Kapitel 4

 

„Und Charles, hast Du schon mit ihr gesprochen?“

 

Charlie wandte sich von der Tafel ab, auf die er nun schon seit einiger Zeit starrte, und blickte in Richtung Tür, wo sein Freund und Mentor Professor Larry Fleinhardt an den Rahmen gelehnt zu ihm hinüber sah. Er seufzte tief und legte resignierend die Kreide, die er nun die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, zur Seite. Zum jetzigen Zeitpunkt konnte er sowieso keinen klaren Gedanken fassen.

 

„Charles, Du wolltest sie doch fragen.“ Larry stieß sich vom Türrahmen ab und ging auf Charlie zu, der sich mittlerweile in seinen Stuhl hatte sinken lassen.

 

„Ach Larry. Das ist nicht so einfach. Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist. Wir hatten, außer der Arbeit, nichts worüber wir werden konnten. Es..., es war ein Reinfall.“

 

„Und genau wie beim letzten Mal frage ich Dich auch heute, was ist verkehrt daran, wenn zwei Menschen auf einer Ebene, die so rein und unverfälscht wie die Mathematik ist, miteinander kommunizieren?

 

„Ich weiß auch nicht. Aber es muss doch mehr als das geben, Larry.“

 

„Weißt Du Charles, das Streben nach mehr, liegt in der Natur des Menschen. Aber es ist eine essentielle Erkenntnis, zu begreifen, dass weniger häufig mehr ist. Und die Mathematik, Charles, ist eine reine Wissenschaft, einfach und logisch. Sich ihrer bedienen zu können, ermöglicht unserem Verstand, die unglaublichsten Dinge zu vollbringen. Und jemanden zu finden, der auf dieser Ebene der Kommunikation mit einem kompatibel ist, ist nicht so einfach, glaub mir. Aber in Amita, hast Du so jemanden gefunden.“

 

„Bist Du jetzt der Experte in Sachen Beziehungen, weil Du Megan datest?“ fragte Charlie und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

 

„Es geht hier nicht um mich, sondern um Dich, mein Freund. Also, fass Mut und frag sie endlich.“

 

„Ja, vielleicht hast Du recht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, hm?“ bemerkte Charlie immer noch recht unsicher.

 

„Denk immer daran, Charles, wenn man einen Traum alleine träumt, dann bleibt es meist nur ein Traum, aber wenn zwei einen Traum träumen, dann ist das der Beginn einer Wirklichkeit.“

 

Charlie hielt in der Bewegung inne und sah seinen Freund einen Augenblick an. „Larry, jetzt machst Du mir Angst.“

 

„Ja....“ nickte dieser etwas abwesend und kratzte sich mit der linken Hand am Kopf. „Amors Schwingen haben mir wohl mehr zugesetzt, als ich dachte.“

 

„Ach Larry... Wir und unser Liebesleben, das ist schon was, he?“ Charlie musste unwillkürlich lachen.

 

„Hallo ihr zwei, komm ich ungelegen?“ ertönte plötzlich Don's Stimme. Wieder wandte Charlie seinen Blick in Richtung Tür. „Don? Hallo, nein, nein, komm herein. Wir haben nur, nur,... etwas besprochen.“ schloss er den Satz, ohne auf nähere Einzelheiten einzugehen und nicht sicher, wieviel Don vielleicht von ihrer Unterhaltung mitbekommen hatte. Dieser schmunzelte nur vor sich hin und nahm die Sonnenbrille, die er trug, ab.

 

„Was führt Dich zu mir, Don?“ wollte Charlie wissen.

 

„Wir haben einen neuen Fall, bei dem Du uns hoffentlich helfen kannst. Kannst Du bitte einmal Deine Emails abrufen? Ich habe den leitenden Beamten der Ermittlung vom LAPD gebeten, Dir Kopien von dem Beweismaterial zu schicken.“

 

„Ja klar.“ Sofort ging Charlie um den Schreibtisch herum und klappte seinen Laptop auf. Es dauerte ein Weilchen, bis dieser sich hochgefahren hatte. In der Zwischenzeit erklärte Don ihm kurz, worum es ging:“Bei drei Mordfällen wurde stets eine kurze Notiz am Tatort hinterlassen. Und ein Teil davon, sieht aus wie ein Code. Die Spezialisten vom LAPD konnten nichts darüber herausfinden, also dachte ich mir, dass Du mal einen Blick darauf werfen könntest.“

 

Charlie hatte die besagte Email mittlerweile aufgerufen und betrachtete die Abbildungen der drei Mitteilungen.

 

Sie sind nicht vergessen.

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Sie leben in mir.

DBTBJDEKJBWH

 

Ihr Geist lebt weiter.

DBTBJDEKJBWH

 

„Hm, ja, das könnte eine Chiffrierung sein. Ist etwas kurz und schade, dass sie sich jedes mal einfach nur wiederholt. Mehr Daten versprechen natürlich immer auch mehr Erfolg. Wird ne Weile dauern, bei so wenig Material ein Muster herauszufinden.“ bemerkte Charlie.

 

„Okay. Nicht gut, aber okay.“ seufzte Don und setzte sich auf die Kante von Charlies Schreibtisch, was den jungen Professor dazu veranlasste, besorgt zu seinem Bruder auf zu sehen. „Ist noch etwas, Don?“

 

„Wir gehen davon aus, dass das Opfer vielleicht noch lebt. Und diese Notizen sind bis jetzt unser einziger Anhaltspunkt, den wir in Bezug auf den Mörder haben. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit.“

 

„Und wie viel Zeit haben wir?“

 

Don sah auf seine Armbanduhr und überschlug grob die noch verbleibenden Stunden. Etwas gequält antwortete er: „Maximal noch 20 Stunden, eher weniger.“

 

„Ich verstehen. Ich werde sehen, was ich machen kann. Vielleicht kann Amita mir nachher noch etwas helfen.“ dabei warf Charlie einen verschwörerischen Blick zu Larry, den dieser nur mit einem Nicken beantwortete.

 

Don erhob sich von Charlies Schreibtisch und griff nach seiner Sonnenbrille, doch dann zögerte er kurz: „Charlie..., kann ich Dich vielleicht noch kurz unter vier Augen sprechen?“ Sein jüngerer Bruder sah ihn fragend und leicht besorgt an. Larry dagegen räusperte sich kurz und erhob sich aus dem Stuhl, in dem er zwischenzeitlich Platz genommen hatte. „Tja, ich muß sowieso noch etwas für ein Experiment vorbereiten, dass ich heute mit meiner Physikklasse durchführen wollte. Dann lass ich Euch mal allein. Wir sehen uns, und Charles, denk an meine Worte vom Traum und der Wirklichkeit.“ Damit trottete er aus dem Raum.

 

Don warf ihm einen irritierten Blick hinterher, vermied es aber Charlie nach Details zu fragen, da dieser nur abwehrend mit den Schultern zuckte und den Kopf schüttelte. „Was hast Du auf dem Herzen, Don?“

 

Don fuhr sich mit der Hand durchs Haar und war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, die Angelegenheit von heute morgen mit Charlie zu besprechen. Aber es beschäftigte ihn doch, also fing er einfach an: „Hast Du unseren neuen Hausgast schon kennengelernt?“

 

„Du meinst J.J?“

 

Don nickte. „Ja, genau die meine ich. Was hältst Du davon?“

 

„Sie scheint ganz nett zu sein. Und Dad ist total aus dem Häuschen, dass er endlich mal wieder jemanden bemuttern darf. Er hat heute morgen extra für sie Pancakes gemacht."

 

„Und Du findest das okay?“

 

„Was? Das er Pancakes gemacht hat? Worauf willst Du eingentlich hinaus, Don?“

 

„Worauf ich hinaus will, Charlie? Sie hat sich mir als Dads Freundin vorgestellt. Sie kennen sich seit drei Monaten und eigentlich lebt sie in San Francisco, aber Dad hätte sie genötigt, endlich nach L.A. zu ziehen. Darauf will ich hinaus....“

 

Charlie sah seinen großen Bruder fassungslos an.„Du meinst, Dad und J.J. sind....?“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. Schon allein die Vorstellung daran ließ ihn innerlich erschaudern. „Aber... sie könnte doch glatt seine Tochter sein?“

 

Frustration spiegelte sich in Dons Gesicht. „Ich weiß. Wir,... wir müssen mit Dad reden.“

 

Diesmal war es Charlie der sein Gesicht verzog. „Ich weiß nicht, Don. Er ist ein erwachsener Mann. Was..., was willst Du ihm denn sagen? Dass uns seine neue Freundin nicht passt? Wir haben sie noch nicht einmal wirklich kennen gelernt.“

 

Ein Handy begann zu klingeln. Die beiden Brüder sahen sich kurz irritiert an, bevor Don begriff, dass es sein Mobiltelefon war. Er nahm es aus der Gürtelhalterung und klappte es auf.

 

„Eppes!...Dad.... ja. ...bei Charlie.... ja....Heute? Ich weiß nicht, Dad, ich.....na gut....Ja... Ja, ich werde es ihm sagen. Bye, Dad.“

 

Langsam klappte er sein Handy zu und verstaute es wieder an seinem Gürtel. „Das war Dad.“

 

„Ja, das habe ich schon mitbekommen. Was wollte er?“ fragte Charlie neugierig.

 

„Tja, schätze, heute abend wirst Du Gelegenheit bekommen, Dads neue Freundin besser kennen zu lernen. Er hat uns gerade für heute um halb neun zum Abendessen eingeladen und Du sollst auch Amita mitbringen.“

 

Eine Weile sahen sie sich schweigend an, und jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen, bis es Charlie war, der das Schweigen brach: „Anscheinend macht er also wirklich Nägel mit Köpfen.“

 

„Sieht wohl danach aus.“ bestätigte Don. „Okay, hör mal. Ich muss jetzt wieder zurück ins Büro. Lass uns heute abend abwarten und dann können wir uns immer noch beratschlagen, wie wir vorgehen wollen, was Dad anbelangt. Und was den Fall betrifft, die Zeit drängt, Charlie. Kannst Du Dich bitte direkt daran setzen? Es könnte ein wertvoller Hinweis sein, wo sich das dritte Opfer aufhält. Vielleicht können wir dann das Schlimmste noch verhindern.“

 

Der junge Professor nickte zustimmend. „Ich mach mich sofort an die Arbeit und lass Dich wissen, sobald ich etwas habe.“

 

„Danke. Wir hören voneinander.“ Damit setzte er die Sonnenbrille wieder auf und machte sich auf den Weg zurück ins FBI-Hauptquartier.

 

 

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Das Licht fiel nur dürftig durch das dichte Blätterdach der Bäume. Die Luft war stickig und schwül, der Boden schien zu dampfen und leichte Nebelschwaden hatten sich vereinzelt gebildet. In der Ferne konnte man das leise Rauschen eines Baches vernehmen und Vögel zwitscherten hier und da ein trauriges Lied.

 

Sie rannte.

Einfach gerade aus.

Nur weg von ihm.

Ihr Atem ging keuchend, immer wieder peitschten ihr Zweige ins Gesicht und schnitten ihre zarte Haut auf. Immer wieder stürzte sie über aufragende Wurzeln oder verstreute Äste. Sie spürte kaum noch die Schmerzen ihrer nackten Füße, die geschunden und völlig aufgerissen von dem zum Teil steinigen Boden waren. Das Blut pulsierte in ihren Adern, ihr Puls raste wie verrückt. Immer wieder sah sie sich panisch um, versuchte sich zu orientieren, versuchte zu erkennen, ob sie ihn endlich abgeschüttelt hatte.

 

Ihr schwarzes, sonst seidig glänzendes Haar, hing stumpf und kraftlos herunter. Einzelne Strähnen hatten sich über ihr schweissnasses Gesicht gelegt und behinderten ihre Sicht.

Ein Knacken drang an ihr Ohr.

Aber wo?

Sie blieb stehen.

Zwang sich ruhiger und leiser zu atmen, um die Geräusche besser einordnen zu können.

Hektisch drehte sie sich zu allen Seiten.

Stille.

Wieder ein Knacken.

Sie blickte nach rechts.

Dann nach links.

War jemand hinter ihr?

 

„Amanda?“ erklang plötzlich eine Stimme. „Lauf doch nicht weg. Du willst doch ein braves Mädchen sein, nicht wahr?“

 

Sie torkelte ein paar Schritte zurück und stürzte über einen verrotteten Baumstamm, wobei sie sich die Hand an einem scharfen Stein aufschnitt. Ein heißer Schmerz durchzog ihren ganzen Arm und rotes Blut quoll aus der Wunde. Aber sie achtete nicht darauf. Alles was zählte, war ihm zu entkommen. Wieder rappelte sie sich mühsam auf. Ihr wurde schwindelig vor Augen und fast wäre sie erneut gestürzt, doch plötzlich hatte, wie aus dem Nichts, eine Hand ihren Arm ergriffen und sie vor dem Sturz bewahrt.

 

Amanda schloss die Augen und stöhnte gequält auf. Das konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Sie begann wieder zu schluchzen.

 

„Sssscht. Nicht weinen. Alles wird gut. Jetzt habe ich Dich ja gefunden.“ Flüsternd, ja fast zärtlich drang die Stimme ihres Peinigers an ihr Ohr.

 

„Bitte..., bitte lassen Sie mich gehen.“ flehte sie kaum hörbar.

 

„Oh Amanda, ich kann Dich nicht gehen lassen. Das weißt Du doch. Und jetzt sei ein braves Mädchen und komm.“

 

Tränen schossen ihr in die Augen und vermischten sich mit dem Blut, das aus den zahlreichen Schnittwunden langsam über ihr Gesicht rann. Eine seltsame Apathie erfasste sie und völlig teilnahmslos ließ sie sich mit sich ziehen. Sie hatte keine Kraft mehr sich zu wehren.