Kapitel 11

 

Die Fahrstuhltür öffnete sich leise und Detective Anderson betrat das Großraumbüro im FBI-Hauptquartier. Zielstrebig bewegte sich der junge Mann auf Dons Schreibtisch zu. Sobald dieser ihn erblickte, lächelte er leicht und erhob sich von seinem Sitz. „Pete, danke, dass Sie so gekommen sind.“

 

Sie schüttelten einander die Hände zur Begrüßung. „Kein Problem. Da Sie nicht am Telefon darüber sprechen wollten, habe ich mich natürlich auf den Weg gemacht.“

 

Don nickte und deutete seinem Gesprächspartner ihm in den Konferenzraum zu folgen. Sobald sie eingetreten waren schloss er Tür. „Ja, was ich mit Ihnen besprechen möchte, ist etwas delikat, und muss streng vertraulich behandelt werden.“ Er rückte sich einen Stuhl zurecht und wies auch Anderson an, sich zu setzen. Dann fügte er hinzu. „Sie waren nicht am letzten Tatort.“

 

„Das stimmt. Ich habe es leider nicht geschafft.“ Er warf einige Aktenordner, die er mit sich trug, auf den Tisch und ließ sich seufzend in einen der Stühle fallen. „Wir sind zur Zeit ziemlich unterbesetzt und ich habe dreizehn Fälle auf meinem Tisch liegen. Hatte heute einen Gerichttermin, weil ich bei einem der Fälle eine Aussage machen musste. Und zu den hier,“ er zeigte auf den Stapel,“ muss ich noch kurzfristig die Berichte schreiben.“

 

„Ja, verstehe. Hier sieht es zum Teil nicht besser aus.“ stimmte Don ihm zu und strich sich müde mit der Hand übers Kinn.

 

„Sie haben mich aber sicherlich nicht herbestellt, um über den Stressfaktor in unserem Beruf zu sprechen. Ich habe von meinen Kollegen bereits gehört, dass es ein neues Opfer gab. Allerdings kenne ich noch keine Einzelheiten, nur, dass es jemand war, den Sie kannten.“

 

„Die Freundin meines Bruders, Amita Ramanujan. Sie ist ebenfalls Professorin an der CalSi.“

 

Pete nickte bedächtig. „Ich weiß. Ich hatte ja Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen. Das ist fürchterlich.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Schon irgendwelche Hinweise auf Kent?“

 

„Genau darüber wollte ich mit Ihnen sprechen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Täter um jemanden handeln muss, der nach wie vor Zugang zu den Ermittlungen hat. Nicht jemand, der bereits aus dem Dienst ausgeschieden ist.“

 

„Aber Michael Kent passt perfekt in unser Profil. Er besitzt ein Haus in den Santa Monica Mountains, genau wie Ihr Bruder berechnet hat, wir haben den abgetrennten Fuß von Amanda Bernstein bei ihm gefunden seine ganze Vorgeschichte und die Tatsache, dass er wie vom Erdboden verschluckt ist.... ich meine, wie viele Beweise brauchen Sie denn noch?“

 

„Ich stimme Ihnen zu, dass er sehr verdächtig ist und wir werden seine Spur auch weiterverfolgen. Aber dennoch gibt es Ungereimtheiten, was ihn betrifft. Megan, und sie ist eine hervorragende Profilerin, ist überzeugt davon, dass er nicht wirklich in das Profil eines planvoll vorgehenden Serientäters passt. Alles, was unser Täter bislang getan hat, zeugt von einer exzellenten Planung und Ausführung. Kent leidet an akuter Schizophrenie, ist bekannt dafür, dass er sich nicht unter Kontrolle hat. Er hätte eher aus dem Affekt gehandelt, statt alles minuziös zu planen. Außerdem glauben wir, dass die Entführung Amitas eine persönliche Botschaft für uns sein soll. Wir sind diesem Kerl wohl dicht auf den Versen und das weiß er. Deshalb hat er reagiert.“

 

„Wie meinen Sie das? Er hat reagiert?“

 

„Er muss den Stand unserer Ermittlungen kennen und will uns mit Amitas Entführung ordentlich aus dem Konzept bringen. Gleichzeitig verfolgt er aber wahrscheinlich seinen eigentlichen Plan weiter, denn Amita passt genau in sein Beute schema.“

 

Pete schien immer noch nicht überzeugt zu sein. „Und wie kommen Sie darauf?“ fragte er ziemlich ungläubig.

 

„Bei seiner letzten Tat, war einiges improvisiert. Die Nachricht war zwar direkt an das FBI gerichtet, aber sie war handschriftlich verfasst, was zeigt, dass er es nicht von langer Hand geplant hatte. Die Rosen, die wir bei ihr gefunden haben, waren vom Unicampus...“ Er konnte seinen Satz nicht beenden, da Pete ihn unterbrach.

 

„Also doch eine Affekthandlung. Passt perfekt zu Michael Kent. Das haben Sie selbst vorhin noch gesagt. Don, ich sage Ihnen, er ist unser Mann. Das spüre ich.“ ereiferte sich Anderson und sah sein Gegenüber eindringlich an.

 

„Hören Sie, Pete, vielleicht haben Sie recht damit, aber möglicherweise auch nicht. Ich schlage Ihnen folgendes vor, Sie verfolgen die Spur von Kent weiter und wir werden parallel dazu nochmal in Polizei- und FBI-Kreisen ermitteln, ob wir vielleicht noch etwas übersehen haben. Das ist immer ziemlich unerfreulich für alle Beteiligten, deshalb möchte ich Sie bitten, dass absolut vertraulich zu behandeln. Niemand, und ich meine wirklich niemand, darf von unserer Unterhaltung erfahren. Dass könnte sonst unsere Ermittlungen gefährden und den Täter, sollte er tatsächlich wie vermutet über akutelle Ermittlungsergebnisse verfügen, warnen.“ Dons Blick ließ keine Widerrede zu.

 

„Ich verstehe. Danke, für das Vertrauen, dass Sie mir entgegenbringen. Das weiß ich wirklich zu schätzen.“ Pete erhob sich und begann etwas nervös mit seinen Händen zu spielen, während er sich langsam der Tür näherte. „Tja, da haben wir wohl noch eine Menge Arbeit vor uns. Aber ganz gleich, wer von uns beiden Recht hat, wir müssen unseren Rosenkiller schnellstmöglich fassen.“

 

„Rosenkiller?“ fragte Don sichtlich irritiert.

 

„Sie haben wohl heute noch keine Zeitung gelesen, oder die Nachrichten gesehen. Ist das Stadtgespräch schlechthin. Nachdem wir uns an die Öffentlichkeit gewandt haben, ist das nun der Name, den die Presse unserem Täter verpasst hat.“ klärte Anderson ihn auf.

 

„Na wunderbar. Das hat uns gerade noch gefehlt, dass die Pressemeute sich darauf stürzt und die ganze Stadt verrückt macht.“

 

Der junge Detective verzog die Lippen zu einem maliziösen Lächeln, seine Augen blieben davon aber völlig unberührt. „Es war die Presse, die solche Serienmörder erst derart berühmt gemacht hat, dass sie quasi Unsterblichkeit erlangten. Das ist der Lauf der Dinge.“

 

Don fixierte ihn mit ernster Miene. „Mag sein, dass das der Lauf der Dinge ist. Dadurch wird aber nur verdeutlicht, wie krank unsere Gesellschaft ist, die solchem bestialischem Abschaum beinahe zu einem Prominentenstatus verhilft, damit andere kranke Hirne deren Taten idealisieren und nachahmen.“

 

„Damit haben sie Recht.“ antwortete Pete und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er öffnete die Tür und trat aus dem Konferenzraum heraus. „Sobald ich etwas Neues weiß, werde ich es Sie wissen lassen. Man sieht sich.“ damit wandte er sich ab und ließ Don allein in der Tür stehen.

 

Nachdenklich blickte Don ihm noch einen Moment hinterher und wollte wieder zu seinem Schreibtisch gehen, doch er warf noch einen Blick in den Konferenzraum hinein. Anderson hatte seine Akten liegengelassen. Don wollte ihm noch hinterhergehen, doch der junge Detective war bereits verschwunden. 'Verdammt.' dachte er sich. 'Jetzt muss ich ihm die auch noch vorbeibringen. Aber erst statte ich Charlie noch einen Besuch ab.' Er sammelte die Akten ein, informierte sein Team über sein Vorhaben und griff seufzend nach seiner Jacke, um sich auf den Weg nach Pasadena zu machen.

 

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Don parkte seinen schwarzen Geländewagen in der Auffahrt zum Haus seines Bruders. Er drehte den Schlüssel im Zündschloss und der Motor erstarb. Erschöpft lehnte er sich in seinem Sitz zurück und atmete langsam aus. Was sollte er Charlie erzählen? Sie hatten immer noch keinen Hinweis, wo Amita sich befinden könnte. Die Zeit lief ihnen davon und eigentlich konnten sie sich noch nicht einmal sicher sein, ob sie überhaupt noch am Leben war. Er schob diesen Gedanken zur Seite. Sie musste einfach noch am Leben sein. Wie sollte er sonst je wieder seinem kleinen Bruder in die Augen sehen können.

 

Die Anspannung hatte Spuren bei ihm hinterlassen. Er fühlte sich müde und völlig ausgelaugt, aber gerade jetzt konnte er sich keine Schwäche leisten. Also atmete er noch einmal tief durch, griff gedankenversunken nach den Akten, die er Anderson später noch vorbeibringen wollte und machte sich schweren Herzens auf den Weg ins Haus.

 

Er öffnete die Tür und die vertrauten Gerüche, die ihm entgegen schlugen nahmen ihm sofort einen Teil der Anspannung. J.J. hatte Recht gehabt, ein echtes Zuhause, war unschätzbar und besonders in den letzten Jahren war er sich dessen mehr denn je bewusst geworden. „Hallo!“ rief er. „Jemand zu Hause?“ Er legte seine Schlüssel und die Akten auf den Esszimmertisch.

 

„Donnie.“ erklang die Stimme seines Vaters hinter ihm. „Gibt es schon etwas Neues?“

 

Don drehte sich zu seinem Vater um und musste feststellen, dass die Sorge auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen war. Tiefe Furchen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und ein trüber Schleier ließ die sonst wachsamen Augen müde und traurig dahin blicken. Langsam schüttelte Don den Kopf und räusperte sich. „Nein. Ich wollte nur kurz nach Charlie sehen. Wo ist er?“

 

„Er hat sich den ganzen Vormittag in der Garage verschanzt und ist völlig von der Rolle. Ich und Larry haben versucht mit ihm zu reden, aber Du weißt ja, wie er ist.“ Hilflos zuckte Alan mit den Schultern.

 

„Bitte sag mir nicht, dass er wieder an diesem P vs. NP-Ding arbeitet.“ Das Schweigen seines Vaters war Zustimmung genug. Frustriert blickte er zu Boden. „Ich rede mit ihm.“ sagte er schließlich. Doch Alan legte ihm eine Hand auf die Schulter. „J.J. ist gerade zu ihm rübergegangen.“

 

„J.J.?“ fragte Don verwundert.

 

„Sie kam vorhin nach Hause und hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Also habe ich es ihr erzählt. Ich habe versucht ihr Charlies Reaktion zu erklären, warum er sich so verhält, und sie wollte mit ihm reden. Tja, und da Larry und ich nichts erreicht haben, dachte ich mir, es ist einen Versuch wert.“

 

Don blickte seinem Vater einen Augenblick lang in die Augen und wandte sich schließlich wortlos ab um zur Garage zu gehen. Alan blieb allein im Wohnzimmer zurück und ließ sich resignierend mit einem Seufzer auf die Couch sinken.

 

Schon im Garten konnte man das hektische Klackern der Kreide, die flink über die Tafel geführt wurde, vernehmen. Durch die leicht geöffnete Tür zur Garage hörte Don die Stimme seines Bruders.

 

„...nah an der Lösung. Ich...ich kann es fühlen. Ich muss die Gleichung nur etwas umstellen und...und...Ich muss mich konzentrieren und darf nicht gestört werden. Ich muss meinem Gedankengang folgen.“

 

„Soweit ich weiß, gibt es keine Lösung für dieses Problem, Charlie.“ erklang J.J.'s Stimme. Don spähte durch den Türschlitz und sah beide, mit dem Rücken zu ihm gewandt.

 

„Das... ist richtig.“ antwortete Charlie leicht zögernd. „Bis jetzt. Aber ich... ich weiß genau, ich bin ganz nah dran. Ich habe diesmal einen ganz anderen Ansatz.“

 

Charlie arbeitete an mehreren Tafeln gleichzeitig und kritzelte hochkonzentriert mathematische Formeln darauf. Die Luft, die den Raum erfüllte, war kalkgeschwängert. J.J. stand nur stumm da und beobachtete den jungen Mann bei seinem zwanghaften Treiben. Schließlich trat sie ein paar Schritte vor, bis sie direkt hinter Charlie stand. Er spürte ihre Nähe und hielt irritiert inne, während sie ihre Hand um seine Rechte legte, in der er krampfhaft ein Stück Kreide hielt.

 

„Charlie, bitte...hör auf damit.“ flüsterte sie ihm mit sanftem aber bestimmten Tonfall zu. Es dauerte ein paar Sekunden, doch dann senkte er seinen Arm und drehte sich langsam zu ihr um. „Ich kann nicht.“ raunte er kaum hörbar und sah ihr direkt in die Augen. Angst und Verzweifelung spiegelten sich darin wieder, und sie verspürte das Verlangen, ihn in den Arm zu nehmen. „Doch. Du kannst es. Du musst es nur wollen.“ erwiderte sie stattdessen und wich seinem Blick nicht aus.

 

„Das ist nicht so einfach. In meinem Kopf sind so viele Zahlen und Formeln. Ich muss sie einfach aufschreiben. Ich... ich kann es mir nicht aussuchen. Verstehst Du?“ Seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen und er wollte sich wieder von ihr abwenden um weiterzuschreiben. Doch J.J. ergriff mit beiden Händen sein Gesicht und erlangte eine Aufmerksamkeit wieder zurück.

 

„Nein. Ich verstehe es nicht. Ich weiß nur eins, Charlie, dass das hier nicht gut für Dich ist. Und das Dein Vater, Dein Bruder und Deine Freunde sich Sorgen um Dich machen.“

 

„Es geht mir gut.“ flüsterte er wenig überzeugend.

 

„Nein, Charlie. Es geht Dir nicht gut.“ stellte sie nüchtern fest und machte eine kurze Pause, bevor sie fragt: „Liebst Du sie?“

 

„Was?“ Er blinzelte eine Träne weg und sah sie verständnislos an.

 

„Ich habe gefragt, ob Du Amita liebst. Denn wenn ja, dann ist das eine ganz normale Reaktion, dass Du Angst um sie hast und sie nicht verlieren willst. Derartige Gefühle hat jeder von uns schon einmal erfahren. Aber man muss sich seinen Gefühlen stellen, Charlie. Man kann sich nicht einfach hinter irgendwelchen Formeln oder Gleichungen verschanzen. Vor etwas wegzulaufen, löst das Problem nicht.“

 

Wieder starrte er sie einen Augenblick lang an, bis er schließlich die Kreide weglegte und zu seinem Stuhl hinüberging. Kraftlos ließ er sich darauf nieder und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Was, wenn ihr etwas Schlimmes passiert. Wenn sie stirbt. Ich...ich... das könnte ich nicht ertragen.“

 

Sie kniete sich vor ihm hin und ergriff seine Hand. „Daran darfst Du nicht einmal denken, Charlie. Nicht jetzt. Jetzt musst Du all Deine Kraft darauf verwenden, um sie wiederzufinden. Hörst Du? Das ist jetzt wichtig und sonst nichts.“ Sie senkte den Kopf. „Weißt Du, es passieren im Leben immer wieder schlimme Dinge, die uns vielleicht wehtun und uns viel Kraft kosten. Aber wenn wir nicht lernen, damit umzugehen, dann werden sie uns immer wieder verfolgen und wir werden nie Ruhe finden.“

 

„Als Mum krank wurde, konnte ich damit auch nicht umgehen. Und Du hast Recht, es verfolgt mich bis heute.“ bemerkte er mit abwesendem Blick.

 

„Dein Vater hat mir davon erzählt. Aber Deine Mutter hat Dich verstanden, Charlie. Sie wusste wie es in Dir aussieht und welchen Kampf Du mit Dir führen musstest. Doch Du bist stärker geworden durch diese Erfahrung, glaub mir.“

 

Sein Blick begann sich zu klären und allmählich nahm er seine Umgebung wieder war. Er sah J.J. an und lächelte schwach. „Meinst Du? Ich war vielleicht der Klügere, aber nie der Stärkere. Das war immer Dons Part, schon als wir Kinder waren.“

 

„In Dir steckt mehr drin, als Du denkst. Und Du solltest Deine Kraft für die lösbaren Probleme aufwenden und nicht, um die unlösbaren Mysterien der Mathematik zu enträtseln.“

 

„Du klingst beinahe wie Larry.“ stellte er leicht schmunzelnd fest.

 

„Wer ist Larry?“

 

„Stell ich Dir bei Gelegenheit mal vor.“

 

„Okay. Ich werde Dich daran erinnern. Sollen wir wieder ins Haus gehen?“ Sie erhob sich wieder und streckte ihm erwartungsvoll ihre Hand entgegen. Er sah sich in der Garage um und ließ seinen Blick kurz auf den vollgeschriebenen Tafeln verweilen. Doch dann stand auch er auf und ergriff ihre Hand.

 

Don, der die ganze Zeit in der Tür gestanden hatte, entfernte sich schnell, um weiterhin unentdeckt zu bleiben. Er war beeindruckt von J.J.'s Einfühlungsvermögen und erneut musste er sich eingestehen, dass sie eine unglaubliche Frau war. Hastig betrat er wieder das Wohnzimmer. Alan erhob sich sofort neugierig, doch bevor er etwas sagen konnte, hob Don den Zeigefinger vor seine Lippen und zischte ein: „Ssscht. Sie kommen.“ Irritiert hob er eine Augenbraue, doch genau in diesem Moment öffnete sich die Tür und J.J. betrat gefolgt von Charlie den Raum.

 

„Don? Seit wann bist Du hier?“ fragte Charlie. „Habt ihr Amita gefunden?“

 

Don räusperte sich kurz und warf seinem Vater einen kurzen Blick zu bevor er antwortete. „Ich bin gerade rein gekommen. Ich wollte sehen, wie es Dir geht.“

 

„Ja, ähm... wir wollten gerade in die Garage rübergehen.“ bestätigte Alan hastig und sah verschwörerisch zu seinem ältesten Sohn.

 

„Amita? Habt ihr sie gefunden?“ fragte Charlie erneut.

 

„Tut mir,... tut mir leid. Noch nicht. Aber,... wir arbeiten daran. Wir tun, was wir können.“

 

Enttäuscht senkte Charlie den Kopf und eine betretene Stille brach zwischen den vieren aus.

 

„Ich denke, wir könnten alle einen Tee vertragen.“ bemerkte Alan schließlich und legte seinem jüngsten Sohn den Arm um die Schulter. „Und Du... bekommst etwas zu Essen. Du hast heute noch keinen Bissen gehabt.“ Er zog den protestierenden Charlie mit sich in die Küche, so dass J.J. und Don allein im Wohnzimmer stehen blieben.

 

„Danke.“ brach Don nach ein paar Augenblicken das Schweigen. Sie schaute ihn verdutzt an. „Wofür?“

 

„Das sie mit Charlie geredet haben. Er lässt sonst niemanden an sich heran, wenn er in so einer Verfassung ist. Aber sie haben die richtigen Worte gefunden. Sie waren wirklich gut.“

 

Sie lächelte verlegen und senkte den Blick. „Das ist eine schwierige Situation. Ich hoffe, sie finden Amita schnell.“

 

„Ja, dass hoffen wir alle. Nun gut, ich muss wieder los. Ich wollte nur sehen, wie es Charlie geht. Und da ich weiß, dass sie alles im Griff haben, kann ich mich wieder voll und ganz der Suche widmen.“ Er griff nach Andersons Akten, die er auf dem Tisch abgelegt hatte und bewegte sich, gefolgt von J.J. in Richtung Tür. Aber plötzlich hielt er inne und machte auf dem Absatz kehrt, um sich noch einmal zu ihr umzudrehen. Doch er hatte nicht richtig abgeschätzt, wie nahe J.J. ihm war und sie prallten unweigerlich zusammen. Auf den Zusammenstoß völlig unvorbereitet verlor J.J. beinahe das Gleichgewicht und wäre unsanft gefallen. Doch blitzschnell ergriff Don ihren Arm, zog sie an sich und hielt sie fest. Die Akten fielen raschelnd zu Boden und einzelne Blätter lagen verstreut um sie herum. Ohne sie los zu lassen, betrachtete Don das Chaos.

 

„Tja, das war eigentlich nicht meine Absicht.“ bemerkte er trocken und sah J.J. schließlich unsicher lächelnd an. Doch auch sie machte keine Anstalten, sich aus seiner Umarmung zu lösen und so verharrten sie einen Augenblick schweigend, bis J.J. die Sprache wiederfand. „Was war denn Deine Absicht?“ flüsterte sie, als hätte sie Angst, diesen Moment zu zerstören.

 

Don hielt kurz inne. Eigentlich war er niemand, der Frauen gegenüber schüchtern war. Im Gegenteil, er liebte es zu flirten. Doch er fühlte, das es diesmal anders war und suchte mit Bedacht nach den richtigen Worten. „Wenn das alles hier vorbei ist und ich Dich fragen würde, ob Du mit mir Essen gehen würdest, würdest Du ja sagen?“ Erwartungsvoll sah er sie an.

 

J.J. löste sich aus seiner Umarmung und trat einen Schritt zurück. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, als sie antwortete: „Nun, zuerst ist es wichtig Amita zu finden.“ stellte sie sachlich fest.

 

Ihre nüchterne Reaktion ließ jeglichen romantischen Gedanken bei Don schwinden und er räusperte sich kurz. „Ich weiß. Charlie würde mir nie verzeihen, wenn...“ Er beendete den Satz nicht, sondern fügte nur leise hinzu: „Ich würde es mir selbst nicht verzeihen.“ Betreten blickte er zu Boden und bückte sich um die durcheinander geratenen Unterlagen wieder zusammen zu sammeln. J.J. half ihm schweigend dabei. Sobald sie fertig waren, erhob Don sich. „Okay, ich muss jetzt gehen. Man sieht sich.“ Damit wandte er sich zur Tür.

 

„Don,...“

 

Langsam dreht er sich zurück. „Ja?“

 

J.J. lächelte zaghaft. „Ich..., ich würde ja sagen.“

 

Es dauerte einige Sekunden, doch dann hellte seine ernste Miene sich etwas auf. „Deal?“ fragte er und reichte ihr die Hand. Sie schmunzelte während sie sie ergriff. „Deal.“

 

Er machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, der in der Auffahrt parkte und erst als er rückwärts zurücksetzte schloss J.J. die Haustür. Sie drehte sich um, um in die Küche zu gehen, als ihr Blick auf den Boden fiel, wo ein einzelnes Blatt Papier lag. Schnell hob sie es auf und blickte aus dem Fenster, doch Don war schon weg. Mit dem Blatt in der Hand ging sie in die Küche.

 

„Charlie? Fährst Du heute noch zum FBI? Das hier...“, sie deutete auf den Zettel, „gehört zu einer von Dons Akten. Ist ihm gerade rausgefallen. Ich weiß nicht, wie wichtig das ist und ob er es heute vielleicht noch braucht.“

 

Er streckte die Hand danach aus um einen Blick darauf zu werfen. Doch plötzlich versteinerte sich sein Gesichtsausdruck. J.J. bemerkte sofort, dass jegliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. „Charlie? Alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt.

 

Er starrte weiter wie gebannt auf den Zettel, um in der nächsten Sekunde hektisch aus dem Raum zu rennen. „Ich muss etwas überprüfen...“ rief er der verdutzten J.J. noch zu.