Kapitel 8

 

Es waren mittlerweile zwei Wochen vergangen.

Sarah saß Tag für Tag in ihrem mittlerweile fünften Hotelzimmer, und langweilte sich zu Tode. Ihr fehlten Charlie und Alan um sie herum. Es war zwar immer jemand anwesend, aber meist irgendwelche Agents, die sie nie zuvor gesehen hatte. Wenn einer vom Team kam, dann eher der Arbeit wegen. Besuch bekam sie im eigentlichen Sinne keinen.

 

Colby hatte sie die ersten Tage gar nicht zu Gesicht bekommen und Steve schaute auch nur sporadisch vorbei. Zu viel hatte er damit zu tun, Don und sein Team in die Tiefen ihrer Akte einzuweisen, aber er meldete sich zumindest. Colby blieb ganz außer Reichweite, was ihr sehr wehtat.

 

Eines Tages kam er plötzlich vorbei, brachte Pizza mit, löste den vorherigen Agent bei seiner Schicht ab und blieb den Abend über bei ihr. Er hatte etwas Zeit gebraucht um das alles erst mal für sich zu verarbeiten. Jetzt saßen sie zusammen auf dem Sofa und redeten über alles Mögliche, er blieb sogar wieder über Nacht und hielt sie fest im Arm. Wer von beiden das mehr gebraucht hatte, war nicht zu unterscheiden.

 

Auch Larry fehlte Sarah, vor allem die Gespräche mit ihm. Mit ihm, Alan und Charlie hatte sie nur schriftlich Kontakt. Telefonieren durften sie nicht, aus Angst abgehört und geortet zu werden. Somit spielte sie mit Larry seit ein paar Tagen Schach per Brief. Die Agents waren schon leicht angenervt, ständig Zettelchen und Briefe zu überbringen, aber das war nun mal der einzige Zeitvertreib, den Sarah hatte. Wenn sich weiter keine Spur zeigen wollte, dann würden sie und Larry noch einige Partien spielen können.

 

Ihr fehlte die Uni, die Menschen, das Leben an sich. Don brachte ihr zwar regelmäßig Hausaufgaben von Charlies oder Larrys Kurs mit, aber die Vorlesungen und der Flair der Uni fehlten ihr.

 

Wenn Don zu ihr kam, dann wollte er meist irgendwelche Informationen. Er hielt sich an die Abmachung, Charlie nicht ihre Akte zu geben, allerdings hatte er ihn wieder als Berater hinzu gezogen und übergab ihm nur Daten, die von ihr abgesegnet waren. Was allerdings sehr mühsam war, denn meist wollte Sarah einige Details nicht ungefiltert an Charlie weiter geben. Sie schrieb ihm irgend welche Formeln auf, mit denen er weiter arbeiten sollte. Charlie aber konnte damit meist nichts anfangen. Don fühlte sich hin und her geschickt, ohne einen Erfolg zu sehen.

Megan setzte sich auch regelmäßig mit ihr zusammen, um mehr über Frank Baker heraus zu bekommen. Es kostete Sarah viel Kraft darüber zu reden und detailliert zu berichten. Sie hatte gehofft, dass sie das Alles in Washington lassen könnte. Sie hatte damals schon Steve und einigen anderen Agents stundenlang erzählt, was genau passiert war. Und nun alles noch einmal.

Zum Glück gab es Colby und Steve, die regelmäßig abends und über Nacht da waren, um sie nach so einem Tag aufzufangen, was auch dringend nötig war.

 

Sie wünschte sich so sehr hier raus zu kommen, aber keiner wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Don verdrehte schon entnervt die Augen, wenn sie davon anfing und auch sonst fand es keiner für eine sonderlich gute Idee. Es gab zwar einen Balkon, aber auf dem sollte sie sich auch nicht aufhalten, genau so, wie allzu lange am Fenster. Na super, was für ein Leben!

 

 

Einen Haufen Aufregung um nichts gab es, als sie endlich das weiße Cabrio fanden. Inklusive der Fingerabdrücke von Frank Baker und einem weiteren alten Bekannten von ihm: Michael Kells.

Michael Kells hatte auch schon damals mit Frank Baker gemeinsam krumme Geschäfte gepflegt, wie sie von Steve erfuhren. Er kam damals wegen Erpressung mit einer Bewährungsstrafe davon. Für mehr hatten die Beweise leider nicht gereicht.

Steve beunruhigte dieser Fund sehr. Es war ein Indiz dafür, dass Frank wirklich wieder seine alten Kumpels zusammen getrommelt hatte. Und einige von ihnen wollte er wirklich nicht mehr in Sarahs Nähe sehen. Steve zweifelte plötzlich an allem. An seinem Job, am ganzen System. Er hatte Sarah damals versprochen, dass sie, nachdem sie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde, alles hinter sich lassen könnte. Und nun holte sie doch wieder alles ein. Jeder Typ, den sie nicht festnageln konnten, weil Sarahs Erinnerung zu ungenau waren, lief da draußen rum und wurde nun wieder von Frank rekrutiert. Wie gerne würde er sie wieder vor dem allem schützen und sie von hier weg bringen, aber das wollte sie nicht und er verstand es. Sie war schon ein Mal weg gegangen, hatte alles verlassen. Hatte ihn verlassen. Es war schön zu sehen, dass sie es geschaffte hatte, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Das wollte er ihr nicht wieder nehmen.

 

Enttäuschend war, dass die Spur vom Cabrio nicht weiter führte. Sie hatten nur die Fingerabdrücke und das Auto an sich, das an einem Aussichtspunkt außerhalb Los Angeles einfach abgestellt worden war. Keinen Hinweis, wohin sie gegangen waren.

 

 

Eines Nachmittags schaute überraschend Steve mit einer sehr ernsten Miene vorbei. Er wies den anwesenden Agent an, doch bitte draußen zu warten und setzte sich zu Sarah auf die Couch.

„Ich werde morgen früh den ersten Flieger zurück nach Washington nehmen müssen“, begann er das Gespräch. Sarah stiegen sofort die Tränen in die Augen. „Mein Boss wollte mich letzte Woche schon zurück haben. Robert hat sich zwar für mich eingesetzt, aber jetzt ist nichts mehr zu wollen, ich muss zurück. Ich bin unter dem Vorwand her geflogen Dons Team zu informieren, da ich damals der ermittelnde Detective war. Ich sollte Don die Akten übergeben und wieder zurück kommen. In Roberts Flieger letzte Woche hätte ich auch sitzen müssen. Nun bin ich seit zwei Wochen hier. Mein Team hat einen eigenen, neuen Fall und die brauchen mich.“

„Ich brauch dich hier auch! Wenn du gehst, habe ich nur noch Colby!“ brachte sie unter Tränen hervor.

„Ich weiß, Sarah, … ich weiß“, er nahm sie fest in den Arm.

 

„Hör zu“, meinte Steve, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, „ich muss jetzt noch mal gehen, um einige Dinge zu erledigen, aber ich komme heute Abend wieder zu dir und werde über Nacht bleiben. Dann nehmen wir uns noch mal richtig Zeit. Nur du und ich, ohne diesen ganzen Zeugenschutz-FBI-Kram, okay?“

Sarah nickte.

Steve stand zum Gehen auf, da fiel ihm noch etwas ein: „Das hier soll ich dir noch von Larry geben. Als er hörte, dass ich noch mal kurz zu dir fahre, hat er schnell noch was notiert und mir den Zettel zugesteckt.“

Er überreichte ihr den Zettel, verabschiedete sich und ging.

 

Sarah blieb allein zurück.

Sie las den Zettel von Larry: „Springer von b7 auf d8 schlägt Deine Dame.“

Sie stellte die Spielfiguren auf ihrem Brett um.

„Turm von d1 auf d8 - Schach matt“, schrieb Sarah auf den Zettel.

Auch der Sieg gegen Larry brachte sie nicht auf bessere Gedanken.

Sie kam sich absolut verlassen vor.

 

 

Am Abend kam Steve wie angekündigt vorbei.

Sie saßen, wie schon so oft, zusammengekuschelt vor dem Fernseher. Allerdings suchte Steve erst heute, an ihrem letzten Abend, das persönliche Gespräch. Die Tage zuvor war sie immer zu aufgewühlt, weil sie den ganzen Nachmittag an ihrem Fall gearbeitet hatte. Nun hatten sie endlich mal Zeit in Ruhe zu reden.

„Ich bin ja schon etwas eifersüchtig auf Colby“, meinte Steve ganz plötzlich.

„Warum?“

„Na ja, du und er, ihr würdet ein nettes Paar abgeben.“

„Quatsch! Du glaubst doch nicht etwa auch…?“

„Nicht?“

„Nein!“ sagte Sarah etwas entrüsteter, als sie es in Wirklichkeit war.

„Ich hab gedacht weil ihr euch so gut versteht und all das. - Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass wir uns wirklich ähnlich sind, er könnte vom Typ her mein Bruder sein.“

„Ja, ist mir sofort aufgefallen.“

„Und dennoch läuft da nichts?“

„Zwischen uns läuft doch auch nichts.“

Da musste Steve ihr Recht geben. „Stimmt, also stehst Du anscheinend nicht auf so Typen wie uns. Schade, schade. - Also, gibt es denn jemanden?“

Sarah schaute ihn fragend an.

„Vielleicht Charlie?“

„Wie kommst Du denn gleich auf ihn?“ fragte sie überrascht.

„Du konntest ihn nicht ansehen, als wir Dich geholt haben und er soll deine Akte nicht lesen. Alan auch nicht, allerdings glaube ich auch nicht, dass Du etwas von seinem Vater willst. Wenn das mit dir und Charlie was werden würde, hättest du zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Den netten Sohnemann und den tollen Dad….“

„Du bist ein Arsch, weißt Du das“, sagte Sarah und haute ihm eines der Sofakissen über.

Steve tat erst mal beleidigt, aber er wollte das jetzt genau wissen: „Jetzt mal ernst, du und der Prof?“

„Da ist nichts“, sagte sie mit einem traurigen Unterton.

„Aber es wäre schön, wenn da was wäre?“

Sarah wurde nachdenklich. Obwohl sie hier so viel Zeit hatte, über sich und Charlie hatte sie schon lange nicht mehr nachgedacht. Jetzt, da ihre Vergangenheit so präsent war, war es eh ausgeschlossen, dass sich da etwas entwickeln würde. Das wollte sie Charlie nicht antun. Sie hatte einfach ein zu großes Päckchen mit sich herum zu tragen. Nein, das würde Charlie weder verstehen noch verkraften.

Steve musterte sie auffordernd. Ihr war klar, dass er nicht locker lassen würde, bis sie ihm alles gesagt hätte, also gab sie sich geschlagen und sprach zum ersten Mal, mit einem strahlen im Gesicht, über ihre Gefühle für Charlie: „Ja, das wäre sehr schön.“

 

Steve blieb wie verabredet über Nacht.

Am nächsten Morgen verließ er ihr Zimmer, noch bevor sie aufwachte. Sie hasste es, Abschied zu nehmen und er wollte es ihr nicht unnötig schwer machen.

Keiner wusste, ob sie sich jemals wieder sehen würden. Wenn Dons Team Frank nicht finden würden, dann müsste sie wieder ins Zeugenschutzprogramm. Dann würde sie ein zweites Mal aus seinem Leben verschwinden. Ein Gedanke, den er lieber wieder schnell verdrängte.

 

 

Bevor er zum Flughafen fuhr, machte er noch einmal Halt im FBI Büro, um mit Don zu reden. Er machte ihm klar, wie sehr Sarah Freunde brauchte und Gesellschaft. Sie brauchte jemanden, der sie auf andere Gedanken brachte und dieser jemand war in seinen Augen kein anderer als Charlie.

Steve hatte mittlerweile erfahren, dass Charlie die höchste Sicherheitseinstufung besaß und verstand somit Don nicht, dass er Sarah so vor ihm abschirmte. Charlie war doch absolut vertrauenswürdig.

Charlie stellte zwar keine Gefahr da, was die Sicherheit Sarah anbelangte, jedoch stellte Charlie zu viele Fragen und Don wusste, wie penetrant sein Bruder sein konnte, wenn er etwas wissen wollte. Und auch, wenn er ohne Probleme an jede Akte gekommen wäre, so wusste er doch, dass sich Charlie an die Abmachung hielt und keine eigenen Nachforschungen anstellen würde. Die beiden zueinander lassen? Es behagte ihm nicht. Klar würde sich Sarah über Charlies Gesellschaft freuen, aber er kannte auch seinen Bruder, der, wenn er sich mal in etwas verrannt hatte, nicht locker lassen würde. Dennoch versprach er Steve, sich darüber noch mal Gedanken zu machen und mit Sarah zu reden. Er versicherte ihm auch, dass er sich melden würde, sobald sie etwas in Erfahrung brächten, und dass Steve sich jederzeit melden könne, um auf den neusten Stand der Ermittlungen gehalten zu werden.

 

Noch am selben Nachmittag schaute Don bei Sarah vorbei.

Sie wollte Charlie unbedingt sehen, am liebsten auch gleich Alan und Larry, aber das war Don zu viel. Er sprach auch seine Bedenken an, dass Charlie vielleicht zu tief in den Ermittlungen drin steckte, aber davon wollte sie nichts hören. Sie wollte nur Charlie sehen, wieder mit ihm reden und mal Kontakt zu jemand haben, der nicht bewaffnet ist und eine FBI Dienstmarke trug. Außerdem hatte das Gespräch mit Steve gestern Abend zu viele Gefühle wieder wach gerüttelt. Sie vermisste Charlie einfach, seine braunen Augen, seine Locken, seine nette freundliche Art.

 

Als Don ihr Zimmer verlassen hatte, bereute er es schon fast wieder, dem zugestimmt zu haben. Er kannte Charlie. Aber wenn Sarah das unbedingt so wollte. Ihm war auch klar, dass er sie nicht für immer hier „abgeschirmt und gefangen halten“ konnte, so wie sie es nannte.

 

 

Zwei Tage später kam Charlie vorbei.

Er brachte ihr persönlich die letzten Hausaufgaben mit und dazu auch noch ein neues Buch zu dem Thema, welches er auch dem Kurs empfohlen hatte.

Sie redeten über dies und das und es war ein wundervoller Nachmittag, bis Charlie ihren Fall ansprach. „Sarah, ich brauche noch mehr Daten.“

„Ich hab dir doch alles gegeben, was du brauchst“, sagte sie so beiläufig wie möglich.

„Es reicht nicht!“

„Doch Charlie, ich würde es damit rechnen können. Ich bin in diesem Fall das Opfer, wie du sicherlich schon mit bekommen hast. Ich kenne diese Akte auswendig und ich habe dir alle relevanten Daten gegeben.“

„Du gibst mir aber nicht die Daten, die ich brauche. Ich brauche die Akte, ich brauche jede noch so kleine Information. Ich benötige ganz spezielle Daten, die ich mir selber erarbeiten muss. Was du mir raus geschrieben hast, das reicht nicht. Das reicht nicht aus, um eine funktionierende Gleichung aufzustellen.“

„Dann musst du es eben anders angehen, Charlie“, sie war aufgestanden. „Mehr Daten bekommst du nicht.“

„Wenn wir Frank finden sollen, dann musst du auch mit mir zusammen arbeiten“, Charlie war wütend, er fühlte sich ausgeschlossen, nur als Handlanger. „Jeder kennt die Akte, nur vor mir verbergt ihr sie? Ich, der euch da helfen soll? Ich bin doch kein kleines Kind mehr und ich habe die höchste Sicherheitseinstufung. Warum bekomme ich dann keine Daten? Du weißt, wir gehen unterschiedlich an Berechnungen ran und die Daten, die du mir gegeben hast, sind nicht das, was ich brauche. Ich brauche die Akte.“

In Sarah stieg Übelkeit hoch. Sie sah, wie verzweifelt er helfen wollte, aber sie konnte ihm nicht helfen. Sie konnte ihm da wirklich nicht weiter helfen.

„Sarah, bitte. Ich will dir doch nur helfen.“

„Lieber gehe ich wieder ins Zeugenschutzprogramm“, sagte sie langsam, „verlasse hier alles was mir lieb ist, bevor du meine Akte in die Hände bekommst.“

„Das glaub ich doch nicht!“ Charlie wurde laut. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Nur weil du zu stolz bist, mir die Akte zu geben? Dass du aktenkundig bist, ist mir klar, was soll schon so Schreckliches da drinnen stehen?“

Sarah sah ihn fassungslos an. „Du verstehst gar nichts!“ schrie sie unter Tränen zurück.