Kapitel 9

 

„Was ist denn mit euch los?“ Colby stand plötzlich im Zimmer.

Charlie wandte sich genervt ab.

„Nichts“, antwortete Sarah. „Charlie wollte gerade gehen.“

Dieser sah sie entgeistert an. Schmiss sie ihn gerade raus?

Sarah ging ohne ein weiteres Wort zu sagen in ihr Schlafzimmer und ließ die Tür lautstark ins Schloss fallen.

 

„Um was ging es gerade?“ fragte Colby.

„Ich brauche mehr Daten, ich brauche ihre Akte, um alles berechnen zu können.“

Colby schüttelte den Kopf und fragte verständnislos: „Du hast ihre Akte eingefordert?“

„Ja, wieso darf ich sie als einziger nicht sehen? Jeder von Euch kennt sie“, Charlie war immer noch außer sich. Er wollte doch nur helfen.

„Es war ihre Bedingung. Sie erzählt uns alles, aber du bekommst die Akte nicht zu Gesicht. Glaub mir Charlie, wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich sie auch nicht kennen wollen. Es geht ihr sicherlich nicht um die Straftaten, weswegen du die Akte nicht lesen sollst. Die würde sie dir sicherlich alle auch erzählen. Es geht viel mehr um die Umstände wieso sie es gemacht hat.“

Charlie sah ihn fragend an.

„Mit deutlichem und unmissverständlichem Nachdruck wurde ihr klar gemacht, dass sie lieber das tun sollte, was man von ihr verlangt“, formulierte es Colby so vorsichtig wie möglich.

Charlies Wut verblasste. Es war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass ihr etwas angetan worden war. Er dachte, sie sei im Zeugenschutz gewesen, weil sie gegen diesen Frank ausgepackt hatte. Er hatte sich die ganze Zeit noch nicht die Mühe gemacht zu hinterfragen, wie es überhaupt dazu kam. Sie wurde bedroht? Erpresst? Er traute sich kaum zu fragen: „Wie schlimm….“

Colby schüttelte den Kopf.

Charlie schwieg. Wenn es sogar Colby so umhaute, dann wollte er es wahrscheinlich wirklich nicht wissen.

 

„Ich sollte noch mal zu ihr gehen“, meinte Charlie unentschlossen, nach einer diesmal nicht peinlichen Stille zwischen ihnen.

Colby nickte nur aufmunternd.

Charlie ging zur Schlafzimmertür, klopfte an, und obwohl er nicht hinein gebeten wurde, trat er ein.

 

Sarah saß neben dem Bett auf dem Boden und schaute hoch zum Fenster in die Wolken.

Charlie setzte sich einfach neben sie.

„Was willst du noch hier?“ fragte Sarah und sah ihn zunächst herausfordernd an.

Charlie bewunderte sie. Wie stark sie war, wie viel Kraft sie wohl brauchte, um zu kämpfen, um diese Fassade aufrecht zu erhalten.

Ein Blick in Charlies Augen sprach Bände. Er hatte diesen mitleidigen Blick für sie. „Was hat Colby Dir erzählt?“ hakte sie entsetzt nach.

„Nichts. Er hat mir nur noch mal klar gemacht, dass du deine Gründe dafür hast, mir die Akte nicht zu geben. Ich hätte es einfach akzeptieren sollen, dass ich deine Akte nicht bekomme. Ich wollte mich nur bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich dich bedrängt habe.“

Sarah nickte stumm.

 

„Ich werde mit Don reden“, begann sie langsam in die Stille hinein. „Ich sollte aktiver an dem Fall mitarbeiten. Jetzt, da Steve wieder in Washington ist, fehlt euch eine Informationsquelle. Wir beide sollten vielleicht direkt zusammen arbeiten. Du sagst mir, was du genau brauchst und ich gebe es dir.“ Sie hielt kurz inne und setzte bestimmt hinzu: „Aber du wirst meine Akte nie in den Händen halten.“

Charlie nickte zustimmend und gemeinsam schauten sie, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Wolken zu.

 

 

Don zögerte erst, stimmte dann aber zu, Charlie und Sarah zusammen arbeiten zu lassen. Die letzten zwei Wochen waren sie kein Stück weiter gekommen, vielleicht würden sie so endlich zu einem Resultat kommen.

 

Sarah und Charlie arbeiteten mit Hochdruck daran und Charlie bekam von ihr alle fehlenden Daten. Wobei Colby feststellen musste, dass es ihr damit nicht unbedingt gut ging. Charlie stellte viel zu viele Fragen. Sarah wollte nach wie vor nicht, dass Charlie alles erfuhr. Sie balancierte zwischen Verschweigen und der Wahrheit, da sie ihm ja auch keine falschen Daten liefern durfte. Nach solchen Tagen war sie schreckhafter und unausgeglichener denn je.

 

Nach einigen Tagen standen sie kurz vor der Lösung. Charlie wollte ein ganz bestimmtes Modell durch den Super-Computer an der CalSci laufen lassen. Er bestand darauf, dass Sarah ihm da zur Seite stand, um fehlende Daten gleich einzubinden.

Don war von dieser Idee mal wieder überhaupt nicht begeistert. Noch immer hatten sie keinen Anhaltspunkt, wo sich Frank aufhielt und die Uni zu überwachen war etwas anderes, als das vorher sorgfältig ausgesuchte Hotelzimmer. Zudem hatte er noch einen weiteren Fall auf den Schreibtisch gelegt bekommen, den er parallel dazu bearbeiten musste. Er brauchte sein Team und konnte es nicht mehr nur zum Schutz von Sarah abstellen.

Nach langen Diskussionen stimmte Don aber doch zu.

 

Am Tag zuvor checkten Agents die Lage. Der Super-Computer stand im Keller der CalSci. Alles wurde genaustens durchsucht und wegen einer angeblichen Virenüberprüfung wurde Zugang zum Computer für die kommende Nacht für alle gesperrt.

 

Nachts um zwei Uhr trafen Sarah und Charlie mit vier Agents an der CalSci ein. Zwei von ihnen patrouillierten um das Gebäude. Agent Richard Sherman und Harris Johnson begleiteten Sarah und Charlie zum Computerraum und postierten sich vor der Tür.

 

Gemeinsam fütterten sie den Computer mit den zusammengestellten Daten. Dann hieß es abwarten.

„Hat sich hier viel verändert seitdem ich weg bin?“ fragte Sarah. Es fühlte sich so gut an hier zu sein. CalSci war wie ein zweites zu Hause gewesen. Am Liebsten hätte sie auf der Herfahrt auch mal Halt am Eppes Haus gemacht, aber das war leider nicht möglich. Hier wieder in der Uni zu sein, war wie Urlaub für sie.

„Nein, nicht viel“, sagte Charlie stockend, weil er gerade noch eine Gleichung in den Computer eingab. „Mein neues Büro ist endlich fertig. Ich bin schon dabei einzuziehen.“

„Wirklich? Das oben im vierten Stock?“

Er nickte. „Genau!“

„Zeig es mir.“

Charlie schaute sie entsetzt und irritiert an. „Jetzt?“

„Klar, der Computer rechnet doch und wann bin ich mal wieder hier“, plapperte sie aufgeregt los.

„Nein, Don reißt uns den Kopf ab, wenn wir nicht hier unten bleiben.“

„Bitte Charlie. Wer weiß, wann ich wieder mal aus meinem goldenen Käfig raus darf. Vielleicht werde ich auch nie wieder die CalSci betreten können. Du kennst den Ermittlungsstand, keiner weiß, wo er sich aufhält. Sogar unsere Berechnungen verstreuen sich so weit übers Umland. Du kannst dir die Wahrscheinlichkeit selber ausrechnen, dass heute Nacht hier etwas passieren wird.“

„Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gerade sehr hoch, aber sie ist auch nicht gleich null.“

„Und wenn es hier nicht um mich sondern um einen anderen Fall ginge?“

Charlie zögerte: „Dann würde ich Don wohl sagen, dass bei einer so niedrigen Wahrscheinlichkeit kaum bis gar keine Gefahr besteht.“

„Und Don würde auf dich hören“, triumphierte sie und lief zur Tür.

 

Er hasste es so logisch mit seinen eigenen Waffen geschlagen zu werden. Aber was sollte er machen? Sie alleine gehen lassen? Mensch, warum musste sie so sturköpfig und dazu noch so süß sein. Er folgte ihr auf den Gang, wo sie schon mit Agent Sherman und Agent Johnson in Verhandlungen stand, sie bräuchten ganz dringend etwas aus Charlies Büro, sonst würde das Programm nicht laufen.

Diese besprachen sich kurz über Funk mit den draußen postierten Agents. Alles ruhig.

So machten sich die vier also auf den Weg nach oben. Sarah freute sich wahnsinnig und Charlie gefiel, wie ihre Augen wieder strahlten.

 

Sarah war begeistert von seinem Büro, es hatte drei große Fenster, die sie erst einmal öffnete, weil es noch sehr nach Farbe roch. Charlie erklärte ihr die Raumaufteilung. Eigentlich kamen überall Schränke für Bücher oder Tafeln hin und verschiebbare Whiteboards.

Den Raum wollte er in zwei Bereiche aufteilen. Auf die eine Seite seinen eigentlichen Arbeitsplatz und auf die andere Seite eine kleine Sitzgruppe, um es bei Gesprächen mit Studenten gemütlicher zu haben.

 

Charlie sah Sarahs blitzende Augen und sie strahlte übers ganze Gesicht. Er liebte ihr Lächeln. Viel zu lange hatte er es nicht mehr gesehen. Er schaute sie an und genoss diesen Augenblick.

Die ganze Uni lag still.

Deswegen war es nicht schwer, trotz des Schalldämpfers, die Schüsse auszumachen.

Charlie und Sarah schauten sich entsetzt an.

Sie hörten Schritte auf dem Gang.

Die Tür wurde aufgerissen und herein kamen zwei Männer.

Gefolgt von Frank.