Kapitel 1

 

Das Mädchen:

Vorüber! Ach, vorüber!

Geh, wilder Knochenmann!

Ich bin noch jung, geh Lieber!

Und rühre mich nicht an.

 

Der Tod:

Gib deine Hand, Du schön und zart Gebild!

Bin Freund, und komme nicht zu strafen.

Sei guten Muts! Ich bin nicht wild,

Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

 

Der Tod und das Mädchen, Matthias Claudius

 

 

 

 

Das Blut rauschte in seinem Kopf. Er hörte, wie sein Herz wild in seiner Brust hämmerte.

Bubumm, bubumm, bubumm....

Adrenalin strömte aus und er konnte förmlich fühlen wie es durch seine Nervenbahnen raste, sich schlagartig in seinem Körper verbreitete und ihn in seinen Bann schlug.

 

Tief sog er die Luft in seine Lungen und ließ sich von dem Pulsieren in seinem Kopf vollständig beherrschen. Die dröhnende Musik, die ihn umgab, schien er gar nicht wahrzunehmen, genauso wenig, wie die Menschen um ihn herum. All diese Körper, für ihn waren sie nur leblose Hüllen, die sich rhythmisch und im Staccato der aufblitzenden Lichter zum elektrisierenden Klang der Töne bewegten. Verlierer, Ignoranten, niemand, der ihn und seine Gefühlswelt je verstehen würde.

 

Abwesend blickte er nach vorn und wischte sich mit dem Handrücken über die trockenen Lippen.

Aber sie würde ihn verstehen. Das wusste er genau.

Er hatte sie beobachtet. Schon seit Tagen.

Sie war perfekt.

Wieder atmete er tief ein, und er konnte beinahe das leichte Veilchenaroma, dass sie stets umgab, vernehmen. Es betörte seine Sinne, und sein Verlangen nach ihr wurde fast unerträglich.

Schon bald, würde sie ihm gehören.

Ihm allein.

 

Bei diesem Gedanken schloss er genüsslich die Augen und fand sich im Geiste in ihrem Haus wieder. Er lief durch die einzelnen Zimmer und verharrte schließlich gedanklich vor ihrem großen, weichen Bett.

Heute Nacht, würde er es mit ihr teilen.

Und sie würde es genießen. Daran hatte er keinen Zweifel.

Die seidenen Laken würden die Hitze ihrer Haut kühlen und wer weiß, vielleicht würde sie ja die zarte, schwarze Spitzenunterwäsche für ihn tragen.

 

Unwillkürlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es gab nichts, dass er nicht von ihr wusste. Er kannte ihre Adresse, wusste in welchem Lokal sie vorzugsweise zu Mittag aß, kannte ihre Lieblingsspeise. Sie liebte Filme nach den Unmengen von Videokassetten und DVD's in ihrer Wohnung zu schließen. Und sie hörte Jazz, vor allem wenn sie morgens aufwachte und versuchte in die Gänge zu kommen. Aber nichts ging ohne ihren Morgenkaffee mit viel Soja-Milch. Laktose-Unverträglichkeit, vermutete er.

 

Dennoch war sie eine kleine Genießerin, kaufte vorzugsweise in Delikatessengeschäften ein. Zwei Abende zuvor hatte sie einen kleinen Empfang zu Hause gegeben, für ein paar ihrer Arbeitskollegen aus der Uni. Sie hatte natürlich nicht selbst gekocht, sondern bei einem Partyservice allerlei erlesene Speisen und exzellenten Wein bestellt. An diesem Abend trug sie ein schwarzes Wickelkleid, dass locker um ihre Hüften gebunden war und ihre kleinen, festen Brüste hervorragend in Szene setzte.

 

Und sie hatte an diesem Abend heftig geflirtet, mit diesem arroganten Snob Linus DeWitt.

Das hatte ihm gar nicht gefallen.

Selbst jetzt noch konnte er spüren, wie neuer Verdruss darüber in ihm aufkeimte. Sein Atem begann stoßweise zu gehen und seine Knöchel traten weiß hervor, als er die Stuhllehne umklammerte, um Halt zu suchen.

 

Er schluckte.

Er musste sich beruhigen.

Einen kühlen Kopf bewahren.

Heute... würde sie ihn entschädigen. Und er war bereit ihr zu verzeihen. Konnte es kaum erwarten mit seinen Händen über ihre zarte Haut zu streicheln, den Duft ihres Körpers in sich aufzusaugen, eins mit ihr zu werden.

 

Doch er durfte sich keinen Fehler erlauben. Alles musste nach Plan verlaufen. Nach seinem Plan. Aber damit hatte er mittlerweile ja Übung. Er wusste, worauf er achten musste, hatte seine Methode immer mehr perfektioniert, verfeinert. Er fühlte sich wie ein Künstler, der seine Begabung erkannt und ausgebaut hatte. Ja, er verspürte sogar einen gewissen Stolz über die Tatsache, dass man ihm bislang nicht auf die Schliche gekommen war. Aber wer von diesen stumpfsinnigen Bürotrotteln konnte ihm schon das Wasser reichen?

 

Die waren doch nur damit beschäftigt ihr eigenes Ego zu pflegen und sich zu profilieren. Auch sie waren Verlierer, Ignoranten, die mit der breiten Masse schwammen, unfähig, seine Genialität zu begreifen. Ein Gefühl der Überlegenheit erfasste ihn, verschmolz mit dem Adrenalin in seinem Körper. Aber er hatte ihnen allen gezeigt, dass sie sich an ihm die Zähne ausbeissen würden. Er hatte sie an der Nase herumgeführt. Sie nach seiner Pfeife tanzen lassen. Und das... fühlte sich so gut an. Und er würde es wieder tun. Heute Nacht.

 

Er hatte sie keine Sekunde aus den Augen gelassen. Hatte sie beobachtet, wie sie ausgelassen tanzte und ihren Körper sinnlich im Rhythmus der Musik bewegte. Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und ein Lächeln huschte erneut über sein Gesicht. Heute Nacht....

 

Sie lachte auf und warf den Kopf in den Nacken. Ihr dunkles Haar glänzte und schien die Lichter wie ein Diamant zu reflektieren. Er starrte sie wie gebannt an. Schließlich warf sie einen Blick auf ihre silberne Calvin-Klein-Uhr, ein Geschenk ihres Vater, das wusste er, und verzog das Gesicht. Auch er blickte kurz auf seine Armbanduhr. Es war schon spät, weit nach Mitternacht. Zufrieden beobachtete er, wie sie nach ihrer Handtasche griff, ihre Jacke überzog und sich von Ihren Freundinnen zu verabschieden begann.

 

Showtime.

Nun war seine Zeit gekommen.

Er griff in seine Hosentasche und legte dem Barkeeper achtlos ein paar Scheine auf die Theke.

„Stimmt so.“ raunte er und nahm den letzten Schluck seiner Cola. Schließlich erhob er sich, stellte das Glas ab und folgte ihr auf dem Weg zum Ausgang.

 

Die kühle Nachtluft ließ seine Sinne zu Hochtouren auflaufen. Er blickte über den dürftig beleuchteten Parkplatz. Jede Faser seines Körpers war nun angespannt und eine freudige Erregtheit erfasste ihn. Er hatte es nicht eilig, sie würde nicht ohne ihn fahren. Dafür hatte er bereits gesorgt. Er hörte in die Stille hinein und konnte vernehmen, wie ihre Absätze über den Asphalt klapperten. Die Lichter ihres Chryslers blinkten in der Dunkelheit auf, als sie das Schloss mit der Fernbedienung entriegelte und dann hörte er wie die Fahrertür zugeschlagen wurde. Unbekümmert trottete er weiter.

 

Das Stottern eines Automotors erklang.

Stille.

Wieder versuchte sie den Motor zu starten.

Erfolglos.

 

'Verdammt.' dachte sie. 'Aller guten Dinge sind drei. Komm schon.'

 

Und wieder drehte sie den Schlüssel im Zündschloss. Doch außer einem stotternden Aufheulen der 150 PS-Maschine tat sich nichts. Frustriert schlug sie mit der flachen Hand auf das Lenkrad.

'Mist. Das hat mir gerade noch gefehlt.' Was nun? Den Pannenservice rufen? Das würde ewig dauern. Sie überlegte kurz. Das Beste wäre es, den Wagen erstmal hier stehen zu lassen. Sie würde sich morgen darum kümmern. Es war schon spät und morgen hatte sie eine Vorlesung zu halten. Also gut, sie würde sich ein Taxi rufen. Oder? 'Vielleicht bringt Holly mich ja nach Hause.'

dachte sie und griff zum Beifahrersitz, wo ihre Handtasche lag. Ein Klopfen an der Scheibe ließ sie zusammenfahren. Erschrocken blickte sie auf.

 

Der junge Mann lächelte sie von draußen an und deutete ihr die Scheibe herunterzufahren.

„Probleme mit dem Motor?“ fragte er und bedachte sie mit einem freundlichen Blick. Zaghaft kam sie seiner Bitte nach und bediente den elektrischen Fensterheber.

„Ja, ich weiß auch nicht was los ist. Er will einfach nicht anspringen.“

„Wenn Sie wollen, kann ich mal einen Blick drauf werfen. Öffnen Sie einfach die Motorhaube.“ schlug er vor. „Sie müssen einfach nur den kleinen Hebel rechts neben Ihnen ziehen. Da unten, sehen sie...“ Durch das offene Wagenfenster hindurch deutete er ihr die Richtung an.

 

Sie beugte sich vor und tastete mit den Händen am Armaturenbrett entlang, bis sie einen kleinen Hebel zu spüren bekam, und diesen mit einem Ruck zu sich schob. Die Verriegelung der Motorhaube löste sich und dankbar, für seine Hilfe, drehte sie sich wieder in seine Richtung. Doch plötzlich drückte er ihr ein Tuch auf Nase und Mund und umklammerte mit der anderen Hand ihren Hinterkopf.

 

Mit schreckgeweihten Augen begann sie um sich zu schlagen. Versuchte sich krampfhaft aus seinem Griff loszureissen, wollte schreien. Doch er hielt sie unerbittlich fest und jeder Laut wurde im Keim erstickt. Sie bohrte ihre langen Nägel in seine Arme und wollte ihn mit aller Macht abschütteln, doch durch die Anstrengung bedingt atmete sie immer heftiger und mit jedem Atemzug sog sie mehr und mehr von dem Betäubungsmittel ein. Tränen traten in ihre Augen, verzweifelt tastete sie ihre direkte Umgebung ab, suchte nach etwas Brauchbaren um sich von ihm zu befreien. Doch sie konnte nichts finden. Sie spürte, wie ihre Kräfte nachließen, wie ein dunkler Nebel sich um ihre Gedanken zu legen drohte. 'Nein, nein, nein...' Panik erfasste sie und sie kämpfte gegen die drohende Bewusstlosigkeit an. Doch ihre Bewegungen wurden immer schwerfälliger, kraftloser. Ihr Schluchzen beruhigte sich, sie ließ ihre Arme sinken, blinzelte ein paar mal und schließlich schloss sie die Augen.

 

Er atmete aus und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Etwas außer Atem ließ er seinen Blick über den Parkplatz gleiten. Niemand war zu sehen. Vorsichtig lockerte er seinen Griff und lächelte zufrieden, als ihr Kopf zur Seite sackte. Er streckte die Hand aus und öffnete die Tür. Beinahe zärtlich schob er sie auf den Beifahrersitz. Zaghaft strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Wie weich ihre Haut doch war. Über sie gebeugt konnte er den ihm so vertrauten Veilchenduft riechen. Ihre Nähe raubte ihm beinahe die Sinne, das Verlangen nach ihr tat ihm fast körperlich weh. Doch noch, war seine Zeit nicht gekommen. Zuerst musste er sie beide von hier wegbringen, an einen Ort, wo sie ungestört sein konnten. Nur sie beide. Es kostete ihn all seine Kraft, den Blick von ihr abzuwenden. Doch er war ein Profi. Durch und Durch.

 

Er ließ seine Hände unter das Lenkrad gleiten, tastete sich vorsichtig vor und erfasste schließlich die beiden Kabelenden, die er gesucht hatte und steckte sie wieder zusammen. Dann stieg er nochmal aus dem Wagen aus und drückte die Motorhaube wieder zu. Ein letzter Blick über den menschenleeren Parkplatz. Nach wie vor, war niemand zu sehen. Er setzte sich auf den Fahrersitz des Chryslers und drehte den Zündschlüssel. Sofort sprang der Motor leise surrend an und er legte den ersten Gang ein. Bedächtig gab er Gas und fuhr los.

 

 

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Es war ein langer und harter Tag gewesen. Die Beweisaufnahme für einen wichtigen Fall war endlich beendet und der Papierkram hatte ihn heute fast um den Verstand gebracht. Mittlerweile war es bereits weit nach Mitternacht und Don hatte beschlossen heute nicht in sein Appartement zu fahren, sondern lieber in seinem Elternhaus zu übernachten. Dann hatte er am nächsten Morgen zumindest die Gelegenheit mit seinem Dad und Charlie zu frühstücken. Das würde ihm sicherlich die Zerstreuung bieten, die er jetzt dringend brauchte.

 

Das Haus lag völlig im Dunkeln als er ankam und in der Auffahrt parkte. Alle schliefen schon, also öffnete er lautlos die Haustür und schlich so leise wie möglich die Treppe hinauf um niemanden zu stören. Vorsichtig öffnete er die Tür zu seinem alten Zimmer.

 

Der Mond schien durch das Fenster und tauche den Raum in ein diffuses Licht. Da seine Augen sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt hatten, verzichtete er darauf, das Licht einzuschalten.

 

Er entledigte sich seines Jacketts, warf es achtlos über eine Stuhllehne und löste mit geübten Fingern den Knoten seiner Krawatte. Nachdem er auch diese über seine Jacke gelegt hatte, begann er sein Hemd aufzuknöpfen und setzte sich mit einem Seufzer auf sein Bett. Gerade als er auch seine Schuhe ausziehen wollte, bemerkte er eine Bewegung hinter sich und eine ihm unbekannte Stimme erklang.

 

„Bevor Sie noch mehr Kleidung ablegen, sollte ich Sie darauf hinweisen, dass Sie hier nicht allein sind.“

 

Don hielt in der Bewegung inne, dann drehte er sich langsam um und schaltete gleichzeitig seine Nachttischlampe an. In seinem Bett saß, nun gegen das obere Bettende gelehnt, eine junge Frau. Sie blickte Don mit großen Augen an. Mit einem schlemischen Grinsen fügte sie hinzu: „Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht gerne noch eine Weile zugesehen hätte. Aber... das wäre wohl nicht ganz fair gewesen.“

 

Don erhob sich von seinem Bett und starrte sie an. „Wer sind Sie? Und was zum Teufel tun Sie hier?“

 

„Oh, wo bleiben meine Manieren.“ Sie blickte ihn unschuldig an. „Mein Name ist January Johnston, Freunde nennen mich J.J. und ich habe versucht hier zu schlafen.“

 

„Ja, das sehe ich.“ Die Tatsache, dass sie nur mit einem hauchdünnen Seidennegligé bekleidet war, brachte ihn arg durcheinander. „Aber wieso....ich meine, mit wem....also wer....?“ Erfuhr sich mit der Hand durchs Haar und atmete tief durch, um sich kurz zu sammeln. „Sind Sie eine Freundin von Charlie?“

 

„Charlie?“ sie blickte ihn fragend an. „Oh... Charlie, ja, ja.... Ähm, also nein. Ich wollte sagen, ich bin nicht Charlies Freundin. Eigentlich bin ich eine Freundin von Alan.“

 

Don blickte sie völlig entgeistert an.

 

„Dann müssen Sie Don sein, richtig? Alan hat mir gesagt, dass Sie hier nicht mehr wohnen, und dass ich in ihrem Zimmer schlafen könnte. Aber... ich kann auch unten auf der Couch schlafen. Das ist kein Problem.“ Sie machte Anstalten aus dem Bett zu steigen.

 

„Nein, nein,... ähm... bleiben Sie liegen. Ich bin nur etwas verwirrt. Das ist alles.“

„Ja, das sieht man.“ Sie lachte und erst jetzt fiel ihm das Grübchen neben ihrem Kinn auf. Sie war im allgemeinen sehr attraktiv, hatte große graublaue Augen, volle, sanft geschwungene Lippen. Ihre makellose Haut war leicht gebräunt. Don schätze sie auf Anfang dreißig und fragte sich, wo sein alter Herr jemanden wie sie wohl kennenlernen könnte.

 

„Nun, wir können uns jetzt noch eine Weile so anstarren,“ bemerkte sie schließlich, „aber wenn ich ehrlich bin, bin ich ziemlich müde und würde jetzt gerne etwas schlafen. Also....“ sie sah ihn erwartungsvoll an.

 

„Oh ja...natürlich. Ich werde unten schlafen. Ähm... tut mir leid, hier so hereingeplatzt zu sein. Ja...dann gute Nacht.“

„Gute Nacht.“ sagte sie immer noch schmunzelnd während Don den Raum verließ.