Kapitel 12

 

Don hatte sich entschlossen, auf dem Weg zum FBI einen kleinen Umweg zu fahren, um endlich die Akten von Anderson los zu werden. Außerdem wollte er wissen, ob sich irgendwelche Neuigkeiten beim LAPD ergeben hatten. Er hatte Pete nicht über sein Handy erreicht und gehofft, persönlich mit ihm reden zu können. Aber der junge Detective war nicht da und keiner der diensthabenden Beamten konnte ihm sagen, wie er sonst mit ihm in Verbindung treten konnte. Eine Tatsache, die er befremlich fand, da er ein solches Verhalten von seinem Team nicht gewöhnt war.

 

Ein ungutes Gefühl beschlich Don. Durch seine langjährige Erfahrung spürte er instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Er beschloss schnellstmöglich ins FBI zurück zu fahren, um einige Erkundigungen einzuholen, als sein Handy zu klingeln begann. Ohne auf das Display zu achten, klappte er es auf und meldete sich, in der Hoffnung, es wäre Anderson, der auf eine seiner Nachrichten reagierte.

 

„Eppes.“

 

„Was waren das für Akten und von wem hattest Du sie? Wer hat das geschrieben?“ erklang Charlies aufgebrachte Stimme.

 

„Charlie? Wovon redest Du? Was für Akten?“ fragte Don, sichtlich verwirrt und besorgt, über Charlies Ausbruch.

 

„J.J. sagte, Du hättest heute Akten bei Dir gehabt. Don, wessen Akten waren das? Das ist wirklich wichtig!“ beharrte der jüngere Eppes.

 

Obwohl er die Reaktion seines Bruders noch nicht verstand, da die besagten Unterlagen nichts mit ihrem Fall zu tun hatten, so war Don doch alamiert. „Das waren Detctive Andersons Akten. Warum?“

 

Stille. Charlie gab keinen Laut von sich, nur sein schwerer Atem verriet, dass er nicht aufgelegt hatte. Das ungute Gefühl, dass ihn bereits zuvor ergriffen hatte, verstärkte sich, doch er zwang sich, ruhig zu bleiben. „Charlie, ich will auf der Stelle wissen, was los ist.“

 

Wieder blieb es am an deren Ende der Leitung still.

 

„Charlie...“

 

„Da, da ist ein Zettel aus einer der Akten herausgefallen. J.J. hat ihn gefunden und mir gegeben. Darauf waren handschriftliche Notizen vermerkt...“

 

„Okay. Und weiter?“

 

Charlie holte tief Luft. „Don, es war die gleiche Schrift, wie auf der Notiz, die in Amitas Büro gefunden wurde.“

 

Diesmal war es Don, der schwieg. In seinem Kopf begann es fieberhaft zu arbeiten. Konnte das möglich sein? Anderson? Warum? Konnte er sich tatsächlich so in einem Menschen getäuscht haben? „Bist Du sicher?“ fragte er ohne jegliche Gefühlsregung.

 

„Ich habe es zweimal überprüft. Es gibt keinen Zweifel, die Schrift ist identisch. Don,...weißt Du, was das bedeutet?“

 

„Ja, Charlie. Ich weiß es. Ich bin in zwei Minuten im Büro. Ich werde alles weitere veranlassen.“ Damit beendete er das Telefonat und bog mit quietschenden Reifen in die Tiefgarage des FBI-Hauptquartiers ein.

 

Seine Gedanken überschlugen sich förmlich. Noch konnte er bei Anderson kein Motiv erkennen, und doch passte der junge Mann in das Profil, das Megan erarbeitet hatte. Er hatte Zugang zu allen Akten sowie den aktuellen Ermittlungsständen. Er kannte genau die Vorgehensweise des FBI und jetzt war er bereits seit Stunden verschwunden. Don ahnte Schlimmes. Die Fahrstuhltür öffnete sich mit einem leisen „ping“ und sofort stürmte er ungeduldig hinaus.

 

Colby hatte seinen Boss als erster gesichtet und sofort seine angespannte Miene bemerkt. Leicht stieß er David in die Seite, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Don stapfte, ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihnen vorbei und machte schließlich an seinem Schreibtisch halt. Gedankenversunken zog er sein Jackett aus und hängte es über den Stuhl. Er musste sich kurz sammeln, bevor er seine Mitarbeiter über die neuesten Entwicklungen informieren konnte. Aber wie sollte er es ihnen sagen? Konnte man je die richtigen Worte für eine Situation wie diese finden? Er atmete tief durch und wandte sich nach kurzem Zögern an Colby. „Gib sofort eine Suchfahndung nach Detective Anderson heraus.“ Verduzte Blicke trafen ihn.

 

„Detective Anderson?“ fragte Colby irritiert. „Was hat das zu bedeuten, Don?“ wollte David wissen. Auch Megan trat zu ihnen.

 

„Pete Anderson ist unser neuer Verdächtiger.“ versuchte Don zu erklären. „Charlie hat herausgefunden, dass die Handschrift, auf der Notiz, die wir in Amitas Büro gefunden haben, die Handschrift von Anderson ist.“

 

Völlig perplex sahen sie einander an und mussten diese Information erst einmal verdauen. „Wie kann das sein?“ fragte Megan ungläubig. „Schließlich hat er uns zu den Ermittlungen hinzugezogen. Das würde er doch nicht tun, wenn er selbst der Täter wäre.“

 

„Das leuchtet ein.“ erwiderte Don. „Aber denk doch einmal an Dein Profil Megan. Der Täter ist selbstsicher, geht planvoll und kontrolliert vor. Du selbst hast gesagt, dass er Zugriff auf die aktuellen Ermittlungsergebnisse hat. Und wahrscheinlich ist unsere Mitarbeit Teil seines Plans gewesen, weil er glaubt, dass wir ihm nicht auf die Schliche kommen können.“

 

„Weiß Anderson, dass wir ihm auf den Versen sind?“ wollte Colby wissen.

 

„Wahrscheinlich schon.“ stimmte Don ihm zu. „Ich habe versucht ihn mehrfach zu erreichen, aber er geht nicht an sein Handy. Und auch beim LAPD konnte mir niemand sagen, wie ich sonst mit ihm in Kontakt treten kann. Ich habe ihm Nachrichten hinterlassen. Bisher hat er sich nicht gemeldet.“

 

„Verstehe. Don, wir müssen Charlie mit ins Boot holen. Er muss uns ein neues Suchgebiet berechnen, indem Pete eventuell zu finden ist.“

 

In diesem Augenblick stürmte Charlie den Gang entlang und hatte Davids letzte Bemerkung gehört. „Wir brauchen kein neues Gebiet zu berechnen.“ sagte er und japste nach Luft. „Meine Berechnungen haben sich nicht auf Eure Profilerstellung gestützt. Deshalb ist das Suchgebiet, die heiße Zone um die Santa Monica Mountains nach wie vor aktuell.

 

Verwundert schaute Don auf. „Charlie, wie kommst Du denn so schnell hierher?“ Er blickte an Charlie vorbei und sah J.J., die sich etwas im Hintergrund hielt.

 

„Als wir miteinander telefoniert haben, waren J.J. und ich schon auf dem Weg ins FBI.“ klärte Charlie ihn auf und bemerkte Dons fragenden Blick. „J.J. hat darauf bestanden mich zu fahren. Sie meinte, ich wäre zu aufgeregt und würde noch einen Unfall bauen. Don, ihr müsst Anderson in dem Zielgebiet, dass ich errechnet habe suchen. Hörst Du?“ redete er weiter auf ihn ein.

 

„Okay.“ nickte David. „Das heißt, wir müssen eine Verbindung zwischen Pete und den Santa Monica Mountains feststellen. Ich werde mir sofort seine persönliche Akte gründlich ansehen, vielleicht finde ich etwas relevantes.“

 

„Mach das David. Megan, Du hilfst ihm. Colby, wir beide statten den Kollegen vom LAPD einen Besuch ab und versuchen herauszufinden, ob sie nähere Einzelheiten über Pete wissen, seine Gewohnheiten, wo er hingeht, wo er sich normalerweise aufhält. Ob Verwandte oder Bekannte von ihm eine Verbindung zu unserer heißen Zone haben, dort eventuell ein Haus oder einen Wohnwagen besitzen.“

 

Er wandte sich wieder an Charlie, ergriff seinen Arm und schob ihn etwas zur Seite. „Charlie, ich möchte, dass Du mit J.J. wieder nach Hause fährst. Du kannst hier nichts mehr für uns tun. Lass uns unsere Arbeit machen, und sobald wir Amita gefunden haben, werde ich Dich sofort informieren.“

 

Charlie schüttelte energisch den Kopf. „Don, das kannst Du nicht von mir verlangen. Nicht jetzt,...nicht in dieser Situation. Ich muss hier sein. Ich... ich muss...“ seine Stimme versagte und er blickte seinen älteren Bruder verzweifelt an. Erschöpfung und Angst spiegelten sich auf seinem Gesicht. Don brachte es nicht übers Herz ihn wegzuschicken. Also klopfte er ihm auf die Schulter und versuchte sein Bestes um einen aufmunternden Blick aufzusetzen. „Gut. Du kannst bleiben. Aber ich möchte, dass Du Dich etwas ausruhst. Setz Dich am Besten in den Aufenthaltsraum, trink einen Kaffee, unterhalt Dich mit J.J. und sobald wir etwas Neues wissen, hole ich Dich dazu. Ist das in Ordnung für Dich?“ Charlie schluckte schwer, nickte aber, um seine Zustimmung zum Ausdruck zu bringen.

 

Don schob ihn in Richtung Küche und dreht sich zu J.J. Diese trat einen Schritt auf ihn zu. Spontan ergriff er ihre Hand und drückte diese kurz. „Danke, dass Du so besorgt um Charlie bist und ihn hergebracht hast. So kopflos wie er ist, hätte weiß Gott was passieren können. Hast Du noch einen Augenblick Zeit, oder musst Du wieder fahren?“

 

„Nein, nein.“ sagte sie. „Ich habe Zeit. Kann ich etwas für Dich tun?“

 

„Ja, es wäre gut, wenn Du bei Charlie bleiben könntest. Er ist völlig durcheinander und mitgenommen. Es wäre hilfreich, wenn jemand bei ihm wäre und ihn etwas ablenken würde. Und Du scheinst, einen guten Einfluß auf ihn zu haben.“

 

„Kein Problem.“ versicherte J.J. ihm. „Das mach ich doch gerne. Ich hoffe, mit den neuen Hinweisen, könnt ihr Amita schnell finden.“

 

„Ja.“ nickte Don geistesabwesend. „Das hoffe ich auch.“ Er drehte sich wieder zu ihr. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Schließlich habe ich Charlie versprochen, ihm eine Info zu geben, sobald wir etwas wissen.“

 

„Alles klar. Ich kümmere mich um ihn.“

 

Wieder drückte er ihre Hand. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich ständig wiederhole....Danke.“ Sie sah ihm in die Augen, lächelte kurz und folgte Charlie schließlich in die Küche.