Kapitel 13

 

Während Megan und David sich auf die Akten stürzten, fuhren Don und Colby gemeinsam zum LAPD, um Andersons Kollegen vor Ort zu befragen.

 

Pete's Vorgesetzter war ein rotgesichtiger Hüne mit breiten Schultern und schmalem Oberlippenbart. Er stellte sich ihnen als Assistant Chief Doug O'Brian vor und bot den beiden in seinem geräumigen Büro einen Sitzplatz an, den sie dankend annahmen. Den Mittelpunkt des Raumes bildete der riesige, aus Mahagoni gearbeitete Schreibtisch, auf dem sich zwei LCD-Bildschirme befanden, sowie eine Tastatur, ein Aktenstapel und ein paar persönliche Gegenstände. Ansonsten war der Raum völlig spartanisch eingerichtet. Die Wände waren weiß gestrichen und nur ein großer weißer Aktenschrank und ein Fikus gehörten noch zur Einrichtung.

 

„Ich kann es immer noch nicht fassen.“ bedauernd schüttelte er den Kopf. „Pete ist einer meiner besten Leute. Sind sie sich sicher, was Ihre Anschuldigungen betrifft? Das sind immerhin ziemlich schwere Vorwürfe, die Sie erheben.“

 

„Das verstehe ich.“ stimmte Don ihm zu. „Aber es gibt keine Zweifel. Wir müssen Anderson so schnell wie möglich finden. Können Sie uns vielleicht einen Hinweis darauf geben, wo er sich aufhalten könnte? Ob es einen Zufluchtsort gibt, an dem er sich verstecken würde?“

 

„Jedes noch so kleine Detail ist von enormer Wichtigkeit.“ fügte Colby hinzu.

 

O'Brian lehnte sich in seinem Stuhl zurück und strich sich mit spitzen Fingern über seinen Schnurbart. „Tut mir leid. Pete ist ein eher verschlossener Bursche. Spricht nicht viel über sich. Und so oft, bekomme ich meine Leute leider auch nicht zu Gesicht.“ Er deutete mit seiner Linken auf den Aktenstapel auf seinem Tisch. „Der ganze Verwaltungskram, kann einen um den Verstand bringen.“ seufzte er. „Ich habe keine Ahnung wo er sich aufhalten könnte. Aber...“ er hielt kurz inne.

 

„Aber...?“ hakte Don direkt nach.

 

„Vielleicht kann Ihnen Pete's ehemalige Partnerin, Sergeant Lori Taylor, mehr erzählen. Immerhin haben sie zwei Jahre Tag für Tag eng zusammengearbeitet, Überwachungen durchgeführt. Da kommt man automatisch ins Gespräch, auch über Privates.“

 

„Und wo können wir sie finden?“

 

O'Brian tippte kurz etwas in seinen Rechner ein und wartete, bis die gewünschte Abfrage vor seinen Augen erschien. „Sie nimmt heute an einer Fortbildung teil. Ist aber hausintern.in unseren Schulungsräumen in der zweiten Etage.“

 

„Danke.“ Damit erhoben sich beide und auch O'Brian stand von seinem Stuhl auf. „Ich werde Sie begleiten, damit Sie sie nicht suchen müssen.“ Damit wuchtete er sich an ihnen vorbei und ging durch die Tür auf den Gang. Don und Colby folgten ihm.

 

In der zweiten Etage angelangt, deutete er ihnen in einem leeren Büro Platz zu nehmen, während er nach einem kurzen Klopfen den Seminarraum auf der gegenüberliegenden Seite des Flures betrat. Leise wechselte der Assistant Chief ein paar Worte mit dem Beamten, der die Leitung des Seminars innehatte und wandte sich schließlich einer jungen Frau zu, die ihm nach kurzem Zögern folgte. Sie war Ende zwanzig, attraktiv, hatte langes blondes Haar, das sie offen trug und unter ihrem dunklen Hosenanzug konnte man ihren wohlgeformten Körper erahnen. Erwartungsvoll blickten Don und Colby ihr entgegen.

 

„Agent Eppes, Agent Granger, darf ich vorstellen, das ist Sergeant Lori Taylor.“ stellte O'Brian sie vor und ergänzte an Lori gewandt: „Das FBI hat ein paar Fragen zu ihrem ehemaligen Partner, Pete Anderson.“

 

Sie hob fragend eine Augenbraue, verzog aber ansonsten keine Miene, sondern erwiderte die Begrüßung nur mit kräftigem Handschlag. Nachdem O'Brian den Raum verlassen hatte, zog Colby einen Stuhl zurecht und bat sie Platz zu nehmen.

 

„Danke. Ich ziehe es vor zu stehen.“ bemerkte sie mit rauher Stimme.

 

„Schön, wenn Sie sich so wohler fühlen. Sie gestatten?“ Damit nahm Colby selbst Platz und zog einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines Jacketts. Er blätterte kurz darin und schlug schließlich eine leere Seite auf. Don lehnte sich an die Kante des Schreibtisches und musterte sie kurz. „Sie und Pete waren Partner?“ fragte er.

 

„Das ist korrekt.“ war ihre knappe Antwort.

 

„Wie gut kennen Sie ihn?“

 

„Wie meinen Sie das?“

 

„Ganz allgemein, Sergeant. Haben Sie jemals seine Familie oder Freunde kennengelernt. Hat er in ihrer Gegewart über Privates gesprochen?“

 

Sie blickte abschätzend zu Don und es schien, als ob sie darüber nachdachte die richtigen Worte zu finden, denn eine spontane Antwort blieb aus.

 

„Ist Ihnen etwas an ihm aufgefallen?“ hakte Colby weiter nach.

 

„Nichts bestimmtes. Er war ein verschlossener Typ. Sprach nicht viel über sich. Und wenn, dann ...“ sie hielt inne.

 

„Was dann?“

 

Sie reckte ihr Kinn und presste die Lippen aufeinander. „Hören Sie, ich weiß nicht, was das Ganze hier soll, aber es ist kein Geheimnis, dass Pete und ich kein wirklich gutes Verhältnis zueinander hatten. Und wenn Sie hier von mir irgendwelche Lobeshymnen auf unseren allseits geschätzten und übereifrigen Detective Anderson erwarten, dann sind Sie bei mir an der falschen Adresse.“

 

Don und Colby warfen sich einen vielsagenden Blick zu. „Okay.“ erwiderte Don in beschwichtigendem Tonfall. „Wenn Sie nichts Gutes über ihn zu sagen haben, was sonst?“ fragte er interessiert.

 

„Es ist auch nicht meine Art hinter dem Rücken von jemanden Schlecht über ihn zu reden.“

 

„Das erwartet auch keiner von Ihnen. Alles was wir benötigen sind ein paar Informationen.“

 

Sie blickte beide misstrauisch an. „Was ist los?“

 

Colby warf seinem Boss einen fragenden Blick zu.

 

„Sie wollen Antworten, ich denke, ich habe im Vorfeld auch ein paar Erklärungen verdient.“ versuchte Lori es noch einmal.

 

Don zögerte einen Augenblick, entschied sich aber schließlich dazu, die Karten auf den Tisch zu legen. „Im Augenblick ermitteln wir gegen Pete Anderson. Und da er verschwunden ist, benötigen wir dringend Hinweise, auf seinen Aufenthaltsort.“

 

Lori blickte die beiden sprachlos an und bemühte sich die Neuigkeiten halbwegs gefasst aufzunehmen. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Wie ich schon sagte, er ist...war... wie auch immer, ein introvertierter Mensch. Ja, wir waren zwei Jahre lang Partner, aber ich könnte nicht behaupten, dass wir einander in dieser Zeit besser kennengelernt haben.“ Sie atmete tief durch und fügte schließlich hinzu: „Er ist ein arrogantes Arschloch, das mit ziemlich viel Vitamin B die Karriereleiter hochgefallen ist und sich mächtig was darauf einbildet. Außerdem steckt er ständig seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen. Und ich bin einfach nur froh, dass ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten muss. Was wird ihm denn vorgeworfen?“

 

„Was meinen Sie mit Vitamin B?“ wollte Don genauer wissen und ignorierte ihre letzte Frage.

 

„Sein Vater ist Stadtrat und eng befreundet mit Chief Bratton und Assistant Chief O'Brian. Man hat ihn also bei jeder Gelegenheit gepuscht.“

 

„Stadtrat? Etwa Stadtrat Henry Anderson?“

 

„Ja, genau derselbige.“ erwiderte sie mit leicht säuerlichem Unterton und nickte zustimmend. Colby notierte den Namen in seinen Notizblock.

 

„Können Sie uns sonst noch etwas zu Anderson jun. sagen? Mit wem hat er so verkehrt? Hatte er hier im LAPD Freunde? Irgendetwas?“

 

„Hier im Departement waren seine Freunde eher rar gesät. Aber...soweit ich weiß, hatte er eine Freundin. Die war Krankenschwester im White Memorial Medical Center ganz in der Nähe vom Golden State Freeway. Eine Mary Anne ... irgendwas. Hat dort auf der Intensivstation gearbeitet. Er hat ihr einmal einen Besuch abgestattet, während wir zusammen auf Streife waren. Und das war so ziemlich das einzige Mal, dass er sie erwähnt, oder von ihr gesprochen hat. Vielleicht arbeitet sie dort noch.“

 

„Einen Nachnamen haben Sie nicht zufällig für uns?“

 

Sie dachte eine Weile nach und versuchte krampfhaft sich zu erinnern, schüttelte aber zum Schluss resignierend den Kopf. „Tut mir leid. Ich habe keine Idee. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Pete ihren Nachnamen erwähnt hat.“

 

Don nickte und zog aus seiner Jackentasche eine Visitenkarte heraus, die er Lori überreichte. „Danke für diese Information. Falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, zögern Sie nicht, uns anzurufen.“ Damit verabschiedeten er und Colby sich von ihr und verließen das Gebäude. Don zückte sein Handy, während sich Granger ans Lenkrad setzte und den Motor anzündete.

 

„Megan, hier ist Don.“ meldete er sich. Kannst Du bitte überprüfen ob es im White Memorial Medical Center auf der Intensivstation eine Krankenschwester gibt, die Mary Anne heißt. Laut Aussage von Andersons ehemaliger Partnerin beim LAPD, soll das angeblich seine Freundin gewesen sein. Hoffentlich kann sie uns etwas über ihn erzählen. Colby und ich machen uns gerade auf den Weg dahin.“

 

„Alles klar. Ich checke das und melde mich gleich bei Dir.“ ertönte Megans Stimme durch das Mobiltelefon.

 

„Bei Euch etwas Neues?“ wollte Don noch wissen?

 

„Nein, leider nichts.“

 

„Okay.“ Don klappte sein Handy zu und blickte gedankenverloren aus dem Fenster.

 

„Tja, wer hätte das gedacht, dass Anderson uns so an der Nase herumführt.“ bemerkte Colby leise. „Kein schönes Gefühl, was?“

 

Don beobachtete weiterhin das geschäftige Treiben auf der Straße, während sie eine palmenbesetzte Avenue entlang fuhren und es dauerte eine Weile, bis er antwortete. „Es ist immer ein Scheißgefühl, wenn das Vertrauen, das man jemandem entgegenbringt, missbraucht wird.“ begann er schließlich langsam und drehte sich wieder zu Colby. „Gerade in unserem Job, muss man sich auf sein Team verlassen können. Wenn das nicht mehr gegeben ist, ...“ Er beendete den Satz nicht, sondern seufzte nur frustriert und wandte sich wieder ab, um weiter aus dem Fenster zu starren.

 

Colby warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Jemandem zu vertrauen, konnte Leben oder Tod bedeuten. Keiner wusste das besser als er. Sein Einsatz in Afghanistan hatte ihn das auf recht dramatische Weise gelehrt. Aber diesem Vertrauen immer gerecht zu werden, das war eine ganz andere Geschichte. Er schüttelte den Kopf, so als könnte er all die unangenehmen Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor seinem inneren Auge auftauchten und räusperte sich kurz. „Niemand konnte das mit Anderson ahnen. Du solltest Dir keine Vorwürfe machen.“

 

Und damit hatte er genau ins Schwarze getroffen. Denn Don machte sich Vorwürfe. Er fühlte sich verantwortlich. Er war der leitende Beamte und er war es, der die Gefahr, die sich direkt vor ihrer Nase befand, nicht erkannt hatte. Und vielleicht musste Amita für seine Nachlässigkeit mit ihrem Leben bezahlen. Wie könnte er damit leben? Konnte er seinen Instinkten nicht mehr trauen? Wie konnte er sich so von Pete Anderson blenden lassen? Das Gewicht der Verantwortung lastete schwer auf seinen Schultern und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wie lange er dem wohl noch gewachsen sein würde. Doch in diesem Augenblick ertönte das Klingeln seines Handy und er wurde aus seinen Gedanken heraugerissen.

 

„Eppes.“ meldete er sich kurz angebunden.

 

„Ihr vollständiger Name ist Mary Anne Smith,“ begann Megan ohne Umschweife, „und sie ist immer noch in dem Krankenhauses tätig. Allerdings arbeitet sie jetzt in der Notaufnahme. Es gibt keine Akte über sie, also kann ich Dir auch nichts über sie sagen.“

 

„Danke.“ Er beendete das Telefonat und wandte sich wieder an Colby. „Gib Gas. Uns rennt die Zeit davon.“