Kapitel 15

 

 

Zuerst hörte sie nur das leise Rasseln eines Schlüssels, dann ging die Tür auf und Licht erfüllte den Raum. Amita musste mehrfach blinzeln und ihre Augen schmerzten bis sie sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnten. Er betrat den Raum und stellte zufrieden fest, dass sie bereits wieder bei Bewusstsein war.

 

„Tut mir leid, dass ich so spät komme. Aber jetzt,...“ er trat um den Stahltisch herum, baute sich direkt vor ihr auf, die Hände lässig in den Hosentaschen und lächelte von oben auf sie herab, „... kann ich Dir endlich die Aufmerksamkeit schenken, die Dir gebührt.“ Zum ersten Mal sah sie sein Gesicht. Aber konnte das sein? Spielte ihr ihr Verstand einen Streich?

 

Amüsiert beobachtete er ihren ungläubigen Gesichtsausdruck. Irritation und Verwirrung spiegelten sich darin wieder und schließlich die schreckliche Erkenntnis, als sie ihn erkannte. Gequält stöhnte sie auf und murmelte etwas, dass er nicht verstand. Sinnlose Laute. Tränen schossen ihr in die Augen und liefen ihr seitlich ins Haar. Anderson strich mit der Hand über ihre Wange. „Aber, aber... wer wird denn jetzt weinen. Sssscht. Jetzt werden wir so richtig Spaß miteinander haben.“ Ein teuflisches Grinsen huschte über sein Gesicht während er genüßlich ihren wohlgeformten Körper betrachtete. Plötzlich sah er ihren Arm und runzelte die Stirn. Der Arm war nicht gefesselt. Er dachte nach und ihm fiel ein, dass er vergessen hatte, sie wieder festzuschnallen, nachdem er ihr die Spritze gegeben hatte. Grob packte er sie, hob den Arm hoch und ließ ihn fallen. Kraftlos knallte er mit einen dumpfen Geräusch auf den Stahltisch zurück. Mit wachsamem Blick taxierte er sie erneut, beobachtete sie eine Weile nachdenklich. Dann wandte er sich aber doch ab, dem Rollwagen mit den chirurgischen Instrumenten zu und zog ihn heran, direkt neben Amita.

 

Nahezu zärtlich strich er über den kalten blitzenden Stahl und atmete tief ein. Er hatte nicht so schnell damit gerechnet ein neues Objekt zu seiner Verfügung zu haben. Aber er war durchaus nicht unvorbereitet. Er war dabei sein Werk, seine Symphonie, zuende zu komponieren und sie würde sein Meisterwerk werden. Den krönenden Abschluss seines perfiden Experiments bilden. Sie war perfekt.

 

Er wandte ihr den Rücken zu und begann sein Jackett auszuziehen und langsam die Kravatte abzulegen.“Weißt Du, Dein kleiner Freund und sein übereifriger Bruder haben mir ganz schön in meinen Plan gefunkt.“ stellte er säuerlich fest und hängte die Sachen fein säuberlich über einen Stuhl, der etwas abseits im Halbdunkel stand. Er griff nach einer Tasche, die er mitgebracht hatte und öffnete diese. „Aber nichts und niemand kann mich aufhalten. Ich werde es allen zeigen, das man mich nicht unterschätzen darf, mich nicht einfach ignorieren darf,...nicht mich.“ Bitterkeit aber auch wilde Entschlossenheit klangen in seiner Stimme mit.

 

Er dreht sich wieder zu ihr und betrachtete sie einen Augenblick lang. Dann kam er langsam auf sie zu, und zog sich ein Paar Latexhandschuhe über, die er der Tasche entnommen hatte.

 

„So, meine Liebe. Ich wäre soweit... wir können beginnen. Aber zuerst...“ er packte plötzlich ihre Hand und schlug sie erneut brutal gegen den blanken Stahl des Tisches, „zuerst sei ein braves Mädchen und gib mir mein Skalpell zurück.“

 

Natürlich hatte er sofort nachdem er sich ihr wieder zugewandt hatte bemerkt, dass ein Messer fehlte. Wie raffiniert von ihr, ihn glauben zu machen, die lähmende Wirkung des Pipecuroniums hätte noch nicht nachgelassen. Aber sie hatte den klassischen Fehler begangen, ihn zu unterschätzen. Er hatte sie durchschaut, ihren letzten panischen Versuch ihr Leben zu retten. Eigentlich gefiel ihm diese Stärke, die sie jetzt noch an den Tag legte. Die anderen hatten sich in ihr unausweichliches Schicksal gefügt, aber sie war anders, und er war stolz, dass er sie letztlich doch ausgewählt hatte.

 

Amita hielt das Skalpell umklammert. 'Nicht los lassen. Nur nicht loslassen...' Sie musste alles auf diese eine Karte setzen, sonst wäre alles aus, und sie hätte ihr Leben verwirkt. Blut quoll zwischen ihren Fingern hindurch, als die scharfe Klinge sich in ihr Fleisch grub, aber sie durfte nicht loslassen.

 

Anderson grinste teuflisch und es schien ihm sichtlich Spaß zu machen ihren aussichtslosen Kampf mitzuverfolgen. Mit beiden Händen bog er ihre Finger auseinander und entwand die Klinge aus ihrer Faust. Sie stöhnte auf und schüttelte langsam den Kopf. Tränen schossen erneut in ihre Augen und es schien, als ob sie ihre Niederlage eingesehen hatte.

 

Er hielt Amita das Skalpell unter die Nase und beugte sich herab, um ihr leise ins Ohr flüstern zu können, ein siegessicheres Schmunzeln auf dem Gesicht.

 

Doch genau auf diesen Moment hatte sie gewartet. Gehofft, gefleht, war im Kopf immer wieder Gleichungen und Winkelberechnungen durchgegangen. Teils, um sich etwas zu beruhigen und ihre Gedanken zu fokusieren, teils, um sich zumindest theoretisch die besten Chancen auszurechnen. Und jetzt war es soweit....Von purer Verzweiflung und schierem Überlebenswillen getrieben, schoss ihre linke Hand mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte vor. Sie hatte noch ein Ass im Ärmel.

 

Anderson hatte die Bewegung nur aus dem Augenwinkel heraus bemerkt, und war vor Überraschung unfähig rechtzeitig zu reagieren, als auch schon ein heißer, pochender Schmerz durch seinen Hals schoss. Reflexartig riss er beide Hände hoch, etwas steckte in seinem Hals. Vorsichtig tastete er den Gegenstand ab und zog ihn schließlich mit einem heftigen Ruck heraus. Blut begann unkontrolliert herauszuspritzen. Er taumelte rückwärts und mit vor Schreck und Verblüffung geweiteten Augen sah er den blutigen Füllfederhalter in seiner Hand. Jetzt hatte er den klassischen Fehler begangen und hatte sie unterschätzt. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur ein unverständliches Röcheln hervor. Die anfängliche Überraschung wandelte sich in unbändige Wut. Wie konnte sie es wagen? Er streckte die rechte Hand nach ihr aus, wollte sie greifen, sie würgen, das Leben mit bloßen Händen aus ihr hinausprügeln, doch er verlor das Gleichgewicht und stolperte rücklinks über den hinter ihm stehenden Stuhl. Unsanft prallt er auf den Boden, schlug hart mit dem Kopf auf und blieb stöhnend liegen.

 

Amita wusste, das sie nur diese eine Chance haben würde. Während sie in der Dunkelheit auf ihren Peiniger wartete, bemerkte sie, dass die muskellähmende Wirkung der Droge, die er ihr verabreicht hatte, langsam nachließ, und schließlich hatte sie wieder etwas Gefühl in ihren Fingern. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass ihr rechter Arm nicht angeschnallt war. Wie sie so da lag und auf ihren sicheren Tod wartete, fiel ihr plötzlich der Tintenfüller ein, den Charlie ihr geschenkt hatte, als sie die Professur an der CalSi annahm. Er hatte auf ihrem Schreibtisch in ihrem Büro gelegen, und geistesgegenwärtig hatte sie danach gegriffen und ihn in ihre Hosentasche gesteckt, bevor sie nach Hause gehen wollte. Und jetzt wurde dieser kleine unscheinbare Stift ihr Ass im Ärmel, in einem Spiel um Leben oder Tod.

 

Ein Blick auf Anderson gebot ihr Eile an den Tag zu legen. Er hatte Schwierigkeiten Luft zu bekommen und nach der Menge des Blutes zu urteilen, musste sie wohl seine Halsschlagader erwischt haben. Durch den Sturz war er ziemlich benommen und Anita wusste, dass sie nur wenig Zeit hatte. Mit einem Ruck richtete sie sich in eine sitzende Position auf. In ihrem Kopf tobte ein Sturm, und sie fühlte sich wie ein Ertrinkender, der im Sog des Wassers jegliche Orientierung verlor. Doch sie zwang sich ruhig zu atmen und öffnete mit zitternden Händen die Fußschnallen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis sie beide Füße frei bekam. Das Schwindelgefühl ließ nicht nach und sie stöhnte vor Anstrengung auf, als sie ihre Beine vom Tisch schwang und sich zur Seite rollte um aufzustehen. Doch noch hatte ihr Körper das Pipecuronium nicht vollständig verarbeitet und sobald ihre Füße den Boden berührten und sie ihr Gewicht darauf verlagerte, gaben ihre Beine kraftlos nach und sie fiel hart auf den Boden. Sie konnte hören, wie ein Knochen in ihrer Seite brach, spürte den sengenden Schmerz, der wie ein elektrischer Schlag durch ihren ganzen Körper zog. „Oh Gott,...nein,...“ keuchte sie und schluchzte verzweifelt auf. Doch sie musste es irgendwie zur Tür schaffen, also ignorierte sie die Schmerzen und versuchte über den Boden zu robben.

 

Mittlerweile war Anderson wieder zu sich gekommen. Sein Gesicht war finster vor Zorn und das Adrenalin in seinem Körper verdrängte jegliches Schmerzempfinden. Er war nur von einem Gedanken besessen. Ihrem Tod.

Langsam.

Schmerzhaft.

Qualvoll.

Dafür würde er sorgen, und wenn es das letzte wäre, was er tun würde. Er sah zu ihr hinüber, wie sie mühsam versuchte von ihm wegzukriechen, stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht.

 

Die rechte Hand immer noch auf die Wunde gepresst, griff er nach seiner Krawatte und wickelte sich diese als behelfsmäßigen Verband um den Hals. Er atmete tief durch und streckte seine Hand nach dem Rollwagen mit den Skalpellen aus. Langsam zog er zu sich daran hoch und kam auf wackeligen Beinen zum Stehen. Anderson nahm eines der Messer, betrachtete die glänzende Klinge und wandte sich schließlich an Amita: „Es gibt kein Entrinnen, Miststück. Nicht für Dich.“

 

Amita hielt in der Bewegung inne und drehte ihren Kopf zur Seite um einen Blick auf Pete zu erhaschen. Er hielt das Skalpell mit eisernem Griff umklammert, die Hand über dem Kopf und stürzte mit hasserfülltem, wahnsinnigen Blick auf sie los um sein Werk zu vollenden.