Kapitel 7

 

 

„Dad? Charlie?“ Don hatte die Tür mit seinem Schlüssel geöffnet. Sie war nicht abgeschlossen gewesen, also musste jemand da sein, es stand aber kein Wagen in der Auffahrt. „Ist jemand zu Hause?“

 

Niemand antwortete und so betrat er das Wohnzimmer und schaute sich um. Es war leer. „Dad? Hallo?“

 

„Hallo.“ erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm. January. Er drehte sich um.

 

„Tut mir leid, ich war oben und habe Sie wohl nicht sofort gehört.“ bemerkte sie entschuldigend. „Außer mir ist niemand hier.“ Sie grinste ihn keck an.

 

„Ach ja? Wo sind denn alle ausgeflogen?“ wollte er wissen und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Im Gegensatz zu der eleganten Erscheinung vom gestrigen Abend, hatte sie jetzt einen hellgrauen Hausanzug an. Sie war fast ungeschminkt und das Haar war zu einem losen Zopf geflochten. Dennoch strahlte sie eine mädchenhafte Frische aus und sah selbst in diesem Aufzug gut aus, wie Don zugeben musste.

 

„Oh, Alan ist zu einem Geschäftsessen und Charlie ist noch nicht von der Uni wieder zurück. Kommen Sie auch jetzt von der Arbeit?“ Sie blickte auf ihre Armbanduhr, es war kurz vor acht. „Ihr Jungs kriegt wohl alle Entzugserscheinungen, wenn ihr nicht arbeitet, was?“ bemerkte sie schelmisch.

 

Don seufzte kurz und ließ sich auf die Couch fallen. „Sieht wohl so aus. Eigentlich mache ich auch nur eine kurze Pause und muss gleich wieder zurück ins Büro. Wir arbeiten gerade an einem wichtigen Fall.“

 

„Oh, verstehe.“ J.J. fragte nicht weiter und schaute ihn mitfühlend an. „Sie sehen ziemlich erschöpft aus.“

 

Don streckte sich und schob seine langen Beine unter den Couchtisch. Sein Nacken war mal wieder total verspannt und schmerzte und er fühlte, wie eine Welle der Müdigkeit ihn zu überrollen drohte. J.J. beobachtete ihn besorgt und stellte fest, das dunkle Schatten sich unter seinen Augen bebildet hatten. Seine Gesichtszüge waren ernst und er hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

 

„Wissen Sie was, Sie ruhen sich jetzt etwas aus, und ich mache Ihnen mein fabelhaftes Schinkenomlette, mit Pilzen und Paprika. Das wird ihre Lebensgeister wieder auffrischen.“

 

Don sah sie überrascht an und schüttelte leicht den Kopf. „Nein, machen Sie sich keine Umstände. Ich glaube, ich habe überhaupt keinen Hunger. Ich ruh' mich hier nur etwas aus.“

 

„Keine Widerrede. Eine kleine Stärkung wird Ihnen gut tun.“ Damit verschwand sie in der Küche und Don blieb etwas verdutzt im Wohnzimmer sitzen. 'Diese Frau...' dachte er amüsiert. Er schloss die Augen und lehnte den Kopf vorsichtig nach hinten gegen das obere Couchende. Fühlte es sich so an, wenn man nach einem anstrengenden Tag von der Arbeit nach Hause kam, und bereits von jemanden erwartet wurde. Von jemanden, der um einen besorgt war und einen gerne verwöhnte? Und wieder schüttelte er seinen Kopf. 'Verdammt, Eppes. Was ist bloß los mit Dir?'

 

Emsiges Klappern in der Küche schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er öffnete die Augen wieder und hob den Kopf. Irgendwie musste er sich ablenken, bevor er noch auf dumme Gedanken kam, also stand er auf und ging rüber zum Fernseher. Dort machte er es sich im Fernsehsessel seines Vaters bequem und schaltete das Gerät mit der Fernbedienung ein. Nachdem er ein paar Kanäle durchgezapt hatte, blieb er bei einem Baseballspiel hängen, zweite Liga, aber immerhin Baseball.

 

Völlig vom Spiel gebannt, bemerkte er gar nicht, dass J.J. nach einer Weile mit einem Tablett aus der Küche kam und den Esstisch deckte.

 

„Naja, es ist nur ein halb-fabelhaftes Schinkenomlette geworden.“ stellte sie mit einem entschuldigendem Lächeln fest. „Keine Pilze und keine Paprika. Aber dafür habe ich etwas Käse dazugetan.“

 

Ein verführerischer Geruch stieg Don in die Nase und er bemerkte, dass er doch ziemlich hungrig war. Sofort schaltete er den Fernseher aus und ging zu ihr hinüber. „Hm,... das sieht ja köstlich aus.“ sagte er und nahm am Tisch Platz. „Oh, und sie haben Kaffee gemacht.“

 

„Sie sehen aus, als ob sie einen vertragen könnten.“

 

„Perfekt. Dann schlaf ich nachher im Büro wenigstens nicht ein.“ Er lächelte sie an, zögerte kurz und fügte dann noch hinzu: „Danke.“

 

"Nichts zu danken." J.J. beobachtete ihn eine zeitlang beim Essen. „ Wissen Sie, mein Vater war Streifenpolizist. Und manchmal, wenn er Spätdienst hatte, kam er auch kurz zu Hause vorbei um etwas Pause zu machen. Mom hat ihm dann auch immer eine Kleinigkeit zu essen gemacht und einen schönen, großen Kaffee.“ Bei dieser Erinnerung sah sie abwesend zur Seite und ihr Gesicht nahm einen wehmütigen Ausdruck an, was Don nicht entging.

 

„Ihr Vater war Streifenpolizist? Wirklich? In San Francisco?“ fragte er.

 

„Nein, in Stockton. Da bin ich geboren.“

 

„Und, ihre Eltern leben da immer noch?“

 

Ihre Miene verdunkelte sich und mit leiser Stimme fuhr sie fort: „Meine Eltern leben beide nicht mehr. Dad ist vor drei Jahren nach einem Schlaganfall gestorben und meine Mutter kurze Zeit nach ihm. Sie konnte es nie wirklich verkraften, dass er nicht mehr da war. Immerhin waren sie über 50 Jahre verheiratet.“

 

Fragend zog Don eine Augenbraue hoch. „Fünfzig Jahre?“ J.J. schmunzelte und erzählte weiter: „Ich war ein kleiner Nachzügler. Meine Eltern waren nicht mehr die Jüngsten, als ich zur Welt kam. Ich habe einen siebzehn Jahre älteren Bruder.“ Und wieder verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. „Aber wir haben kein besonders gutes Verhältnis. Wahrscheinlich ist der Altersunterschied zu groß. Naja, egal. “

 

„Das tut mir leid.“

 

„Das braucht es nicht. Ich stürze deswegen nicht in eine Depression.“ sagte sie leicht hin und wechselte das Thema: „Ist Amita Charlies Freundin? Sie ist sehr nett.“

 

„Wer kann das schon so genau sagen? Irgendwie... ich weiß auch nicht... irgendwie sind sie mal zusammen und dann wieder nicht. Ich habe das Gefühl, sie können nicht miteinander aber auch nicht ohne einander.“

 

„Also ich finde, die beiden sind ein hübsches Pärchen. Und Charlie... kann gar nicht die Augen von ihr lassen.“

 

„Ach ja? Und woher wissen Sie das?“ fragte Don mit einem breiten Lächeln.

 

Sie sah ihn an. Seine braunen Augen blickten verschmitzt auf sie herab. Er war verdammt attraktiv, das war ihr schon bei der ersten Begegnung aufgefallen. Aber meistens umgab ihn eine geheimnisvolle Aura. Nein, geheimnisvoll war nicht das richtige Wort, aber es gab nur wenige Momente, in denen er einfach nur Don Eppes war und nicht der Profi Special Agent Eppes. „Für einen FBI-Agenten haben Sie ja nicht gerade eine tolle Beobachtungsgabe.“ stellte sie trocken fest.

 

Er hob die Augenbrauen und seufzte theatralisch. „Was soll ich sagen.“

 

'Okay J.J., die direkte Tour.' dachte sie und holte tief Luft. „Was ist mit Ihnen? Auch schon in festen Händen?“ 'Verdammt, das war vielleicht zu direkt.' schalt sie sich sofort.

 

Don blickte sie schmunzelnd an. „Flirten Sie mit mir, Mrs. Johnston?“

 

Augenblicklich schoss ihr eine leichte Röte ins Gesicht und sie sah verlegen auf ihre Hände. Normalerweise war eine solche Direktheit nicht ihre Art. Aber sie fand ihn unglaublich anziehend und hatte sich doch tatsächlich dazu hinreißen lassen. „Ähm..., ich...“ stotterte sie vor sich hin.

 

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht verlegen machen.“ beschwichtigend hob er seine Hand und etwas ernster fuhr er fort: „Nein, in meinem Beruf ist eine Beziehung nicht so einfach. Ich will niemanden dadurch in Gefahr bringen oder ständig dieser Ungewissheit aussetzen, ob der Partner gesund wieder nach Hause kommt oder nicht.“

 

„Das ist zwar nobel von Ihnen, aber..., ich meine, mein Vater war auch Polizist und er war trotzdem verheiratet und hatte Familie. Ihr Beruf ist doch kein Grund darauf verzichten zu müssen.“

 

Darauf wusste Don nichts zu antworten. Im Grunde genommen hatte sie damit recht, viele seiner Kollegen hatten Familien. Und es war ja nicht so, dass er sich keine wünschte, aber er hatte wohl einfach noch nicht die richtige Frau getroffen, mit der er bereit wäre, sich in dieses Abenteuer zu wagen. Doch da klingelte sein Handy und selten empfand er den Moment passender dafür, als gerade jetzt. Entschuldigend sah er zu ihr hinüber und griff nach seinem Mobiltelefon. „Eppes.“

 

„Don, ich bin's. Amita und ich, haben ein heiße Zone für Dich errechnet in der der Täter mit größter Wahrscheinlich wohnt.“ meldete sich Charlie aufgeregt.

 

„Seid ihr Euch dabei ganz sicher?“

 

„Ja, ich habe die Berechnungen überprüft, indem ich vom wahrscheinlichen Wohnsitz ausgegangen bin, und alle Tat- und Fundorte der Leichen wurden bestätigt.“

 

„Okay, Charlie, wo bist Du?“

 

„Noch in der Uni. Aber ich kann mich sofort auf den Weg zum FBI machen.“

 

„Dann tu das, wir treffen uns in zwanzig Minuten da.“

 

„Alles klar.“ Damit beendete Charlie das Telefonat und sah zu Amita rüber. „Okay, Don will uns im Büro sehen. Lass uns gehen.“

 

„Charlie, ich habe morgen früh direkt eine wichtige Vorlesung über die Graphentheorie. Darauf möchte ich mich noch etwas vorbereiten. Wir haben die heiße Zone schon berechnet, also brauchst Du mich heute nicht mehr.“ Sie begann ihre Sachen einzupacken.

 

Er zögerte und fuhr sich unsicher mit der Hand durchs Haar. „ Du willst jetzt nach Hause fahren? Allein?“

 

Verwundert sah sie ihn an. „Ja, warum denn nicht?“

 

„Naja, Du hast gehört, was Megan über die Opfer gesagt hat. Junge und erfolgreiche Frauen, mit dunklen Haaren...“ bemerkte er besorgt.

 

Sie lachte auf. „Charlie,... diese Beschreibung trifft auf die Hälfte der Frauen in Los Angeles zu. Mir passiert schon nichts.“

 

„Mir wäre trotzdem wohler, wenn Du jetzt mit mir zum FBI fährst und ich Dich dann nach Hause bringen kann." Er hielt kurz inne, rang sich aber doch schließlich durch und fügte hinzu: "Amita..., ich weiß, dass unsere Beziehung momentan irgendwie... festgefahren ist, aber Du bedeutest mir sehr viel und wenn Dir etwas passieren würde, dann... “

 

„Mach Dich nicht lächerlich, Charlie. Ich bin schon groß und kann auf mich aufpassen.“ Damit war die Diskussion für sie beendet und sie duldete keine Widerrede.

 

Charlie seufzte. Die Zeit drängte, er musste los und wollte sich nicht mit ihr streiten. Und wahrscheinlich hatte sie recht und er hatte überreagiert. Sie verließen gemeinsam sein Büro und gingen den Gang entlang.

 

„Ich muss noch ein Buch aus meinem Büro holen.“ ließ Amita ihn wissen. „Wir sehen uns dann morgen, ja? Und Charlie... danke.“

 

Überrascht sah er sie an. „Wofür?“

 

„Für Deine Fürsorge. Ich weiß das zu schätzen.“

 

Charlie sah sie eindringlich an und beschloß, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, um endlich das anzusprechen, was ihm schon seit längerem auf der Seele brannte. „Amita... wir verstehen uns so gut und wir arbeiten hervorragend zusammen. Ich... ich finde wir sind überhaupt ein tolles Team.“ begann der junge Professor schüchtern. „Vielleicht, vielleicht..., sollten wir es nochmal miteinander versuchen. Was sagst Du?“

 

Sie antwortete nicht, sah ihm einen Augenblick nur in die Augen. Aber tief in ihrem Innern wusste sie, dass sie es auch wollte und so näherte sie sich ihm vorsichtig und drückte ihm einen leichten Kuss auf seine Lippen. „Ja.“ hauchte sie. „Versuchen wir es. Im Versuchen sind wir gut.“

 

Erleichtert lächelte Charlie sie an. „Okay. Ich weiß, ich hab ein bescheidenes Timing, aber ich muss jetzt leider wirklich gehen. Wir reden morgen weiter?“ fragte er zaghaft.

 

„Ja. Das machen wir.“

 

Er küsste sie nochmal, diesmal inniger und länger und machte sich dann auf den Weg