Kapitel 3

 

Langsam bog Don mit seinem schwarzen Suburban in die Marguerita Avenue ein. Es war eine der wirklich guten Adressen der Stadt, viele kleine und auch größere Einfamilienhäuser mit akkurat gepflegten Vorgärten reihten sich aneinander. Rechtsanwälte, Ärzte und Akademiker bildeten den Großteil der Anwohner hier. Die Verbrechensrate war dementsprechend sehr niedrig, selbst die Einbruchrate hielt sich konstant unten. Das plötzliche Polizeiaufgebot sorgte dementsprechend für einiges Aufsehen. Schon von weitem konnte er die blinkenden Lichter der Polizeiwagen sehen, sowie eine Schar von Beamten, die den Tatort nach Spuren absuchten. Einige Bewohner hatten sich vor ihren Häusern zusammengefunden, beobachteten das Geschehen oder tauschten sich mit ihren Nachbarn aus. Fragten sich, was wohl der Grund für diesen Einsatz wäre.

 

Don parkte seinen Wagen direkt vor der Auffahrt und stieg aus. Er zeigte kurz seine Marke und wurde sofort durch die Absperrung hindurchgelassen. Neugierig sah er sich in dem hektischen Treiben um. Wie an jedem Tatort herrschte hier eine emsige Geschäftigkeit. Die Spurensicherung war bereits vor Ort und suchte das gesamte Grundstück nach brauchbaren Hinweisen ab, Fotos wurden aufgenommen, überall klickten und blitzten Kameras auf. Er entdeckte Megan, die mit einem Beamten in Zivil vor dem Haus stand und eine Unterhaltung führte. Als auch sie ihn erblickte, winkte sie ihm kurz zu, wechselte noch ein paar Worte mit dem jungen Mann und ging ihrem Teamleader schließlich entgegen.

 

„Hi, Don. Gut das Du da bist.“ begrüßte sie ihn.

 

„Hallo. Was haben wir hier?“ er nahm seine Sonnenbrille ab und verstaute sie in der Innentasche seines Jacketts.

 

„L.A.P.D hat uns an diesen Tatort hinzu geholt.“ begann Megan ihn aufzuklären.

 

Don hob skeptisch eine Augenbraue. „Wie kommt's?“

 

„Es könnte sein, dass wir es hier mit einem Serientäter zu tun haben. Das Opfer, Amanda Bernstein, ist die Dritte, die unter den gleichen Umständen verschwunden ist. Aber am besten wäre es, wenn Dir Detective Anderson, vom LAPD alles erklärt. Er ist von Anfang an, an dem Fall dran und kennt den Stand der Ermittlungen wie kein anderer. Er ist es auch, der um unsere Unterstützung gebeten hat. Komm mit. Ich mache Euch beiden bekannt.“ Damit dreht sie sich um und bahnte sich ihren Weg zurück ins Haus während Don ihr folgte.

 

Sie betraten das Haus durch die schwere Eichtür. Don blieb im Türrahmen stehen und blickte sich kurz um. Die ganze Einrichtung wirkte edel und teuer. Der Boden war mit hellem Marmor verkleidet, in der Mitte der Eingangshalle lag ein Perserteppich. Der helle und gemütlich wirkende Terracottaton, in dem die Wände gestrichen waren und die Bilder mit toskanischen Motiven verliehen der Eingangshallen einen mediteranen Stil. Auch hier waren zahlreiche Polizeibeamte mit der Spurensicherung beschäftigt. Megan ging zielsicher auf den jungen Mann zu, mit dem sie bereits vorher gesprochen hatte. Don schätze ihn auf Anfang dreißig, er war groß und athletisch gebaut, hatte leicht rötliches Haar und Sommersprossen.

 

„Pete, ich möchte Ihnen meinen Boss vorstellen, Special Agent Don Eppes. Und das hier ist Detective Peter Anderson.“ ergriff Megan das Wort.

 

Die beiden Männer gaben sich die Hände und Anderson grinste Don an. „Tja, kommt nicht oft vor, dass wir Euch Jungs freiwillig bitten uns zu helfen, was?“

 

Don erwiderte das Grinsen. „Sie wissen ja, wir stehen immer gerne mit Rat und Tat zur Seite.“

 

Es war ein offenes Geheimnis, dass die Polizei und das FBI, wenn sie auch auf der selben Seite des Gesetzes standen, stets in einem internen Wettbewerb standen, wer wohl die bessere und effektivere Behörde war. Und beide gaben nicht gerne die Lorbeeren für einen gelösten Fall ab. Also wurde stets um die Zuständigkeiten gefeilscht, besonderes dann, wenn man doch mal an einem Fall gemeinsam arbeitete.

 

„Ja, natürlich.“ schmunzelte Pete. „Wie dem auch sei, hierbei brauchen wir echt etwas Unterstützung, auch wenn ich es ungern zugebe.“ Er wandte sich an den Sergant, der neben ihm stand. „Tommy, schnappen Sie sich ein paar Streifenbeamte und fangen Sie schon mal an die Nachbarn zu befragen, ob jemand irgendetwas Verdächtiges bemerkt hat. Okay?“ Der junge Mann nickte und marschierte sofort los. Dann wandte Anderson sich wieder an Don und Megan. „Lassen Sie uns ins Schlafzimmer nach oben gehen. Da kann ich Ihnen zeigen, was wir haben.“Er deutete an ihnen vorbei zur Treppe und ging vor.

 

„Vielleicht könnten Sie mich ja schon mal ins Bild bringen, womit wir es hier zu tun haben.“ bat Don, während sie ihm die Stufen hinauf folgten.

 

„Oh, natürlich. Ich war der Meinung, Sie wüssten schon Bescheid. Also, wir denken, dass wir es hier mit einem Serienkiller zu tun haben und dass Amanda Bernstein sein drittes Opfer ist.“

 

„Und wie kommen Sie darauf, dass es sich um einen Serienkiller handelt?“ warf Don ein.

 

Pete hielt inne und drehte sich zu den beiden FBI-Agenten um. „Eigentlich können wir das auch noch nicht hundertprozentig bestätigen. Ist so ein Gefühl, dass ich habe.“

 

„Ein Gefühl?“ Don hob skeptisch seine Augenbraue.

 

„Nun, die Vorgehensweise bei den Morden, ist nicht immer die selbe, aber es gibt doch einige Gemeinsamkeiten bei den äußeren Umständen. Bei den Opfern handelt es sich ausschließlich um junge, hübsche, dunkelhaarige und erfolgreiche Frauen, die sich im Berufsleben durchgesetzt haben. Amanda Bernstein ist Uniproffessorin, das zweite Opfer, Madeleine Cummings, war Verlagschefin und das erste Opfer, Jessica Todd war Chirurgin. Alle drei befanden sich zur Zeit nicht in einer feste Beziehung. Weitere Gemeinsamkeiten der Opfer konnten wir aber bisher nicht finden. Sie haben sich nicht gekannt, hatten keine gemeinsamen Bekannten, verkehrten nicht in den selben Kreisen, wohnten in unterschiedlichen Stadtteilen. Aber ... was diese Morde offensichtlich miteinander verbindet, ist die Tatsache, das wir darauf aufmerksam gemacht wurden. Wahrscheinlich vom Täter selbst.“

 

„Wie meinen Sie das?“

 

„Bei allen drei Opfern ging in den frühen Morgenstunden beim LAPD ein Notruf ein. Es handelte sich um einen Computer generiertern Anruf. Er war zu kurz, als dass man ihn zurückverfolgen könnte. Es wurde lediglich der Name und die Adresse eines der Opfer durchgegeben. Dann wurde der Anruf automatisch beendet. Routinemäßig haben wir jedesmal eine Streife rausgeschickt und es bot sich immer das gleiche Bild. Die Eingangstür ist geöffnet, aber nirgends gibt es Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen, oder darauf, dass jemand da ist. Unsere Männer sind also hinein, und konnten nichts Auffälliges entdecken, dass auf ein Verbrechen hinweisen würde. Beim ersten Opfer sind wir noch davon ausgegangen, dass es sich um einen versuchten Einbruch gehandelt hat, der wohl misslungen ist. Erst als wir Jessica Todd genau 24 Stunden nach Eingang des Notrufs tot aufgefunden haben, war klar, dass mehr dahinter gesteckt hat.“

 

„Wo wurden die Opfer gefunden?“ wollte Don wissen, der bislang aufmerksam zugehört hatte.

 

„Auch das ist unterschiedlich. Jessica Todd tauchte 24 Stunden später tot am Huntigton Beach auf. Und Madeleine Cummings wurde in einem Motel in Burbank gefunden..“ Mittlerweile hatten sie die erste Etage erreicht und Anderson blieb vor einer geöffneten Tür stehen. Er deutete ihnen einzutreten.

 

Don ließ Megan den Vortritt und wandte sich an den jungen Detective. „Wenn die Taten so unterschiedlich waren, warum gehen Sie dann von ein und dem selben Täter aus?“

 

Anderson blickte ihn an. „Er hinterlässt quasi seine Unterschrift. Sehen Sie selbst.“

 

Sie betraten den Raum. Don ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Wie bereits in der Eingangshalle unten, war auch dieser Raum geschmackvoll eingerichtet. Neben dem großen kirschbaumfarbenen Bett, komplettierten ein riesiger Kleiderschrank mit herrlichen Schnitzereien sowie eine Kommode und ein kleiner Tisch samt Spiegel die Einrichtung. Sowohl die Bettwäsche als auch die Vorhänge waren aufeinander abgestimmt und verliehen dem Raum durch das florale Muster eine angenehm feminine Note.

 

Anderson räusperte sich kurz und zeigte aufs Bett. Fast hätte Don sie übersehen. Mitten auf dem riesigen Bett plaziert, lag ein rote Rose, die sich kaum von der geblümten Bettwäsche abhob. Daneben befand sich ein kleiner Zettel. Don runzelte die Stirn und blickte Anderson fragend an.

 

„Bei allen drei Opfern wurde eine rote Rose gefunden. Dieses Detail haben wir der Presse nicht genannt. Es muss sich also um ein und denselben Täter handeln.“

 

Don nickte langsam und beugte sich übers Bett um die Notiz besser betrachten zu können. „Was ist mit den Nachrichten? Hinterlässt er die auch immer?“ wollte er wissen.

 

„Ja, auch davon wusste die Presse nichts.

 

“Tja, anscheinend haben wir es hier wirklich mit einem Serienkiller zu tun.“

 

Megan hatte sich bislang im Hintergrund gehalten, doch jetzt trat sie vor. Sie hatte bereits Latexhandschuhe übergestreift und schaute den leitenden Beamten der Spurensicherung an. „Darf ich?“ fragte sie und zeigte auf die Notiz. „Nur zu, die Bilder haben wir bereits im Kasten. Den Zettel benötigen wir allerdings für eine DNA-Analyse. Hier...“ er reichte ihr eine kleine Plastiktüte, „wenn Sie fertig sind, einfach eintüten, und an einen meiner Leute zurückgeben. Dann können wir es auf dem schnellsten Weg ins Labor bringen.“

 

„Jawohl, Sir.“ erwiderte sie mit einem Grinsen und nahm die Plastiktüte entgegen. Der junge Mann grinste keck zurück, hob seine Ausrüstung auf und verließ pfeifend den Raum. Immer noch lächelnd schüttelte Megan den Kopf und drehte sich wieder dem Bett zu. Vorsichtig nahm sie die Notiz und las die Nachricht laut vor: "Ihr Geist lebt weiter. DBTBJDEKJBWH"

 

„Was soll das sein?“ Megan runzelte die Stirn. „Also, für mich klingt das ganz wie ein Code.“ bemerkte Don und sah sie wissend an. „Haben die anderen Nachrichten auch so ausgesehen?“ er wandte sich an Detective Anderson. Dieser nickte bestätigend. „Ja. Nur der einleitende Satz ist immer etwas anders. Bei den beiden anderen Fällen hieß es: 'Sie sind nicht vergessen.' und 'Sie leben in mir.' Und dann folgte immer die gleiche Buchstabenabfolge.“

 

„Schon eine Vermutung, was das bedeuten soll?“ fragte Megan, während sie die Notiz immer noch betrachtete. Der junge Polizeibeamte fuhr sich mit der Hand über das Kinn und schüttelte den Kopf. „Nein, unsere Spezialisten haben bisher nichts herausgefunden.“

 

„Tja, dann werde ich wohl Charlie einen Besuch abstatten, was?“

 

„Charlie?“ Pete sah Don irritiert an.

 

„Charlie ist mein Bruder. Er ist Professor für angewandte Mathematik an der CalSi und er berät das FBI bei einigen Fällen. Vielleicht kann er uns hiermit weiterhelfen. Wenn es ein Code ist, dann knackt Charlie ihn garantiert.“

 

„Einen Versuch ist es wert. Ich kümmere mich darum, dass Sie Kopien von allen drei Mitteilungen bekommen.“

 

„Danke. Sie haben gerade gesagt, das die anderen Opfer immer 24 Stunden nach Eingang des Notrufs gefunden wurde?“

 

„Ja, das ist richtig.“

 

„Heißt das, dass Amanda Bernstein jetzt vielleicht noch lebt?“ Megan blickte alamiert auf.

 

„Unter Umständen ja. Die Autopsie hat stets ergeben, dass die Opfer beim Auffinden nur einige wenige Stunden tot waren.“bestätigte Detective Anderson.

 

„Also ist ein ein Spiel gegen die Zeit. Nun gut, Pete. Halten Sie uns auf dem Laufenden, ob die Befragung der Nachbarn etwas ergeben hat. Und wir kümmern uns um die Mitteilungen.“ Don griff in die Innenseite seines Jacketts und holte eine Visitenkarte hervor. „Wäre prima, wenn Sie die Kopien von den Notizen an diese Email-Adresse senden könnten.“

 

„Klar, kein Problem. Ich werde es sofort veranlassen.“

 

„Na, dann gebe ich die hier wohl besser Ihnen.“ Lächelnd reichte Megan ihm die letzte Notiz, die sie mittlerweile in der kleinen Plastiktüte verstaut hatte. Sie verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg. Wieder unten in der Eingangshalle angekommen, kamen den beiden David und Colby entgegen.

 

„Na, auch schon den Weg hierhin gefunden?“ bemerkte Megan herausfordernd und grinste die beiden an.

 

„Ha, ha.“ bemerkte Colby trocken und wandte sich an Don. „Was haben wir hier?“

 

„Allem Anschein nach, einen Serienkiller. Megan wird euch im Büro über die Einzelheiten aufklären. Ich mache mich jetzt direkt auf den Weg zur CalSi. Charlie kann uns wahrscheinlich helfen.“

 

„Ja...“ seufzte Colby und dachte mit Grauen daran, dass ihm dann wahrscheinlich auch wieder eine unfreiwillige Mathestunde bevorstand.