Kapitel 5

 

Das ganze Wochenende über war Dons Team Tag und Nacht im Büro und werteten Daten aus. Abwechselnd schauten sie mal bei Sarah zu Hause vorbei. Charlie hatte sich bereit erklärt, die ganze Zeit zu Hause zu bleiben und aufzupassen, dass sie das Haus nicht verließ. Aber das hatte Sarah auch gar nicht vor. Sie hatte sich in ihre Hausaufgabe für Larry gestürzt, der ihr die entsprechenden Bücher ausgeliehen hat. Während sie arbeitete, zogen sich Larry und Charlie in die Garage zurück um für Don weitere Berechnungen anzustellen.

 

Als Alan am Sonntagnachmittag nach Hause kam, dauerte es nicht lange, bis er die leicht seltsame Stimmung wahrnahm. Nach einer kurzen Begrüßung verschwanden alle. Sarah wollte in ihrem Zimmer in Ruhe weiter arbeiten, Charlie ging in die Garage und Larry erzählte etwas von auseinander driftenden Galaxien, die er jetzt dringend untersuchen müsse und verschwand ebenfalls.

Alan folgte Charlie in die Garage und sprach ihn darauf an. Dieser wollte sich erst rausreden, aber Alan würde es eh früher oder später erfahren. Seine Erklärung begann mit: „Dad, reg Dich jetzt nicht auf, aber …!“ Alleine schon dieser Satz! Alan bekam ihn nur zu hören, wenn jemand fast erschossen wurde oder in Gefahr geraten war.

Als Charlie geendet hatte, erwartete er eine Standpauke von seinem Vater, die blieb aber aus. Überaus wütend ging Alan aus der Garage und hinein ins Haus. Er schnappte sich das Telefon und rief Don an. Er hatte sie da auch mit rein gezogen, wie oft hatte er Don gebeten Charlie und erst recht Sarah da raus zu halten. Die beiden waren doch keine FBI Agenten.

 

Don war am helllichten Tag an seinem Schreibtisch eingenickt und schreckte durch das Klingeln seines Handys hoch. Da er nicht aufs Display geschaut hatte, ging er unbefangen dran.

Nachdem er sich gemeldet hatte, fing Alan auch schon an, seiner Wut und der Angst Luft zu machen.

Don versuchte ihn zu unterbrechen, bekam dazu von seinem Vater aber nicht die Möglichkeit. Nachdem Alan sich erst mal Luft gemacht hatte und kurz inne hielt, hakte sich Don dazwischen.

„So Dad, darf ich jetzt auch mal dazu was sagen?“ versuchte sich Don zu rechtfertigen und brüllte fast ins Telefon. „Wir haben keinerlei Spuren, die darauf deuten, dass es mit ihrer Arbeit fürs FBI zu tun hat. Ich bin hier seit Freitag im Büro und wälze nichts anderes als Beweismaterial und sichte Videos, weil wir immer wieder hoffen, was Neues zu entdecken, aber wir sind leider nicht so weit, wie wir gerne sein würden.“

Alans Wut verging etwas. Don hörte sich müde und gestresst an. Wenn er sich in etwas verbissen hatte, dann arbeitete er bis zur Erschöpfung daran. Genau so hörte er sich nach 48 Stunden Dauerarbeit an.

Alan bereute schon fast wieder, was er eben gesagt hatte und meinte versöhnlich. „Wie wäre es, wenn ihr alle erst mal eine Pause macht? Fahrt nach Hause, duscht und ihr trefft euch heute Abend noch mal bei uns zu Hause. Wie wäre es, wir lassen ein paar Pizzen kommen und ihr versucht abzuschalten?“

Don nahm den Vorschlag dankend an, hier im Büro kamen sie eh nicht weiter. Er schickte den Rest des Teams nach Hause und sie verabredeten sich für später bei Eppes daheim. Jeder brauchte mal einen Tapetenwechsel vom FBI Büro.

 

 

Es war fast wie immer, wenn sich das Team bei den Eppes daheim traf. Mit bestellter Pizza und Bier verbrachten sie einen recht gemütlichen Abend.

Alan sprach mit jedem einzelnen, um alles in Erfahrung zu bringen, was er in den letzten zwei Tagen verpasst hatte. Und jeder versuchte im Laufe des Abends auf seine Art, Sarah auf das Geschehene anzusprechen. Aber sie ging auf keines dieser Gespräche ein. Stattdessen wand sie sich aus dem Gespräch und wechselte das Thema.

 

Colby saß auf der Couch und beobachtete Sarah. Ihm kam wieder in den Sinn, wie er sie hier im Eppes Haus das erste Mal traf. Er und Don kamen gerade von einem Einsatz, sie trugen beide noch ihre Westen und waren auch bewaffnet. Sie brauchten Charlies Hilfe und wollten ihn abholen, aber nur Sarah war zu Hause. Sie erschrak sich zu Tode, als sie die beiden so im Wohnzimmer stehen sah. Schon damals fiel Colby auf, dass sie sich in Gegenwart des FBI nicht wirklich wohl fühlte. Befangen wäre wohl die richtige Umschreibung gewesen. Dennoch fand er sie vom ersten Moment an sympathisch. Noch dazu war sie wunderschön. Seine Einladungen zum Essen hatte sie alle abgewiesen, aber er hatte einfach nicht locker gelassen.

Irgendwann gab sie nach und nun verbindet sie eine geheimnisvolle Freundschaft. Je öfter sie zusammen waren, desto mehr erfuhr er von ihr, auch wenn sie nicht viel erzählte. Als Agent hatte er gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Oft waren sie nur gemeinsam einsam, oder sie brauchte einfach nur eine starke Schulter, an die sie sich kuscheln konnte, um endlich mal wieder zu Schlafen. Er war ihr diese Schulter, auch wenn er am Anfang gerne mehr gewesen wäre. Aber das ging offensichtlich nicht. Außerdem war er nicht blind und hatte schon vor einiger Zeit bemerkt, dass ihr Herz für jemand anderen schlägt.

Sarah bemerkte, dass sie beobachtete wurde und lächelte Colby zu. Auch wenn sie sich jetzt wieder normal verhielt, er wusste, dass es ihr nicht wirklich gut ging.

 

Sarah ließ sich neben Colby aufs Sofa fallen.

„Du siehst müde aus, mein Großer“, meinte sie und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter, er legte sofort seinen Arm um sie. Sarah kuschelte sich dankbar an.

„Das musst Du gerade sagen. Wann hast Du das letzte Mal geschlafen?“

„Du meinst so richtig und erholsam? - Wann war ich denn das letzte Mal bei Dir?“

„Entschuldige, dass ich die letzte beiden Tage nicht so bei dir sein konnte, wie ich mir das selber gerne gewünscht hätte.“

„Das war jetzt auch nicht als Vorwurf gemeint“, sagte Sarah schnell, aber aufrichtig und fügte dann hinzu: „Kannst es ja wieder gut machen.“

„Ja, ich hab es schon befürchtet“, stöhnte Colby. „Morgen hab ich mal wieder Rückenschmerzen von Deinem Bett.“

„Wir können auch zu dir fahren.“

Colby schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sie verstand. Das Team redete eh schon, da brauchte man die Gerüchteküche nicht noch extra zu füttern, indem man zu zweit aus der Haustür spazierte.

 

Da alle sehr müde und erschöpft von den letzten Tagen waren, verließen alle frühzeitig das Eppeshaus um sich bis morgen mal so richtig auszuschlafen. Keiner registrierte, dass Colby und Sarah warteten, bis alle weg waren um dann auf ihr Zimmer zu gehen.

 

 

 

Die Nacht war überraschend ruhig, weil sie beide wohl sehr unter Schlafmangel gelitten hatten. Normalerweise war eine Nacht mit ihr unruhiger.

Am Morgen schaffte es Colby sich aus Sarahs Umarmung zu lösen und das Zimmer zu verlassen, ohne sie zu wecken.

Als er aus dem Haus gehen wollte, sah er Charlie am Esstisch über einem Haufen Papier sitzen.

„Guten Morgen“, entschied sich Colby in die Offensive zu gehen.

Charlie schaute erstaunt auf. „Oh, hallo. Hast Du etwa hier geschlafen?“ setzte er leicht entsetzt nach.

„Jepp“, mehr brachte Colby nicht raus.

Dann herrschte peinliche Stille zwischen ihnen.

„Ich .. könntest Du das hier bitte Don mitbringen?“ fragte Charlie, wedelte mit einem Bündel Papier und erlöste sie somit aus dieser peinlichen Situation.

„Klar, mach ich“, sagte Colby, nahm die Blätter und verabschiedete sich. Er fuhr kurz nach Hause um sich zu duschen, umzuziehen und fuhr anschließend gleich weiter ins Büro.

 

Der Rest des Teams war auch schon dort.

Colby übergab Don die Zettel, die er von Charlie erhalten hatte.

„Wo hast Du die denn jetzt her?“ fragte Don erstaunt.

„Von Charlie“, war Colbys lapidare Antwort und ignorierte Dons fragenden Blick. Warum reagierten immer alle so komisch, wenn es um die Freundschaft zwischen ihm und Sarah ging? Wie oft hatten sie die angebliche Beziehung dementiert. Wieso konnte keiner verstehen, dass sie einfach gerne beisammen waren?

 

Colby setzte sich gleich an seinen Schreibtisch, fand aber keinen Anfang.

Er hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen, dass er sich heute Morgen einfach so davon geschlichen hatte. Auch wenn er es sonst genau so tat, aber jetzt war die Situation ja auch etwas anders. Aber Sarah wusste ja, dass sie ihn jederzeit anrufen konnte.

Seine Gedanken fingen an, wieder nur um sie zu kreisen. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde vor lauter Gedanken explodieren. Er fühlte sich zwischen seiner Arbeit und ihr hin und her gerissen. Dabei wollte er doch arbeiten, damit sie den Typ fanden, der sie am Freitag verfolgt hatte.

 

Colby wurde durch ein Gespräch an Dons Schreibtisch aus seinen Gedanken gerissen.

„Agent Eppes? Ich bin Police Detective Robert Miller und das ist Detective Steve Grady; Washington Police Department. Wir sind gekommen um ihnen nach der Suche von Frank Baker zu helfen. Wir haben sicherlich einige Informationen, die ihnen helfen würden.“

„Frank, wer?“ kam nur die verwirrte Antwort von Don, der zwischen den beiden Detectives hin und her schaute.

„Frank Baker! Der Mann, der Melissa …. – Entschuldigung – Sarah Casey verfolgt und auf sie geschossen hat!“ sagte Detective Grady der deutlich Jüngere von beiden.