Kapitel 10

 

„Es ist ein Schnitter, heisst der Tod,

Hat G'walt vom grossen Gott.

Heut wetzt er das Messer,

Es schneid't schon viel besser.

Bald wird er drein schneiden,

Wir müssen nur leiden.

Hüt Dich, schön Blümelein!

 

Aus: Es ist ein Schnitter, heisst der Tod, Achim von Armin, Clemens Brentano

 

 

Leise Musik drang an ihr Ohr und langsam öffnete Amita die Augen. 'Wo war sie? Was war geschehen?'

 

Sie versuchte den Kopf zu heben, um sich umzusehen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Jedes Mal, wenn sie blinzelte, begann alles vor ihren Augen zu tanzen, und sie hatte Schwierigkeiten, den Blick wieder zu fokussieren. Ihre Glieder waren taub, so als würden sie nicht zu ihr gehören und ihr Mund war trocken und fühlte sich geschwollen an. Amita schloss die Augen und atmete tief durch. 'Verdammt! Konzentrier Dich!' hallte es durch ihren Schädel. Tränen stiegen ihr in die Augen und die Panik, die von ihr Besitz ergriff, ließ ihr Herz wild schlagen.

 

Wieder schlug sie die Augen auf. 'Du musst Dich konzentrieren.!' befahl sie sich. Sie zählte lautlos bis drei, und mit einem Ruck, der sie unglaubliche Willenskraft kostete, hob sie ihren Kopf und sah sich um.

 

Sie lag auf einem Stahltisch, Arme und Beine festgeschnallt. Nur eine Glühbirne hang von der Decke herab und tauchte den Raum in ein schummeriges Licht. An der gegenüberliegenden Wand im Halbdunkel, stand ein Metallwagen. Auf einem grünen Tuch lagen scharfe, silbern glänzende Instrumente ordentlich aneinander gereiht. Daneben stand ein altes Radio. Ansonsten war der Raum, soweit sie das erkennen konnte, leer.

 

Ihre Kräfte ließen nach und ihr Kopf prallte mit einem dumpfen Knall wieder auf dem Tisch auf. Ein heftiger Schmerz begann in ihrem Kopf zu pulsieren und mit einem Mal überwältigte sie die Erinnerung an die letzten Stunden. Sie war in der Gewalt des Serienkillers, nachdem Charlie und Don die ganze Zeit gesucht hatten, und jetzt war sie ihm völlig ausgeliefert. Amita ließ ihren Tränen freien Lauf und schluchzte auf, als ihr ihre ausweglose Lage bewusst wurde.

 

Plötzlich vernahm sie Geräusche hinter sich. Schritte, die immer lauter wurden und dann zum Stillstand kamen, ein Rascheln und dann konnte sie hören, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und gedreht wurde und eine Tür sich öffnete. Amita versuchte sich zu beruhigen, doch ihre Angst ließ sie noch mehr aufschluchzen.

 

„Na, na, wer ist denn da schon wach? Eigentlich hättest Du noch ein paar Stunden schlafen sollen.“ erklang eine rauhe Stimme hinter ihr. „Wie geht es uns denn?“

 

Amita erschauderte, wollte etwas sagen, doch auch ihre Zunge war völlig taub und sie brachte nur ein unverständliches Lallen heraus. Wieder rannen ihr Tränen übers Gesicht.

 

„Bemüh Dich nicht. Ich kann Dich sowieso nicht verstehen.“ Er trat vor sie, doch sein Gesicht blieb im Halbdunkel verborgen, so dass sie nur vage Umrisse wahrnehmen konnte. Mit flinken Fingern schnallte er ihren Arm los, hob ihn in die Höhe,schließlich legte er den Finger auf ihr Handgelenk, um den Puls zu überprüfen. „Dein Puls rast ja.“ Wieder trat er hinter sie, so dass sie ihn nicht sehen konnte, beugte sich zu ihr herunter und streichelte zärtlich über ihre tränennasse Wange. „Ssssscht. Kämpf nicht dagegen an. Dass macht es für Dich nur schwerer.“ Er seufzte und berührte ihr Haar. Dann richtete er sich wieder auf. „Es wird nicht mehr lange dauern.“ bemerkte er und holte aus der Brusttasche seines Hemdes eine Spritze und eine Ampulle herraus.

 

„Hab keine Angst, Amita. Ich muß noch etwas besorgen. Aber ich komme bald wieder. Und dann werden wir eine Menge Spass zusammen haben.“ Er stach ihr die Nadel in den Arm. „Schlaf schön, wir sehen uns später.“

 

Er warf ihr einen letzten Blick zu und wandte sich dann ab. Das Licht ging aus. Wieder hörte sie das Rasseln des Schlüssels und vernahm, wie die Tür knarrend ins Schloss viel und abgeschlossen wurde. Sie war wieder allein. Langsam begann der Raum vor ihren Augen zu verschwimmen und sie spürte, wie eine erneute Lethargie ihren Körper erfasste. Sie versuchte gegen die aufkommende Müdigkeit anzukämpfen, doch sie konnte nichts dagegen tun, ihre Lider schlossen sich fast von allein. Ihr Körper schien schwerelos und sie hatte das Gefühl unendlich tief zu fallen.

 

'Charlie....' hallte es noch durch ihren Kopf bis die Dunkelheit sie vollkommen übermannte.

 

 

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„Charlie, Charlie,... bitte beruhige Dich.“ versuchte Don seinen jüngeren Bruder zu besänftigen.

 

„Sag mir nicht, dass ich mich beruhigen soll.“ entgegnete dieser völlig aufgebracht und schritt rastlos in Amitas Büro auf und ab. Sofort nach dem Fund der Rosen und des Umschlages hatte Charlie begriffen, dass Amita das nächste Opfer des Serienkillers geworden war und unverzüglich Don verständigt. Das ganze Team, inklusive der Spurenfahnung, war so schnell wie möglich angerückt.

 

„Wir,...wir müssen sie finden. Hörst Du? Ich...ich kann nicht zulassen, dass ihr etwas passiert!“ wisperte er verzweifelt und strich sich mit der Hand durchs Haar. Man hatte mittlerweile festgestellt, dass Amitas Wagen seit gestern abend nicht bewegt worden war und er machte sich schreckliche Vorwürfe, dass er nicht darauf bestanden hatte, sie nach Hause zu bringen.

 

„Charlie, wir tun alles menschenmögliche, um Amita zu finden. Und wir werden sie finden. Vertrau mir.“ sicherte Don seinem jüngeren Bruder zu. Mit ernster Miene sah er Charlie in die Augen, bis dieser seinen glasig wirkenden Blick abwandte und sein Gesicht in den Händen vergrub. Aber konnte er dieses Versprechen halten? Noch hatten Sie keinen brauchbaren Hinweis wo Michael Kent sich aufhielt und keines seiner Opfer hatte bislang überlebt. Und dennoch wollte er selbst daran glauben, dass es diesmal anders sein würde. Er wusste, das Amita seinem Bruder sehr viel bedeutete und auch er selbst hatte sie ins Herz geschlossen.

 

Megan war von hinten an Don herangetreten und deutete ihm, ihr zu folgen. Sie traten ein paar Schritte zur Seite, bis sie außerhalb Charlies Hörweite waren. Sie warf dem jüngeren Eppes-Bruder einen mitleidigen und besorgten Blick zu. „Wie geht es Charlie?“

 

Don schüttlete langsam den Kopf. „Nicht besonders. Mit solch schwierigen Situationen konnte er noch nie wirklich gut umgehen. Und das es ausgerechnet Amita treffen musste. Sind wir uns wirklich sicher, das es unser Serien...“ ,er zögerte kurz und vermied es das Wort 'Mörder' zu gebrauchen, ... Serientäter ist? beendete er den Satz.

 

„Ohne Zweifel. Er hat seine Vorgehensweise etwas geändert. Kein Anruf mehr, der die Tat ankündigt, trotzdem bekennt er sich dazu. Auch hier hat er wieder eine Mitteilung für uns hinterlassen. Diesmal sogar direkt an das FBI gerichtet. 'Ihr werdet mich nicht kriegen!'. Das er vier Rosen hinterlassen hat, die übrigens garantiert hier aus dem Campusgarten stammen, unterstreicht, dass Amita sein viertes Opfer ist. Außerdem passt sie perfekt in sein Beuteschema, jung, erfolgreich, gutaussehend und dunkelhaarig. Es ist eindeutig der selbe Täter. Aber ich denke, dass er nicht wirklich geplant hat, Amita zu entführen. Die Nachricht wurde komplett handschriftlich verfasst. Er hat improvisiert.

 

„Schon irgendwelche Hinweise auf Kent?“ wollte Don wissen.

 

„Nein. Aber...“ sie hielt kurz inne und überlegte einen Augenblick, ob sie ihre Bedenken teilen sollte. Don bemerkte ihre Unsicherheit sofort und sah sie fragend an. „Es ist nur...“ ,begann sie, „ich bezweifele nach wie vor, dass Michael Kent unser Mann ist. Er passt nicht ins Profil und die plötzlich geänderte Vorgehensweise gibt mir auch zu denken.“

 

Mittlerweile hatten sich David und Colby zu ihnen gesellt. „Was genau macht Dir zu schaffen, Megan?“ wollte David wissen. Wieder blickte sie über Dons Schulter traurig zu Charlie. Larry war zu ihm getreten und redete leise und beruhigend auf ihn ein. „Unser Täter weiß, dass wir ihm dicht auf den Versen sind. Dass er Amita entführt hat, jemand aus unserem engeren Freundeskreis, ist ein weiteres Statement, dass er sich uns völlig überlegen fühlt. Er weiß wie wir arbeiten, was wir als nächstes tun und hofft, uns durch diesen Schritt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns auf jemanden konzentrieren sollten, der noch aktiv im Dienst tätig ist, und nicht auf jemanden, der bereits ausgeschieden ist.“

 

Ein betretenes Schweigen breitete sich aus. Alle hielten kurz inne und dachten über die Tragweite ihrer Worte nach, bis Don schließlich die Sprache wiederfand. „Okay, da ist was dran. Ich glaube auch, dass der Übergriff auf Amita uns persönlich treffen sollte. Derjenige, der das getan hat, muss Zugang zu den aktuellen Ermittlungsergebnissen haben. Deswegen schlage ich vor, dass wir das erstmal für uns behalten. Nach außen hin, fahnden wir nach wie vor nach Kent, während wir vier uns besonders auf die an diesem Fall beteiligte Personen konzentrieren.“

 

„Weihen wir Detective Anderson ein?“ wollte Colby wissen.

 

„Immerhin hat er uns zu den Ermittlungen hinzugezogen.“ gab Megan zu bedenken.

 

„Gut, ich spreche mit ihm.“ entschied Don. „Na dann mal los. Unser Wettlauf gegen die Zeit läuft. Wir müssen Amita finden. Lebend.“