Kapitel 14

 

 

Als sie die Augen aufschlug, war alles um sie herum dunkel. Sie blinzelte und strengte sich an, um Einzelheiten zu entdecken, doch vergebens. War sie tot? War alles vorbei?

 

Amita bewegte den Kopf vorsichtig nach rechts und links, alles begann sich zu drehen und Übelkeit stieg in ihr hoch, doch sie konnte nicht den geringsten Lichtschimmer erkennen. Vielleicht war sie wirklich tot. Doch dann berührte sie mit der Wange den kalten Stahl der Liege, und plötzlich fiel ihr wieder ein, dass sie ja in einem dunklen Raum ohne Fenster festgehalten wurde. Und es gab kein Licht, weil er es wohl ausgeschaltet hatte.

 

Aber wer war er? Und warum hatte er sie zu seinem nächsten Opfer erkoren? Wie lange war sie schon hier? Wann würde er wiederkommen? Fragen über Fragen drangen in ihr Bewusstsein und wieder spürte sie, wie die Panik sie zu übermannen drohte.

 

Sie würde hier sterben.

Er würde sie töten, wie die anderen Opfer auch.

Davon war sie überzeugt.

Und sie ahnte auch wie.

Ihr fiel der Rollwagen ein, mit den scharfen, blitzenden Instrumenten.

Sie wimmerte und begann zu schluchzen.

 

Amita versuchte zu rufen, aber es ging nicht. Ihre Tränen liefen ihr unaufhaltsam übers Gesicht, an ihrem Hals entlang und bildeten eine kleine Pfütze auf dem Stahltisch. In der völligen Dunkelheit konnte sie nichts anderes tun, als abzuwarten. Einfach nur abzuwarten.

 

 

1234567890

 

 

Die Notaufnahme des White Memorial Medical Center war wie jede andere Notaufnahme auch, völlig überfüllt und von Hektik geprägt. Ärzte, Krankenschwestern und Patienten versuchten sich in dem vorherrschenden, teils kontrollierten Chaos zurechtzufinden. Don hasste Krankenhäuser. Der sterile Geruch nach Antiseptikum war ihm zuwider und weckte Erinnerungen und Gefühle, die er längst vergessen geglaubt hatte. Doch dem war nicht so. Manche Dinge, wie die Krankheit oder der Tod der eigenen Mutter, ließen sich nicht einfach aus dem Gedächtnis streichen.

 

Sie schritten zur Anmeldung und zeigten ihre Marken. „Wir sind auf der Suche nach Mary Anne Smith. Ist sie hier?“

 

Eine korpulente und überaus resolut wirkende Schwarze, blickte über den Rand ihrer Brille hinweg zu ihnen auf und zog die Stirn kraus. „F.B.I.!“ stellte sie mit dunkler Stimme fest. Sichtlich genervt über die unvorhergesehene Störung atmete sie geräuschvoll aus und rückte ihre Brille zurecht. Schließlich erhob sie sich schwerfällig und hievte ihren massigen Körper zum aushängenden Dienstplan. Sie stemmte die Hände in die Hüften und starrte eine zeitlang auf die tabellenartig geordneten Informationen, die mitteilten welche Ärzte und welches Pflegepersonal gerade wo tätig waren. „Behandlungsraum 3.“ war die knappe Antwort. Nachdem sie den orientierungslosen Blick der Bundesbeamten bemerkte, fügte sie noch gelangweilt hinzu: „Den Gang rechts runter.“ Damit widmete sie sich wieder ihrer Arbeit ohne die beiden eines weiteren Blickes zu würdigen.

 

Sie folgten ihrer Anweisung und fanden auf Anhieb Behandlungsraum 3. Durch den Glaseinsatz in der Tür konnten sie eine zierliche, junge Frau sehen, die einem älterem Mann einen Verband an der Hand anlegte. Colby klopfte leicht an die Scheibe und zeigte seine Marke, sobald sie fragend zu ihm hinübersah. Das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwand augenblicklich und sie nickte zögernd. Zügig machte sie sich wieder an die Arbeit und redete zum Schluss noch leise auf ihren Patienten ein, um letzte Instruktionen zu geben.

 

Don und Colby traten einen Schritt zurück sobald sie die Tür von Innen öffnete und heraustrat. „Mary Anne Smith?“ fragte Don. Sie nickte unsicher. „Agents Eppes und Granger vom F.B.I. Können wir uns kurz ungestört mit Ihnen unterhalten?“

 

„Worüber?“ fragte sie leise.

 

„Pete Anderson.“

 

Unmerklich zuckte sie bei der Erwähnung des Namens zusammen, was Don aber nicht entging. Er hätte schwören können, dass ihr ohnehin blasser Teint noch etwas farbloser geworden war. Schützend verschränkte sie die Arme vor ihrem schmalen Körper und führte sie in einen angrenzenden Behandlungsraum, der leer war. „Was kann ich für sie tun?“ fragte sie mit zittriger Stimme, und es war unverkennbar, dass sie sich sichtlich unwohl fühlte.

 

„Sie waren mit Pete Anderson liiert. Ist das richtig?“ begann Don.

 

Unsicher blickte sie zu Boden. „Das ist schon eine Weile her. Warum?“

 

„Wir sind auf der Suche nach ihm und hoffen, dass Sie uns einen Hinweis darauf geben könnten, wo er sich möglicherweise aufhält.“

 

Erschrocken schaute sie ihm jetzt direkt in die Augen. „Sie suchen nach Pete?“ fragte sie ungläubig. „Was ist denn passiert?“

 

Auch hier entschloss Don sich, offen zu sein. Die Zeit drängte und sie brauchten endlich brauchbare Hinweise. „Wir haben Grund zu der Annahme das Pete Anderson, der Rosenkiller ist, von dem in der Presse die Rede ist. Und er hat wieder eine junge Frau in seiner Gewalt, die wir unbedingt finden müssen, bevor etwas Schreckliches passiert. Wo könnte er sich aufhalten Mary Anne?“

 

Sie schluckte schwer und trat einen Schritt zurück, sagte aber nichts. Don beobachtete sie genau und konnte die Angst deutlich sehen, die in ihren Augen aufflackerte. „Sie scheinen nicht überrascht zu sein.“ stellte er fest.

 

Hilflos blickte sie sich in dem Raum um und ihr Blick blieb an der Tür haften. Sie presste die Kiefer aufeinander und ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen ließ sie zerbrechlich wirken.

 

„Mary Anne, wenn Sie etwas wissen, dann müssen Sie es uns sagen.“ drängte Don, und eine leichte Unruhe hatte sich unter seine Stimme gemischt.

 

Sie schloss die Augen und seufzte schwer. „Ich kann nicht.“ flüsterte sie kaum vernehmbar. „Ich,...ich kann nicht. Bitte, ... lassen Sie mich gehen. Ich kann Ihnen nichts erzählen, was Ihnen weiterhelfen könnte.“ Damit wollte sie aus der Tür hinausstürmen, doch Colby baute sich davor auf und versperrte ihr den Weg. Panisch schaute sie ihn an und Tränen glitzerten in ihren Augen auf.

 

„Sie müssen uns sagen, was Sie wissen, sonst hat diese junge Frau keine Chance. Und wenn Sie hier nicht reden wollen, dann werden wir Sie mitnehmen.“ versuchte Colby einen Anlauf. Doch sie schwieg weiter.

 

Verzweifelt strich Don sich durchs Haar und blickte auf seine Armbanduhr. Die Zeit lief ihnen buchstäblich davon. „Sie heißt Amita,“ begann er, „sie ist die Freundin meines Bruders und arbeitet als Professorin an der CalSi. Sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich, aber nur,... wenn Sie uns helfen. Egal, womit Pete Ihnen gedroht hat, wir können Sie beschützen. Vertrauen Sie mir.“

 

Langsam drehte sie sich wieder zu Don um. Tränen liefen ihr Gesicht hinab. Sie kämpfte mit ihren inneren Dämonen, holte dann aber doch tief Luft. „Es hat alles damit begonnen, als Pete erfahren hat, dass er adoptiert wurde. Er wollte seine leibliche Mutter kennenlernen, gegen den Willen seiner Eltern und hat sogar einen Detektiv angeheuert, um sie ausfindig zu machen. Aber als es schließlich soweit war, und sie sich gegenüberstanden, da hat sie ihn ausgelacht. Sie hat ihn gefragt, was er denn erwarten würde? Dass sie ihn mit offenen Armen empfangen würde und dafür ihr Leben und ihre Karriere aufs Spiel setzen würde? Alles was sie sich mühsam aufgebaut hatte? Sie hätte sich einmal gegen ihn entschieden, und daran hätte sich nichts geändert. Pete war so eine Ablehnung nicht gewohnt und sie begannen zu streiten, und dann...“ ,sie stockte und wischte sich die Tränen weg, „dann hat er sie gestossen, und sie ist gefallen. Sie ist mit dem Kopf auf einen Marmortisch geprallt und war sofort tot. Da war soviel Blut...überall Blut....“ Die Erinnerung daran ließ sie zusammenzucken.

 

„Was ist dann geschehen?“

 

Sie sammelte sich kurz „Er hat es wie einen Einbruch aussehen lassen. Und dann hat er auf mich eingeredet, nichts zu sagen. Schließlich war es ein Unfall und er würde seinen Job verlieren und erst die Auswirkungen auf seinen Vater, Stadtrat Anderson, auch seine Karriere wäre dadurch vielleicht beendet, und....ich hatte Angst, und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich liebte ihn und wollte ihm nicht alles kaputtmachen. Also schwieg ich. Aber er hat sich danach verändert. Wurde zusehends aggressiver, unzugänglicher. Er hat ständig darüber gebrütet, und schließlich habe ich mich von ihm getrennt. Ich hatte Angst vor ihm, verstehen Sie?“

 

„Warum haben Sie es dann nicht gemeldet?“ wollte Don wissen.

 

Mary Anne antwortete nicht sofort, sie begann am ganzen Körper zu beben und ihre Stimme war brüchig, als sie fortfuhr. „Er hat gedroht mich umzubringen, wenn ich jemals jemanden davon etwas erzählen würde. Und ich habe ihm geglaubt. Seitdem haben wir uns nicht mehr wiedergesehen. Und ich musste lernen damit zu leben.“

 

„Können Sie mir sagen, wo er sich jetzt vielleicht verstecken könnte?“

 

Resignierend schüttelte sie den Kopf und Don konnte seine Enttäuschung und Frustration kaum verbergen. „Wie hieß seine leibliche Mutter?“ fragte er schließlich.

 

„Jolene Harris. Diesen Namen, werde ich nie vergessen.“ war ihre Antwort.

 

„Okay. Bis diese Sache ausgestanden ist, garantieren wir Ihnen Personenschutz.“ Er blickte zu Colby der mit einem kurzen Nicken den Raum verließ, um telefonisch alles dafür in die Wege zu leiten.

 

„Ich hoffe, Sie finden ihn. Er ist gefährlich.“ Mary Anne sah Don mit flehenden Augen an, und hoffte bei ihm die Vergebung zu finden, die sie die ganze Zeit zu finden suchte. Er blickte sie schweigend einen Augenblick an und wandte sich schließlich zum Gehen um. Doch plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er zögerte kurz und wägte innerlich die Wahrscheinlichkeit ab, aber letztendlich entschied er sich doch, zu fragen. „Seine Mutter, wissen Sie noch, wo sie gewohnt hat?“

 

Sie schluckte schwer und wieder tauchten in ihrem Kopf die schrecklichen Bilder auf, die sich für alle Ewigkeit in ihre Erinnerung gebrannt hatten. „Die genaue Anschrift kann ich ihnen nicht mehr sagen, aber es war ein kleines Häuschen, ganz idyllisch in den Santa Monica Mountains gelegen....“