fragte mich nun dieselben Fragen am fünften Tag hintereinander. Wer war dieser Mann? Was war sein Beruf? War er verheiratet? Warum joggte er tagein, tagaus hierher? Zu viele Fragen, auf die es keine Antwort gab. Ich ließ die letzten Sonnenstrahlen auf mich wirken, bevor ich mich erhob und den Park verließ. Der Weg in mein Hotel war zwar nicht kurz, aber ich wollte lieber zu Fuß gehen. In Gedanken trugen mich meine Beine vorwärts, wie seit fünf Tagen. Immer derselbe Weg. Am Strand entlang. In dieser Beziehung war ich ein hoffnungsloser Fall. Wie immer würde ich mich bis zum Urlaubsende nicht überwinden können, ihn auch nur einmal anzusprechen. Ich gab einer auf dem Bürgersteig liegenden Cola-Dose einen Tritt. Frust, purer Frust. Und so etwas im Urlaub. Als ich mein Hotelzimmer endlich erreicht hatte, warf ich mich genervt auf das Bett. Wie viele Tage hatte ich nun noch? Genug, antwortete mir meine innere Stimme. Ja, so gesehen waren es genug, immerhin war ich erst seit zwölf Tagen hier. Das bedeutete, dass ich noch dreißig Tage zur Verfügung hatte. Dreißig Tage, wo ich den gut aussehenden Jogger beobachten würde, um dann nach Deutschland zurück zu fliegen. Der Gedanke daran ließ den Frust wieder aufschäumen, der in den letzten Minuten etwas abgeflacht war. Aber was sollte ich tun? Ich war nun mal, wie ich war. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

 

Die nächsten vier Tage verliefen nach dem gleichen Muster. Am fünften Abend nahm ich all meinen Mut zusammen und setzte mich auf eine andere Bank. Eine, die näher am Laufweg des Joggers lag. Nein, als mein iPod piepte, wurde mir bewusst, dass es eine Bank war, die direkt an seinem Laufweg lag. Ich schluckte und sah mich Hilfe suchend um. Wie zum Teufel war ich auf diese Bank gekommen? Doch zum Weglaufen war es nun zu spät. Ich sah ihn bereits. Verkrampft versuchte ich, locker zu bleiben. Oh man, wie lustig musste das wohl aussehen? Mir wurde schwindelig, als ich sein Gesicht erkennen konnte. Er hatte tiefbraune Augen und... dann war er vorbei. Ich war überrascht, dass mein Kreislauf nicht einfach so versagt hatte und grinste leicht, als ich ihm nachsah. Diese Augen. Aber er musste mich doch gesehen haben? Der Weg zum Hotel fiel mir dieses Mal noch schwerer. War es eine gute Idee gewesen, sich so dicht heran zu pirschen? Ich zweifelte daran, denn die Fragen in meinem Kopf wurden nicht weniger. Im Gegenteil, es wurden mehr. Und was würde ich morgen tun? Wieder dieselbe Bank als Aussichtsplatz nehmen? Geschafft ließ ich mich im Hotelzimmer auf mein Bett fallen. Wenn ich die Augen schloss, sah ich ihn vor mir. Nein, ich musste aufhören damit, so lange es noch möglich war. Den Park einfach meiden. Und wieder schlief ich ein.

 

Es waren inzwischen weitere sechs Tage vergangen. Ich hatte jeden Abend meinen obligatorischen Besuch im Park vollzogen. Auch wenn mein Verstand ein deutliches 'Nein' sagte, trieb mich mein Gefühl immer wieder dorthin. Da ich jeden Abend die Bank benutzt hatte, die direkt am Weg des Joggers lag, war ich mir ziemlich sicher, dass er mich schon längst bemerkt haben musste. Ich kam mir dämlich vor, als ich nun wieder dort saß. 'Beim nächsten Mal bringst du ihm gleich ne Flasche Wasser und ein Handtuch mit', dachte ich grimmig. So gesehen war die Idee gar nicht schlecht, aber was wusste ich schon? Beinahe wäre ich vor Schreck von der Bank geplumpst, als mein iPod sich zu Wort meldete mit seinem Alarm. Ich lehnte mich zurück, aber wie die Tage zuvor ging mein Versuch, locker zu bleiben, voll daneben. Krampfhaft wollte ich den Blick vom auftauchenden Jogger abwenden, doch auch dies gelang mir nicht. Er kam näher und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er mich entdeckte. War ihm wirklich aufgefallen, dass ich jeden Tag auf dieser gottverdammten Bank saß und ihn anstarrte? Wie blöd hatte ich mich eigentlich angestellt? Die Situation war mir peinlich. Als er fast auf meiner Höhe war, zwinkerte er mir zu. Das war zu viel. Doch bevor ich auch nur irgendwie reagieren konnte, war er schon wieder verschwunden. Ich legte mich auf die Bank, so schwindelig war mir. In meinem Bauch flogen Abermillionen von Schmetterlingen. Und trotzdem war ich keinen Schritt weiter. Nach einiger Zeit trat ich mit hängendem Kopf den Rückweg an. Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Nein, das Lächeln war auf jeden Fall da gewesen. Und es passte so sehr zu ihm. Wieder fragte ich mich, wo er wohl arbeiten würde. Und wieder gingen mir all die anderen Fragen durch den Kopf, für die ich keine Antwort hatte. Was sollte ich bloß tun, wenn mein Urlaub vorbei war?

 

Einen Tag später, saß ich zur gewohnten Zeit im Park. Der Alarm schrillte, doch heute war irgendetwas anders. Verzweifelt wartete ich eine ganze Viertelstunde, doch mein Jogger ließ sich nicht blicken. War ihm irgendetwas zugestoßen? Hatte er die Route geändert? Oder war er selbst nur hier im Urlaub gewesen? Enttäuscht machte ich mich auf den Weg zum Hotel, blieb jedoch am Strand hängen. Mir war danach, mich einfach in den Sand zu setzen und dem Rauschen der Wellen zu lauschen. Ich hörte diverse Stimmen von verschiedenen Leuten, die den Strand passierten. Jemand warf eine Getränkedose in den Sand. Mir war alles egal, ich wollte nur meine Ruhe haben. Aber wofür? Um weiter nachzudenken? Worüber? Es wurde später und später. Und damit auch immer ruhiger. Doch weder die Dunkelheit, noch der menschenleere Strand konnten mir Angst einjagen. Ich lag einfach nur im Sand und ließ das Meer auf mich wirken. Als ich einen Blick auf die Uhr riskierte, schreckte ich auf. Es war bereits nach Mitternacht. Sollte ich den Heimweg ins Hotel antreten? Traurig ging mein Blick über das schwarze Wasser, das den Mondschein spiegelte. Es wirkte wie ein überdimensionaler Spiegel. Obwohl ich tief in Gedanken versunken war, hörte ich einen Wagen auf dem Parkplatz halten. Ich sah in die Richtung, aus der die Reifen bei der Bremsung quietschten. Normal war um diese Uhrzeit niemand mehr am Strand, daher störte es auch niemanden, wenn jemand mit großer Geräuschkulisse einparkte. Der riesige schwarze Wagen stand etwas merkwürdig für meinen Geschmack, also erhob ich mich aus dem trockenen Sand und machte ein paar Schritte auf das Auto zu. Es war, wie ich mir gedacht hatte. Der Fahrer konnte entweder nicht einparken oder... die Tür ging auf und ich erstarrte. Oder? Ja, das war es, was ich meinte. Der Fahrer musste vollkommen besoffen sein, wie in diesem Falle. Er fiel mehr aus dem großen Gefährt, als dass er ausstieg. Der Parkplatz war nur schwach erleuchtet und ich zögerte. Sollte ich diesem Mann helfen? 'Warum eigentlich nicht', dachte ich. Warum sollte ich nicht mal etwas gegen meine Gewohnheit tun. Also schritt ich auf den Wagen zu. Unsicher. Und mit jedem Schritt stellte ich meine Entscheidung in Frage. Der Mann versuchte erst gar nicht, wieder aufzustehen. Er musste eingesehen haben, dass er sowohl zum Auto fahren als auch zum Stehen zu viel Alkohol intus hatte. Meine Beine trugen mich weiter voran. Abrupt blieb ich stehen. Es waren nur noch wenige Schritte, die mich von dem schwarzen Auto und dessen Fahrer trennten. Ich glaubte fest, dass meine Augen mir im Zusammenhang mit dem spärlichen Licht einen Streich spielen mussten. Vorsichtig legte ich die letzten Schritte zurück und kniete neben dem Mann nieder. Es war tatsächlich mein Jogger. War er deswegen nicht unterwegs gewesen, weil er sich mit Alkohol zugekippt hatte? War das in diesem Moment die wichtigste Frage? Meine einzige Sorge? Nein. Ich dachte nach und sah den Mann an, der mich interessiert musterte. Irritiert sah ich in seine Augen. Er wollte etwas sagen, bekam aber nichts heraus. Er wusste wer ich war, aber er konnte nichts mehr mit sich anfangen. Unschlüssig wippte ich vor und zurück. Was sollte ich jetzt tun? Zu allererst musste ich jetzt kühlen Kopf bewahren. Einen Krankenwagen rufen? Nein. Nicht gut. Ihn mit ins Hotel nehmen? Prima Idee, aber besser nicht. Dann könnte mich seine Frau verklagen, vorausgesetzt er hatte eine. Ihn nach Hause bringen? Ja, das ist es. Gut. Aber wo wohnt er überhaupt? Und wie krieg ich ihn wieder ins Auto? Ich tat mich durchaus schwer, denn ich wollte ihn am Liebsten einfach nur mit meinem Blick ins Auto hieven. Seufzend versuchte ich schließlich, ihm aufzuhelfen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, gelang es mir dann schließlich doch, ihn auf die Rücksitzbank zu verfrachten. Es war merkwürdig, dass wir keine Worte wechselten. Ich setzte mich ebenfalls auf die Rücksitzbank und suchte nach seiner Brieftasche. Darin würde jawohl irgendein Hinweis auf seinen Wohnort sein. Und tatsächlich: nachdem ich die Brieftasche gefunden hatte, konnte ich auf dem Führerschein seine Adresse lesen. Der Name brannte sich sofort in mein Gedächtnis: Eppes. Die Adresse sagte mir rein gar nichts. Wie auch? Ich war ja erst seit gut vier Wochen hier. Dieser Herr Eppes war bereits auf der Rückbank eingeschlafen. Wie war sein Vorname noch gleich? Und was hatte ich jetzt vor? Mein Gedächtnis kam mir merkwürdig löchrig vor. Ich stieg auf den Fahrersitz und fuhr einfach in Richtung des Hotels. Was besseres kam mir einfach nicht mehr in den Sinn. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so sehr neben mir gestanden. Am Hotel angekommen bat ich den Nachtwächter, mir zu helfen. Zum Glück war ich in einem vernünftigen Hotel abgestiegen und so verfrachteten wir Herrn Eppes in mein Hotelbett. Und nun? Der Wagen konnte dort auf dem Parkplatz stehen bleiben. Aber was sollte ich jetzt bloß tun? Ich zog mir den Schreibtischstuhl vor das Bett und sah meinen Jogger an. Sein Gesicht sah wunderbar friedlich und entspannt aus, wie er so schlief. Ich war geneigt, ihm über die Wange zu streicheln, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Stattdessen nahm ich wieder seine Brieftasche. Irgendwie musste ich ja meine Aufmerksamkeit von ihm ablenken. Neben seinem Führerschein fand ich eine Kreditkarte und einige andere typische Dinge, die man eben in einer Brieftasche aufbewahrte. Eine ganze Zeit starrte ich auf den Führerschein. Ich musste die Adresse schon auswendig kennen, als ich es endlich bemerkte. Schnell legte ich die Brieftasche auf den Tisch. Und nun? Ich fühlte mich kein Stück müde, weil mein Herz so sehr klopfte. Ich stellte den Stuhl wieder zurück an den Schreibtisch und setzte mich neben das Bett auf den Boden. Aufgrund der Tatsache, dass kein Einzelzimmer mehr frei gewesen war, hatte ich ein Zimmer mit einem Doppelbett bekommen. Der Nachtwächter hatte Herrn Eppes einfach irgendwie darauf abgelegt, so dass ich gezwungen war, auf dem Boden zu schlafen. Aber wollte ich überhaupt schlafen? Seufzend fiel mein Blick wieder auf sein Gesicht. Welches Geburtsdatum hatte in seinem Führerschein gestanden? Das konnte nur ein Druckfehler sein. Die hatten sich bestimmt um zehn Jahre vertan. Aber warum sollten sie? Es waren einfach zu viele Fragen, die mir durch den Kopf gingen, und ich konnte ihm nicht eine davon stellen. Ich verschränkte meine Arme auf dem Bett und legte meinen Kopf darauf. Dieses Gesicht ließ mir keine Ruhe. Und so hockte ich die ganze Nacht vor ihm und starrte ihn an.

Am nächsten Morgen kämpfte ich damit, dass mir die Augen nicht zu fielen. Im Laufe der Nacht hatte ich mir eine Flasche Cola geholt, um wach zu bleiben. In diesem Moment nuckelte ich den letzten Rest aus eben jener Flasche und blickte dann entsetzt auf die Leere darin. Wie lange würde ich ohne die Cola noch wach bleiben? Lange genug? Wann musste Herr Eppes eigentlich zur Arbeit? Durch ein allgemein übel klingendes "Ooouuuuh" wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. "Kopfschmerzen?" fragte ich leise, denn ich konnte mir vorstellen, wie es ihm ging. Mein Jogger saß sofort senkrecht im Bett und sah mich erschreckt an. Dann rieb er sich mit beiden Händen das Gesicht. Anschließend ließ er den Blick über das Zimmer schweifen. Sein irritierter Gesichtsausdruck ließ wieder Schmetterlinge in meinem Bauch kreisen. Ich sah mich nicht imstande, irgendetwas zu sagen. Er schwang die Beine aus dem Bett und saß nun auf der Bettkante. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen wie erstarrt. Mit einer Hand rieb er sich die Stirn und fragte: "Wie bin ich hierher gekommen?" Das war die Frage, die ich als Zweites erwartet hatte. Mein Mund war wie zu betoniert. Mir lag dieser blöde Kommentar auf der Zunge, aber ich bekam ihn einfach nicht heraus. Fragend sah er mich an. "Das du sprechen kannst, hab ich eben gehört", stellte er, immer noch auf eine Antwort wartend, fest. Seine Stimme klingelte in meinen Ohren. Ich war kurz davor, einfach die Augen zu verdrehen und hinten über zu kippen. Was ein Mann! "Mit dem Wagen", brachte ich nur schwerlich hervor. Nervös versuchte ich dabei in die ungefähre Richtung zu zeigen, in der sein Auto geparkt war. "Mein Wagen?" Ich nickte nur. Er sah auf seine Uhr und ich merkte, dass er offenbar spät dran war. Da ich mich nicht getraut hatte, ihm auch nur irgendetwas auszuziehen, konnte er auch direkt losgehen. Also warum saß er immer noch auf meinem Bett? "Ich geh dann mal", sagte er und erhob sich vom Bett. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht deuten. Allerdings musste mein Gesichtsausdruck Bände sprechen. "Danke fürs Einsammeln", meinte er lächelnd und zwinkerte mir zu. Wie in Trance starrte ich ihm hinterher, als er zur Tür ging. Er musste wissen, dass eine weitere Unterhaltung mit mir keinen Sinn hatte. "Moment!" rief ich ihm, über mich selbst überrascht, nach. Er hatte die Tür schon geöffnet und sah nun fragend in meine Richtung. Wieder lag mir ein blöder Kommentar auf der Zunge, doch mein Mund war nicht in der Lage, genau diesen wiederzugeben. "Vergiss deine Brieftasche und deine Schlüssel nicht." Ich hatte mich aufgerafft und ging nun zum Tisch, wo beides lag, um es ihm anschließend in die Hand zu drücken. Dankend verschwand er dann endgültig. Ich sah ihm nach. Würde ich den Mut haben, heute wieder im Park zu sitzen? Geschafft schleppte ich mich zum Bett, in dem er kurz zuvor noch gelegen hatte, und ließ mich rücklings darauf plumpsen. Ich starrte an die Decke. War das mal wieder eine vertane Chance? So wie bisher immer? Ich nahm die zauselige Decke in den Arm und drückte sie gegen mich. Mir war zum Heulen, aber die Blöße wollte ich mir nicht geben. Was sollte ich nun tun? Wollte ich noch etwas tun? Ich fühlte mich, als wenn man mir einen Teil meines Herzens heraus gerupft hatte. Obwohl ich inzwischen todmüde war, gingen mir diese ganzen Dinge durch den Kopf. Ich wünschte mir, die Nacht hätte nie geendet. Was wusste ich jetzt mehr als vorher? Welche Fragen waren beantwortet? Welche waren neu hinzu gekommen? Sollte ich versuchen, mit ihm zu sprechen? Würde ich überhaupt ein Wort heraus bekommen, wenn er wieder vor mir stand? Warum mussten es so viele Fragen sein? Ich vergrub mich in der Decke und versuchte zu schlafen. Ich wollte nie mehr in meinem Leben aufstehen und dieses Bett verlassen.

 

Es war der zweite Tag, nach der Nacht, die mich total durcheinander gebracht hatte. Ich lag immer noch im Bett, traute mich nicht, aufzustehen. Es klopfte an meiner Zimmertür. Ich überlegte. Der Zimmerservice hatte das Frühstück doch schon vor zwei Stunden wieder abgeholt. Dann konnte es nur noch die Putzfrau sein. Es klopfte ein weiteres Mal. "Niemand zuhause", rief ich Richtung Tür. "Dann lass ich die Tür aufbrechen", antwortete mir eine wohl bekannte Stimme. Ich hatte das Gefühl, mein Herz bliebe stehen und war so schnell aus dem Bett und an der Tür, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Vorsichtig öffnete ich und sah... Herrn Eppes. Tausend Dinge wollte ich ihm sagen. Stattdessen war ich glücklich, dass ich nur ein einfaches "Hi" heraus bekam. Mit einem breiten Grinsen musterte er mich von oben bis unten. Mir fiel ein, dass ich grausam aussehen musste, mit total zerzausten Haaren und zerknitterten Klamotten. Typisch. Dafür hätte ich mich Ohrfeigen können. "Darf ich reinkommen?" fragte er immer noch lächelnd. Natürlich, was eine blöde Frage! Ich wusste beim besten Willen nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Trotzdem schaffte ich es, ihn in mein Zimmer zu lassen. Ich warf mich mit Schwung auf die Matratze, während er sich den Schreibtischstuhl nahm und sich darauf setzte, mit der Lehne in meine Richtung. Wir sahen uns einen Moment lang an. "Es... es... tut mir leid, dass ich... so... wenig heraus bekomme", stammelte ich. "Woran liegt das?" fragte er mit diesem süßen Grinsen auf dem Gesicht. Oh, was eine fiese Frage. Er wusste die Antwort doch schon längst. War er nur hierher gekommen, um diese eine Frage zu stellen? Ich versuchte, meine Gedanken zusammen zu bekommen und alles besser zu machen, als vor zwei Tagen. "Liegt es vielleicht an dir?" Autsch, warum stellte ich das als Frage? Es war doch wohl eher eine Feststellung! Warum konnte ich bloß nicht über meinen Schatten springen? Er sah mich an, regungslos. Als hätte er meine Antwort nicht gehört. Unsere Blicke trafen sich. Ich weiß nicht, wie lange wir das taten. Mit dem Mute der Verzweiflung bekam ich endlich mein sonst so großes Mundwerk unter Kontrolle. "Darf ich dich ein paar Dinge fragen?" Er nickte. "Was verschlägt dich hier her?" Ich wusste, dass er mit dieser Frage gerechnet hatte. "Was ist in der Nacht passiert?" wollte er als Antwort auf meine Frage wissen. "Nichts." "Warum nicht?" Schon wieder eine dieser gemeinen Fragen. "Nun... weil du..." Ich brach ab, als er sich plötzlich zu mir aufs Bett setzte. "Du hast mich bestimmt zwei Wochen lang im Park beobachtet, hast mich in dein Hotelbett verfrachtet und tust... nichts?" Die Situation war mir peinlich und mir wurde warm, als ich rot anlief. Dieser Typ wusste genau, wie er auf Frauen wirkte. Erst jetzt fiel mir auf, dass er einen Anzug trug und diverse Dinge an seinem Gürtel befestigt waren. Unter anderem auch eine Waffe. Wieder trafen sich unsere Blicke und ich drohte in seinen wunderschönen Augen zu versinken. "Ich... ich wollte dich nicht die ganze Nacht anstarren", brachte ich entschuldigend hervor und sah auf die Bettdecke, die uns nur noch voneinander trennte. "Bin ich jetzt festgenommen?" fragte ich leise und sah ihn von unten an. Er lachte und sagte: "Nein, aber zum Essen eingeladen. Schwing die Hufe, ich hab den Tisch..." Er sah auf seine Uhr. "... für in ner halben Stunde reserviert." Meine Gedanken rasten und ich saß wie versteinert vor ihm. "Ich meine, ich nehme dich auch so mit, wenn du unbedingt willst." Warum musste er so extrem fies sein? Wahrscheinlich hatte ich es nicht besser verdient. Oh nein, so einfach würde er mir mit seiner Art nicht davon kommen. Ich schwor Rache... und zwar sofort. Von einer Sekunde auf die andere zerrte ich ihn aufs Bett. "In ner halben Stunde? Dann können wir ja gleich hier bleiben", stellte ich fest. Die Überraschung in seinem Gesicht, war alles was ich brauchte...