Kapitel 6

 

Zusammen mit Colby und David erwartete Megan sie bereits im Konferenzraum. Sobald sie das kleine Grüppchen, dass sich seinen Weg vom Aufzug zu ihnen bahnte, erblickte, erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging ihnen entgegen.

 

„Das ging aber flott mit Deiner Vermutung, Megan. Ich nehme mal an, Du warst auf der richtigen Spur.“ bemerkte Don.

 

Sie lächelte ihn an und nickte eifrig. „Ich sagte ja schon, dass mir die Morde irgendwie vertraut vorkamen. Und als ich anfing nachzuforschen, da setzte sich alles wie ein Puzzel von allein zusammen. Setzt Euch.“ Sie deutete auf die leeren Stühle rund um den großen Konferenztisch und alle suchten sich einen Platz, auf dem sie sich niederließen, während Megan vorne stehen blieb. Sobald sie sich sicher war, die volle Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu besitzen fing sie an.

 

„Okay, was uns ja alle stutzig an diesem Fall gemacht hat, war die Tatsache, dass der Täter sich dauernd unterschiedlicher Methoden bedient hat, was für einen Serientäter eher untypisch ist. Und gerade diese unterschiedlichen Tathergänge, werden uns helfen, ihn zu stellen.“

 

„Und wie?“ fragte Don neugierig.

 

„Er kopiert. Und zwar die ganz Großen.“

 

David räusperte sich und warf irritiert ein: „Er kopiert wen?“

 

„Unser Täter bedient sich unterschiedlicher Methoden, weil er einige der bekanntesten amerikanischen Serienkiller kopiert. Er hat sich nicht einen ausgesucht, sondern direkt mehrere.“ Sie wandte sich zu dem Whiteboard, das neben ihr stand und deutete auf die Buchstabenfolge, die jeder Mitteilung des Täters folgte. „DBTBJDEKJBWH, das ist kein Code, das steht für die Initialen dieser Serienkiller. D.B. steht für David Berkowitz, T.B. Ted Bundy, J.D. Jeffrey Dahmer, E.K. steht für Ed Kemper, J.B Jerome Brudos und W.H. steht für William Heirens.“

 

Stille hatte sich im ganzen Raum verbreitet, und man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Aber Megan war noch nicht ganz fertig mit ihren Ausführungen. „Alle Opfer sind attraktive junge Frauen, mit dunklen, langen Haaren, die recht erfolgreich sind. In der Zeit von 1974 – 1978 hat Ted Bundy Schätzungen zufolge in mehreren Bundesstaaten 35 – 60 Frauen ermordet. Bei der Wahl seiner Opfer sprang er auf besondere Schlüsselreize an: Die Frauen mussten lange, dunkle in der Mitte gescheitelte Haare tragen. Am 10. Dezember 1945 ermordete William Heirens eine junge Frau, indem er ihr erst ein Messer in den Kopf rammte und sie dann mit zwei Schüssen niederstreckte. Madeleine Cummings wurde ebenfalls ein Messer in den Kopf gerammt, und dann wurde sie mit zwei Schüssen getötet. Ed Kemper wurde 1973 zu lebenslanger Haft nach acht Morden verurteilt, die meisten seiner Opfer hat er erwürgt. Das erste Opfer unseres Serienmörders, Jessica Todd, wurde ebenfalls erwürgt. Von 1976 – 1977 hat David Berkowitz, auch als 'Son of Sam' bekannt, in New York, sechs Menschen erschossen. Er benutzte dazu einen Charter Arms Bulldog Revolver, Kaliber 44, eine selten verwendete Handfeuerwaffe mit hoher Schusskraft. Sowohl Amanda Bernstein als auch das zweite Opfer Madeleine Cummings wurden mit einem Revolver gleichen Kalibers getötet. 1968 hat Jerome Brudos die 19-jährige Linda Slawson, die ihm an seiner Wohnungstür ein Lexikon verkaufen wollte, unter Schlägen ins Haus gezerrt und sie dann erwürgt. Bevor er die Leiche in einem Fluß versenkte, hat er ihr einen Fuß abgetrennt, genau wie bei Amanda Bernstein.“

 

„Berkowitz, Bundy, Kemper,... wie krank muss der Kerl sein?“ Fassungslos schüttelte Colby den Kopf.

 

„Und es scheint, dass er noch lange nicht fertig ist. 'Sie sind nicht vergessen.' 'Sie leben in mir.' und 'Ihr Geist lebt weiter.' Das waren die Aussagen der drei Mitteilungen. Das zeigt, dass unser Täter sich vollkommen mit diesen Serienmördern identifiziert und wie ich schon sagte, er wird nicht aufhören, bevor ihn jemand stoppt.“ Megan warf einen ernsten Blick in die Runde und drehte sich dann nochmals zu den Bildern der Opfer, die sorgfältig an das Whiteboard geheftet waren, um.

 

Don ergriff das Wort: „Okay, wir wissen jetzt, was ihn antreibt, aber inwiefern hilft uns das jetzt, den Täter zu finden?“

 

„Wir können die Suche etwas einschränken. Die Morde wurden absolut detailgetreu begangen, ich habe alle Fälle nochmal gründlich durchgesehen und festgestellt, dass sogar einige Details beachtet wurden, die der Allgemeinheit nicht bekannt waren. Einzelheiten, die nur...“ sie zögerte.

 

„... die nur ein Insider wissen konnte.“ vervollständigte David den Satz entsetzt. „Du meinst also, wir suchen nach einem Polizisten?“

 

Megan nickte und man konnte deutlich spüren, wie unbehaglich sie sich dabei fühlte, eine solche Anschuldigung auszusprechen, doch die Beweise lagen auf der Hand. „Ein Polizist, oder zumindest jemand, der Zugang zu den Fallakten hat.“

 

„Aber wir können unmöglich alle Polizei- und FBI-Beamten und wer sonst noch Zugriff zu den Akten hat, überprüfen. Habt ihr eine Ahnung wieviele das sind?“ gab Colby zu bedenken.

 

„Es gibt vielleicht einen Weg.“ meldete Charlie sich zu Wort, der die ganze Zeit nur stumm zugehört hatte.

 

„Und welchen?“ fragte Don.

 

„Kannst Du Dich noch ein einen der ersten Fälle erinnern, bei dem ich Dir geholfen habe? Da habt ihr auch einen Serienmörder gesucht, und wir konnten anhand einer meiner Gleichungen feststellen, in welchem Gebiet der Täter sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aufhalten musste. Ich könnte hier ebenfalls solch eine Berechnung anstellen, dass würde dann Euer Suchgebiet einschränken.“

 

Auch Detective Anderson hatte sich bislang zurückgehalten und nur stillschweigend zugehört, doch jetzt konnte man deutlich die Neugier in seinen Augen sehen. Er setzte sich etwas vor und sah abwechselnd von Don zu Charlie. „Von was für einer Gleichung sprechen Sie hier?“

 

„Charlie, dass erklärst Du besser selbst.“ Damit überließ Don seinem jüngeren Bruder das Wort.

 

Charlie erhob sich von seinem Stuhl und ging nach vorne. „Okay, Detective Anderson. Stellen Sie sich einen Rasensprenkler vor.“

 

Pete blickte verständnislos zu Charlie. „Einen Rasensprenkler?“

 

„Einfach zuhören und nicken.“ riet Colby ihm mit einem unterdrückten Seufzer. Er wusste, was nun folgen würde.

 

„Ja, einen Rasensprenkler. Auch mit Mathematik ist es praktisch unmöglich vorherzusagen, wo die Tropfen landen werden. Dazu gibt es zu viele Variablen. Aber angenommen, ich wüsste nicht wo der Rasensprenkler steht, dann könnte ich anhand des Verteilungsmusters der Tropfen seinen genauen Standort berechnen.“

 

„Heißt das, Sie können sagen, wo der Killer wohnt?“

 

„Ich kann das Gebiet errechnen, indem sich der Täter mit ziemlicher Sicherheit aufhält, seinen ungefähren Ankerpunkt. Bei der Wahl des Ortes, an dem er ein Opfer angreift oder eine Leiche ablädt, wird der Täter immer versuchen Plätze zu finden, die wie zufällig gewählt wirken. Er will ja nicht, dass sie die Möglichkeit daraus haben zu folgern, wo er lebt oder an welchen Orten er häufig verkehrt. Aber es ist verdammt schwierig etwas absichtlich willkürlich anzuordnen. Der Täter hat es versucht, aber unterbewusst verteilt er seine Tatorte fast gleichmäßig. Er will ein Muster vermeiden, hat aber trotzdem eins geschaffen. Die Tatorte sind nämlich bewusst von einem Ort ferngehalten, den der Täter eindeutig im Kopf hatte, nämlich seinen Wohnsitz.“

 

„Und das funktioniert?“ Ungläubig blickte Anderson in die Runde. „Hey, dass kann doch nicht Euer Ernst sein, oder?“ Doch niemand lachte oder schien die Angelegenheit nicht ernst zu nehmen, also besann er sich eines Besseren. „Okay, ein Versuch ist es Wert.“

 

„Gut Charlie, was genau brauchst Du für Deine Gleichungen?“ wollte Don wissen.

 

„Alles was wir an Daten über die Fundorte der Opfer haben, wo sie gelebt haben und wenn möglich, wo der Täter sie überfallen hat.“

 

„Bekommst Du. Was denkst Du, wie lange wirst Du brauchen, um ein brauchbares Ergebnis zu haben?“

 

„Das kann ich noch nicht genau sagen. Ich mach', so schnell ich kann.“

 

„Gut, dann fangen wir an, eine Liste aufzusetzen, mit allen Personen, die Zugang zu den Archiven und Computern haben könnten. Und dann überprüfen wir sie grob nach Auffälligkeiten, bis Charlie uns ein genaueres Suchgebiet zur Verfügung stellen kann. Los, machen wir uns an die Arbeit.“ Don erhob sich von seinem Stuhl und auch die anderen folgten ihm zu ihren Schreibtischen. Charlie und Amita warteten darauf von Megan, die erforderlichen Unterlagen zu erhalten, die sie für ihre Berechnungen brauchten und machten sich dann unverzüglich auf den Weg zur CalSi.

 

Detective Anderson stand etwas unschlüssig im Raum und sah sich um. „Hören Sie Don, ich fahre schon mal ins L.A.P.D zurück und höre mich mal bei meinen Leuten um, ob sich schon etwas Neues ergeben hat. Sie halten mich auf dem laufenden, ja?“

 

„Klar. Wir sehen uns.“ verabschiedete Don ihn mit einem kurzen Nicken.