Kapitel 5

 

 

Eine innere Unruhe hatte ihn bereits früh zur Arbeit getrieben, und so betrat Don als einer der Ersten das Großraumbüro im FBI-Hauptquartier. Nur eine handvoll Agenten, die vermutlich gar nicht erst nach Hause gegangen waren und ebenfalls verbissen an anderen Fällen arbeiteten, waren anwesend. Weder Megan noch sonst jemand hatte ihn angerufen, was bei ihm die sichere Gewissheit schürte, dass es keine neuen Hinweise über den Verbleib von Amanda Bernstein gab. Die Zeit rannte ihnen davon, und ihm war klar, dass kaum noch Hoffnung bestand, das Opfer lebend zu finden.

 

Er schaltete seinen PC ein und ging erstmal in die kleine Büroküche, um sich mit einer ordentlichen Portion Koffein für den bevorstehenden Tag zu wappnen. Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zum Vorabend zurück und vor allem zu January. Don war tatsächlich erleichtert gewesen zu erfahren, dass sie nicht mit seinem Vater anbändelte. Im Nachhinein musste er selbst darüber schmunzeln, wie es zu diesem Missverständnis kommen konnte. Er konnte allerdings nicht leugnen, dass diese Frau eine gewisse Faszination auf ihn ausübte. Sie war charmant, klug und schlagfertig, und wenn sie ihn ansah, mit ihren großen graublauen Augen, dann hatte er das Gefühl, sich darin verlieren zu können.

 

Don schüttelte den Kopf. 'Verdammt Eppes, Du bist kein Teenager mehr.' sagte er sich selbst. Und doch war ihm bewusst, dass er sich irgendwie zu ihr hingezogen fühlte. Konnte man das nach so kurzer Zeit überhaupt sagen? Er wusste es nicht, und eigentlich sah es ihm auch gar nicht ähnlich, sich derartige Gedanken zu machen. Aber irgendwie fühlte es sich gut an. Mittlerweile war der Kaffee fertig und er goss sich einen großen Becher ein. Vorsichtig balancierte er die Tasse mit der dampfenden brauen Flüssigkeit zu seinem Platz. Das wohltuende Aroma des Kaffees stieg ihm in die Nase und er nahm einen großen Schluck davon.

 

Langsam ließ Don sich in seinen Schreibtischstuhl sinken und zog schließlich mit einem leisen Seufzer einen Stapel Akten zu sich, die er erneut durchzuarbeiten begann.

 

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er plötzlich die Stimmen seiner Teamkollegen vernahm, die sich ihren Weg zu ihm bahnten. „Hallo, guten Morgen. Bist Du heute aus dem Bett gefallen?“ fragte Megan erstaunt.

 

Don lächelte müde und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor sieben. „Ich könnte Euch das gleiche Fragen.“ bemerkte er.

 

„Tja, ich kann die Überstunden gebrauchen.“ konterte Colby wie immer gewohnt trocken.

 

„Colby, wir bekommen keine Überstunden bezahlt.“ klärte David ihn auf.

 

„Ich weiß.“ seufzte Granger. „Was ziemlich traurig ist, weil ich die Überstunden wirklich gut gebrauchen könnte.“ Damit setzte er sich an seinen Schreibtisch und ignorierte die belustigten Blicke seiner Kollegen.

 

„Okay, wie ich sehe, hast Du schon Kaffee aufgesetzt, Don. Das ist sehr gut. Jungs, ich bring Euch 'ne Tasse mit.“ Damit verschwand Megan in Richtung Küche.

 

„Und...“ fragte Don. „Hat sich gestern noch etwas ergeben?“

 

„Nein, gar nichts.“ informierte ihn David. „Es ist frustierend. Die dürftigen Hinweise, die wir haben, führen alle in Sackgassen. Es scheint, als ob dieser Kerl tatsächlich das perfekte Verbrechen begeht.“

 

„Das perfekte Verbrechen, ist nur ein Mythos, Agent Sinclair. Jeder Täter hinterlässt Spuren, man muss nur gründlich genug danach suchen.“ ertönte eine Stimme hinter ihm. „Und manchmal kostet es wertvolle Zeit und Menschenleben.“ Detective Anderson hatte sich zu ihnen gesellt und nickte ihnen nun einen Gruß entgegen.

 

„Pete, guten Morgen.“ begrüßte ihn Don. „Was Neues?“ wollte er wissen.

 

„Ja, leider.“ Der junge Mann atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Amanda Bernstein ist gefunden worden.“

 

 

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„Als Sie sagten, dass der Fundort der nächsten Leiche ganz in der Nähe liegt, da hatte ich allerdings nicht gedacht, dass sie so nah meinten.“ Colby sprach laut aus, was alle dachten.

 

„Tja, das..., ist ein klares Statement.“ bemerkte Megan bitter.

 

„Das kann man wohl sagen.“ bestätigte Detective Anderson.

 

Betreten standen der junge Polizeibeamte sowie Don und sein Team am Tatort, dem nationalen Veteranenfriedhof der Stadt und starrten auf das Gebäude, welches in nicht allzuweiter Ferne in die Höhe aufragte und das FBI-Hauptquartier beherbergte.

 

„Er hat die Leiche quasi vor unseren Augen hier abgelegt. Damit will er zeigen, wie überlegen er sich fühlt. Er mordet direkt vor unserer Nase und wir sind nicht in der Lage ihn aufzuhalten. Das ist seine Botschaft an uns.“ führte Megan aus.

 

Wie an jedem Tatort wimmelte es auch hier wieder von unzähligen Beamten, die alle ihren Aufgaben nachgingen, angefangen von den Streifenpolizisten, die den Fundort der Leiche großzügig absperrten bis hin zu den Beamten der Spurensicherung, die wie emsige Ameisen ausgeschwärmt waren, um jeden noch so unbedeutenden Hinweis zu sichern und im Labor prüfen zu können.

 

Megan wandte sich dem Opfer zu, dass mittlerweile mit einer Plane abgedeckt worden war. „Und wieder ist der Modus Operandi nicht identisch mit den vorherigen Tathergängen. Amanda Bernstein wurde zwar auch erschossen, aber diesmal kommt noch die Verstümmelung als zusätzliche Komponente dazu. Dieser Perverse hat ihr einen Fuß abgeschnitten.“ Sie schüttelte bedrückt ihren Kopf.

 

David trat zu ihr.„Ist der genaue Zeitpunkt des Todes schon bekannt?“

 

„Nein, nicht exakt. Zum jetzigen Zeitpunkt kann der Gerichtsmediziner nur Vermutungen anstellen. Nach ersten Schätzungen ist der Tod zwischen 22.30 Uhr gestern Nacht und 1.30 Uhr heute früh eingetroffen. Gefunden wurde sie um 7.15 Uhr heute morgen vom Friedhofsgärtner. Wieder fast genau 24 Stunden nach Eingang des Notrufs, mit dem ihr Verschwinden festgestellt wurde.“ Detective Anderson hatte das Wort ergriffen.“

 

„Wurde der Friedhofsgärtner schon befragt?“

 

„Nein, noch nicht.“

 

„Kannst Du das Täterprofil schon weiter eingrenzen?“ wollte Don an Megan gewandt wissen.

 

„Nicht wirklich. Der sadistische Tötungsakt illustriert und dokumentiert ein individuelles Bedürfnis. Der Akt der Erniedrigung und Vernichtung ist ein sinnliches Erlebnis und spiegelt die den Täter antreibenden Gedankenvorstellungen wider. Wenn das Ritual seinen Lauf nimmt, der Täter das Opfer einschüchert, bedroht, quält, es verletzt und schließlich tötet, dann kommuniziert er und benutzt dafür den Körper eines anderen Menschen. Nur so kann er sich mitteilen, seinem Verlangen Ausdruck verleihen.“Plötzlich hielt Megan inne. „Was ist?“ fragte Don.

 

„Das ist es...durch die Taten kommuniziert er wirklich mit uns.“

 

„Ach ja, und was will er uns sagen? Das er ein perverser Irrer ist?“ schlug Colby vor.

 

„Es ist nur so ein Gefühl, aber...“

 

„Aber was?“

 

Megan suchte mit ihren Augen nochmals den Tatort ob, ohne sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren. „Schon bei den anderen beiden Morden, hatte ich das Gefühl, dass sie mir irgendwie vertraut vorkamen und jetzt ist es wieder so. Hör zu, Don. Ich will keine unbegründeten Spekulationen aufstellen, momentan ist es auch nur so eine Ahnung. Lass mich zuerst ein paar Nachforschungen anstellen bevor ich meine Vermutungen äußere, ja?“

 

„Du weißt, dass uns jeder noch so kleine Hinweis helfen kann, also...“

 

„Ja, aber noch weiß ich nicht, ob es wirklich Hinweise sind, oder ob ich nur einem Hirngespinst nachjage. Lass mich das zuerst überprüfen. Bitte.“

 

Don wusste nur zur gut, dass er sich auf seine Profilerin verlassen konnte. „Na schön, aber was immer es auch ist, beeil Dich damit. Wir müssen diese Bestie stoppen.“ Sie nickte kurz, drehte sich um und eilte zu ihrem Wagen, um zurück ins FBI zu fahren und sich direkt an die Arbeit zu machen.

 

„David, Colby, nehmt euch den Friedhofsgärtner vor. Vielleicht hat er irgendetwas gesehen. Und wir beide,“ er drehte sich zu Pete, „wir statten mal der CalSi einen Besuch ab und sehen, ob mein Bruder schon irgendetwas bezüglich des Codes in Erfahrung gebracht hat.“

 

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Also so langsam gehen mir wirklich die Ideen aus.“ frustriert warf Charlie das Stück Kreide, dass er umklammert hielt, auf den Tisch und fuhr sich erregt mit der Hand durchs Haar.

 

„Na, das hört sich nicht gut an.“

 

Erstaunt blickten Charlie und Amita zur Tür, wo gerade Don, gefolgt von Detective Anderson, eintrat. Die beiden FBI-Agenten warfen sich einen enttäuschten Blick zu, der auch Charlie nicht entging. Nervös fing er an mit seinen Händen herumzuspielen und räusperte sich, bevor er einen Erklärungsversuch ansetzte: „Wir haben alle Möglichen Varianten von Chiffrierungen ausprobiert, über die Monoalphabetische Substitution, die homophone Verschlüsselung, die Transpositon, bis hin zu den Klassikern wie der Cäsar-, der Vigenère- und der Beagle-Chiffre. Wir haben jede mögliche Permutation versucht. Von links nach rechts, von rechts nach links. Aber es kommt einfach nichts Sinnvolles dabei heraus. Und leider ist die Mitteilung zu kurz für eine Kryptoanalyse. Wenn es länger wäre, dann könnte ich einen Kaczynski-Test machen oder eine Koinzindenzenindexbeurteilung versuchen. Aber wir haben nur 12 Buchstaben, das reicht nicht für eine Häufigkeitsanalyse.“

 

Don bemerkte, wie aufgebracht sein Bruder war. „Hey, Charlie, beruhige Dich erstmal. Ist schon in Ordnung, hörst Du.“ Er klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Doch Charlie schüttelte seine Hand ab und begann sich die Schläfen zu massieren. Ihm war als ob sein Kopf jeden Augenblick explodieren würde.

 

„Charlie, bitte. Mach Dich nicht fertig, weil Du keine Lösung findest. Vielleicht..., vielleicht hat es ja gar nichts mit Mathematik zu tun. Denn eins ist sicher. In Mathe kann Dir keiner was vormachen.“ versuchte Don nochmals auf seinen jüngeren Bruder einzureden.

 

„Ja, vielleicht suchen wir hier wirklich nach einer komplexen Lösung, wo es keine gibt.“ gab Amita zu bedenken.

 

„Aber was sollen diese Mitteilungen denn sonst sein?“ Charlie drehte sich wieder zur Tafel und starrte auf die Buchstabenfolge vor ihm. „Ich bin mir ganz sicher, dass uns das hier etwas mitteilen soll.“

 

„Charlie, vielleicht sollten wir einfach mal eine Pause machen. Wir haben fast die ganze Nacht daran gearbeitet. Wenn wir etwas Abstand...“

 

Doch Charlie unterbrach Amita mitten im Satz. „Nein, wir..., es muss....“ Er stockte, Verzweiflung spiegelte sich in seinen Augen und er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Er musste die Lösung finden, egal um welchen Preis. Don ergriff seinen Arm, schob ihn in die hintere Ecke seines Büros und begann leise auf ihn einzureden.

 

„Ist der immer so zart beseitet?“ fragte Pete an Amita gewandt. Sie lächelte etwas verlegen. „Ich glaube, Charlie hat es ziemlich mitgenommen, dass es schon wieder ein Opfer gab. Und das wir mit dieser Mitteilung hier nicht wirklich weiterkommen.“

 

„Ja, so etwas kann einem wirklich ziemlich an die Nieren gehen. Aber Sie scheinen es wohl etwas besser zu verpacken. Studieren Sie hier?“ fragte Pete interessiert.

 

„Nicht mehr. Ich habe vor kurzem eine Professur hier an der CalSi angenommen.“

 

„Wow, ziemlich beeindruckend. Hübsch und klug. Also ich muss gestehen, dass ich in Mathe eher eine Niete war.“ Er grinste sie schief an. „Obwohl..., wenn ich so eine Matheprofessorin wie Sie hätte, ...wer weiß.“

 

Amita lächelte ihn wieder an und senkte den Blick. Ein Handy klingelte und sie drehte den Kopf in Richtung der beiden Eppes Brüder. Don griff nach seinem Mobiltelefon und klappte es auf. Währenddessen betrachtete Detective Anderson Amita. Sie war wirklich attraktiv, das schwarze, lange Haar lag in sanften Wellen auf ihren Schultern. Ihre dunklen Augen schienen zu funkeln. Sie war eine starke Persönlichkeit, das spürte er und es gefiel ihm. Dieses Lächeln, dieser Mund...

 

„Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte sie ihn und riss ihn aus seinen Gedanken.

 

„Ja, warum?“

 

„Sie starren mich an.“

 

Er räusperte sich und schaute verlegen weg. „Oh, tut mir leid. Das wollte ich nicht. Aber jemand hat mal gesagt, dass man Kunst und Schönheit jederzeit betrachten darf.“ Er zwinkerte ihr zu.

 

„Ja klar.“ schmunzelte Amita und überlegte, ob dieser Polizeibeamte wirklich mit ihr zu flirten versuchte. Doch bevor sie sich mehr Gedanken darüber machen konnte, traten Charlie und Don wieder zu ihnen. Besorgt wandte sie sich an Charlie, der tatsächlich etwas entspannter zu sein schien. „Wieder alles in Ordnung?“ Der junge Professor nickte und verzog den Mund zu seiner seltsamen Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte.

 

Don ergriff das Wort. „Das war Megan. Sie weiß jetzt, was die Kürzel bedeuten. Und es hatte absolut nichts mit Mathematik zu tun. Deshalb seid ihr beiden hier auch nicht weitergekommen.“

 

„Ach ja, Megan hat die Lösung?“ fragte Pete angespannt. „Und... was bedeuten diese Buchstaben?“

 

„Sie wollte am Telefon nicht zuviel erklären. Am besten, wir fahren alle zurück ins FBI und hören uns an, was sie zu sagen hat.“ schlug Don vor, und deutete auch Amita und Charlie mitzukommen.