Kapitel 2

 

„Na toll...“ Don schlug die Augen auf. Sein Nacken schmerzte und er fühlte bereits wie dumpfe Kopfschmerzen langsam aufzogen. Warum lag er hier auf der Couch? Ach ja, sein Zimmer war belegt gewesen, von dieser Unbekannten, die sich als Freundin seines Vaters vorgestellt hatte.

 

Langsam erhob Don sich von seinem unbequemen Nachtlager und setzte sich auf. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es erst kurz nach sechs Uhr morgens war. Die Sonne erhellte mit ihren ersten Strahlen den Raum. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Unentschlossen fuhr er sich durchs Haar. Sein Plan, nach einer überaus harten Woche, hier die nötige Ruhe zu finden war wohl gründlich fehlgeschlagen. Er fühlte sich erschöpft und war müde, aber er wusste genau, dass es keinen Zweck hatte sich nochmals hin zu legen. Schließlich wollte er um acht wieder im Büro sein. „Was soll's...“ dachte er sich und entschied aufzustehen. Vielleicht würde eine Dusche seine Lebensgeister wieder etwas entfachen. Also trottete er ins Badezimmer. Doch seine Gedanken kreisten immer wieder um diese January Johnston.

 

'Eigentlich bin ich eine Freundin von Alan' hallten ihm ihre Worte durch den Kopf. Er musste unbedingt mit Charlie sprechen. Vielleicht konnte er etwas Licht in diese Angelegenheit bringen.

 

Lange ließ er das heiße Wasser über seinen Rücken strömen und spürte, wie seine verkrampften Muskeln sich unter der Wärme zu entspannen begannen. Nachdem er fertig war, zog er sich ein frisches Hemd an, dass eigentlich seinem Vater gehörte und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Leichte Schatten hatten sich unter seinen Augen gebildet, die von den Strapazen seines harten Jobs und auch von der letzten Nacht zeugten. Doch die Dusche hatte ihm tatsächlich gut getan. Er fühlte sich frisch, bereit für den neuen Tag und war gespannt, was dieser wohl so mit sich bringen würde. Im Haus waren noch keine Geräusche zu hören, also beschloss er schon mal die Tageszeitung von draußen zu holen und im Garten etwas die Sonne zu genießen, die bereits jetzt eine wohlige Wärme ausstrahlte. Solche ruhigen Momente boten sich ihm eher selten. Und irgendwie bedauerte er es einen Augenblick lang, dass sein Leben so an ihm vorbei zu rasen schien und seine Arbeit es ihm bislang erschwerte, öfter einfach mal abzuschalten.

 

Er atmete tief durch und machte es sich schließlich in einer Gartenliege gemütlich.

 

Es verging etwas Zeit, bis er Stimmen vernahm. Er spitzte die Ohren. Ja, eindeutig sein Vater und ...January.

 

„Die Rosensträucher hat meine Frau gepflanzt. Sie hatte wahrlich ein Händchen dafür.“ Alan hielt inne und seufzte kaum merklich. J.J. blickte ihn mitfühlend an und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Das muss bestimmt sehr schwer für Dich gewesen sein. Es tut mir sehr leid.“ Alan nickte. „Ja,.. aber..., das Leben muss schließlich weitergehen.“ Er räusperte sich und fuhr fort. „Also...wie wär's mit Pancakes zum Frühstück?“

 

„Pancakes?“ sie lachte auf. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Pancakes gegessen habe. Aber ja, gerne. Soll ich Dir zur Hand gehen?“

„Nein, auf keinen Fall. Du bist hier Gast. Also setzt Dich und ruh Dich noch etwas aus.“

„Ach Alan,...“ J.J. drehte sich in seine Richtung und sah ihm direkt in die Augen. „... Du verwöhnst mich.“

„Ja, mag sein. Aber es ist mir ein Vergnügen.“

Sie hielt kurz inne, zögerte einen Augenblick, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke.“ haucht sie ihm entgegen. Alan lächelte sie leicht verlegen an, machte dann kehrt und verschwand wieder im Haus.

 

Don runzelte die Stirn. Er hatte die kurze Unterhaltung mitbekommen ohne dass die beiden ihn bemerkt hatten und wusste nun nicht, wie er mit dem Gehörten umgehen sollte. Lief da tatsächlich etwas zwischen seinem Vater und dieser January? Er wollte sich das lieber nicht vorstellen. Immerhin konnte sie Alans Tochter sein.

 

J.J. schritt in den Garten hinaus und sah zufrieden gen Himmel. Don nutzte die Gelegenheit und beobachtete sie einen Augenblick lang. Sie war nicht besonders groß und heute trug sie ein leichtes weißes Leinenkleid, dass ihre schlanke Figur exzellent betonte. Das auberginefarbene Haar war locker hochgesteckt, und einige widerspenstige Strähnen hatte sich frech aus ihrer Haarklammer gelöst. Sie dreht ihm den Rücken zu, aber er konnte spüren, dass sie lächelte. Eins musste er seinem alten Herren lassen, er hatte Geschmack.

 

„Sieht so aus, als ob es ein herrlicher Tag werden würde.“ ergriff er schließlich das Wort während er sie taxierte. Sie drehte sich verdutzt um und sah ihn fragend an. Dann hellte sich ihre Miene auf und sie schmunzelte. „So angezogen hätte ich Sie fast nicht erkannt. Guten Morgen. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“ antwortete sie und wich seinem herausfordernden Blick nicht aus.

 

Don dachte an seinen immer noch etwas schmerzenden Nacken und das er kaum ein Auge zugetan hatte, aber er entschied sich nicht weiter darauf einzugehen.„Nun, wir haben uns gestern nicht so richtig vorgestellt.“, sagte er stattdessen und erhob sich von seinem Liegestuhl. Mit ausgestreckter Hand ging er auf sie zu. „Don Eppes.“

Sie blickte ihn belustigt an, ergriff aber seine Hand mit festem Druck. „Nennen Sie mich J.J..“ sagte sie knapp und machte keinerlei Anstalten, mehr von sich preis zu geben.

 

„Die Freundin meines Vaters.“ ergänzte er daraufhin.

 

„Ja, ganz genau.“ Sie schmunzelte und wieder zeigte sich ihr Kinngrübchen.

 

„Und, leben Sie auch hier in LA.?“

 

„Noch nicht, aber bald. Alan hat mich quasi dazu genötigt. Er meinte, die ständige Fahrerei zwischen San Francisco und Los Angeles wäre unsinnig.“

 

„So, so, mein Vater hat Sie also genötigt? Wie lange kennen Sie ihn denn schon?“ Dons Neugierde war endgültig geweckt.

 

„Gute drei Monate.“ entgegnete sie.

 

„Drei Monate?“ fragte er ungläubig und schüttelte langsam den Kopf.

 

„Was soll ich sagen, es ging alles so schnell. Das ist normalerweise nicht meine Art, aber es hat einfach alles gepasst.“ Sie steckte ihre Hände in die Taschen ihres Kleides und zuckte etwas verlegen mit den Schultern.

 

Also doch. Don konnte es nicht fassen. Sein Vater und diese Frau. Er strich sich mit der Hand über den Mund, der plötzlich wie ausgetrocknet schien. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sein Vater nach dem Tod ihrer Mutter allein bleiben würde. Und wie oft hatten Charlie und er ihn ermuntert auszugehen und neue Bekanntschaften zu machen. Aber das hier....? Wie alt mochte sie sein. Anfang dreißig? Gingen jetzt die Hormone mit seinem Vater durch?

 

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ fragte J.J, die sein fassungsloses Gesicht bemerkt hatte.

 

„Meine Frau hatte ein ganz besonderes Rezept für Pancakes.“ erklang plötzlich Alans Stimme von Innen. Mit einer Schüssel und einem Rührbesen bewaffnet erschien er in der Tür „Sie hat...“Als er Don erblickte hielt er inne und sah ihn überrascht an. „Oh, Donnie. Du hier? Seid wann bist Du da? Ich habe Dich gar nicht kommen gehört.“

 

Eine spannungsgeladene Stille entstand. Don sah von seinem Vater zu J.J. und wieder zurück. „Ähm... ich bin bereits seit gestern hier.“

 

„Wirklich?“ stellte Alan irritiert fest und nickte bedächtig.

 

„Wirklich.“

 

„Tja, wie ich sehe, habt ihr beiden euch bereits kennengelernt.“

 

„Ja, wir sind uns schon über den Weg gelaufen.“ stimmte J.J. zu und ein verschwörerisches Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, als sie Don direkt in die Augen sah.

 

Alan, dem die Spannung zwischen den beiden nicht entging, runzelte die Stirn. „Hmm...Ich wusste nicht, dass Du kommst. Ich hatte J.J. angeboten, in Deinem Zimmer zu übernachten.“

 

„Ja, das habe ich gemerkt. Deshalb habe ich auf der Couch geschlafen. Und wie ich nun gehört habe, gibt es heute Pancakes.“ diesmal warf Don seinem Vater einen herausfordernden Blick zu.

 

„Ja, ja... ich dachte... ich mach... naja, ist ja auch egal, was ich dachte.“ geräuschvoll begann Alan die Teigmischung umzurühren.

 

„Dad, kann ich Dich mal kurz sprechen?“ bat Don schließlich.

 

Alan musterte ihn fragend und sah unschlüssig zu J.J..

 

„Tja, dann werde ich wohl nochmal oben nach meinen Sachen sehen.“ entgegnete diese und wollte der kommenden Vater-Sohn-Debatte nicht im Wege stehen. Sie nickte beiden lächelnd zu und verschwand im Haus.

 

„Kannst Du mir mal verraten, was das gerade sollte?“ wollte Alan aufgebracht wissen. „Habe ich Dir etwa so ein Benehmen beigebracht?“

 

„Benehmen? Das fragst Du mich? Was ist los mit Dir Dad? Wann hattest Du vor uns davon zu erzählen?“

 

„Euch wovon zu erzählen?“

 

„January Johnston.“

 

Alan zuckte zusammen und hob eine Augenbraue. „Ich wusste nicht, dass es Euch interessieren würde.“

 

„Nicht interessieren?“, ungläubig schüttelte Don den Kopf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

 

„Wann sollte ich es Dir auch erzählen. Du hast Dich die ganze Woche nicht einmal blicken lassen.“ bemerkte Alan mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton in der Stimme.

 

Abwehrend hob Don eine Hand. „Dad, bitte. Nicht jetzt. Wir werden nicht wieder über meine Arbeit diskutieren. Außerdem wollen wir nicht vom Thema abkommen. Wie kannst Du denken, es würde uns nicht interessieren?“

 

Alan schnaubte und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch in diesem Augenblick klingelte Dons Handy. „Verdammt. Immer im falschen Moment.“ Er zögerte etwas, griff aber schließlich doch nach seinem Mobiltelefon und klappte es auf. „Eppes.“ meldete er sich.

 

„Hi Don. Ich bin's Megan. Wir haben einen neuen Tatort. Du brauchst also gar nicht erst ins Büro zu fahren. Die Adresse lautet 347 Marguerita Avenue in Santa Monica. David und Colby informiere ich auch sofort.“

 

„Was haben wir denn?“

 

„Komm erst mal her. Über alles weitere sprechen wir dann.“

 

„Verstanden. Ich mache mich sofort auf den Weg.“ Damit unterbrach er die Verbindung und klappte sein Handy wieder zu. Er seufzte und fuhr sich sichtlich frustriert mit beiden Händen durchs Gesicht. Das war der Nachteil bei seiner Arbeit. Man musste stets auf Abruf bereit sein, egal ob es einem gerade passte oder nicht. Und meistens mussten private Angelegenheiten warten. „Tut mir leid, Dad. Aber ich muss jetzt gehen.“

 

„Ein neuer Fall.“ bemerkte Alan und zog eine Augenbraue in die Höhe. Es war mehr eine Feststellung denn eine Frage.

 

„Ja.“ er nickte bedächtig mit dem Kopf. Gerne hätte er die Angelegenheit sofort mit seinem Vater ausdiskutiert, aber die Arbeit ging nun mal vor. Er seufzte: „Hör zu, wir reden heute abend weiter, okay? Ich werde versuchen nochmal hereinzukommen.“ Er griff nach seiner Jacke und nickte Alan kurz zum Abschied zu. Doch dieser zuckte nur resignierend mit den Schultern. Mittlerweile hatte Alan sich damit abgefunden, dass die Arbeit bei Don immer Vorrang haben würde. Das war offensichtlich auch der Grund, warum sein Sohn,... warum seine beiden Söhne nicht in der Lage waren eine vernünftige Beziehung aufzubauen.

 

Don war so sehr damit beschäftigt, Verbrecher hinter Gitter zu bringen, dass ihm kaum Zeit für etwas anderes blieb. Sicherlich, er war gut in seinem Job, sehr gut sogar. Aber war es diesen Preis wert? Auf eine eigene Familie zu verzichten?

 

Und Charlie? Mit seinen Zahlen und den ganzen Formeln lebte er meist in seiner eigenen kleinen Welt, die für Alan immer noch recht schwierig zu verstehen war. Obwohl er zugeben musste, dass Charlie durch seine enge Zusammenarbeit mit Don in den vergangenen Jahren wesentlich zugänglicher geworden war. Und es gab immer noch Amita. Alan mochte sie, sie war ein cleveres und hübsches Mädchen, aber wenn Charlie nicht bald in die Gänge kam, dann würde auch diese Beziehung - wenn man sie denn so nennen konnte - im Sande verlaufen.

 

Er seufzte und rührte gedankenversunken den Teig in der Schüssel. Es lag nicht in seinem Naturell, sich in das Leben seiner Söhne einzumischen oder sie zu etwas zu drängen, aber er wurde auch nicht jünger. Und auch, wenn er es vermied offen darüber zu sprechen, so wünschte er sich doch sehnlichst Enkelkinder. Wie schön wäre es, wieder ein Kinderlachen in diesem Haus zu hören. Margret hätte das auch gefallen. 'Ach Margret' ,dachte er bitter, 'Du bist viel zu früh von uns gegangen.'

 

Er schüttelte den Kopf. 'Genug der Sentimentalität.' Energisch rührte er weiter. Manche Dinge musste man einfach selbst in die Hand nehmen. Und das hatte er vor. Ob es den anderen nun gefallen würde oder nicht.