Kapitel 9

 

Zwei schwarze Suburbans des FBI und mehrere Streifenwagen des LAPD hielten mit Blaulicht vor dem unscheinbaren Haus von Michael Kent in den Santa Monica Mountains. Flutlichter erhellten die Dunkelheit und tauchten die graue, teilweise von Efeu überwucherte Fassade in gleißendes Licht. Stellenweise blättere die Farbe bereits ab. Das Anwesen hatte schon bessere Tage gesehen, doch jetzt machte das ganze Grundstück einen ziemlich verwahrlosten Eindruck, überall waren Müll und alte Möbel achtlos verstreut. Unverzüglich wurde das Haus umstellt.

 

„Michael Kent. Hier spricht Detective Anderson vom LAPD. Das ganze Haus ist umstellt. Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus.“

 

Stille. Nichts geschah.

 

„Kent. Das ist Ihre letzte Chance. Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus, oder wir stürmen das Haus.“ rief Pete erneut und blickte zu Don, der hinter seinem Suburban in Deckung gegangen war. Dieser zuckte nur mit den Schultern und umklammerte seine Dienstwaffe noch fester.

 

„Also gut. Wir gehen rein.“ Anderson gab den Einsatzbefehl. Sofort wurden die Vorder- und die Hintertür von den Polizeibeamten gestürmt. Glas ging zu Bruch, das Splittern von Holz war zu hören und dann brach ein hektisches, aber organisiertes Chaos aus, als das ganze Haus vom Keller bis zum Dach durchsucht wurde. Schließlich trat eine junge Polizistin aus dem Haus und ging auf Pete zu, sobald sie ihn in dem ganzen Durcheinander ausfindig gemacht hatte.

 

„Sir, der Verdächtige befindet sich nicht im Haus. Aber wir haben im Keller etwas gefunden, dass sollten Sie sich ansehen.“ meldete sie ihrem Vorgesetzten.

 

Anderson wandte sich an seine FBI-Kollegen. „Na dann, wollen wir mal einen Blick darauf werfen.“ Don und sein Team folgten ihm ins Haus. Ein muffiger Geruch stieg ihnen sofort in die Nase. Das Innere war mit altmodischem Mobiliar ausgestattet und in dunklen Farbtönen gehalten. Schwere Vorhänge verhüllten die Fenster und nur wenig Licht fand seinen Weg hinein. Auch hier fiel sofort auf, dass niemand sich um die Instandhaltung des Gebäudes kümmerte und so stiegen sie vorsichtig die völlig marode Treppe zum Keller hinunter.

 

Der muffige Geruch wandelte sich in einen modrigen Gestank nach Tod und Verwesung. Instinktiv hielt Megan sich die Hand vor die Nase und musste einen leichten Würgereiz unterdrücken. Die junge Polizistin, die vorgegangen war, blieb vor einem Kühlschrank stehen und öffnete diesen. Sofort wurde der ganze Raum noch mehr mit dem unverkennbaren Leichengestank eingehüllt. Angewidert blickten Don und Pete dennoch hinein, wichen aber angeekelt sofort wieder zurück. Sie hatten den abgetrennten Fuß von Amanda Bernstein gefunden. Damit war auch der letzte Zweifel aus dem Weg geräumt. Michael Kent war ihr Serienkiller. Das musste auch Megan zugeben, obwohl sich immer noch Bedenken hatte, diese aber nicht laut äußerte.

 

Sie begannen akribisch nach weiteren Beweisen zu suchen, die ihnen eventuell Hinweise auf den Aufenthaltsort des Verdächtigen liefern würde, doch erfolglos. „Keine Spur von Kent.“ seufzte David resignierend und sprach damit aus was für alle zu einer enttäuschenden Gewissheit geworden war.

 

Pete fuhr sich frustriert mit der Hand übers Gesicht. „Die Fahnung nach ihm läuft bereits. Wir haben sein Bild an alle Bahnhöfe, Busstationen und zum Flughafen gefaxt. Wenn er auf diesem Weg versucht die Stadt zu verlassen, dann kriegen wir ihn. Außerdem werden wir uns an die Öffentlichkeit wenden. Irgendwann, wird er einen Fehler machen, irgendwann, wird ihn irgendwer, irgendwo sehen und dann kriegen wir diesen kranken Mistkerl.“ Er schüttelte den Kopf und machte auf dem Absatz kehrt.

 

 

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Feine Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und er atmete schwer von der Anstrengung. Er hatte all seine Kräfte gebraucht, um ihren leblosen Körper aus seinem Kofferraum ins Haus und schließlich die Kellertreppe hinunter zu tragen und sie dann auf den frisch polierten Stahltisch zu hieven.

 

Doch jetzt lag sie vor ihm und er bewunderte ihre Schönheit. Ihre helle Haut war makellos und weich, und zärtlich strich er ihr über die Wange. Beim Atmen hob und senkte sich ihr Brustkorb in einem regelmäßigem Rhythmus und eine friedliche Stille ging von ihr aus, die völlig beruhigend auf ihn wirkte. Wie im Trance berührte er ihr schwarzes, glänzendes Haar und beugte sich näher zu ihr hinab um ihren Duft in sich aufzunehmen. Genüsslich schloss er die Augen.

 

Eigentlich hatte er nicht geplant, sie zu seinem nächsten Ziel zu machen. Aber er war ihr verfallen. Von der ersten Sekunde an, die er sie gesehen hatte. Er musste sie besitzen, sie spüren, ihr nahe sein.

 

Und dann, ergab sich einfach eine Gelegenheit und er hatte nicht gezögerte zu handeln. Aber es war nicht so leicht gewesen, wie er es sich vorgestellt hatte. Sie hatte sie wie eine Tigerin gekämpft.

Um sich geschlagen.

Gebissen.

Gekratzt.

Vergeblich.

 

Aber genau dass, hatte ihm gefallen. Diese wilde Entschlossenheit, nicht aufzugeben. Das wütende Leuchten ihrer Augen, während sie mit aller Macht gegen ihn ankämpfte. Erst als die Erkenntnis, dass sie ihm unterlegen war, in ihr Bewusstsein eindrang, spiegelte sich Panik auf ihrem Gesicht wieder und das Feuer in ihren Augen wandelte sich in blankes Entsetzen. Nur die Wirkung des Betäubungsmittels ließ ihre Bewegungen immer langsamer und kraftloser werden, und schließlich sank sie bewusstlos in seine Arme.

 

Und nun lag sie hier. Vor ihm.

Ein Gefühl des Triumphs erfasste ihn. Wieder hatte er es allen gezeigt, dass er ihnen überlegen war. Er war besser, als sie alle zusammen. Verächtlich verzog er den Mund. Sie würden ihn nie zu fassen bekommen, dazu war er viel zu gerissen. Und er war ihnen immer einen Schritt voraus.

 

Er wusste, wie sie dachten, welche Taktiken sie verfolgten. Wie sie versuchen würden ihn zu stellen. Jämmerliche Versuche ihn aufzuhalten.

 

Wieder wandte er den Blick zu ihr und ein befriedigendes Lächeln umspielte seine Lippen.

Und sie gehörte ihm.

Ihm allein.

Doch noch war seine Zeit nicht gekommen. Zuerst musste er sich noch um einige Dinge kümmern, bevor er sich ihr endgültig widmen konnte. Er seufzte kurz, griff schließlich in die Innentasche seiner Jacke und holte eine Spritze heraus.

 

 

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Obwohl es noch recht früh am Morgen war, strahlte die Sonne bereits mit enormer Intensität auf die Stadt herab. Die Meteorologen hatten für die kommende Woche eine Hitzeperiode vorausgesagt und allem Anschein nach, schienen sie damit Recht zu behalten. Der Himmel war blau und nicht ein einziges Wölkchen trübte die Sicht. Professor Fleinhardt hatte sich unter einem Schatten spendenden Baum niedergelassen und ging seinen Stundenplan für den heutigen Tag durch, als ein fröhliches Pfeifen seine Aufmerksamkeit erregte. Er blickte auf, blinzelte in die Sonne und erkannte Charlie, der sich stetig auf ihn zubewegte.

 

„Ah, Charles. Deinem Pfeifen nach zu urteilen, bist Du heute wohl bester Laune.“ rief Larry ihm mit einem wissenden Grinsen entgegen. „Anscheinend hast Du endlich mit Amita gesprochen.“

 

Charlie näherte sich lächelnd und blickte etwas verlegen zu Boden. Statt zu antworten nickte er ein paar Mal stumm vor sich hin und sah seinem Freund und Mentor schließlich schmunzelnd an. „Ja, ich habe mit ihr gesprochen.“

 

„Und?“

 

„Was soll ich sagen? Wir haben beschlossen, es nochmal miteinander zu versuchen.“

 

„Na, da gratuliere ich doch.“ Larry erhob sich und klopfte dem jungen Professor freundschaftlich auf die Schulter während sie langsam zum Unigebäude schlenderten. „Und wenn ich Dir noch einen guten Rat geben darf, mein Freund,...“ begann er und hielt kurz inne um Charlie einen fragenden Blick zuzuwerfen.

 

„Ich kann Dich wahrscheinlich nicht davon abhalten...“ bemerkte dieser trocken.

 

„Nein, kannst Du nicht. Also, mein Rat für Euch, besinnt Euch einfach auf die Essenz Eures Seins. Versucht nicht krampfhaft, die Mathematik während Eures Zusammenseins auszuschließen. Das wäre so, als ob man versuchen würde, dem Saturn seine Ringe wegzunehmen, was den Planeten in ein kosmisches Chaos stürzen würde. Du, Amita, die Mathematik, ihr stellt eine Symbiose dar, die nur in Kombination funktionieren kann, Charles.“

 

„Ja, wahrscheinlich hast Du recht Larry.“ stimmte Charlie ihm zu. „Auf jeden Fall bin ich erleichtert, dass sie zugestimmt hat.“

 

„Ja, mein Freund, das glaube ich. Als die Beziehung zwischen Megan und mir, na sagen wir, etwas gefestigtere Züge angenommen hat, da war ich ebenfalls sehr angetan. Ich meine, Megan ist eine Wahnsinnsfrau. Sie ist eine so starke Persönlichkeit, steht mit beiden Beinen im Leben und ist absolute Realistin. Aber sie ist offen für jede noch so erdenkliche wissenschaftliche Disskusion oder Spekulation. Und das macht uns beide auf eine erstaunliche Weise kompatibel, die nach außen hin manchmal nicht wahrgenommen wird, oder werden kann. Und ich betrachte dass, als ein Geschenk des Schicksals.“

 

Charlie setzte ein schiefes Grinsen auf. „Oh man, Larry. Dich hat es ja wirklich schwer erwischt.“ Larry blickte etwas hilflos drein und lächelte schwach, also entschied Charlie sich dafür, dieses Thema nicht weiter zu verfolgen. Mittlerweile waren sie auf dem Gang, auf dem sich ihre Büros befanden angekommen. „Ich will Amita noch kurz einen Besuch abstatten. Willst Du mitkommen?“ fragte er.

 

„Warum nicht. Ich wollte Sie sowieso noch fragen, ob Sie mir bei einem Experiment weiterhelfen kann.“

 

Schweigend gingen sie den Gang noch weiter entlang und jeder war in seinen eigenen Gedankengängen versunken. Larry wappnete sich innerlich bereits für seinen Physikkurs für Anfänger, der ihm immer wieder aufs Neue ein Graus war, während Charlie daran denken musste, dass er sich nun wieder der Verantwortung einer Freundin stellen musste. Ein kurzes Unbehagen schoss durch sein Unterbewusstsein. War das wirklich das, was er wollte? Wollte er sich dieser Verantwortung tatsächlich stellen? Was wenn es wieder nicht klappte?

 

Er atmete tief durch und schob derartige Gedanken zur Seite. Nein, diesmal wollte er sich auf die positiven Aspekte einer Beziehung konzentrieren. Tief in seinem Innern wusste er, dass Amita zu ihm gehörte und er wollte wirklich, dass es diesmal funktionierte. Er für seinen Teil würde versuchen alles ihm mögliche dazu beizutragen.

 

Mittlerweile hatten sie die Tür zu Amitas Büro erreicht. Sie war geschlossen und Charlie klopfte leicht an, griff nach der Klinke und öffnete die Tür. „Guten Morgen!“ sagte er fröhlich und steckte seinen Lockenkopf durch den Türspalt. Keine Antwort und der Raum war leer. „Seltsam. Amita müsste längst da sein. Sie hat heute morgen in den ersten beiden Stunden eine Vorlesung.“

 

„Vielleicht ist sie im Verkehr stecken geblieben oder holt sich noch einen Kaffee in der Mensa.“ mutmaßte Larry.

 

„Ja, mag sein.“ meinte Charlie, allerdings war er selbst nicht wirklich davon überzeugt. Seitdem Amita ihre Professur an der CalSi übernommen hatte, was sie meist so früh an der Uni, dass sie morgens gar nicht erst in den Berufsverkehr hineingeraten konnte. Sie nutze die so gewonnene Zeit, um sich direkt vor ihren Vorlesungen nochmals vorbereiten und sammeln zu können. Das gab ihr etwas mehr Sicherheit, da ihr die nötige Routine noch mangels Erfahrung fehlte. Außerdem war er überzeugt davon, dass sie ihn angerufen hätte, falls sie sich verspäten würde, da sie beide ja noch ihre Unterhaltung vom Vorabend fortsetzen wollten.

 

„Ihr Wagen steht auf dem Parkplatz, Charles. Also ist sie wahrscheinlich irgendwo im Haus unterwegs und kommt gleicht wieder.“ bemerkte Larry, der zum Fenster getreten war, von wo aus man den gesammten Campusparkplatz überblicken konnte. Charlie drehte sich zu ihm und eine unbestimmte Erleichterung ergriff ihn. Sein Freund schien das bemerkt zu haben und fügte schmunzelnd hinzu: „Ja, mein Lieber. Auch die Sorge umeinander gehört zu einer intakten Beziehung. Das ist der Grund, warum ich versuche mir möglichst wenig Gedanken über Megans Job zu machen. Jeden Tag ist sie so vielen neuen Gefahren und irgendwelchen Psychopathen ausgesetzt, es würde mich schlichtweg wahnsinnig machen, mir ständig dessen bewusst zu sein.“

 

Larry,...Megan ist eine hervorragende FBI-Agentin, verfügt über exzellente Selbstverteidigungstechniken und ist im Team die beste Schützin. Sagt Don zumindest. Ich denke, sie kann sich bestens selbst verteidigen.“

 

„Ja, ja. Danke, dass auch Du mir mal wieder deutlich vor Augen führst, dass ich wohl eher nicht in der Lage bin, meine Freundin zu beschützen.“ Er seufzte theatralisch, wandte sich um und schritt in Richtung Tafel. Dabei fiel sein Blick auf Amitas Schreibtisch. Alle Unterlagen waren in unterschiedliche Stapel aufgeteilt und ordentlich zur Seite gelegt. Im Allgemeinen wirkte der ganze Raum durchorganisiert und aufgeräumt. Ein Zustand, den sowohl Larrys als auch Charlies Büro schon seit längerem nicht mehr erfahren hatten.

 

„Na Charles, wie ich sehe legst Du dich diesmal wirklich ins Zeug, was Amita anbelangt.“ bemerkte Larry plötzlich.

 

„Wie meinst Du dass?“ fragte Charlie etwas irritiert.

 

„Blumen. Ein Gedicht?“

 

„Fleinhardt, wovon redest Du? Was für Blumen?“

 

„Na, ich meine die Rosen und den Umschlag, die auf ihrem Schreibtischstuhl liegen. Oder hat Amita einen heimlichen Verehrer?“

 

„Rosen?“ wiederholte Charlie und seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern. Seine Eingeweide schienen sich zusammen zu krampfen und eine plötzliche Übelkeit überkam ihn. Er wagte kaum zum Schreibtisch vorzutreten, aber wie von Geisterhand gezogen setzte er einen Fuß vor den anderen bis er schließlich am Tisch angelangt war und einen Blick auf den dahinter stehenden Stuhl werfen konnte. Auf dem Sitz arrangiert lagen vier rote Rosen und darunter luckte ein weißer Umschlag hervor.

 

„Charles, alles in Ordnung?“ fragte Larry besorgt, dem Charlies verstörter Zustand nicht entgangen war. Doch statt seinen Freund zu antworten streckte der junge Professor seine Hand aus und griff mit zitternden Händen nach dem Briefumschlag. In handgeschriebenen Lettern stand „F.B.I.“ darauf. Die schreckliche Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag und seine Beine gaben nach, sodass er Halt suchen musste. „Oh mein Gott. Das darf nicht wahr sein...“ entwich es ihm.

 

„Charles?“

 

„Don...,i.., ich muss sofort Don anrufen.“ stammelte Charlie und griff nach seinem Handy.“